HAYDN: Il mondo della luna – Auf dem Mond ist alles besser!

  • HAYDN: Il mondo della luna – Auf dem Mond ist alles besser!

    Eine sehr gute Aufnahme ist diese:

    Man kauft sie am besten als Teil einer Box mit allen Dorati-Aufnahmen der Haydn-Opern, die Box kostet meist weniger als eine einzelne Oper.


    Eine der Stärken der Oper ist der überaus witzige Text von Goldoni. In der genannten Dorati-Aufnahme klingen insbesondere die Rezitative glasklar, damit könnte man glatt Italienisch z.B. beim Autofahren lernen.

    Das Original von Goldoni findet sich übrigens "http://www.intratext.com/ixt/ITA1289/_IDX109.HTM" hier.

    Leider ist die Übersetzung im Booklet der Dorati-Aufnahme durchsetzt von teilweise gravierenden Fehlern. Abhilfe:

    Dieses Büchlein gibt es günstig bei Amazon und ist wirklich nett zu lesen. Die darin enthaltene Übersetzung ist vorbildlich.


    Thomas Deck

  • Lunatismus

    Goldoni benutzt mehrfach das Wort lunatico. Das ist einerseits ein Bewohner des Mondes, andererseits ein wunderlicher, launenhafter Mensch.

    Beispiel:
    Il signor Buonafede ora di veder si crede le lunatiche donne sol lassù, e le lunatiche sono ancor quaggiù.

    Herr Buonafede ("gutgläubig") glaubt nun, "lunatische" Frauen nur dort oben zu sehen, aber die "lunatischen" gibt es auch hier unten.

    ["lunatisch" einmal als "auf dem Mond wohnend" und einmal als "launenhaft" zu verstehen]

    Die Franzosen können das elegant mit "lunaire" und "lunatique" übersetzen, wobei dann aber das Wortspiel verloren geht.


    Thomas Deck

  • Nantes vs. Drottningholm

    Il mondo della luna habe ich bisher zweimal live gesehen, und beide Male war ich nicht restlos überzeugt von den Darbietungen:

    Nantes (Januar 2008):
    Durchaus liebenswürdig inszeniert. Gutes Provinzheater (im positiven Sinn), aber es fliegen wohl nur absolute Haydn-Fans deswegen nach Nantes. Die Inszenierung war einfach zu brav. Als Haydn-Fan hat sich die Reise gelohnt, zumal Nantes durchaus sehenswert ist.


    Stockholm, Drottningholms Slottsteater (Juni 2008):
    Der Aufführungsort ist natürlich genial. Ein kleines Opernhaus original aus dem Jahr 1766. Man fühlt sich wirklich in Haydns Zeit auf Esterháza zurückversetzt (Il mondo della luna hatte 1777 Premiere), mit Orchester vor der Bühne, Dirgent leitet vom Cembalo aus, Originalinstrumente etc. Die Inszenierung war schön, eher historisch und insofern recht einfallslos. Man hat sich zu sehr auf die - durchaus vorhandene - Wirkung der historischen Umgebung verlassen. Selbstverständlich hat sich die Reise gelohnt, aber man muss das nicht jedes Jahr machen.


    Ende 2009 nimmt sich Großmeister Harnoncourt der Sache an (Wien, Theater an der Wien), darauf freue ich mich jetzt schon.


    Thomas Deck

  • Die Handlung

    Der junge Leandro ist bis über beide Ohren in Clarissa, die Tochter des reichen Kaufmanns Buonafede, verliebt. Dieser aber lehnt sein Werben kategorisch ab. Glücklicherweise hat Leandros Diener Cecco einen Doktor aus Bologna kennengelernt, der ihm Hilfe verspricht.
    Buonafede liebt es, nachts den Himmel zu beobachten. Dabei hat es ihm besonders der Mond angetan. Allzu gerne wüsste er, wie es sich wohl da oben leben lässt. Da kommt es ihm gerade recht, dass ihm der Doktor aus Bologna ein Fernrohr verkaufen möchte, mit dem er auf dem Erdtrabanten die kleinsten Details erkennen kann. Das Ergebnis ist für Buonafede frappierend. Der Doktor hakt nach und erklärt dem Kaufmann, er könne auf den Mond fliegen. Falls er mitkommen wolle, sei er willkommen. Buonafede ist von dem Plan begeistert und stimmt zu. Heimlich verabreicht der Doktor seinem Opfer einen Schlaftrunk. Als dieser seine Wirkung entfaltet, wird Buonafede in des Doktors Garten verfrachtet.
    Eine Maschine erzeugt Blitz und Donner. Buonafede erwacht. Jetzt wird ihm vorgegaukelt, er befinde sich auf dem Mond. Doch die Welt auf dem Monde ist alles andere als schön. Buonafede muss mit ansehen, wie ein verliebtes Paar bösen Mächten entflieht und dabei getrennt wird. Das verzweifelte Mädchen stürzt sich in den Mondfluss. Als ihr Geliebter hinzukommt und fühlt, dass er seine Liebste nicht mehr zu retten vermag, wird er wahnsinnig.
    Eigentlich hätte dieses Theater bezwecken sollen, dass Buonafede in Rührung verfällt und dem jungen Paar seinen Segen erteilt, aber Buonafede ist alles andere als gerührt. Darüber gerät Cecco, der den Beherrscher des Mondes spielt, derart aus seiner Rolle, dass Buonafede den Schwindel erkennt, den man ihm vorgespielt hat. Jetzt ist er noch unversöhnlicher als vorher. Erst als ihm klar gemacht wird, dass er von der ganzen Stadt als Trottel verlacht würde, falls die Wahrheit ans Licht käme, lässt er sich umstimmen, sodass dem Happy End nichts mehr im Wege steht.
    mehr Details, Link:
    hier

  • Hallo Robert, jetzt haben wir schon drei Fassungen des Librettos:

    (1) Mein "http://www.intratext.com/ixt/ITA1289/_IDX109.HTM" Link von oben, das Original von Goldoni. Haydns Oper folgt diesem bis vor das Finale des zweiten Aktes, danach geht es mit einer gekürtzen Fassung weiter.

    (2) Deine Inhaltsangabe. Diese Fassung kenne ich nicht, woher hast du die? Ist das evtl. eine deutsche Fassung?

    (3) Der von dir genannte "http://www.librettidopera.it/mluna/mluna.html" Link. Das ist die von Haydn verwendete Fassung. Der dritte Akt hat nur 3 Szenen, im Original von Goldoni sind es 6.

    In ein paar Wochen (derzeit bin ich mit La vera costanza beschäftigt, das ich Mitte Oktober in Madrid sehen werde) bringe ich eine ausführliche Inhaltsangabe der italienischen Fassung, d.h. von der oben genannten Nummer (3), falls mir keiner zuvorkommt.

    Das Thema ist ja aktuell wie eh und je: Flucht an andere Orte, an denen vermeintlich alles besser ist. Die Bereitschaft, jeden Blödsinn zu glauben, wenn einem das erzählt wird, was man hören will...


    Thomas Deck

  • Lieber Thomas,
    die von mir wiedergebene Inhalt stammt von Mark Lothar: ich zitiere:
    ""Mark Lothar gestaltete das Werk 1931 neu zu einer Oper in einem Vorspiel und zwei Akten. In dieser Fassung ging das Werk erstmals am 20. März 1932 in Schwerin über die Bühne. Der folgende Artikel behandelt diese Fassung, die sich weitgehend auf den deutschen Bühnen durchgesetzt hat. Die Ouvertüre verwendete Haydn mit leicht verändertem Schluss als 1. Satz der 63. Sinfonie.""

    Robert


  • "Mark Lothar gestaltete das Werk 1931 neu zu einer Oper in einem Vorspiel und zwei Akten. In dieser Fassung ging das Werk erstmals am 20. März 1932 in Schwerin über die Bühne."


    Jetzt ist die Frage, welche Fassung heutzutage gespielt wird, wenn man sich für die deutsche Sprache entschieden hat. Die Frage lässt sich vermutlich nicht eindeutig beantworten, da oft auch theatereigene Fassungen erstellt werden. Das ist z.B. beim Orlando Paladino vom Staatstheater Braunschweig so.

    operabase.com listet folgende Inszenierungen von Die Welt auf dem Mond (also die deutschen Fassung):

    Jennersdorf (war im August)
    Oldenburg (kommende Spielzeit)
    Cottbus (kommende Spielzeit)

    Es scheint sich um unterschiedliche Fassungen zu handeln.

    Bei Jennersdrof liest man:
    "Herr Gutglauben hat zwei heiratsfähige Töchter, eine attraktive Haushälterin und ein ansehnliches Vermögen. Auf all dies haben es ein zwielichtiger Forscher sowie ein verwöhnter, schwerreicher Graf samt seinem korrupten Diener abgesehen. Um das Ziel sicher zu erreichen, macht sich die Interessensgemeinschaft die größte Schwäche des alten Herrn zunutze, die Sternguckerei! ..."

