Wagner: Ring - Deutsche Oper Berlin 2020/2021

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  • wie hat Dir die Walküre gefallen?

    Sängerisch gut bis sehr gut – Lise Davidsen als Sieglinde herausragend. Das Orchester (bzw. das Dirigat von Runnicles) mit einigen schönen lyrischen Momenten, aber oft auch erstaunlich matt und uninspiriert. Vor allem aber von Herheims Inszenierung, von der ich mir viel versprochen hatte, war ich doch etwas enttäuscht. Das Konzept wirkte auf mich nicht sehr schlüssig und die im Bühnenbild zum Ausdruck gebrachten Grundüberlegungen (die aufgestapelten Koffer als Symbol für das – von Herheim zugrunde gelegte – Grundmotiv "Flucht" und das zentrale Klavier, das von den Protagonisten immer wieder betätigt wird und das auch in anderer Weise Teil des Geschehens ist, als Verbildlichung für die "ersichtlich gewordenen Taten der Musik") leider etwas beliebig und wenig zwingend (auch wenn es einige schöne, einprägsame Bilder gibt: Sieglinde auf dem Flügel, der sich – als Ausdruck ihrer Entgrenzung – über einer Feuersäule erhebt, dann Ende erster Akt, die Esche, die, auf ein Tuch projiziert, aus dem Flügel emporwächst, Ende 3. Akt, wie die - als Statisten auftretenden - Flüchtlinge wieder dieses Tuch um Wotan spannen). Wie gesagt, vieles blieb für mich hier beliebig. Freilich fehlt zur Beurteilung das Rheingold, das dem Zuschauer einige Grundüberlegungen Herheims vielleicht plausibler erscheinen ließe... Im Moment würde ich bezweifeln, dass Herheims Konzept durch den gesamten Ring tragfähig sein wird. Trotzdem: eine "komplette" Wagner-Aufführung ohne Einschränkungen – das empfand ich jetzt natürlich als besonderes Erlebnis und habe es, bei aller Kritik, sehr genossen!

  • Vielen Dank, Peter

    Trotzdem: eine "komplette" Wagner-Aufführung ohne Einschränkungen – das empfand ich jetzt natürlich als besonderes Erlebnis und habe es, bei aller Kritik, sehr genossen!

    schön - es ist wirklich erfreulich, dass es zustande gekommen ist.



    (die aufgestapelten Koffer als Symbol für das – von Herheim zugrunde gelegte – Grundmotiv "Flucht"

    mich würde interessieren, wie das insgesamt in den Ring passt..... klar, in der Walküre passt es, aber ist es fundamental? Wenn ich gerade so darüber nachdenke, dann ergeben sich ein paar interessante Gedankengänge, zB Siegmunds Flucht und sein Heimkehren bei der Zwillingsschwester als die fehlende Hälfte seiner Existenz....
    Wann hört die Flucht denn auf? Hört sie auf oder geht sie weiter bis zum Schluss der Oper? Will sagen: flieht noch jemand ausser dem Paar? Ist die gesamte Menscheit auf der Flucht , auf der Suche? So dumm ist die Idee gar nicht. Denn bei Wagner sind die Menschen ja in einer Wildnis verirrt /verloren (sage ich jetzt mal so ins Unreine), bis der Held kommt und sie heraus leiten soll. Deshalb wird hier wohl auch Siegfried am Ende geboren.
    There you go - Interpretation der Inszenierung in 5 Minuten, ohne sie gesehen zu haben. :D
    Das Klavier - nach Wagner ist die Kunst die neue Religion, deshalb werden wohl die Geschehnisse katalysiert durch Musik.

