Rahmenbedingungen von Aufführungen: Mit oder ohne Publikum? Die Folgen und zukünftige Entwicklungen

  • Ich würde doch davon ausgehen, daß z.B. die primäre Form der Rezeption des WTK für einen Musiker die war und ist, daß er es selber und für sich spielt, da mögen denn auch mal ein oder wenige Personen mithören.

    Davon würde ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen nicht ausgehen. Die mehr oder minder unterschwellige Interaktion mit dem Publikum spielt eine erstaunlich große Rolle (das ist einer der Gründe dafür, dass ich Konzertmitschnitte gegenüber Studioaufnahmen beim Erwerb von Klangkonserven bislang fast immer bevorzugt habe). - -


    Vielleicht sollten sie auf das erzwungene Auftrittsverbot öfter mit Stille antworten, statt sich massenhaft und ohne erkennbaren Widerspruch auf digitale Ersatzformate zu stürzen. Der Wert einer Sache wird oft erst dann so richtig bewusst, wenn sie nicht mehr vorhanden ist. Das wird im Falle der Musik durch Streamings usw. unterlaufen, mit der möglichen Folge, dass aus den ursprünglich als Notlösung gedachten Formaten ein "Normalfall" wird, der es zum Beispiel in Zukunft schwerer machen dürfte, für die Finanzierung "analoger" Konzerthäuser zu argumentieren, wenn sich doch scheinbar gezeigt hat, dass es ein simples Aufnahmestudio auch tut. Vor allem aber ist Musik ein bidirektionaler kommunikativer Vorgang zwischen Musikern und Zuhören, auch wenn letztere scheinbar nur still dasitzen. Die digitalen Ersatzformate ohne Publikum können diesen zentralen Aspekt nicht erfüllen, was allerdings umso weniger auffallen dürfte, je mehr die Musiker selbst durch ihr Verhalten signalisieren, dass sie ihn für entbehrlich halten. Statt dessen versichern sich alle gegenseitig, dass an der digitalen Konzertzukunft sowieso nichts mehr zu ändern sei und man ja durch die Krise die großartige Möglichkeit hätte, endlich auf den Zug der Zeit aufzuspringen.

    Ich bin ja selten einer Meinung mit Christian Köhn und verzichte mittlerweile aus diesem oder jenem Grund normalerweise auf eine Reaktion, wenn er einen mich grundsätzlich tangierenden Beitrag veröffentlicht, aber in diesem Fall spricht er mir tatsächlich aus der Seele: Die infolge der "Pandemie" zu beobachtende allgemeine Flucht der Musiker in die Digitalität halte ich für höchst problematisch - wenn nicht gar heillos. In der Tat wird oft so agiert, als sei das an allen Ecken und Enden ins Kraut sprießende Hantieren "online" ein nahezu vollwertiger Ersatz für das direkt von Person zu Person gelebte Leben. Die reale persönliche Begegnung wird mehr und mehr entwertet. Alles in allem gewinnt das (zeitlich viel weiter gefasste, in gewisser Hinsicht sogar immer wiederholbare) Surrogat die Oberhand über die wirklich gegenwärtige Gegenwart....


    Herzliche Grüße


    Bernd

  • Die infolge der "Pandemie" zu beobachtende allgemeine Flucht der Musiker in die Digitalität halte ich für höchst problematisch - wenn nicht gar heillos. In der Tat wird oft so agiert, als sei das an allen Ecken und Enden ins Kraut sprießende Hantieren "online" ein nahezu vollwertiger Ersatz für das direkt von Person zu Person gelebte Leben.

    Wer "agiert" denn so, wer suggeriert das? Ich kann das so nicht erkennen. Die Gefahr dazu besteht natürlich, insbesondere, dass Entscheider dies für sich ausnutzen wollen.

    Die reale persönliche Begegnung wird mehr und mehr entwertet. Alles in allem gewinnt das (zeitlich viel weiter gefasste, in gewisser Hinsicht sogar immer wiederholbare) Surrogat die Oberhand über die wirklich gegenwärtige Gegenwart....