    Oldenburg schreibt:
    Kammeroper in zwei Akten und Prolog (1777/1995), Libretto von Wolfgang Deichsel und Carlo Goldoni
    "Astradamus liebt Clarice, und Ernst liebt Flaminia. Die Damen wollen auch und so ist eigentlich alles in Butter. Wäre da nicht der Vater der Mädchen, der Unternehmer Bohnsack. Er will seine Töchter mit reichen Männern seiner Wahl verheiraten. Und selbst hat er ein Auge auf sein Dienstmädchen Lisetta geworfen, weshalb er ihr auch die Heirat mit Ernsts Diener Chicco verbietet. Ein Plan muss her: Astradamus bringt Bohnsack ein Fernrohr, mit dem er angeblich den Mond ganz nahe sehen kann. Bohnsack blickt hindurch und ist begeistert vom Leben der Mondmenschen: Dort interessieren sich junge Mädchen für ältere Herren, und Eisen kann gegen Gold getauscht werden – ein Traum! Mitsamt einem ganzen Koffer voll Alteisen will er sofort auf den Mond. ..."

    In Cottbus hängt der Internet-Server. Ist ja auch Osteuropa. :D

    Ich fahre da aber hin (auch nach Oldenburg) und werde berichten.


    Thomas Deck

  • Hat eigentlich niemand die gestrige Premieren-Übertragung (auf Bayern 3) der Oper aus dem Theater an der Wien gesehen?!? War doch eine hochklassige Produktion: Dirigent: Nikolas Harnoncourt, Orchester: Contentus Musicus Wien, Regie: Tobias Moretti, mit Dietrich Hentschel, Bernhard Richter, Vivica Genaux in den Hauptrollen.

    Ich kannte "Il mondo della luna" vorher nicht, fand die Aufführung insgesamt unterhaltsam, mit sehr spielfreudigen Darstellern und einigen guten Regie-Einfällen, wenn etwa Signore Buonafede am Ende des 1.Akts auf einer Gartenliege schaukelnd, langsam traumhaft nach oben Richtung Mond gezogen wird. Die zweite Hälfte auf dem "Mond" war mir etwas zu klamaukig, ganz zu schweigen von dem lächerlichen Kostüm, das die Regie da dem armen Dietrich Hentschel als Buonafede aufgezwungen hat. Maestro Harnoncourt selber durfte am Vorabend seines 80. Geburtstags auch mitspielen und an einer Stelle aus dem Orchestergraben persönlich das Echo geben...

    Ich habe mich gefreut, die Oper mal kennengelernt zu haben. Dennoch war ich hinterher ein bißchen enttäuscht. Das lag aber nicht an den Mitwirkenden: Dirigent, Orchester und Sänger waren vorzüglich, und haben zweifellos aus der Partitur alles herausgeholt. Mich hat nur die Musik als solche in keinem Moment wirklich mitgerissen. Das war alles hübsch und nett anzuhören, aber für mich ohne echte Höhepunkte und irgendwie auch etwas blass. Da zogen sich die 3 Stunden Spieldauer doch ganz schön in die Länge. Ich verstehe schon, dass die Oper sich nie wirklich durchgesetzt hat..

    Haydn-Experten werden das naturgemäß ganz anders sehen. Thomas Deck, übernehmen Sie! :D

  • Hat eigentlich niemand die gestrige Premieren-Übertragung (auf Bayern 3) der Oper aus dem Theater an der Wien gesehen?!?

    Hallo Local Hero,

    nein - habe ich nicht gesehen, dafür war ich gestern aber im Theater an der Wien ;+)

    Ich kannte "Il mondo della luna" vorher nicht, fand die Aufführung insgesamt unterhaltsam, mit sehr spielfreudigen Darstellern und einigen guten Regie-Einfällen, wenn etwa Signore Buonafede am Ende des 1.Akts auf einer Gartenliege schaukelnd, langsam traumhaft nach oben Richtung Mond gezogen wird. Die zweite Hälfte auf dem "Mond" war mir etwas zu klamaukig, ganz zu schweigen von dem lächerlichen Kostüm, das die Regie da dem armen Dietrich Hentschel als Buonafede aufgezwungen hat.

    Wir wollen noch einen ausführlicheren Bericht schreiben (dauert aber noch etwas) - aber generell ging unser Eindruck in dieselbe Richtung. Wobei ich das Ende wieder gut fand: Der verzweifelte Versuch Buonafedes, das abrupte Ende der Illusion aufzuhalten, sein Entschluss auch weiterhin als "Mondbewohner" leben zu wollen, so dass er am Ende dann doch als der eigentliche Gewinner befreit aus der Geschichte herausgeht, während alle anderen sich im alten Leben einsperren lassen.

    Maestro Harnoncourt selber durfte am Vorabend seines 80. Geburtstags auch mitspielen und an einer Stelle aus dem Orchestergraben persönlich das Echo geben...

    Das habe ich aus dem dritten Rang nicht mal mitbekommen :S

    Mich hat nur die Musik als solche in keinem Moment wirklich mitgerissen.

    Mir hat diese schon gut gefallen. Es klingt nicht nach Mozart, das ist richtig - aber nur einfach gefällig fand ich es wirklich nicht. Vor allem, da auch sehr gut gesungen und musiziert wurde. Aber vielleicht wirkt eine Aufführung im Theater durch die Unmittelbarkeit einfach anders. Das Ende des 1. Aktes, dass Du oben schon erwähnst, war auch musikalisch großartig.

    Wie gesagt, später vielleicht mehr. Ich glaube, Thomas wird sich auch eine Aufführung anschauen, wenn ich mich richtig erinnere?

    Viele Grüße,

    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Haydn vs. Mozart im TV : Zeitgleich zur Übertragung der Haydn - Oper lief auf 3SAT Mozarts Idomeneo ( Harnoncourt vs. Harnoncourt). Ich liebe Haydns Sinfonien, seine Kammermusik, seine Oratorien und Messen. Da ich seine Opern nicht kenne, habe ich, neu- und wissbegierig, für längere Zeit dem Treiben auf dem Mond zugeschaut und bin schließlich bis zum Schluss bei Idomeneo geblieben - Mozart eben ! Sorry, Joseph !


    Ciao. Gioachino :juhu:

    miniminiDIFIDI

  • Wir sind gerade dabei, Il mondo della luna zum längsten Haydn-Opern-Thread zu machen, ist euch das klar? Wie soll das der arme Orlando verkraften???

    Ich bin nämlich gerade dabei, eine ausführliche Inhaltsangabe zu schreiben, und nach dem Besuch der Aufführung in Wien (am 22.12.) kommt natürlich auch ein Bericht.

    Zum Beitrag von "Local Hero":
    Ein Grundproblem bei den Haydn-Opern ist: Haydn schrieb für das Publikum des 18. Jahrhunderts. Damals war alles langsamer, die Leute waren geduldiger. Wir im 21. Jahrhundert sind Geschwindigkeit gewohnt, wir brauchen "Action". Hinzu kommt, dass Haydn nicht so sehr Dramatiker war, sondern eher "Beschreibender". Das kommt auch bei Il mondo della luna an vielen Stellen klar heraus, und so wirkt für uns heute manche Arie etwas lang. Mit den längeren Rezitativen ist es auch so eine Sache, wenn man kein Italienisch kann und den Wortwitz von Goldonis Libretto nicht erfasst. Dennoch gibt es hervorragende Inszenierungen von Haydn-Opern. Der Trick dabei: Bei längeren Arien muss nebenbei irgendwas auf der Bühne ablaufen. Im Idealfall ist das kein "Pausenfüller", sondern notwendig, um das Regiekonzept verständlicher zu gestalten.

    Wie schon öfter geschrieben: Haydn steht und fällt mit der Regie. Wobei das "eigentlich" ganz einfach ist: Haydns Themen sind topaktuell, da sie aus der Zeit der Aufklärung stammen. Bei Il mondo della luna heißt das: Kritik an Heuchlern, Kritik an der Gutgläubigkeit der Menschen, Kritik an der Flucht ins Irreale. Man könnte die Oper problemlos als Parabel auf die aktuelle Finanzkrise inszenieren: Die Anleger haben jeden Mist geglaubt, der "Finanzberater" musste nur irgendwelche abstrusen Gewinnmöglichkeiten versprechen. Am Ende kommt das böse Erwachen, wie bei Buonafede.

    Die Gefahr, ins Klamaukhafte abzugleiten, besteht in der Tat, das ist mir schon bei einigen Inszenierungen aufgefallen. Ich vermute, das Ensemble hat bei den Haydn-Opern einen besonderen Spaß an der Sache, weil die allermeisten Ensemble-Mitglieder die Oper vorher nicht kannten und man sich daher den Stoff gemeinsam erarbeitet. Da kommen immer neue Ideen, man ist extrem spielfreudig, und der Regisseur lässt sich anstecken, oder er hat zumindest Probleme, die Leute zu bremsen.