  • There you go - Interpretation der Inszenierung in 5 Minuten, ohne sie gesehen zu haben. :D

    Und noch dazu eine ziemlich treffende ;) – denn all das, was du beschreibst, ist auch tatsächlich drin in der Inszenierung. Nur findet m.E. Herheim hier oft nicht die Bilder, dieses eigentlich theoretisch überzeugende Konzept optisch zwingend wirken zu lassen. Und man fragt sich, was du ja auch fragst, ist das fundamental für den Ring, kann es durchgängig tragen? Ganz banal: werden jetzt von Rheingold bis Götterdämmerung ausschließlich Koffer in Stapeln auf der Bühne liegen und immer wieder Flüchtende durch's Bild laufen? Wotan scheint übrigens Teil dieses Fluchtbewegung zu sein, er wird ja dann auch zum "Wanderer", wobei ein Wanderer per se noch kein Flüchtender ist. Hier wird Herheim im Siegfried (von dem Sieglinde auf dem Flügel liegend übrigens noch während des Feuerzaubers durch Mime mit Wagner-Barett auf dem Kopf entbunden wird) noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen...


    Aber ich fürchte, wir sind hier sowieso am falschen Ort und müssten eigentlich in einen anderen Thread flüchten :D .

  • Aber ich fürchte, wir sind hier sowieso am falschen Ort und müssten eigentlich in einen anderen Thread flüchten .

    :D
    Dennoch: Wotans Wandern ist doch eine Art entwurzeltes Umherirren und das ist mE schon mit der Fluchtidee unter einen Hut zu bringen....ob es nun gelungen ist oder gelingen wird, weisst Du besser und ich müsste mich erst nach Berlin begeben - alles weitere im Wagner Thread.

  • Vielleicht überzeugt die Inszenierung mich durch weiteres Nachdenken - auch aufgrund von Anregungen wie deinen - ja noch stärker, als es beim direkten Erleben der Fall war! Ich hoffe mal, Wolfram und andere, die die Aufführung gesehen haben oder noch sehen werden, schildern ihre Eindrücke noch, vielleicht auch in einem passenderen Thread, wohin die letzten Posts dann evtl. auch verschoben werden könnten.

  • Rosamundes Überlegungen insbesondere zur Sinnhaftigkeit von Herheims Entscheidung, Flucht zu einem Grundthema seiner Inszenierung zu machen, haben mich meine Eindrücke vom Sonntag doch nochmal rekapitulieren lassen. Dabei ist mir zu den Gruppen von Flüchtlingen noch etwas aufgefallen Sie tauchen im 2. Akt ja bereits beim Dialog Wotan - Fricka erst einzeln, dann zu größeren Gruppen auf und verfolgen das Geschehen hier noch weitgehend passiv. Als sie sich dann im 3. Akt wieder an den gleichen Beobachterpositionen sammelten, war ich in der Aufführung schon etwas genervt, weil es mir wie eine Wiederholung der Situation im 2. Akt erschien. Dabei ist mir scheinbar entgangen – was mir jetzt in der Erinnerung deutlicher wird –, dass sich hier etwas entwickelt: Die zuvor nur passiv zuschauenden Flüchtlinge beginnen mehr und mehr (gestisch und mimisch) Anteil am Geschehen zu nehmen. Bei Wotans und Brünnhildes Umarmung im Abschied umarmen sie sich schließlich selbst gegenseitig, dann beginnt eine Interaktion zwischen ihnen und Wotan: Er nimmt, sich drehend, Blickkontakt zu ihnen auf, einer nach dem andern steht auf und sie nehmen (ich habe dieses eindrückliche Bild oben schon erwähnt) das fast die ganze Bühne füllende weiße Tuch, das sich um Wotan legt, wie einen riesigen Mantel auf.


    Möglicherweise gibt es also in Herheims Konzept eine sich über den ganzen Ring angelegte Entwicklung der Beziehung dieser Flüchtlinge zu den Bühnenfiguren und ihre Bedeutung nimmt über die 4 Teile immer weiter zu. Die inszenatorischen Verschränkungen zwischen den Teilen sind in dieser Inszenierung evtl. stärker, als man das gewohnt ist, wie ja auch Wotan zu Beginn des 2. Akts aus dem Soufleurkasten heraus auftritt, in den er (wie zu lesen war) im Rheingold, statt mit den anderen Göttern in die Burg einzuziehen, direkt eingestiegen war, um Erda zu folgen, und wie während dann des Feuerzaubers bereits Siegfrieds Geburt gezeigt wurde. Insofern ist es bei dieser Walküre vielleicht nicht ganz gerecht, sie isoliert ohne Kenntnis der anderen Teil (besonders natürlich des Rheingolds) zu beurteilen.