    Das scheint mir ein ganz anderer gesellschaftlicher Aspekt, der mit Corona zunächst mal überhaupt nichts zu tun hat. Ich hatte neulich ein "Streit"gespräch zu dem Thema mit einem Freund. Ich denke, dass für junge Leute heutzutage die Kommunikation via sog. "sozialer Medien" einen viel höheren Stellenwert hat als für uns "alte Säcke", die das kaum verstehen können. Aber ich glaube, das ist einfach ein Wandel in der Gesellschaft (durch die technische Entwicklung), den man nicht mögen, aber letztlich akzeptieren muss. Die jungen Leute gehen halt ganz anders mit diesen Medien um, sie sind damit aufgewachsen, und ein "Kontakt" virtueller Art bedeutet ihnen ähnlich viel wie für uns ein persönlicher Kontakt "face-to-face". Ich denke, das sollte man nicht per se abwerten.


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Das scheint mir ein ganz anderer gesellschaftlicher Aspekt, der mit Corona zunächst mal überhaupt nichts zu tun hat. Ich hatte neulich ein "Streit"gespräch zu dem Thema mit einem Freund. Ich denke, dass für junge Leute heutzutage die Kommunikation via sog. "sozialer Medien" einen viel höheren Stellenwert hat als für uns "alte Säcke", die das kaum verstehen können. Aber ich glaube, das ist einfach ein Wandel in der Gesellschaft (durch die technische Entwicklung), den man nicht mögen, aber letztlich akzeptieren muss. Die jungen Leute gehen halt ganz anders mit diesen Medien um, sie sind damit aufgewachsen, und ein "Kontakt" virtueller Art bedeutet ihnen ähnlich viel wie für uns ein persönlicher Kontakt "face-to-face". Ich denke, das sollte man nicht per se abwerten.

    Auch wen in meinem Fall nur ein einzelner Fall meine Meinung bestätigt, aber :
    Meine Tochter machte mir schon vor Jahren heftige Vorwürfe, ich würde sie missionieren mit meiner Musik, denn ich würde sie laut hören. Auf meinen Einwand, das wäre doch nur Zimmerlautstärke kam dann ein eben. Sie hört über Kopfhörer, Lautsprecher findet sie überflüssig, in der Wohnung, die sie mit ihrem Freund bewohnt gibt es daher auch keine.
    Wenn ich mich an meine 'Jugend' erinnere, war es typisch für gleichaltrige, mit Gettoblaster und Co die Umgebung mit dem eigenen Frust zu nerven. Wenn ich heute raus gehe, ist die Welt relativ still geworden. Ich glaub auch, dass sich die Hörgewohnheiten geändert haben, 'das Live-Konzert', welches wir noch über alles schätzen, ist für viele der jüngeren eher nervtötend. Was haben wir uns nicht alle amüsiert, wenn Jugendliche mit ihrem Nachbarn über asoziale Medien kommunizierten, statt direkt :) zu reden.

  • Also ich persönlich freue mich sehr über die aktuellen Streaming- und Video-Angebote als momentanten Ersatz für das live-Konzert.


    Und da die Kameras ja häufig die jeweils ausführenden Musiker in Nahaufnahme zeigen, kann man hier die Interaktion der Musiker untereinander supergut beobachten kann - das finde ich immer wieder sehr faszinierend und das erhöht meinen "Konzert"-Genuss nochnmals deutlich, da dies als Zuschauer im Saal doch i.d.R. nicht so deutlich beobachtet werden kann (es sei denn, man sitzt in der 1. Reihe und hat Adleraugen oder ein gutes Opernglas).


    Aber gleichzeitig stelle ich fest: es geht nichts über ein live-Konzert. Der Klang ist ein ganz anderer, (viel besser und berührender), die Atmosphäre ist auch immer so "besonders" (zumindest für mich), und auch das direkte "Erleben" der Musiker gibt noch mal ein besonderes Feeling.
    Von daher kann ich mir nicht vorstellen, dass das Konzert-Stamm-Publikum seine live-Besuche nicht wieder aufnimmt, wenn es denn (hoffentlich bald) wieder möglich sein sollte.

    Viele Grüße - Allegro


    "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés

  • Ich glaub auch, dass sich die Hörgewohnheiten geändert haben, 'das Live-Konzert', welches wir noch über alles schätzen, ist für viele der jüngeren eher nervtötend.

    Dafür hätte ich jenseits Deines "Glaubens" schon gern einen Beleg.