    Ich bin auf alle Fälle gespannt, wie die Wien-Aufführung sein wird...


    Thomas Deck

    PS: Mit Idomeneo kann ich nichts anfangen. Klar, bei der Musik erkennt man das mozartsche Opern-Genie. Aber die Handlung finde ich unerträglich. Barock halt. Wenn ihr widersprechen wollt (nur zu!), dann kopiert bitte diese Zeilen in den Idomeno-Thread und macht mich dort zur Schnecke.

  • Inhalt und Interpretation

    Hier haben wir es wieder mit einer der Haydn-Opern zu tun, die irgendwer als „Haydns beste“ bezeichnet hat. Dieser Titel gebührt zwar Orlando Paladino, aber man versteht durchaus, warum diese Oper neben L’isola disabitata und Orlando Paladino eine von Haydns meistgespielten ist. Es liegt nicht zuletzt auch am Verfasser des Librettos: Wenn Goldoni am Werk war, ist der Spaß gesichert, selbst heute noch. Wie üblich im Rokoko werden hier keine weltbewegenden Probleme von Göttern, Helden oder Königen behandelt, die Handlung ist vielmehr aus dem „normalen“ Leben gegriffen. Dass ein Teil der Handlung auf dem Mond spielt (wenn auch nur in der Einbildung des Herrn Buonafede), trägt sicherlich mit zum Reiz dieser Oper bei.

    Das Werk ist aus dem Jahr 1777 und hat im Hoboken-Verzeichnis die Nummer 7, d.h. es entstand nach L’incontro improvviso und vor La vera costanza. Goldoni schrieb das Libretto 1750 für den Karneval von Venedig, vertont wurde es von Baldassare Galuppi. Vor Haydn haben es noch mehrere andere Komponisten vertont (u.a. Piccini und Paisiello). Für die Haydn-Oper wurde Goldonis Text bis vor das Finale des zweiten Aktes wörtlich übernommen, das Finale und der (kurze) dritte Akt wurden neu geschrieben. Die Uraufführung war am 3. August 1777 auf Esterháza anlässlich der Hochzeit eines Sohnes des Fürsten Nikolaus Esterházy.


    Die Besetzung besteht aus sieben Personen:

    Buonafede (Bass): Reicher Kaufmann, Vater von Flaminia und Clarice. Führt ein strenges Regiment über seine beiden Töchter. Lehnt ihre jeweiligen Bewerber ab, weil er auf bessere Partien hofft. (Buonafede = „guten Glaubens, gutgläubig“)
    Ecclitico (Tenor): Hobby-Astronom, foppt gerne gutgläubige Leute. Hat es auf Clarice abgesehen, die seine Liebe erwidert.
    Ernesto (Bariton): Kavalier, möchte Flaminia heiraten.
    Clarice (Sopran): Tochter von Buonafede, die lustigere der beiden Töchter. Liebt Ecclitico, den sie so schnell wie möglich heiraten möchte, um dem Regiment des Vaters zu entfliehen.
    Flaminia (Sopran): Tochter von Buonafede, ernster als ihre Schwester Clarice. Mit Ernesto liiert, gegen den Willen des Vaters.
    Lisetta (Mezzosopran): Kammerzofe im Haus von Buonafede, der sie gerne heiraten würde, obwohl er ihr Vater sein könnte.
    Cecco (Tenor): Diener von Ernesto. Hat ein Auge auf Lisetta geworfen.


    I. AKT

    Die Ouvertüre (C-Dur) entspricht dem ersten Satz der Sinfonie Nr. 63 „La Roxelane“, wobei angenommen wird, dass die Sinfonie aus verschiedenen älteren Teilen zusammengesetzt wurde, die Ouvertüre somit als eigene Komposition für Il mondo della luna anzusehen ist. Sie wirkt eher festlich (mit Pauken und Trompeten), auf den ersten Blick gar nicht zum Inhalt der Oper passend.

    Nr. 1a Chor (Es-Dur) O luna lucente, di Febo sorella
    Ecclitico und seine „Schüler“ huldigen dem Mond und bitten ihn, seine Geheimnisse zu offenbaren (... e scopriti a noi che cosa sei tu).

    Ich neige dazu, die Ouvertüre und den ersten Chor als Einheit zu betrachten. So kann ich die Ouvertüre als Anspielung auf einen idealisierten bzw. eingebildeten Staat auf dem Mond interpretieren, während der Chor die erdgebundene Sichtweise annimmt: Von hier aus erscheint der Mond rätselhaft in weiter Ferne. Diese beiden gegensätzlichen Betrachtungsweisen ziehen sich durch die ganze Oper: Mal ist der Mond eine Idealwelt, mal ist er einfach nur ganz weit weg und entsprechend unergründlich.

    Die Handlung beginnt mit einem kurzen Rezitativ, in dem Ecclitico Anweisungen für die Beobachtung einer Mondfinsternis gibt.

    Nr. 1b Chor (F-Dur) Prendiamo, fratelli, il gran telescopio, o sia microscopio, o sia canocchial
    Hier kann man auch Vokabeln üben, da (mit didaktischer Absicht?) drei Begriffe für „Fernrohr“ angegeben werden. Die Sterngucker fragen sich dabei, ob auf dem Mond Menschen leben.

    Im anschließenden Rezitativ macht sich Ecclitico über die Gutgläubigkeit der Leute lustig und bekennt seine Absicht, mit falscher Astrologie „die Dummen genauso wie die Gebildeten zu betrügen“ (ingannando egualmente i sciocchi e i dotti). Da kommt auch schon einer: Signor Buonafede. Man diskutiert unter anderem darüber, ob der Mond Augen und Mund habe, was Ecclitico natürlich als Unsinn bezeichnet.

    Eines meiner Kunstbücher weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich das „Mondgesicht“ zumindest als fantasievolle Vorstellung noch lange gehalten hat. Im ersten Science-Fiction der Filmgeschichte Le Voyage dans la Lune („Die Reise zum Mond“) von Georges Méliès aus dem Jahr 1902 landet die Raumkapsel im rechten Auge des Mondgesichtes (zu sehen auf Youtube: "

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    “).

    Jedenfalls wird Buonafede im Lauf der Diskussion extrem neugierig auf das, was man durch das Fernrohr auf dem Mond sehen kann.

    Nr. 2: Chor (G-Dur) Felice e fortunato chi è amico della luna
    „Froh und glücklich ist der Freund des Mondes“ singen Eccliticos „Schüler“, die in Wirklichkeit seine Helfer sind bei den folgenden Inszenierungen.

    Ecclitico macht sich über Leute lustig, die meinen, man könne mit einem Fernrohr seinen Horizont erweitern:
    Quanti van scrutinando quello che gli altri fanno, e se stessi conoscere non sanno.
    „Wie viele beobachten genau, was die anderen tun, und vermögen sich selbst nicht zu erkennen.“

    Die Szene läuft nun nach folgendem Schema ab: Buonafede sieht ins Fernrohr, Eccliticos Gehilfen spielen ihm etwas vor, wobei Buonafede meint, er würde das auf dem Mond sehen. Es ist eine Welt, wie er sie gern hätte. Es gibt drei dieser Szenen, die Buonafede jedes Mal in einer Kavatine kommentiert. Anschließend interpretiert jeweils Ecclitico auf äußerst sarkastische Weise Buonafedes Beobachtungen:

    Nr. 3a: Intermezzo I (D-Dur)

    Nr. 3b: Kavatine Buonafede (D-Dur) Ho veduto una ragazza far carezze ad un vecchietto
    („Ich habe gesehen, wie ein Mädchen einen alten Mann liebkoste.“)
    Eccliticos Kommentar: Se una ragazza fa carezze a un vecchio, non la sprona l’amor, ma l’interesse. („Die macht das nur aus Berechnung.“)

    Nr. 3c: Intermezzo II (D-Dur)

    Nr. 3d: Kavatine Buonafede (D-Dur) Ho veduto un buon marito bastonar la propria moglie
    („Ich habe gesehen, wie ein guter Ehemann seine Frau mit dem Stock züchtigte.“)

    Ecclitico meint dazu: Volesse il ciel, che quanto fintamente ha mirato fosse nel nostro mondo praticato. („Schön wär’s.“)

    Nr. 3e: Intermezzo III (Es-Dur)

    Nr. 3f: Kavatine Buonafede (Es-Dur) Ho veduto dall’amante per il naso esser menata certa donna innamorata
    („Ich habe gesehen, wie eine gewisse verliebte Frau von ihrem Liebhaber an der Nase herumgeführt wurde.“)

    Ecclitico: E qui ancora si useria, se gli uomini non patisser la pazzia. („Das würde man auch hier so machen, wenn die Männer nicht die Verrücktheit duldeten.“)

    Hier muss man kritisch anmerken, dass dem heutigen Zuschauer, der schnellere Handlungsabläufe gewohnt ist, diese Szenen etwas gedehnt erscheinen. Da ist eine gute Regie gefragt, die hier durchaus ihre Möglichkeiten hat. In der Nantes-Aufführung hat man es sich etwas leicht gemacht, indem einfach der dritte Teil gestrichen wurde.