  • Ich hoffe mal, Wolfram und andere, die die Aufführung gesehen haben oder noch sehen werden, schildern ihre Eindrücke noch,

    Dank dir erst einmal für deine Eindrücke. Ich werde auf jeden Fall berichten, wenn ich Ende nächster Woche aus Berlin zurück bin.


    Wie fandst du denn eigentlich die anderen Sänger und Sängerinnen?


    :wink: Wolfram

  • Dabei ist mir scheinbar entgangen – was mir jetzt in der Erinnerung deutlicher wird –, dass sich hier etwas entwickelt: Die zuvor nur passiv zuschauenden Flüchtlinge beginnen mehr und mehr (gestisch und mimisch) Anteil am Geschehen zu nehmen. Bei Wotans und Brünnhildes Umarmung im Abschied umarmen sie sich schließlich selbst gegenseitig, dann beginnt eine Interaktion zwischen ihnen und Wotan:

    wie ja auch Wotan zu Beginn des 2. Akts aus dem Soufleurkasten heraus auftritt, in den er (wie zu lesen war) im Rheingold, statt mit den anderen Göttern in die Burg einzuziehen, direkt eingestiegen war,

    Ich spinntisiere jetzt mal ein bisschen, weil ich die Inszenierung ja noch nicht gesehen habe, aber nach deiner Beschreibung klingt es so, als würde das Theatralische und Musikalische (Klavier) eine entscheidende Rolle spielen. Sind dann die weiteren Menschen auf der Bühne wirklich Flüchtlinge im heute naheliegenden politischen Kontext oder vielleicht eher Menschen auf der Suche nach Kunst? Ist es vielleicht der Beginn eines Diskurses zwischen Theatermachern (inklusive Komponisten) und dem Publikum um die Frage, was wir (als Zuschauer) eigentlich von solch einem Stück erwarten?


    :wink: Wolfram

  • Erstmal Danke an Braccio, der anscheinend meine verzweifelt-vergeblichen Versuche bemerkt hat, die Beiträge hier aus "Kultur vs. Corona" rüberzukopieren und das nun doch erledigt hat !

    Wie fandst du denn eigentlich die anderen Sänger und Sängerinnen?



    :wink: Wolfram

    Hallo Wolfram! Annika Schlicht (Fricka) und Nina Stemme ebenfalls toll. Fricka sehr schön gesungen ohne "zänkischen" Tonfall. Andrew Harris als Hunding hat mir ebenfalls sehr gefallen – auffallend textverständlich, manchem wird vllt. die hier erwartete Schwärze in der Stimme fehlen. Brandon Jovanovich hat sicher die Stimme für einen Siegmund mit beeindruckenden "Wälse"-Rufen, wirkte aber zumindest im ersten Akt oft etwas unstet. John Lundgrens Wotan wirkt stimmlich nicht übermächtig, hat aber gestalterisch überzeugt, wobei Stimmkraft und -kontrolle im Laufe des dritten Akts und leider besonders im Abschied spürbar nachließen.


    Über deine zweite Frage muss ich glaube ich noch eine Nacht schlafen ;) !