    Grundsätzlich finde ich Argumente wie "Das ist nun mal der gesellschaftliche Wandel", "Das müssen wir akzeptieren, ob es uns gefällt oder nicht" usw. wenig überzeugend. Selbst wenn fast die ganze Gesellschaft sich in braver Angepasstheit übt, dann erwarte ich gerade von Künstlern das Gegenteil.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Nein, beim Konzert steht das Ergebnis eben nicht fest

    Sobald das Neujahrskonzert verklungen ist, steht das Ergebnis gleichsam fest. Sendeanstalten bieten Chose für begrenzte Zeit zum erneuten Reinziehn an. Ändert aber nix am Ergebnis des Konzerts.

    Die unmittelbare Kommunikation zwischen Musiker und Publikum ist im Konzert von grundlegender künstlerischer Bedeutung. Dagegen kann man nicht als Argument anführen, dass es sie bei CDs ja auch nicht gibt, weil CDs wie gesagt ein Kunstwerk eigener Art sind.

    Kam in meinem Posting weder als Argument dagegen rüber, noch wurde darin grundlegende künstlerische Bedeutung von Kommunikation zwischen Musiker und Publikum im Konzert irgendwie kleingehäckselt.

    aber man sollte dann doch ehrlich eingestehen, dass der künstlerische Mehrwert nicht gleich sondern unter Null ist...

    Muss nicht auf Frage von Mehrwert im Verhältnis zum Konzert mit Auditorium festgezurrt werden. Streaming bietet zusätzliche, ergänzende Gelegenheit sich eine fetzige Wiedergabe reinzuziehn, Meine Löffel hatten nämlich vor Corona-Zeit überhaupt keine Gelegenheit/Chance, sich Igor Levits Wiedergabe von Schostis op. 87 im Live-Konzert (Hertha-Stadt) bei voller Hütte reinzuziehn.

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Streaming bietet zusätzliche, ergänzende Gelegenheit sich eine fetzige Wiedergabe reinzuziehn

    Ja, die Konsumierbarkeit wird erleichtert. Aber das ist nicht mein Thema.

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  • Der Wert einer Sache wird oft erst dann so richtig bewusst, wenn sie nicht mehr vorhanden ist. Das wird im Falle der Musik durch Streamings usw. unterlaufen, mit der möglichen Folge, dass aus den ursprünglich als Notlösung gedachten Formaten ein "Normalfall" wird, der es zum Beispiel in Zukunft schwerer machen dürfte, für die Finanzierung "analoger" Konzerthäuser zu argumentieren, wenn sich doch scheinbar gezeigt hat, dass es ein simples Aufnahmestudio auch tut. Vor allem aber ist Musik ein bidirektionaler kommunikativer Vorgang zwischen Musikern und Zuhören, auch wenn letztere scheinbar nur still dasitzen. Die digitalen Ersatzformate ohne Publikum können diesen zentralen Aspekt nicht erfüllen, was allerdings umso weniger auffallen dürfte, je mehr die Musiker selbst durch ihr Verhalten signalisieren, dass sie ihn für entbehrlich halten.

    Ich hoffe, daß es nicht so weit kommt. Wie sich Musiker in der aktuellen Situation verhalten, ob sie sich zurückziehen oder ob sie zu Ersatzlösungen greifen, mag ich nicht beurteilen. Nur: Streaming ist auch für mich nur eine Notlösung (übrigens eine, die mich nicht sonderlich reizt, da höre ich lieber meine CDs). Und Opern am Bildschirm finde ich weitgehend uninteressant.


    Das eigentlich wertvolle Musikleben (wertvoll in meinen Augen!) findet im Konzertsaal und im Opernhaus statt; wenn das wegfällt, wird klassische Musik endgültig museal und hat bestenfalls noch historischen Wert.


    Wobei ich mich keineswegs gegen Studioaufnahmen ausspreche: Die bieten viele Vorteile, nicht nur den der leichteren Konsumierbarkeit; meinetwegen kann man diese Art, Musik zu machen, auch als eigene Kunstform begreifen, ich stimme da zumindest vorsichtig zu. Aber der Wegfall von Studioaufnahmen und auch Streaming wäre leichter zu verkraften als der Wegfall von Konzert- und Opernaufführungen mit Publikum.


    Daß Livekonzerte für Jüngere "eher nervtötend" sei, entspricht im übrigen nicht meiner (begrenzten) Erfahrung. Aber vielleicht gibt es da seriöse Untersuchungen?