    Nr. 4: Arie Buonafede (F-Dur) La ragazza col vecchione
    Buonafede verleiht seiner Freude Ausdruck über das, was er gesehen hat.

    Buonafede geht ab, Ernesto und Cecco treten auf. Die drei erklären einander, wer es auf welche Frau abgesehen hat (Ecclitico auf Clarice, Ernesto auf Flaminia und Cecco auf Lisetta). Ecclitico hat bereits einen Plan.

    Nr. 5: Arie Ecclitico (Es-Dur) Un poco di denaro e un poco di giudizio, ci vuol per quel servizio
    („Für meinen Plan braucht man etwas Geld und Verstand ... und denkt dran, der Dumme und der Geizige wird nie etwas erreichen.“)

    Das Geld zur Umsetzung des Plans soll Ernesto beisteuern. Im anschließenden Rezitativ zwischen Ernesto und seinem Diener Cecco wird das von letzterem kritisiert. Ernesto hat für solche profanen Dinge aber keinen Kopf mehr:

    Nr. 6: Arie Ernesto (D-Dur) Begli occhi vezzosi dell’idolo amato
    („Ihr schönen reizenden Augen meiner Geliebten“)
    Er denkt nur noch an seine Flaminia.

    Cecco bleibt allein zurück und hat Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen. In einem Rezitativ lästert er über die allzu positive Weltanschauung seines Herrn. Ich zitiere das mal komplett, weil damit sowohl die Aussage der Oper als auch die Grundhaltung in der Zeit des Rokoko bzw. der Aufklärung verdeutlicht wird:
    Qualche volta il mio padron mi fa da ridere. Ei segue il mondo stolido: cambia alle cose il termine, e il nome cambia benespesso agli uomini. Per esempio, a un ipocrita si dice uom divotissimo, all’avaro si dice un bravo economo, e generoso vien chiamato il prodigo. Così appella talun bella la femmina, perché sul volto suo la biacca semina.
    Die wesentlichen Aussagen lauten:
    Sein Herr (Ernesto) lässt sich zu leicht blenden: Den Heuchler nennt er fromm, den Geizigen sparsam und den Verschwender großzügig. Und eine Frau, die sich schminkt, nennt er schön.

    Das heißt: Man soll nicht alles glauben, was man hört, man soll alles kritisch hinterfragen (Aufklärung). Schminken, Künstelei (Barock) sind out, Natürlichkeit ist in (Rokoko). So ähnlich kennen wir das auch von L’infedeltà delusa. Wie üblich wird das zuvor Gesagte in einer Arie zusammengefasst:

    Nr. 7: Arie Cecco (G-Dur) Mi fanno ridere quelli che credono che quel che vedono sia verità
    („Mich machen jene lachen, die meinen, das, was sie sehen, sei die Wahrheit.“)

    Anschließend treten endlich Flaminia und Clarice auf. Sie führen einen aufklärerischen Dialog. Um dem strengen Regiment des Vaters zu entgehen, schlägt die forschere, lebenslustigere Clarice die Flucht in die Ehe vor. Flaminia, die eher dazu neigt, dem strengen Vater zu gehorchen, weist darauf hin, dass man mit der Ehe von einem Gefängnis ins nächste komme (sarem soggette più che mai - wir wären mehr denn je unterworfen). Clarice entgegnet: i mariti ... aman la libertade al par di noi, ed abbada ciascuno ai fatti suoi ("die Ehemänner lieben die Freiheit genau wie wir, und jeder kümmert sich um seine Angelegenheiten") - eine wahrhaft moderne Auffassung der Ehe. Im weiteren Verlauf der Diskussion prallt immer wieder die pragmatische Haltung Clarices auf die höheren Ideale ihrer Schwester, aber am Ende gibt auch Flaminia zu, dass die Vernunft vor der Kraft der Liebe kapitulieren muss:

    Nr. 8: Arie Flaminia (C-Dur) Ragion nell’alma siede, regina dei pensieri, ma si disarma e cede, se la combatte l’amor
    („Die Vernunft, Königin aller Gedanken, sitzt in der Seele, aber sie gibt sich geschlagen, wenn sie von der Liebe bekämpft wird.“)
    Eine feierliche, edle Arie in der strahlenden Tonart C-Dur, durchsetzt mit vielen Koloraturen, mit der Flaminias Naturell sehr gut charakterisiert wird.

    Flaminia geht ab, Buonafede kommt hinzu und macht Clarice mal wieder Vorhaltungen, sie habe unerlaubterweise ihr Zimmer verlassen. Diese weigert sich schlichtweg, derartige Verbote zu befolgen. Im Laufe des Wortgefechts bringt Buonafede diesen Spruch, der als Grammatikübung in jedem Italienisch-Lehrbuch stehen könnte: Se io ti maritassi, non castigherei te, ma tuo marito. („Wenn ich dich verheiraten würde, würde ich nicht dich bestrafen, sondern deinen Ehemann.“). Clarices Antwort:

    Nr. 9: Arie Clarice (A-Dur) Son fanciulla da marito, e lo voglio, già il sapete; e se voi non mel darete, da me stessa il prenderò
    („Ich bin ein Mädchen für einen Ehemann, und ich will es, ihr wisst es, und wenn ihr ihn mir nicht gibt, nehme ich ihn mir selbst.“)

    Clarice geht ab, Lisetta (Buonafedes Dienstmädchen) kommt, so dass auch die letzte Personenbeziehung der Oper klar gemacht werden kann: Buonafede hat es nämlich auf Lisetta abgesehen, aber diese geht nur oberflächlich auf sein Werben ein. Sie hat nichts am Hut mit ihm, liebäugelt aber durchaus mit seinem Geld.

    Nr. 10: Arie Lisetta (F-Dur) Una donna come me, non vi fu, né vi sarà: io son tutt’amor e fé, io son tutta carità
    („Eine Frau wie mich gab es nie und wird es nie wieder geben: Ich bin die reine Liebe und Treue, bin voller Barmherzigkeit.“)

    Jetzt können wir uns so langsam der Aufgabe widmen, Buonafede um sein Geld und seine Töchter (inkl. Lisetta) zu bringen. Hierzu bekommt Buonafede Besuch von Ecclitico. Grund: Ecclitico will sich für immer von seinem „Freund“ verabschieden. Er wird nämlich auf den Mond umziehen, auf Einladung des dortigen Groß-Imperators. Wie das gehen soll? Mit einer speziellen Flüssigkeit, die der Imperator geschickt hat. Nachdem man diese getrunken hat, schwebt man zum Mond. Buonafede will unbedingt mit. Ecclitico in seiner Großzügigkeit überlässt ihm die Hälfte der Flüssigkeit. Natürlich handelt es sich um ein Schlafmittel.

    Nr. 11a: Accompagnato Buonafede (C-Dur) Mondo, mondaccio rio, per sempre t’abbandono
    („Welt, schlechte Welt, ich verlasse dich für immer.“)
    Schnell wird Buonafede müde, und tatsächlich glaubt er – suggeriert von Ecclitico und angedeutet von nach oben strebenden Figuren des Orchesters – zu fliegen...

    Nr. 11b: Finale I (Es-Dur)

    (a) Vado, vado; volo, volo... (“Ich gehe, ich gehe, ich fliege, ich fliege...”)
    Buonafede schläft langsam ein, vom Orchester mit einer „schwebenden“ Melodie begleitet. Als Clarice und Lisetta dazukommen, hören sie ihn nur noch murmeln, dass er auf den Mond fliege. Sie glauben, er würde sterben.

    (b) Presto, presto! Qualche spirto troverò. Presto, presto tornerò.
    Allgemeine Panik, aber sämtliche „Wiederbelebungsversuche“ schlagen fehl. Clarice und Lisetta sind bestürzt. Ecclitico „findet“ ein Testament und liest daraus vor: 6000 Scudi für Clarice und 100 Dukaten für sein Dienstmädchen Lisetta, beides als Mitgift, wenn sie einen Mann finden. Beim Hören dieser Nachricht relativiert sich die Trauer von Clarice (Era mortale, questo si sa. – „Er war sterblich, das wusste man.“) und Lisetta (Era assai vecchio, questo si sa. – „Er war recht alt, das wusste man.“), und am Ende brechen sie beide in Lachen aus.