  • Lieber Peter Jott, schon mal Dank für einen ersten Sängereindruck. Eigentlich fahre ich ja vor allem wegen Davidsen und Stemme hin um sie endlich, endlich, endlich einmal live zu hören. Aber Walküre hört ja nicht mit den beiden Sängerinnen auf, von daher finde ich deine Beurteilung sehr interessant. Hättest du nun geschrieben, Sieglinde und Brünnhilde husteten nur und der Rest war noch schlimmer, hätte ich das Hotel wohl sofort storniert und die Karte demonstrativ in die Elbe geschmissen. :D


    So aber freue mich und gebe mich einem langsam aber beständig steigenden 'Wann ist es endlich soweit' hin. ^^


    :wink: Wolfram

  • Ich spinntisiere jetzt mal ein bisschen, weil ich die Inszenierung ja noch nicht gesehen habe, aber nach deiner Beschreibung klingt es so, als würde das Theatralische und Musikalische (Klavier) eine entscheidende Rolle spielen. Sind dann die weiteren Menschen auf der Bühne wirklich Flüchtlinge im heute naheliegenden politischen Kontext oder vielleicht eher Menschen auf der Suche nach Kunst? Ist es vielleicht der Beginn eines Diskurses zwischen Theatermachern (inklusive Komponisten) und dem Publikum um die Frage, was wir (als Zuschauer) eigentlich von solch einem Stück erwarten?


    :wink: Wolfram

    Die Flüchtlinge sind nicht aus dem aktuellen politischen Kontext entwickelt, sondern entstammen in Kostüm und Auftreten (mit Lederkoffern) aus der (wie eine Zeitung schrieb) "Vorplastikzeit", ohne dass ein konkreter, historischer Kontext suggeriert wird. Welche Rolle sie haben und wie deren Entwicklung in Bezug auf die anderen Akteure sein wird, könnte ich jetzt noch nicht sagen. Gut möglich, dass sie (auch) Publikums- (also gewissermaßen "Menschheits-")Repräsentanten sind. Das Publikum selbst wird an entscheidender Stelle in den großen Dialog Wotan-Brünnhilde im 2. Akt einbezogen bzw. wird angesprochen, mit einem einfachen Mittel, bei dem Herheim sicher nicht der erste ist, der es einsetzt, was den Moment aber nicht per se unplausibel macht. Das zentrale Klavier, aus dem (teils im wörtlichen Sinne) alles erwächst, steht wohl für schöpferische Potenz – Wagners oder des Menschen an sich – bzw. die Kraft (oder das Wesen) der Kunst. Ob sich all diese auf mich noch sehr disparat wirkenden Elemente am Schluss zu einer großen Erzählung zusammenschließen werden, die man dann auch als fundamental für den Ring empfinden kann (und nicht nur als Paraphrase zu einzelnen seiner "Parameter") könnte ich jetzt noch nicht entscheiden oder auch nur prognostizieren.

  • Vielen Dank, Peter und Wolfam (schon im Voraus) .


    Das zentrale Klavier, aus dem (teils im wörtlichen Sinne) alles erwächst, steht wohl für schöpferische Potenz – Wagners oder des Menschen an sich – bzw. die Kraft (oder das Wesen) der Kunst.

    Hatte Wagner nicht grosse Ideen über die schöpferische Potenz des Menschen? Ich glaube das war ziemlich zentral in seinem Denken...aber andere können das vielleicht besser als ich spontan genauer darstellen.

  • Gabs das mit dem Flügel nicht schon mal in Wernickes Frankfurter Inszenierung?

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Gabs das mit dem Flügel nicht schon mal in Wernickes Frankfurter Inszenierung?

    Ja, das scheint so gewesen zu sein:


    "Der Regisseur und Bühnenbildner Herbert Wernicke ist kein Novize in der Welt von Richard Wagners Ring des Nibelungen, er hat ihn bereits 1991 in Brüssel inszeniert, mit etlichen Verweisen auf den Obersalzberg, auf Frau Cosima am Klavier und die ganzen Leichen im Keller des Stücks. Man wurde belehrt von klugen Fußnoten und noch mehr erschlagen von unerbetenen szenischen Leitmotiven, die sich vor die Musik schoben und ihr eigenes Getöse veranstalteten. Wernickes Brüsseler Ring war raunendes Assoziationstheater für Eingeweihte." (zeit.de)