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • In der Tat wird oft so agiert, als sei das an allen Ecken und Enden ins Kraut sprießende Hantieren "online" ein nahezu vollwertiger Ersatz für das direkt von Person zu Person gelebte Leben. Die reale persönliche Begegnung wird mehr und mehr entwertet. Alles in allem gewinnt das (zeitlich viel weiter gefasste, in gewisser Hinsicht sogar immer wiederholbare) Surrogat die Oberhand über die wirklich gegenwärtige Gegenwart....

    bin mir nicht sicher, ob diese Beschreibung die Wertigkeiten wirklich trifft. Das virtuelle "Treffen" ist halt eine Möglichkeit mehr, die gerade jetzt sehr geschätzt wird, wo die Alternative eben nicht reale Treffen ist, sondern gar keins. Ich habe das Gefühl, dass gerade diese Situation dazu führt, dass der Wert wirklicher Begegnung dadurch noch mehr ins Bewusstsein gerät.

    Wenn ich mich an meine 'Jugend' erinnere, war es typisch für gleichaltrige, mit Gettoblaster und Co die Umgebung mit dem eigenen Frust zu nerven. Wenn ich heute raus gehe, ist die Welt relativ still geworden.

    Lustig - die Alten nerven mit lauter Musik.. ist aber nicht ganz mein Eindruck - seit diese Bluetoothboxen mit relativ bassigem Sound Musik vom Handy spielen können, höre ich immer mal wieder junge Leute mit nervigen Sounds aus dem Rucksack durch die Stadt streifen.. aber vielleicht ist as auch ein Kleinstadt-Phänomen...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Ja, die Konsumierbarkeit wird erleichtert.

    das magst Du so schnoddrig als "Konsumierbarkeit" abtun - ich finde es wertvoll, wenn Menschen Musik kennenlernen können, die sie sonst nicht kennenlernen würden.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
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  • das magst Du so schnoddrig als "Konsumierbarkeit" abtun - ich finde es wertvoll, wenn Menschen Musik kennenlernen können, die sie sonst nicht kennenlernen würden.

    Das allerdings finde auch ich wertvoll!


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
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  • Übrigens kam das Thema Onlineunterricht neulich auch bei meiner Klarinettenlehrerin auf, nur so als Gedanke und Alternative für die unvorhersehbare Zukunft. Für mich ist klar, dass ich keinen Onlineunterricht nehmen werde, das bringt mir nichts. Das mögen andere aber anders sehen.

    Ich hatte in der ersten Welle ein paar Mal Online-Unterricht. Ich fand das besser als nichts. Wie im normalen Unterricht konnte mein Lehrer mich korrigieren und mir vorspielen. Zusammenspielen ging freilich nicht.


    Noch nicht? Denn die Technik macht ja gewaltige Fortschritte.


    Das Opernhaus-Zürich hat wegen der Corona-Krise in eine super moderne Soundanlage investiert, die es erlaubt, dass das Orchester und der Chor nicht im Saal, sondern jeweils getrennt in Nachbargebäuden musizieren. Dort können sie genügend Abstand voneinander halten. Nur die Solisten befinden sich auf der Bühne, sie sehen den Dirigenten auf Bildschirmen. Solisten, Orchester, Chor und natürlich das Publikum hören sich gegenseitig. Die Latenzzeiten der Datenübertragungsind offenbar gering genug. Leute aus meinem Bekanntenkreis haben mir bestätigt, dass das tatsächlich gut funktioniert.
    Ich hoffe freilich nicht, dass dieses Szenario so allgemein die Zukunft sein wird.


    Spannend fände ich aber schon, wenn man über die Ferne zusammen musizieren könnte. Mit einem Freund aus den USA würde ich das z.B. gerne tun.
    Auch in der musikalischen Interaktion zwischen Capriccio-Mitgliedern würde das ganz neue Möglichkeiten eröffnen. :pfeif:

  • das magst Du so schnoddrig als "Konsumierbarkeit" abtun - ich finde es wertvoll, wenn Menschen Musik kennenlernen können, die sie sonst nicht kennenlernen würden.

