BERG: Lulu – Geschaffen, Unheil anzustiften?

  • Zu der Aufführung gibt es hier sogar einen Thread.

    Nach meiner Erinnerung würde sich die DVD alleine in musikalischer Hinsicht sicher lohnen. Ich habe nur die Sorge, daß die Abmischung genauso ist, wie die der Fernsehübertragung: Die Sänger extrem im Vordergrund und das Orchester, das mir besonders gut gefallen hatte, leider stark zurückgedrängt, als wär's eine Oper von Bellini :pfeif: . Der Höreindruck war damals ein ganz anderer als der Live im Theater. Ich finde solche Manipulationen irgendwie ärgerlich :cursing:

    Viele Grüße,

    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth hat eine Neufassung der Lulu erstellt, die zur Zeit an der Komischen Oper Berlin zu sehen ist.
    Zitat von der Webseite der Komischen Oper:

    Zitat

    In ihrer Auseinandersetzung mit Alban Bergs Lulu, einem Schlüsselwerk der Oper des 20. Jahrhunderts, werden Lulu, Geschwitz und Schigolch zu Afroamerikanern, deren Schicksal vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Protestbewegungen der 60er und 70er Jahre erzählt wird.
    Vom textlich wie musikalisch vollkommen neu gefassten Dritten Akt aus betrachtet erklingen die ersten beiden Akte wie eine ferne Erinnerung. »Bergs Musik der ersten beiden Akte ist für eine Art Jazz­ensemble orchestriert, denn es ist die Musik für Lulus Rückblende in die 50er Jahre in New Orleans. Der Dritte Akt spielt im New York der 70er Jahre. Lulu ist zu einer Nobelhure aufgestiegen, die Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik hat und der Privates und Öffentliches gleichermaßen ungefragt anvertraut wird.« [Olga Neuwirth]

    Deutschlandradio Kultur sendet die Aufzeichnung der Aufführung vom 30. September morgen ab 19.05 Uhr.

    Grüße
    vom Don

  • Kann jemand etwas zu dieser englischen (!) Aufführung sagen:

    Ich habe eigentlich bis jetzt nur Gutes darüber gelesen, aber das kam
    immer nur von der amerikanischen oder englischen Seite. Wie ist das
    Orchester? Paul Daniel hat auch in der fantastischen Inszenierung in
    Brüssel dirigiert. Da hat er mir sehr gefallen.

    "Nicht immer sind an einem Misserfolg die Künstler schuld.
    Manchmal ist es auch das Publikum, das indisponiert ist."
    Leonie Rysanek (1926-1998)

  • Da es zur Sängerin anscheinend noch keinen Faden gibt, und ich zu faul bin, einen anständigen zu starten (mon Dieu !), hier die Äußerungen einer der wichtigsten Lulus unserer Tage vor allem zur Oper:

    https://www.nytimes.com/2017/11/15/art…pe=sectionfront

    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Lulu-Lust

    Vor allem Sadkos Begeisterung (in seinem Posting) für Bergs Lulu-Mucke motivierte zum Reinziehn der Bergschen Lulu (2-Akt-Short-Version) unter Fuchtel Karl Böhms, sowie eigene Neugier auf Dr. Schön mit Dietrich Fischer-Dieskau, weil bereits seit langem mein Lieblings-Stimmband-Quäler.

    Erstemal Mäkelei:
    M.E. hat da Tonmeister nervig rumgefuhrwerkt, vor allem was Evelyn Lears Lulu betrifft. Besonders ärgerlich im 2. Akt. Passagen kommen rüber, als ob Lulu plötzlich wie aus dem Off singt. Am meisten geht das einen auf den Sack bei:

    Lulu
    O Freiheit! Herrgott im Himmel!
    ALWA
    Willst du nicht trinken?
    LULU
    Seit zwei Jahren hab’ ich kein Zimmer gesehn:
    Gardinen, ein Diwan und Bilder…
    ALWA
    Benediktiner.
    LULU
    Das erinnert an vergangene Zeiten.
    Wo ist denn mein Bild? ....