    "Gleichsam als Zusammenfassung aller Perspektiven geriet Wagners „Ring des Nibelungen’, für Brüssel entworfen und auch in Frankfurt gezeigt. Wernicke fasste in den Bildern in filmischer Manier und in einem symbolträchtigen Einheitsraum (Hitlers Berghof mit Blick aufs Alpenpanorama) nicht nur die Rezeptionsgeschichte des ‚Rings’ zusammen, sondern zugleich deutsche Geschichte überhaupt. Manchmal musste man lachen, aber das Lachen blieb einem meist im Halse stecken. Unter dem schwarzen Flügel im Salon (dem Symbol bürgerlicher deutscher Musikkultur), stapelten sich im Verlauf der vier Abende die Leichen der Erschlagenen: Die andere Seite der ‚Musikkultur’." (operundtanz.de)


    Interessant die Idee, alle Leichen, die sich über die vier Abende ansammeln, auf der Bühne liegen zu lassen. spiegel.de

  • Ich reiche an dieser Stelle mal die Daten des DOB-Rings nach:


    Nachdem die Premiere des Rheingold am 12. Juni 2020 aus bekannten Gründen nicht stattfinden konnte, startete der neue Berliner Ring am 27. September 2020 mit der Premiere der Walküre. Siegfried ist für 24. Januar 2021 geplant (da kann man im Moment wohl nur hoffen, dass das tatsächlich klappt). Im Juni 2021 soll dann das Rheingold nachgereicht werden (der genaue Termin steht noch nicht fest). Der reguläre Abschluss der Premierenfolge mit der Götterdämmerung ist für den 17. Oktober 2021 vorgesehen. Inszenierung: Stefan Herheim, Musikalische Leitung: Donald Runnicles


    Die Oktober-Termine der Walküre sind ausverkauft, am 13. und 15. November sind nochmal zwei Vorstellungen angesetzt, für die der Vorverkauf am 5. Oktober begonnen hat.

  • Endlich geht's weiter: Gestern Abend war die nachgeholte Premiere des "Rheingold", hier die erste Kritik in der Berliner Zeitung. Wie erhofft scheint einiges, was in der Walküre rätselhaft und unklar blieb (v.a. in Bezug auf den Flüchtlingstreck), hier motiviert zu werden.


    Ich werde die Aufführung am 25. Juni sehen und bin gespannt – ich hoffe, einige von hier werden ebenfalls eine Aufführung sehen und berichten!

  • Endlich geht's weiter: Gestern Abend war die nachgeholte Premiere des "Rheingold", hier die erste Kritik in der Berliner Zeitung. Wie erhofft scheint einiges, was in der Walküre rätselhaft und unklar blieb (v.a. in Bezug auf den Flüchtlingstreck), hier motiviert zu werden.


    Ich werde die Aufführung am 25. Juni sehen und bin gespannt – ich hoffe, einige von hier werden ebenfalls eine Aufführung sehen und berichten!

    Originalton Berliner Zeitung: „Nach der Premiere des ersten Teils „Die Walküre“ im vergangenen Oktober wurde am Sonnabend die Premiere des „Vorabends“ und „Das Rheingold“ mit einem Jahr Verspätung nachgeholt.“

    Ich wusste gar nicht, dass der Ring aus 5 Teilen besteht ... ?( :neenee1:

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Fällt mir in letzter Zeit ohnehin öfter auf, dass es bei den Online-Ausgaben der Zeitungen offenbar keine Zeit mehr fürs Redigieren gibt. So blieb bei immerhin Wolfgang Schreiber in der Süddeutschen eine "Freya" stehen. Ansonsten eine ziemlich positive Kritik, wie auch (für mich fast erstaunlich) diejenige von Eleonore Büning in der NZZ. Ein Verriss (für die Inszenierung) dagegen von Uwe Friedrich auf der Seite des Deutschlandfunks. Was das Sängerische betrifft, scheinen sich aber alle über das geschlossen hohe Niveau einig zu sein.