    Ich habe auch nicht geschrieben, dass das nicht wertvoll ist, sondern dass es nicht mein Thema ist. Wenn Du mal weiter oben liest, habe ich die Vorteile von CDs (stellvertretend für andere Tonaufzeichnungs-Medien) ausdrücklich benannt und nicht "schnoddrig abgetan". Im Übrigen geht das "Kennenlernen" von Musik dank der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Studioaufnahmen, Konzertmitschnitten und sogar Noten heutzutage einfacher denn je, ganz ohne gestreamte Pseudo-Konzerte ohne Publikum.

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    (Theodor W. Adorno)

  • um nochmal woanders einzuhaken:

    Davon würde ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen nicht ausgehen. Die mehr oder minder unterschwellige Interaktion mit dem Publikum spielt eine erstaunlich große Rolle (das ist einer der Gründe dafür, dass ich Konzertmitschnitte gegenüber Studioaufnahmen beim Erwerb von Klangkonserven bislang fast immer bevorzugt habe).


    deine Erfahrungen kann ich natürlich nicht und will ich nicht in Frage stellen.


    Aber wie sieht es historisch/empirisch aus?


    die Veranstaltung "Konzert", wie wir sie kennen, ist sicherlich auf einen engen Kontakt zwischen Spielern und Zuhörern ausgerichtet, und der wird dann auch "erfahren". Und das hat eine lange, lange Vorgeschichte, wohl seitdem es überhaupt Musik gibt.


    ich möchte da auch gar nichts behaupten, sondern quasi Plausibilitätsfragen stellen.


    also, Geistliche des 15, Jahrh. singen in einer Kathedrale in einem Gottesdienst eine Messe. "Publikum" ist vorhanden, folglich auch irgend eine Art von Kommunikation. Aber wird diese für die Sänger eine bedeutende Rolle gespielt haben? Anwesenheit von "Publikum" war nicht einmal für die Durchführung des Ritus erforderlich.


    Jahrhunderte später - ein Bach führt Kirchenkantaten und Passionen auf. Anders als heute nicht im Altarraum, sondern doch sicherlich auf der Orgelempore - für Publikumskontakt jedenfalls nicht optimal. Wieder gilt, "Publikum" war vorhanden, folglich auch irgend eine Art von Kommunikation. Und wieder die Frage, hing davon viel ab?


    Überhaupt wäre es auch reizvoll, von gegenwärtigen Organisten zu erfahren, wie diese den Publikumskontakt bewerten.


    Wozu hat sich "Ladye Nevell" eine Sammlung von Kompositionen von Byrd für Virginal anfertigen lassen? Konzertiert wird sie wohl kaum haben - hat sie sich vorspielen lassen (wie der Graf die Goldberg-Variationen), hat sie selbst für sich gespielt?


    z.B.:


    https://www.artgeist.de/wandbi…e-dame-am-virginal-39870/


    (richtig, die Dame blickt jemanden an - besagt das etwas? - auf mich wirkt das ein bißchen so, als wäre sie nicht ganz bei der Sache).


    die "Kunst der Fuge" ist neueren Erkenntnissen zufolge durchaus zum Spielen bestimmt, und sie wurde auch gespielt, z.B. von einem Schumann. Brauchte der dabei Zuhörer?


    wenn bei Schuberts zu Hause Streichquartett gespielt wurde, kam es da auf Zuhörer an, oder ging es nicht doch wesentlich darum, selbst die Werke kennen zu lernen?


    dasselbe wäre vom früher so verbreiteten vierhändigen Klavierspiel von Klavierauszügen von Sinfonien etc. zu sagen.


    die, die ein Instrument lernen - sie werden nicht alle entweder konzertierende Profis werden oder aber es mit dem Spielen ganz aufgeben. Ein gewisser Anteil wird weiterhin spielen - sei es allein oder mit wenigen im Ensemble. Ist das generell ein "defizitäres" Musizieren?


    ... aber bestimmt habe ich alles mißverstanden, und erzähle bloß Trivialitäten.

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • Wenn Du mal weiter oben liest, habe ich die Vorteile von CDs (stellvertretend für andere Tonaufzeichnungs-Medien) ausdrücklich benannt und nicht "schnoddrig abgetan".