    Interessanterweise ist in dieser Szene – d.h. im ganzen Finale des ersten Aktes – Buonafedes „ernstere“ Tochter Flaminia nicht beteiligt. Vermutlich wäre bei ihr dieser krasse Stimmungsumschwung nicht glaubhaft:

    (c) Viva chi vive. Chi è morto, è morto. Dolce conforto la dote sarà.
    „Wer lebt, der soll leben. Wer tot ist, ist tot. Die Mitgift wird ein süßer Trost sein.“


    II. AKT

    Jetzt sind wir auf dem Mond. Ok, in Wirklichkeit ist es nur der entsprechend hergerichtete Garten von Ecclitico, aber für Buonafede ist es der Mond.

    Nr. 12: Sinfonia (D-Dur)
    Als Einleitung gibt es dieses schöne Stück, was die Haydn-Fans auch als ersten Satz des Flötentrios Hob. IV:6 kennen.

    Während Buonafede noch schläft, erklärt Ecclitico Ernesto, was Sache ist. Flaminia und Clarice sind bereits eingeweiht, Lisetta muss noch hergeholt werden. Ziel ist bekanntlich, Buonafede seiner drei Frauen zu berauben. Dieser wacht langsam auf und findet sich in einer exotischen Gartenlandschaft wieder, d.h. auf dem Mond, wie Ecclitico versichert.

    Nr. 13: Ballett (F-Dur)
    Die Ballettmusik hat die gleiche Melodie wie das Stück davor, nur in einer anderen Tonart. Buonafede ist entzückt.

    Nr. 14: Ballett (B-Dur)
    Dem Buonafede wird allerhand geboten. Hier ist es der dritte Satz des Flötentrios Hob. IV:11, gespielt von einer Violine und einer Blockflöte, dazu tanzende Nymphen. Dennoch fragt Buonafede nach dem Mond-Groß-Imperator, auf dessen Einladung er und Ecclitico ja hier sind. Antwort: Gleich bekomme er eine Audienz, vorher müsse er sich aber noch umziehen.

    Nr. 15 Chor D-Dur Uomo felice, cui goder lice di questo mondo l’alta beltà
    („Glücklicher Mensch, dem es erlaubt ist, die erhabene Schönheit dieser Welt zu genießen.“)
    Das singen vier „Edelleute“, die Buonafede eine ähnlich extravagante Kleidung verpassen, wie sie Ecclitico schon trägt. Buonafede fragt nach der Etikette, die im Umgang mit dem Groß-Imperator gefordert ist. Das hätte er nicht fragen müssen, wenn er gewusst hätte, dass Haydn die Oper im Geist der Aufklärung komponierte:
    Il nostro gran monarca non vuol adulatori. Egli è un signore ch’è tagliato alla buona, e di buon core.
    („Unser großer Monarch will keine Schmeichler. Er ist ein Herr, der aus gutem Holz geschnitzt ist und ein gutes Herz hat.“)
    Buonafede fragt auch nach seinen Töchtern und seiner Kammerzofe. Jaja, die kommen auch. Bei der Gelegenheit kann es Ecclitico nicht lassen, ein paar Seitenhiebe auf das weibliche Naturell loszulassen:

    Nr. 16: Arie Ecclitico (F-Dur) Voi lo sapete come son fatte: Ora vezzose, tutte amorose; ora ostinate, fiere, arrabbiate
    „Ihr wisst ja, wie sie sind: Bald reizend, ganz liebevoll, bald starrsinnig, stolz, zornig.“
    Und später: „Sie sind lunatisch (=launisch, vom Mond beeinflusst), sie wechseln ihr Aussehen, ihr Denken, sie sind von Natur aus wenig aufrichtig.“

    Im 18. Jahrhundert durfte man so was noch öffentlich äußern. Allerdings geht es Ecclitico hier vor allem darum, Buonafede das zu sagen, was er gerne hört.

    Nr. 17: Marsch (C-Dur)
    Unter Begleitung von Marschmusik erscheint nun endlich der Groß-Imperator in einem bizarren Triumphwagen.

    Der Groß-Imperator ist in Wirklichkeit Cecco. Und da haben wir wieder einen Hinweis auf die Zeit der Aufklärung, im Barock noch undenkbar, aber im Rokoko schon möglich: Die Rolle des Imperators wird vom Diener gespielt, sein Herr muss vor diesem niederknien. Der Mond als utopische Zukunftsvision einer klassenlosen Gesellschaft.

    Dazu passt auch Ceccos Spruch: Son informato che là nel vostro mondo trionfa l’albagia, né di titoli mai v’è carestia. („Ich weiß dass auf eurer Welt der Hochmut triumphiert und an Titeln nie Mangel herrscht.“)

    Ernesto ist im Gefolge des Groß-Imperators und wird von Buonafede bald erkannt, belehrt diesen aber sogleich eines besseren. Er sei ein Stern namens Hesperus: Ernesto, auf der Erde, stehe unter seinem Schutz. Buonafede schluckt das, zumal er eine Bitte hat: Ob denn seine beiden Töchter auch herkommen könnten? Ja, das sei kein Problem, ein Komet werde sie herbringen. Lisetta müsse aber mitkommen, und Buonafede müsse sie als Dienerin abgeben. Bei der Gelegenheit erklärt der Groß-Imperator (d.h. Cecco), dass man vom Mond aus den ganzen Unsinn, der auf der Erde getrieben wird, sehen könne:

    Nr. 18: Arie Cecco (G-Dur) Un avaro suda e pena e poi crepa, e se ne va. Un superbo senza cena vuol rispetto, e pan non ha.
    „Ein Geizhals müht sich ab, und irgendwann kratzt er ab und verschwindet. Ein Stolzer ohne Abendessen will Respekt und hat nicht mal Brot.“ Kritisiert wird also Heuchelei und Verstellung, Gutgläubigkeit und mangelnder Realitätssinn. Man kritisiert sozusagen die Verfehlungen der Barockzeit.

    Das anschließende Gespräch zwischen „Hesperus“ (Ernesto) und Buonafede geht ebenfalls gegen barocke Künstelei:
    „Hier werdet ihr keinen sehen, der in der Tasche Fläschchen mir Balsam oder andere Zutaten bei sich trägt, die nützlich sind, wenn die Frauen in Ohnmacht fallen.“ – „Aber wenn es eine tut, wie helft Ihr?“ – „Wenn es solche Späße gibt, lassen wir sie mit Prügeln wieder zu sich kommen.“

    Wie gesagt, das ist nicht als frauenfeindlich zu verstehen, sondern als Absage gegen Unnatürlichkeit und Verstellung. Ernesto kommentiert das in seiner Arie:

    Nr. 19: Arie Ernesto (g-Moll) Qualche volta non fa male il contrasto ed il rigore. Sempre pace, sempre amore, fa languire anco il piacer.
    „Manchmal sind Streit und Strenge nicht schlecht. Immer Frieden, immer Liebe, lässt auch das Vergnügen vergehen.“
    Das ist eine der schönsten Arien der Oper. Haydn hat die Melodie später für das Benedictus der Mariazeller Messe verwendet.

    Buonafede ist von der neuen Umgebung sehr angetan und sieht sich um, dabei entwickelt sich ein reizender „Dialog“ mit einem Echo, das in eine „Arie mit Ballett“ mündet:

    Nr. 20: Arie Buonafede (D-Dur) Che mondo amabile, che impareggiabile felicità!
    „Was für eine liebenswerte Welt, was für ein unvergleichliches Glück!“ Wir haben hier das Rokoko-Thema „Zurück zur Natur“. Je nach Inszenierung wird diese Szene mit einem Tanz von mehr oder weniger fantasievollen Gestalten begleitet. Haydn nutzt dabei die Gelegenheit zu allerlei Lautmalerei, wenn die Rede von klingenden Bäumen, singenden Vögeln und antwortenden Echos ist

    Bisher fehlte Lisetta, sie wird jetzt mit verbundenen Augen hergebracht. Ecclitico erklärt ihr, sie sei jetzt auf dem Mond, aber sie glaubt natürlich kein Wort, da sie das Gedankengut der Aufklärung bereits verinnerlicht hat. Buonafede kommt hinzu und bestätigt Eccliticos Aussage, nutzt das Zusammentreffen mit Lisetta aber hauptsächlich, um sich an sie ranzumachen, was diese wenig erquicklich findet. Im Duett geht’s weiter:

    Nr. 21: Duett Buonafede-Lisetta (D-Dur) Non aver di me sospetto, malizioso io non ho il core. – Vi conosco, bel furbetto, malizioso è il vostro amore.
    „Habt kein Misstrauen, ich habe kein böses Herz. – Ich kenne Euch Schlaukopf, Eure Liebe ist schlimm.“

    Der Groß-Imperator (samt Gefolge) kommt hinzu und wird natürlich sofort von Lisetta als Cecco erkannt. Dieser antwortet geschickt: „Meine Schöne, ich bin nicht Cecco, aber ich bin der Eure.“ Und er will sie zur Mondkönigin machen. Lisetta zögert, aber mit folgendem Heiratsantrag kommt er zum Ziel:
    Eh via, venite in trono, se vi piace il mio volto. Sia Cecco, o non sia Cecco, che cosa importa a voi? Dopo ci aggiusteremo fra di noi. („Ach was, steigt auf den Thron, wenn Euch mein Gesicht gefällt. Ob Cecco oder nicht, was interessiert Euch das? Das machen wir anschließend unter uns aus.“)
    Der Antrag hat Erfolg: È questa una ragion che non mi spiace. Vengo. („Dieses Argument gefällt mir, ich komme.“) Buonafedes Protest verhallt ungehört. Lisetta wägt ihr neue Stellung in einer Arie ab:

    Nr. 22: Arie Lisetta (G-Dur) Se lo comanda, ci venirò („Wenn ihr befiehlt, dann komme ich.“)
    Sie kann noch nicht ganz glauben, was hier geschieht und zieht auch in Betracht, dass man sie nur zum Narren halten will (Ah, mi volete tutti burlar!), aber Cecco führt sie schließlich auf den Thron.