  • Hier meine Eindrücke vom neuen Rheingold, das ich am 25. Juni gesehen habe:


    Tatsächlich wurde durch das Rheingold vieles, was in der zuvor gezeigten Walküre diffus blieb, nun klarer:


    Vor dem Vorspiel sieht man nur die leere Bühne mit dem Klavier. Der bereits aus der Walküre bekannte Flüchtlings-Treck tritt mit Koffern auf, ein Mann tritt ans Klavier (es ist der dann zum Wotan werdende Darsteller) und berührt eine Taste, woraufhin das Es der Kontrabässe einsetzt. Auch die Rheintöchter und Alberich schälen sich sozusagen aus der Flüchtlingsmenge heraus und bringen so das Spiel in Gang. Die Flüchtlinge (unter ihnen auch schon Donner und Froh) lassen sich vom Treiben auf der Bühne inspirieren, ziehen sich bis auf die Unterwäsche aus und beginnen das im Text aufscheinende erotische Treiben, das Alberich freilich verwehrt wird. Das zuerst am Bühnenrand stehende Klavier wird von der Menge auf die Bühnenmitte geschoben. Das Gold ergreift Alberich schließlich in Form eines (auf Hochglanz polierten) Kornetts, das sich bereits seit Beginn am Bühnenrand befindet.


    Auch während der zweiten Szene befindet sich die Menge auf der Szene (zeitweise auch einschließlich Alberich). Wie auch in der Walküre setzen sich einzelne Protagonisten ans Klavier, simulieren dort ein Mitspielen und scheinen die Musik und auch die Handlung zu beeinflussen oder hervorzurufen, sicherlich mit Bezug auf Wagners Wort von den "ersichtlich gewordenen Taten der Musik". Mit dem Auftritt Loges gewinnt die ganze Aktion auf der Bühne ungemein an Intensität und wirkt mit einem Mal zwingend, was natürlich auch an dem herausragenden Thomas Blondelle liegt. Bis zum Schluss beherrscht er die Szene, sowohl darstellerisch als auch sängerisch. Er gestaltet seine Partie absolut souverän, bei "Ein stolzer Saal, ein starkes Schloß" nimmt er parodistisch Wotans Tonfall an, sein "Durch Raub!" flüstert er fast wie nebenbei. Allein das ihm Zuschauen und Zuhören macht schon so viel Spaß, dass man (spätestens) ab da gerne gewillt ist, Herheims Konzept positiv gestimmt weiter zu verfolgen.


    Das setzt sich dann logischerweise in der Dritten Szene fort, in der wie zuvor alle Bühneneffekte (wie schon in der Walküre) mittels eines riesigen Tuchs, das in unterschiedlichen Formen und mit wechselnden Projektionen zum Einsatz kommt, erzeugt werden, was meinem Eindruck nach sehr gut funktioniert. Dass beim Ausprobieren des Tarnhelms dann die unvermeidlichen (?) Wehrmachtsuniformen zu Einsatz kommen, was teilweise kritisiert wurde (wogegen wiederum sich Herheim schon vorab im Programmheft-Interview verwahrt hat), hat meines Erachtens weniger mit einem intendierten NS-Bezug zu tun - vielmehr sucht der als Batman-Joker geschminkte Alberich hier den größtmöglichen Auftritts-(bzw. Abgangs-)Schockeffekt. Bei der Verwandlungsszene (Wurm, Kröte) kommt dann besonders stark die Idee zum Tragen, dass hier eine zufällig auftretenden Menge mit Hilfe von Fundstücken (Klavier, Partitur) sich ein archaisches Stück improvisierend aneignet: Wotan, Loge und Alberich vollziehen die Verwandlungen beim gemeinsamen Blick in die Partitur (die auch zuvor schon zu Rate gezogen wird) - doch die Verwandlung in die Kröte funktioniert offenbar nicht: Mime hilft mit einem Schmiedehammer nach und befördert Alberich in eine vorübergehende Ohnmacht. Während der Verwandlungsmusik zum vierten Bild reißt dann Wotan Alberich bereits den Ring vom Finger und testet ihn aus, bis er schließlich dem (im wahrsten Sinne des Wortes) mit äußerstem Nachdruck auf die Partitur pochenden Loge nachgibt und den Ring wieder an Alberichs Finger steckt, damit die Handlung wieder in die partiturgemäßen Gleise kommt. Das ist ein Moment, in dem Herheims Intentionen besonders deutlich aufscheinen.