    Bei Evelyn Lear kommt Schwierigkeitsgrad dieser Höllenpartie deutlich spürbar rüber. Geschwitz würde ich mir mit noch deutlicherem Stempel, Gepräge in der Gestaltung wünschen. Daher machen bei dieser Wiedergabe einen die Männer- stärker an, als Damenstimmen. Neben Dietrich Fischer-Dieskau vor allem Rodrigo, Schigolch, der Maler mit markanter und sehr individueller Färbung. Das ist schon mal geil......

    Aber Top-Fetzigkeitslevel dieser Einspielung bilden DOB-Instrumentenquäler unter Karl Böhm.
    Vor allem aus diesem Grunde haben sich zunächst unmerklich inzwischen zecken-like meine Lauscherchen an dieser Lulu-Wiedergabe sich totalst festgefressen.
    Die Mischung, die Palette machts nämlich.

    Es werden Themen, Motive derart geil, schier anrührend kantabel ausgeformt, dass Lulu-Mucke dabei aus ihrem distanzierten Tonfall und auch im geilen Kontrast zu ihrem durchaus scharf-dissonanten, sowie bissigen Farben ständig in quasi affektive Unmittelbarkeit 2.0 umschlägt. Doppelcharakter der Lulu-Mucke. Vor allem in den Dialogszenen/Duetten Alwa-Lulu kommt das mega-supi rüber. In rezitativischen Parts leuchten Instrumentengruppen Details derart rassig, fein und sirenen-lockend aus, so dass Löffel während der Mucken-Fluss-Fahrt gleichsam mega-chillig immer wieder an Details andocken, diese festhalten und mitschleifen wollen.

    Was für simultan schwarze-&-farbige Ohrenlust beschert einen diese mega-geile Berg-Steigerei.
    Trotz 2-Akt-Version fester Stammplatz im Lulu-Kader.

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Vor allem Sadkos Begeisterung (in seinem Posting) für Bergs Lulu-Mucke motivierte zum Reinziehn der Bergschen Lulu (2-Akt-Short-Version) unter Fuchtel Karl Böhms, sowie eigene Neugier auf Dr. Schön mit Dietrich Fischer-Dieskau, weil bereits seit langem mein Lieblings-Stimmband-Quäler.

    Hi :) Es freut mich, dass mein Beitrag den Anstoß für das Hören der Aufnahme gegeben hat! Ich kenn dazu leider nichts sagen, weil sie nicht kenne...

    Wegen der im Mai 2023 in Kraft getretenen Forenregeln beteilige ich mich in diesem Forum nicht mehr (sondern schreibe unter demselben Pseudonym in einem anderen Forum), bin aber hier per PN weiterhin erreichbar.

  • Hi Es freut mich, dass mein Beitrag den Anstoß für das Hören der Aufnahme gegeben hat!

    ist ja auch Sinn von C., dass wir alle uns gegenseitig mit Tipps, Impulsen, Anregungen, Hinweisen reichlich befruchten, um in Fülle zu ernten… .
    :jaja1: :jaja1: :jaja1:

    Ich kenn dazu leider nichts sagen, weil sie nicht kenne...

    Vor Jahren konnte ich mit der Böhmschen Lulu-Einspielung nix anfangen, weil mir Chose irgendwie zu gefällig rüberkam, was aber totaler Kack meinerseits war. Grübelte damals, warum Thomas Deck im Intro-Beitrag ausgerechnet diese Aufnahme favorisierte.

    Unverständnis, Irrtum verortete jedoch sich einzig in meinem Brägen. Möglicherweise lagerte damals intensiv-passionierter Live-Mitschnitt unter Jimmy aus NYC vom 20.04.02 zu sehr in meinen Löffeln sich ab. Jimmy gehört vermutlich zu den Orchesterquälern, die mit am häufigsten Bergs Lulu (Cerha-Version) am Wickel haben.