    Mit dem Verlust von Lisetta hat sich Buonafede abgefunden. Jetzt fragt er nach seinen Töchtern, ob sie nicht auch das Glück hätten, auf den Mond zu kommen. Cecco beruhigt ihn: Sie seien unterwegs und würden in Kürze hier herabsteigen. Hier schlägt wieder die Aufklärung zu: Warum „herabsteigen“ und nicht „hinaufsteigen“ (auf den Mond), fragt Buonafede. Cecco erklärt: Aus Sicht des Mondes ist eben die Erde „oben“ und der Mond „unten“. Heute würde man sagen: Man darf die Welt nicht eurozentrisch sehen!

    Nr. 23: Ballett (F-Dur)
    Flaminia und Clarice kommen mit einem Fahrzeug auf dem Mond an. Die Musik hat Haydn auch für den dritten Satz des Flötentrios Hob. IV:10 verwendet.

    Flaminia erkennt sogleich Lisetta, aber Buonafede erklärt, sie sei jetzt Mondkönigin geworden. Der Imperator (Cecco) befiehlt Hesperus (Ernesto), die beiden Frauen zu ihren Gemächern zu führen. Buonafede protestiert, seine Töchter dürfen nicht alleine mit einem Mann gehen. Er hat immer noch nicht kapiert, dass die Zeit der Aufklärung angebrochen ist, und wird daher von Cecco unterrichtet: „In unserer Welt tun dies die Frauen in der Öffentlichkeit und nie im Verborgenen.“ Bemerkung von mir: Irgendwann werden auch unsere moslemischen Mitbürger so weit sein.

    Flaminia lässt sich gerne von ihrem „Hesperus“ geleiten:

    Nr. 24: Arie Flaminia (F-Dur) Se la mia stella si fa mia guida, scorta più fida sperar non so
    („Wenn mein Stern mich führt, weiß ich keine treuere Eskorte zu hoffen.“)
    Auch diese Melodie hat Haydn für ein Flötentrio verwendet, und zwar für den ersten Satz von Hob: IV:7.

    Es ist klar, dass jetzt auch Clarice zum Zuge kommen will, zumal Ecclitico als „Zeremonienmeister“ bereitsteht. Der Groß-Imperator ordnet an, dass Clarice als Kavalier Ecclitico zu Seite gestellt bekommt. Der Protest Buonafedes ist wie üblich zwecklos. Clarice singt eine aufklärerische Arie:

    Nr. 25: Arie Clarice (B-Dur) Quanta gente che sospira di veder cos’è la luna, ma non hanno la fortuna di poterla contemplar
    „Viele Leute sehnen sich danach, zu sehen, was der Mond ist, aber sie haben nicht das Glück, ihn betrachten zu können.“ Entscheidende Aussage:
    Chi non vede, il falso crede; ciaschedun saper pretende. Più che studia, manco intende, e si lascia corbellar.
    „Wer nicht sieht, glaubt das Falsche; ein jeder behauptet zu wissen. Je mehr er studiert, desto weniger versteht er und lässt sich hinters Licht führen.“ Das könnte wortwörtlich auch von mir (ungläubiger Thomas) kommen...

    Flaminia und Clarice sind mit ihren Liebhabern weggegangen. Lisetta fängt an zu quengeln, aber Cecco (d.h. der Groß-Imperator) beschwichtigt sie sofort: Er werde sie krönen und gleich auch heiraten.

    Nr. 26: Finale II (D-Dur)

    (a) Al comando tuo lunatico („Auf deinen lunaren Befehl“)
    Die komplette Mannschaft ist nun versammelt. Die Musik beginnt mit einem feierlichen Rhythmus, wie man es von vielen Haydn-Finali kennt. Immer mit der gleichen Melodie singen Ecclitico+Ernesto, Cecco und Clarice+Flaminia einige Zeilen (es geht um Lisettas bevorstehende Krönung), jeweils gefolgt von „Luna, lena, lino, lana, lino, lunula“ und weiterem Kauderwelsch, was Buonafede als Mondsprache interpretiert, die er leider nicht versteht. Er antwortet mit einer ähnlichen Melodie und versucht dabei ebenfalls, Mondsprache einzuflechten, sein Wortschatz ist aber auf „Cucù, cucù“ beschränkt.

    (b) Olà, si taccia un poco. Quel serto a me si dia; perché Lisetta io voglio incoronar.
    „Man schweige jetzt. Man gebe mir diesen Kranz, weil ich Lisetta krönen will.“
    Die Musik beschleunigt, der Groß-Imperator (Cecco) schreitet zur Tat. Die drei Schauspieler (Cecco, Ecclitico, Ernesto) sowie Clarice und Flaminia streuen immer wieder Mond-Kauderwelsch ein. Buonafede möchte irgendwie dazugehören und versucht mitzumachen. Das kritisieren die drei „Lunatischen“ als Spott. Buonafedes Verlegenheit wird sofort von Cecco ausgenutzt: Jetzt sollen auch die beiden Töchter verheiratet werden, und das nicht ohne Mitgift: Buonafede wird aufgefordert, sein Geld rauszurücken. Das habe doch auf dem Mond gar keinen Wert, meint dieser. Egal, her mit der Kohle. Buonafede gibt Ecclitico den Schlüssel seines Geldschranks.

    (c) La man di Clarice d’Ecclitico sia e un segno ci dia di gioia il papà.
    Die Musik geht in den 3/4-Takt über und wird lieblich: „Die Hand Clarices gehöre Ecclitico, und der Vater gebe uns ein Zeichen der Freude.“ Das war Clarices Trauung mit Ecclitico, und ebenso wird auch Flaminia mit Ernesto vermählt.

    Jetzt müssen wir genau aufpassen: Finita è la commedia. „Die Komödie ist zu Ende.“ Ecclitico, Cecco und Ernesto sagen das ganz beiläufig, die Musik gibt nicht den geringsten Hinweis auf diesen Umschwung. Ulrich Schreiber („Opernführer für Fortgeschrittene“) kritisiert das als dramaturgische Schwäche. Nun, Haydn sagte sich: „Was kümmert mich der Opernführer von dem Schreiber.“ Haydn machte so etwas nämlich öfter, und aus Sicht von Buonafede ist das auch ganz leicht nachvollziehbar: Ihm dämmert nämlich erst nach und nach, dass er reingelegt worden ist. Ecclitico, Cecco und Ernesto werden daher deutlicher:

    (d) Buonafede tondo come il cerchio della luna ritornare all’altro mondo per le poste adesso può.
    „Buonafede, rund wie der Mond, kann jetzt per Post in die andere Welt zurückkehren.“ Die Musik wird schneller, das Finale steuert auf den Höhepunkt zu.

    Buonafede tobt. Die zunehmende Dramatik wird musikalisch durch Wechsel in eine Molltonart unterstrichen. Der Akt endet im heftigsten Streit:
    Tutti nemici e rei, tutti tremar dovrete; perfidi, lo vedrete, per voi non v’è pietà.
    („Alles Feinde und Bösewichte, alle sollt ihr zittern; ihr Gemeinen, ihr werdet sehen, für euch gibt es kein Erbarmen.)
    È ver, noi siamo rei, ma padre sempre siete; le furie sospendete, calmate per pietà.
    („Es ist wahr, wir sind schuldig, aber Ihr seid immer noch der Vater, legt den Zorn ab, beruhigt Euch, um Himmels willen.)

    Wie das wohl ausgehen wird...


    III. AKT

    Wie üblich ist der dritte Akt sehr kurz. Er beginnt mit einem kleinen Intermezzo:

    Nr. 27: Sinfonia (g-Moll)
    Die Moll-Tonart sagt uns, dass der Haussegen immer noch schief hängt.