    Wenn es dann im vierten Bild zum Wiederauftritt der Riesen kommt, wird deutlich, dass Freia Fasolts Zuneigung bis zu einem gewissen Grade durchaus erwidert, was man ihr angesichts der nicht übermäßig sympathischen Göttersippe auch nicht verdenken kann. Fafner schließlich erscheint hier noch eine Spur raffinierter als in der Partitur: Bevor es zum gegenseitigen Einverständnis über die Pfandesauslösung kommt, greift er sich unbemerkt ein kleines Goldteil in Freias Kopfbereich wieder, so dass erst dadurch ihr Blick auf den untröstlichen Fasolt treffen kann und so die Herausgabe des Ringes notwendig wird. Erda erscheint dann als Souffleuse aus dem Kasten, was ihrem "Wie alles war – weiß ich; wie alles wird, wie alles sein wird, seh’ ich auch" eine frappierende Plausibilität gibt (ist da tatsächlich noch kein Regisseur zuvor drauf gekommen?) und nebenbei auch innerhalb von Herheims Konzept der zusammengewürfelten Improvisationstruppe gut funktioniert. Im letzten Moment beschließt Wotan dann beim Einzug, sich nicht den anderen Göttern anzuschließen, sondern kehrt zum Souffleurkasten zurück, um Erda zu folgen. Wie ich gelesen haben, sollte dann als letztes Bild die aufs Tuch projizierte Esche mit einer Fruchtblase mit den Zwillingen in den Wipfeln zu sehen sein. Doch entweder ist dieser Effekt bei meiner Aufführung misslungen oder ich konnte ihn von meinem Platz nicht wahrnehmen (Parkettloge unter dem ersten Rang, wodurch der obere Bühnenrand etwas abgeschnitten war).


    Ob man sich mit Herheims Konzept anfreunden kann oder nicht: Das ist schon sehr unterhaltsam, was sich da auf der Bühne abspielt (ok, dafür bietet sich das Rheingold auch mehr als jeder andere Wagner an). Mit den Darstellern und der (sehr geforderten) Statisterie wurde offenkundig intensiv gearbeitet, da bleibt eigentlich nichts im Ungefähren, da sitzt jede Bewegung, was für sich schon ein Vergnügen ist beim Zuschauen (herrlich z.B. die kleinen Tanzeinlagen von Loge und Alberich und einmal auch Wotan im Dritten Bild, Froh und Donner treten in der zweiten Szene als eine Art Siegfried & Roy auf - die dafür nötige blonde Perücke hat Froh offenkundig von Fricka geklaut, die sie ihm zornig von der Glatze reißt uswusf.).


    Sängerisch ist das eine großartige Ensembleleistung (und bis auf die Erda sind tatsächlich alle Mitglieder des DOB-Ensembles), da passt fast alles, herausragend für mich neben Blondelles Loge die Fricka von Annika Schlicht und Judit Kutasis Erda, aber auch die Rheintöchter (Valeriia Savinskaia, Irene Roberts, Karis Tucker). Nur zwei Wermutstropfen gibt's in musikalischer Hinsicht: Einmal Noel Bouleys (Zweitbesetzung statt Derek Welton) doch arg prosaischer Wotan mit sehr limitierter Strahlkraft sowie das zwar korrekt und präzise, aber doch auch gebremst und wenig brillant agierende Orchester, das Runnicles zu selten (bzw. gar nicht) von der Leine ließ.


    Fazit: Ich habe weiter Lust auf die noch fehlenden Teile "Siegfried" und "Götterdämmerung" und nun (mit Kenntnis von Herheims Sicht auf die Vorgeschichte) durchaus auch nochmal auf die "Walküre".