    (nebenbei: ähnlich unterschätzt - wie Lulu unter Böhm - wurden meinerseits das Schönbergsche Klavierwerk mit Tastenquäler Maurizio Pollini und Moses und Aron unter Orchesterquäler Michael Gielen. Beides kam mir lange Zeit bloß studio-konserven-furz-trocken rüber. Inzwischen rangieren beide mega-geilen Wiedergaben gleichfalls im obersten Fetzigkeits-Level, mit festem Stammplatz im Mucken-Stammkader)

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • ist ja auch Sinn von C., dass wir alle uns gegenseitig mit Tipps, Impulsen, Anregungen, Hinweisen reichlich befruchten, um in Fülle zu ernten… .
    :jaja1: :jaja1: :jaja1:

    Jaaa, das stimmt! :thumbup:

    Ich habe es auch schon erlebt, dass man mit der Zeit seine Meinung ändert. Man selbst verändert sich, insofern verändert sich auch der persönliche Geschmack und die persönlichen Bewertungsmaßstäbe. Das ist doch spannend, und man muss die Größe haben, eine bereits vorhandene Meinung revidieren zu können, wenn notwendig :)

    Danke für den Tipp! Allgemein bekenne ich mich zwar zum Berg-Fantum, aber nicht zum Schönberg-Fantum (obwohl ich die Gurrelieder schon sehr mag).

    Wegen der im Mai 2023 in Kraft getretenen Forenregeln beteilige ich mich in diesem Forum nicht mehr (sondern schreibe unter demselben Pseudonym in einem anderen Forum), bin aber hier per PN weiterhin erreichbar.

  • Nach Chéreaus Pariser Version von 1979 (im Chéreau-Thread gepostet) nun noch eine neuere Aufführung aus Brüssel von 2021:

    Alban Berg: Lulu
    CASTConductor: ALAIN ALTINOGLUDirector: KRZYSZTOF WARLIKOWSKISet design & costumes: MAŁGORZATA SZCZĘŚNIAKLighting: FELICE ROSSDramaturgy: CHRISTIAN LONGCHAMP...
    www.youtube.com

    Eine eigenwillig-kurzweilige Inszenierung von Warlikowski, ein sehr lebendig und farbig spielendes Orchester unter Alain Altinoglu, vor allem aber eine umwerfende Barbara Hannigan in der Titelrolle. Die Intensität, mit der sie singt, spielt und auch tanzt (!), ist wirklich staunenswert. Dabei gestaltet sie einzelne Momente auch recht frei, doch geschieht dies nicht, um Grenzen ihrer sängerischen Möglichkeiten zu überspielen (wie m.E. bei Stratas 1979), sondern als Konsequenz aus ihrer (und Warlikowskis) Rollengestaltung und auf Grundlage einer absolut souveränen Beherrschung dieser (höchst anspruchsvollen) Partie (einschließlich der Koloraturen und Spitzentöne, auf die man bei Stratas zum Teil verzichten muss).

  • Diese DVD habe ich mir am Ostersonntag (als bewusstes Kontrastprogramm ^^) auch angeschaut, besonders weil ich neugierig auf Barbara Hannigan war. Gesanglich war ich auch sehr angetan von ihrer Leistung, ich stimme Deiner Bewertung "souveräne Beherrschung dieser (höchst anspruchsvollen) Partie" voll und ganz zu. Nachdem ich sie schon einmal auf der Bühne in Zimmermanns "Soldaten" erlebt habe, hatte ich daran auch wenig Zweifel, sie ist einfach eine Ausnahmesängerin. Trotzdem hat sie mich in dieser Rolle nicht wirklich gepackt, hat die Lulu für mich nicht glaubhaft verkörpert (anders als etwa Patricia Petibon, auch wenn die stimmlich vielleicht nicht ganz so gut ist). Das mag aber auch an der Inszenierung liegen, die ich wie die meisten Arbeiten von Warlikowski recht nervig fand (auch wenn ich noch schlimmere gesehen habe).

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Das mag aber auch an der Inszenierung liegen, die ich wie die meisten Arbeiten von Warlikowski recht nervig fand (auch wenn ich noch schlimmere gesehen habe).

    Mir ging es in dem Fall zwar nicht so, aber ich verstehe, was du meinst. Hannigan hat für mich in dieser Rolle etwas von einem Naturereignis, das hat mich vielleicht über einiges Nervige hinwegsehen und -hören lassen. Um das Erlebnis der Münchner "Soldaten" (ich nehme an, die waren es?) beneide ich dich.

  • Um das Erlebnis der Münchner "Soldaten" (ich nehme an, die waren es?) beneide ich dich.

    Ja, das war 2014 in München, eines meiner beeindruckendsten und wirklich erschütternsten Opernerlebnisse überhaupt.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

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