    Die "Konsumierbarkeit" war ja ein Stichwort, als es um Konzertmitschnitte ging. Dass CDs und überhaupt Studioaufnahmen eine ganz andere Nummer sind, hast Du ja schon weiter oben hervorgehoben, und da bin ich auch ganz bei Dir: das ist eine Kunstform für sich, die ganz andere Qualitäten mit sich bringt als das Live-Erlebnis. was Amfortas09 angesprochen hatte: vom Moment der Aufzeichnung an ist das mitgeschnittene Konzert, die Live-Aufnahme, genauso fertig wie eine Studioproduktion und in dem Sinne nicht mehr "live".. das kann natütrlich dazu verführen, sie zu hören wie eine Studioaufnahme und den Unterschied nicht mehr auf dem Schirm zu haben...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Aber der Wegfall von Studioaufnahmen und auch Streaming wäre leichter zu verkraften als der Wegfall von Konzert- und Opernaufführungen mit Publikum.

    Echt? Nein für mich ist das genau anders herum. Aber ich war (und bin eigentlich auch noch) großer Beatles Fan ohne sie jemals Live gesehen zu haben. Aber die Musik hat mich berührt. Unabhängig von den realen Musiker. Die Musik hat etwas transportiert, dass mich in meiner Lebenssituation angesprochen hat. Ich war auch großer ACDC-Fan, ohne sie jemals live gesehen zu haben. Die kamen schlicht nicht in unsere Gegend. Von daher bin ich das schon immer gewöhnt Musik als Konserve zu hören. Live-Musik gab es nur von unserer Schul-Rockband, oder als ich selber noch versucht habe, Gitarre zu spielen.


    Ich glaube, dass ist eher ein kleines Problem, dass hier groß gemacht wird. Es wird nach Corona weiterhin Konzerte mit Zuschauer geben. Vielleicht nicht mehr ganz so viele. Da aber ja gefühlt immer ein Stück von Beethoven oder Brahms mit auf dem Konzertprogramm steht, finde ich das nicht so schlimm.


    Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen seit Jahrzehnten deutlich mehr Musik als LP/CD, Streaming etc. hören, als im Konzert-Saal sehen, von daher verstehe ich nicht so richtig, warum hier darüber plötzlich so großartig diskutiert wird.


    Anstatt sich darüber zu freuen, dass man neue Möglichkeiten hat, dass man mal neue Wege erkunden kann (Risiko und Chance sind mötlich), und vielleicht die Klassische Musik mal wieder etwas mehr mit dem Leben 2021 zu tun hat. Ich denke, dann könnten wir uns alle freuen!

    Viele Grüße, Michael

  • Ich verstehe die Problematik irgendwie nicht. Das heißt, naklar verstehe ich sie, aber ich halte sie nicht für ein Problem.


    Vor der Tonaufzeichnung gab es nur live. (Oder, bei Orchesterwerken, Bearbeitungen für Klavier vierhändig zum Selbststudium. Ging auch.)


    Dann gab es Tonaufzeichnung. Man hat mitgeschnitten. In zwei Spielarten:
    - einsam im Studio ohne Publikum
    - Mitschnitt einer Live-Aufführung.


    Dann gab es irgendwann Live-Übertragungen im Radio. Aber da war am Ort des Geschehens immerhin Publikum anwesend.


    Das waren doch schon alles verschiedene selbständige Kunstformen:
    (1) Die Live-Aufführung
    (2) Die Übertragung einer Live-Aufführung
    (3) Der Mitschnitt einer Live-Aufführung
    (4) Die Studio-Aufnahme, später auch bearbeitbar


    Jetzt kommt als zusätzliche Form das Streaming hinzu:
    (5) Live-Streaming einer Wiedergabe ohne Zuhörer.


    Klar ist das für die Aufführenden anders. - In der Musik habe ich es noch nicht erfahren. Aber ich durfte in diesem Jahr einige Kundenpräsentationen halten, ohne dem Auditorium ins Gesicht zu blicken - wo habe ich sie gerade und kann und sollte den Punkt vertiefen, wo verliere ich die Zuhörer gerade und sollte thematisch schwenken? Dieses (teils unbewusste) Feedback fehlte, was mir sehr schwer fiel.


    Aber wie immer gilt: Einige Künstler werden etwas aus der neuen Form machen, andere werden ihre Probleme haben, wieder andere werden das völlig verteufeln und der Sache für unwürdig erklären. Gab es aber schon bei (2), (3) und (4), ist also nicht grundsätzlich neu.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Die infolge der "Pandemie" zu beobachtende allgemeine Flucht der Musiker in die Digitalität halte ich für höchst problematisch - wenn nicht gar heillos. In der Tat wird oft so agiert, als sei das an allen Ecken und Enden ins Kraut sprießende Hantieren "online" ein nahezu vollwertiger Ersatz für das direkt von Person zu Person gelebte Leben.