    Buonafede tobt nach wie vor. Ernesto und Ecclitico reden auf ihn ein. Clarice und Flaminia seien nun mal vermählt und immer noch seine Töchter. Daher bräuchten sie auch eine Mitgift. Buonafede antwortet ironisch: „Lisetta am besten auch noch.“ Cecco bietet bei dieser sich bietenden Chance an, Zepter und Krone an Buonafede zu übergeben. Die drei geben sich wirklich alle Mühe, und am Ende wird Buonafede weich. Er fragt nach dem Schlüssel von seinem Geldschrank. Ecclitico gibt ihn zurück.

    Ecclitico überbringt Clarice die frohe Botschaft, was in einem Duett endet:

    Nr. 28: Duett Ecclitico-Clarice (B-Dur) Un certo ruscelletto per voi mi serpe in seno
    „Ein gewisses Bächlein schlängelt sich für euch in meiner Brust.“ Das ist eines der schönsten Stücke der Oper. Haydn beschreibt das Fließen des Bachs durch lautmalerische Figuren der Streicher.

    Anschließend versöhnt sich Buonafede mit seinen Töchtern, wobei auch Clarice zugibt, nicht frei von trascorsi (Verfehlungen) zu sein. Flaminia und Clarice stellen erfreut fest, dass jede von ihnen 6000 Scudi Mitgift bekommen hat, und selbst für Lisetta gibt es immerhin 1000 Scudi. Deren letzten Satz hört die Frau von heute sicher gern:
    Ed io contenta ancor più che regina, scendo dal trono e torno alla cucina. („Und ich, zufriedener denn als Königin, steige vom Thron und kehre zurück in die Küche.“) Die Aufklärung war damals noch nicht in alle Lebensbereiche vorgedrungen...

    Im Finale wird wie üblich Bilanz gezogen:

    Nr. 29: Finale III (D-Dur) Dal mondo della luna a noi ci vien fortuna, ci vien prosperità!
    „Von der Welt auf dem Mond kommt zu uns das Glück, kommt der Wohlstand.“
    Schlusschor:
    Godiamo, amici, di questa fortuna!...Genießen wir, Freunde, dieses Glück!
    Che oggi a terra ci vien dalla luna!....Das heute vom Mond auf die Erde zu uns kommt!
    Viviam da amici ed in carità,.............Leben wir als Freunde und in Barmherzigkeit,
    fuggiam i capricci che meglio sarà.....enthalten wir uns der Launen, was besser ist.


    Thomas Deck

  • Hallo Thomas,
    ich kann nur sagen :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:
    lg Severina :wink:

    "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)

  • Aufführung von Wien (Theater an der Wien)

    Es war die letzte Vorstellung, vom 22.12.2009.

    Regisseur: Tobias Moretti
    Dirigent: Nikolaus Harnoncourt (Concentus Musicus Wien)

    Das Geschehen wurde behutsam der Gegenwart angenähert, Moretti erklärt das wie folgt: "Ich kann so ein Stück nur aus meiner Perspektive erzählen, aus dem ganz persönlich erlebten Widerspruch, als ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts in der Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu leben. In einer Situation, die zwischen virtuellen Welten und der "realen" Welt keinen Unterschied im Wirklichkeitsgehalt mehr kennt."

    Mit der Inszenierung bin ich weitgehend zufrieden, insbesondere ist sie der von Nantes und Stockholm (Drottningholm) turmhoch überlegen. Allerdings hätte ich mir an manchen Stellen etwas mehr Aktion bzw. eine präzisere Personenführung gewünscht, wie z.B. in Aix-en-Provence (L'infedeltà delusa), Zürich (La fedeltà premiata) oder auch Wien vor 2 Jahren (Orlando Paladino, ebenfalls unter Harnoncourt).

    Zu den Darstellern:

    Bernard Richter (Ecclitico) empfand ich als jung, quirlig und einfühlsam. Zunächst irritierte mich seine betont andere Art, die Rezitative zu singen, begriff aber bald, dass dies Absicht war, und fand es durchaus passend. Auch meine Mutter (keine Opernexpertin) war sehr angetan von ihm. Stimmlich klang er insgesamt sehr souverän, nur beim letzten großen Duett mit Clarice (Un certo ruscelletto) wäre etwas mehr Gefühl wünschenswert gewesen, d.h. seine Intonation erschien mir an manchen Stellen zu laut, so dass das Duett phasenweise unbalanciert wirkte.

    Dietrich Henschel (Buonafede) überzeugte ebenfalls, zumal seine Rolle die komplexeste des Stückes ist. Beeindruckend ist nicht zuletzt auch seine körperliche Fitness mit immerhin schon 42 Jahren. Als Lisetta hätte ich mir ernsthaft überlegt, ihn anstelle von Cecco zu nehmen.

    Anja Nina Bahrmann (Flaminia) hatte die schönste Stimme von allen. Ihr Ragion nell’alma siede war einfach genial. Neben den Finali war dies der Höhepunkt des Abends.

    Christina Landshamer (Clarice) war stimmlich etwas weniger und schauspielerisch etwas mehr gefordert als ihre "Schwester". Sie gefiel mir in beiden Disziplinen sehr gut.

    Maite Beaumont (Lisetta) spielte - absichtlich - etwas vulgär, ähnlich wie Anna Steiger als Despina in der Così-fan-tutte-Aufnahme von Harnoncourt, falls die jemand kennt: In sich stimmig, aber für meinen Geschmack nicht die optimale Lösung.

    Bei Vivica Genaux (Ernesto) besteht das Problem zunächst darin, eine dermaßen gutaussehende Frau (siehe Bildersuche unter Google) in einen Mann zu verwandeln. Es wurde gelöst: Der "Mann" Ernesto sah immer noch gut aus und sang auch ebenso gut. Nur das Qualche volta non fa male, eines der Glanzstücke der Partitur, kam regiebedingt nicht ganz so zur Geltung, wie man es sich gewünscht hätte.

    Ausgerechnet Markus Schäfer, den ich von anderen Produktionen bereits kannte, hat mich als Cecco nicht überzeugt. Seine Rezitative brachte er, ähnlich wie Bernard Richter als Ecclitico, absichtlich gekünstelt, aber insgesamt erzielte das einfach keine Wirkung. Auch schauspielerisch vermisste ich etwas die klare Linie.

    Das Orchester unter Harnoncourt war eines der Highlights des Abends, und das trotz Intonationsproblemen (von mir jedenfalls so empfunden) der Oboen am Anfang der Ouvertüre. Man merkte immer wieder das präzise und differenzierte Zusammenspiel mit den Sängern, nicht nur in den Finali. Die Finali der Haydn-Opern sind in der Hinsicht aber am heikelsten, wenn hier der Ablauf in seinen einzelnen Phasen gelingt, ist das einfach toll. Man erkennt dann selbst als Laie, wie intensiv da gearbeitet wurde. Das können nur wenige so gut wie Harnoncourt. Ob er eine weitere Haydn-Oper plant? Ich fände es toll...


    Thomas Deck

  • Hallo Thomas,
    ich kann nur sagen :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:
    lg Severina :wink:

    Hallo Severina,

    bei der Gelegenheit: Einen aufklärerischen Dialog der beiden Schwestern hatte ich noch vergessen, inzwischen ist er eingefügt (zwischen Nr. 7 und Nr. 8). Hier der ergänzte Abschnitt:

    #####
    Anschließend treten endlich Flaminia und Clarice auf. Sie führen einen aufklärerischen Dialog. Um dem strengen Regiment des Vaters zu entgehen, schlägt die forschere, lebenslustigere Clarice die Flucht in die Ehe vor. Flaminia, die eher dazu neigt, dem strengen Vater zu gehorchen, weist darauf hin, dass man mit der Ehe von einem Gefängnis ins nächste komme (sarem soggette più che mai - wir wären mehr denn je unterworfen). Clarice entgegnet: i mariti ... aman la libertade al par di noi, ed abbada ciascuno ai fatti suoi ("die Ehemänner lieben die Freiheit genau wie wir, und jeder kümmert sich um seine Angelegenheiten") - eine wahrhaft moderne Auffassung der Ehe. Im weiteren Verlauf der Diskussion prallt immer wieder die pragmatische Haltung Clarices auf die höheren Ideale ihrer Schwester, aber am Ende gibt auch Flaminia zu, dass die Vernunft vor der Kraft der Liebe kapitulieren muss:
    #####


    Ich behaupte mal frech: In der Aufklärung und somit auch in Haydns Opern wurden große Teile unserer heutigen Lebensauffassung vorgedacht. Nur zur realen Umsetzung bedurfte es noch 200 Jahre...


    Thomas Deck

  • "Die Welt auf dem Mond" in Oldenburg

    Sonntag, 17.10.2010, Oldenburgisches Staatstheater

    Hier handelte es sich um deutlich mehr als nur die deutsche Version von Il mondo della luna, worauf schon der vollständige Titel hinweist:

    "Die Welt auf dem Mond"
    von Günter Steinke
    Kammeroper in zwei Akten nach Carlo Goldoni und Joseph Haydn
    Text von Wolfgang Deichsel

    Die Bearbeitung von Deichsel/Steinke stammt von 1995, damals im Auftrag der Staatsoper Stuttgart.

    Günter Steinke verfremdete vor allem die Musik und benutzte dabei viele Elemente der "Neuen Musik", sowohl von der Instrumentierung her (Schlagzeug, diverse Schlaginstrumente, spezielle Techniken bei den Streichern) als auch bzgl. der Komposition. Phasenweise klang das Orchester aber auch fast "normal-klassisch". Haydns Originalmusik war immer klar erkennbar, trotz manchmal starker Verfremdung.

    Jaja, Regietheater war's auch, aber nicht im entferntesten provokant. Nach phasenweise etwas sprödem ersten Akt wurde ausgerechnet der stärker geänderte zweite Akt zur Glanznummer. Die drei Paare werden da bekanntlich auf dem Mond verheiratet, aber kurz vorher entfremden sich alle drei Frauen von ihrem jeweiligen Geliebten, und das kam sehr überzeugend herüber, dramaturgisch, schauspielerisch und auch musikalisch. Die Heirat fand dann doch statt. Nach dem bekannten Wutausbruch von "Bohnsack" (=Buonafede), mit absolut starker Musik (Haydn halt), wird das Ende der Oper verändert: Bohnsack verzeiht den Leuten, will sie aber in das zukünftige "Familienunternehmen" einspannen: Ein großer Vergnügungspark, ein "Luna Park", in dem sich alles um den Mond dreht.

    Das oldenburgische Publikum (bei leider nur halbvollem Kleinen Haus, evtl. wegen schwieriger Straßenverhältnisse aufgrund Schneefalls) zeigte sich begeistert, das hätte ich so nicht erwartet.

    Großes Lob: Übertitel trotz deutschem Text! So konnte man den Wortwitz der Übersetzung auch bei den Arien gut verfolgen. Ansonsten wurde anstelle von Rezitativen gesprochener Text verwendet. Der Text erinnerte stilistisch etwas an Orffs Der Mond oder Die Kluge, das gefiel mir sehr gut.

    Die Stars des Abends waren Derrick Ballard als Bohnsack (=Buonafede), gefolgt von Lisa Carlioth als Flaminia (vor allem im 2. Akt) und Paul Brady als Chicco (=Cecco).

    Da gab es eine Szene im 2. Akt, als Flaminia zurecht an Ernsts (=Ernestos) Liebe zweifelt. Sie singt dazu die deutsche Fassung von Se la mia stella si fa mia guida ("Wenn mein Stern mich führt"). Das Motiv des Sterns wurde beibehalten, der Inhalt der Arie wurde aber ins Negative gewendet, in die Richtung von "Ich habe meinen Stern verloren". Die musikalische Verfremdung erreichte ihr Maximum, ohne Haydn zu verleugnen, und die gesamte Szene gelang sehr eindringlich.

    Überhaupt war ich überrascht, wie robust sich Haydns Musik zeigte. Gerechterweise muss man zugeben, dass 2-3 Arien gestrichen wurde, so dass nur "das Beste" übrig blieb.

    Die Reise nach Oldenburg hat sich absolut gelohnt. Leider muss ich noch mal hin, weil es mir trotz 90 min Ausharrens nicht vergönnt war, die Klappbrücke über die Hunte in Aktion zu sehen...


    Thomas

  • Aufführung in Ulm

    Theater Ulm, So, 13.6.2010:

    Auch die Ulmer konnten sich dazu aufraffen, eine Haydn-Oper zu spielen. Mit Erfolg! Ich bin immer wieder überrascht, welch hohes Niveau man oft in der "Provinz" vorfindet.

    Die Handlung wurde behutsam modernisiert, mit vielen guten Einfällen, aber ohne übertriebenen Klamauk. Das Mittel, welches Buonafede "Flügel" verlieh und ihn auf den Mond brachte, war eine Dose Red Bull. Der zweite Akt spielte dann auf dem Dach des Hauses von Ecclitico.

    Ernesto hätte in diesem Akt eigentlich einen "Moonwalk" à la Michael Jackson hingelegt, leider aber hatte die Darstellerin (Ileana Mateescu) in der Pause einen Kreislaufkollaps, und so konnte sie danach zwar noch singen, aber nicht mehr spielen.

    Einmal mehr wurde mir klar, dass die wichtigste Figur in dem Stück die des Buonafede ist, mit ihm steht und fällt die ganze Sache: Tomasz Kaluzny hat die Rolle voll ausgefüllt, sympathisch, gutmütig und doch ernst zu nehmen, das war richtig klasse. Übertroffen wurde er nur noch von Arantza Ezenarro als Clarice, sie war wirklich genial, auch schauspielerisch, und sängerisch hatte sie sogar noch Reserven. Ebenfalls gut Alexander Schröder als Ecclitico, insbesondere mit sehr textverständlichem Italienisch, nur die Konsonanten gerieten bisweilen etwas hart ("deutsch", wir kennen das vom Papst). Edith Lorans als Flaminia und Gillian Crichton als Lisetta fügten sich gut in das Ensemble ein, wobei sich insbesondere letztere im zweiten Akt nochmal steigerte und zumindest schauspielerisch fast an Arantza Ezenarro und Tomasz Kaluzny rankam. Nur Hans-Günther Dotzauer blieb als Cecco etwas blass.

    Das Orchester spielte "haydnsch" transparent, das passte sehr gut.

    Die Aufführung war nachmittags um 14 Uhr bei fast vollem Haus, und den Leuten hat es sehr gut gefallen.

    Bedauerlicherweise war's das für dieses Jahr mit den Haydn-Opern: Zumindest laut "http://operabase.com/" operabase.com gibt es in diesem Jahr keine einzige neue Inszenierung mehr (Armida im Dezember in Berlin ist leider eine Fehlinformation, es handelt sich um die gleichnamige Gluck-Oper).


    Thomas

  • Opéra de Monte-Carlo

    Neue Inszenierung im März 2014 in Monte-Carlo, mit dem genialen Jérémie Rhorer.

    http://www.opera.mc/2013-2014_il-mondo-della-luna

    Du muss man hin!

    Ryanair fliegt derzeit für unter 50 Euro nach Marseille (Komplettpreis, hin und zurück). Hoffentlich auch noch nächstes Jahr im März...


    Ryanair flog nicht, dafür aber Transavia für 50 Euro nach Nizza (20 km von Monaco entfernt). Ich sah die Vorstellung vom 23.03.2014. Die Preise sind ok: 75 Euro für einen optimalen Platz. Allerdings sind die Vorstellungen schnell ausverkauft, da das Theater zwar wunderschön, aber recht klein ist. Ich wartete wochenlang auf "Freischaltung" der Online-Buchung, bis ich ca. 1 Monat vorher anrief: Es gab nur noch ganz wenige Einzelkarten und auch nur noch für jenen Sonntag.

    Die Vorstellung war genial, meine bester "Mondo della luna" bisher. Das lag zum einen an Jérémie Rhorer, den man als Haydn-Gott bezeichnen muss. Und zum anderen am Sänger-Ensemble, das so homogen wie nur nur selten agierte. Da war nicht der geringste Schwachpunkt, dafür mehrere fast perfekte Leistungen, allen voran Annalisa Stroppa, die Lisetta mit umwerfendem Charme spielte. Toll auch Giuseppina Bridelli als Ernesto: Sie spielte diese Hosenrolle auf burschikose Art, was auf das heutige Publikum den genau passenden Effekt hatte, d.h. man nahm sowohl die Weiblichkeit der Sängerin als auch die Männlichkeit der Rolle wahr. Alle zusammen zeigten eine Spielfreude, wie man sie oft bei Haydn, aber nur selten in dieser Einheitlichkeit findet.

    Das meine ich mit Jérémie Rhorer als "Haydn-Gott": Er geht mit seinem Ensemble (Orchester und Sänger) per Zeitreise auf Entdeckungstour nach Esterháza in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts. Dort erleben sie spannende und lustige Tage mit Haydn und seiner Mannschaft. Anschließend reisen sie wieder zurück ins 21. Jahrhundert und übersetzen das Erlebte in die heutige Zeit.

    Hier übrigens die Vorstellung vom 25.03.2014 komplett:
    http://culturebox.francetvinfo.fr/il-mondo-della…te-carlo-151503

    Der Link funktioniert angeblich bis zum 25.03.2015.


    Thomas

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