    Die Diskussion fand bzw findet ja in allen Bereichen statt: darf man als Künstler der "Öffentlichkeit", die in Form von fragwürdigen Maßnahmen Kultur zur verzichtbaren "Unterhaltung" degradiert, überhaupt etwas geben oder verrät man damit seine ganze Branche und gaukelt der Gesellschaft vor, es würde garnicht "still" "ohne uns"? Daß irgendwer sein "Streaming-Konzert" als "vollwertige Ersatz" sieht, glaube ich eher nicht - vielleicht ist es eher eine Art Methadon für "live-Junkies", die auf diese Weise wenigstens irgendeinen Kontakt zum Publikum zu halten oder sich wenigstens zu suggerieren suchen.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Die "Konsumierbarkeit" war ja ein Stichwort, als es um Konzertmitschnitte ging.

    Nein, es ging um gestreamte "Konzerte" ohne Publikum. Man muss schon genau sein:

    • Zu Konzerten gehören wesentlich die Unvorhersehbarkeit, die Unwiederholbarkeit und die Kommunikation zwischen Bühne und Zuschauerraum, außerdem (was bisher noch nicht angesprochen wurde) auch die - hoffentlich - non-verbale Kommunikation zwischen Zuhörern, das Erlebnis gemeinsamen Zuhörens.
    • Studioproduktionen haben das alles nicht, bieten aber statt dessen andere Vorteile: Die Möglichkeit der nahezu absoluten Perfektion, den schnellen und leichten Zugriff auf riesige Mengen an Werken und Interpretationen usw.
    • Konzertmitschnitte (wenn es echte Mitschnitte ohne aufwändige Nachaufnahmen usw. sind) haben zwar nicht die Perfektion von Studio-Produktionen, geben aber oft immerhin einen Eindruck von der Saal-Atmosphäre wieder. Sie fördern bei denen, die live dabei waren die Erinnerung und schaffen bei allen anderen einen Eindruck von dem, was war. Ihr Fokus ist im Vergleich zu den beiden zuvor genannten Formen also mehr auf die Vergangenheit gerichtet.

    Welchen Vorteil haben demgegenüber "Konzerte" ohne Publikum, die live gestreamt werden? Zum Kennenlernen der Musik braucht sie im Bereich der Klassik in der Regel kein Mensch, denn von quasi allen gespielten Werken sind Aufzeichnungen leicht verfügbar. Es gibt bei ihnen keine Kommunikation, kein Gemeinschaftserlebnis, sie haben aber auch nicht die Perfektion von Studioproduktionen. Wenn sie anschließend zum Download angeboten werden, fällt sogar die Unwiederholbarkeit weg. Wozu braucht man sie also? Ich behaupte gar nicht, die Antwort zu kennen, aber ich wundere mich doch darüber, dass diese Frage insbesondere unter Musikern so gut wie gar nicht gestellt und diskutiert wird. Statt dessen stürzen sich alle wie die Herdentiere auf die schönen neuen Möglichkeiten, ohne zu fragen ob sie auch wirklich Neues bieten und zu welchem Preis.
    Noch ein Wort zu den von Zabki genannten Rezeptionsformen "für sich": Die sind natürlich nicht prinzipiell defizitär, aber hier geht es ja um öffentliche Formen der Musikrezeption. Auch das sollte man meines Erachtens nicht vermischen. Kein Mensch wird Musiker oder auch Laien dafür kritisieren, dass sie sich mit Musik beschäftigen (ok: Kein Mensch außer Reinhard Goebel, der sich mal bitter über ein Ärzte-Barockorchester beschwert hat...).

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    (Theodor W. Adorno)

  • Und Opern am Bildschirm finde ich weitgehend uninteressant.

    Echt? Ich empfinde gerade auch die Möglichkeit einer (guten) Kameraführung/-regie als einen erheblichen Mehrwert. Im Opernsaal sehe ich da ja immer nur eine Einstellung, die Totale und die meist noch aus einer gewissen Entfernung.


    maticus

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