F.W. Murnau - der Psychologe

  • F.W. Murnau - der Psychologe

    Friedrich Wilhelm Plumpe, bekannt als F.W. Murnau *1888 in Bielefeld - +1931 in Santa Barbara, Kalifornien


    1905 geht Murnau nach Berlin, wird dort Schauspieler bei Max Reinhardt, dreht ab 1917 Filme, wechselt 1926 in die USA und stirbt an den Folgen eines Autounfalls 1931 in den USA, wird dann aber in Berlin beerdigt.


    So karg diese Lebensstationen, so gering eigentlich sein Oeuvre. 22 Filme hat er gedreht, von denen aber nur 12 mehr oder weniger erhalten sind. Und trotzdem war und ist er einer der einflussreichsten, vielleicht einer der legendärsten Regisseure der Filmgeschichte.


    Filmbilder, die legendär geworden sind, die man sofort zuordnen kann, die es zu 'Poster-Ehren' geschafft haben, mit denen Kalender bestückt werden. Der Beitrag des deutschen Films dazu ist aber gar nicht einmal so groß. Der Roboter aus 'Metropolis' natürlich, Marlene Dietrich auf der Tonne sitzend im 'Blauen Engel', vielleicht noch ein, zwei andere und dann natürlich Max Schreck als Nosferatu in Murnaus gleichnamigen Film von 1922.


    'Nosferatu' - ein Film, der immer genannt wird, wenn der Name Murnau fällt. Ein Meilenstein des frühen Horrorfilms, aber Murnau war so weit, weit mehr, wobei der Aspekt des 'Horrors' in vielen seiner Filme eine Rolle spielte. Immer wieder bricht er ein, liegt wie ein Schatten auf dem Geschehen oder bestimmt es auch. Aber letztlich ging es Murnau um Anderes.


    Murnau studierte den Menschen, studierte ihn in Extremsituationen, an Scheidewegen, in Lebensentwürfen und in deren Scheitern. Und es ging ihm um die Psychologie der Personen, das Wie und Warum des Handelns und wie man dies im Film und mit Film deutlich, sichtbar machen könnte. Wie all die anderen der großen Regisseure der Stummfilmzeit begriff er dabei Film nicht nur als eine andere Form des Theaters, sondern als ein völlig neues Medium mit völlig neuen und neu zu entdeckenden Möglichkeiten. Sein Feld war das Melodrama, der Horror, die klassische Literaturverfilmung, wahrlich weniger die Komödie. Wobei der Horror bei ihm gepaart mit einer 'schwarzen Romantik' deutscher Tradition auftritt. Nicht, dass er entsprechende Sujets verfilmt hätte, aber es scheint immer wieder durch, mal deutlicher im hysterische Anfälle erzeugenden Wehen von Vorhängen, mal weniger in Naturbildern, mal kaum spürbar, höchstens auf Gesichtern oder als ein schlichtes Gefühl, eine Einbildung, die die Protagonisten bedrängt. Aber überhaupt ist sein Werk voll von künstlerischer Anspielungen, ist ein Gemenge unterschiedlichster kultureller Einflüsse.


    Murnaus Menschen handeln nicht 'einfach' so. Sie stehen immer in einer großen Tradition der europäischen Kulturgeschichte, sind Erbe davon, Teilhaber daran, offenbaren in ihrem Handeln all das, was über Jahrhunderte zu ihrem Wesen beigetragen hat. In dem Sinne war Murnau kein Radikaler, kein alles über Bord werfender Neuerer, sondern präsentierte mit seinen Menschen und ihrem Schicksal eher eine Summe dessen, was vorher war.


    Anders dann aber in seiner Filmsprache. Natürlich konnte er, als er 1917 begann, Filme zu drehen, noch nicht auf eine allzu lange Tradition zurückgreifen. 'Birth of a Nation' war zwei Jahre alt. Abgesehen davon, dass wir nicht wissen, wie seine frühen Filme aussahen, da sie alle verschollen sind, macht aber schon sein erster vollständig erhaltener Film von 1921 deutlich, wie souverän er die damals gängige Filmsprache beherrschte und auch, wie er schon damals mit technischen oder filmischen Neuerungen experimentierte. Drei Jahre später 'entfesselt' er dann die Kamera im 'Letzten Mann'. Dazwischen und danach kann man spüren und v.a. sehen, wie er filmisch experimentierte, die Filmsprache vorantrieb, wie er sie benutzte. Er benutzte sie, das ist wichtig, nicht um einen Effekt zu erzielen, sondern stets, um die Psychologie seiner Personen zu verdeutlichen. Alles dient dem Inhalt, dient dazu Handeln von Menschen, Abgründe im Menschen, seine Verzweiflungen, Triebe, Sehnsüchte, Begierden, Ängste, Freuden usw. zu versinnbildlichen.


    Murnau konnte wunderbar Bilder 'komponieren', nutzte das Dekor, die Raumausstattung, die Geometrie des Raums. Er experimentierte mit der Tiefe des Raums, auch und v.a. mit Tiefenschärfe, sah Natur als Ausdruck der Seelenlage. Die Montage wurde ein weiterer Schlüsselmoment seiner Filmkunst. Der Wechsel von Totaler und von Großaufnahme, die Parallelmontage, der 'enthüllende' Schnitt usw., als das verfeinerte er. Bei ihm wurde das expressionistische Spiel mit Licht und Schatten überführt in einen eher naturalistischen Gebrauch. Und er bewegte die Kamera. Zunächst zögerlich, dann immer 'hemmungsloser'. Er entfesselte sie eben.


    'Nosferatu', 'Der letzte Mann', 'Faust' - mindestens diese drei großen deutschen Stummfilme zeugen für seine unglaubliche Kunst. Daneben darf man aber nicht 'Tartüff', 'Phantom', 'Schloss Vogeloed' vergessen. Aber all das ist gar nichts, nach meiner unmaßgeblichen Meinung, gegen den Stummfilm aller Stummfilme, gegen 'Sunrise' von 1927. Nicht nur, dass er hier das gesamte Register seines technischen Könnens zieht, nicht nur, dass er eine vielschichtige, tragische, aber durchaus nachvollziehbare Geschichte erzählt, nicht nur, dass sie auch schauspielerisch exzellent umgesetzt wird - nein, 'Sunrise' lässt auf seltsame Weise vergessen, dass es sich eigentlich immer noch um einen Stummfilm handelt. 'Sunrise' ist Abschluss und Beginn zugleich, zieht die Summe der Möglichkeiten des Stummfilms und beendet damit auch diese eigenständige Kunstrichtung und leitet über in eine neue, eben den Tonfilm.


    Fazit? Murnau war ein großer Filmregisseur. Warum? Weil er das und das in seinen Filmen zeigte. Alles richtig, alles wichtig. Aber vielleicht ist er v.a. ein großer Filmregisseur, weil er, wie Fellini, den Menschen so sehr in den Mittelpunt stellte, weil alles dem Menschen diente, weil man immer und überall spürt, wie er den Menschen liebte.


    :wink: Wolfram

  • Ähnlich wie bei Fritz Lang werde ich versuchen, alle meine Murnau-Filme hier nach und nach vorzustellen und zu besprechen.


    Rein chronologisch gesehen kommt dieser zuerst:



    Der siebte Murnau und der erste vollständig Erhaltene. 'Der Gang in die Nacht' ist eine Mixtur aus Kammerspielfilm, Horror, Melodram, angereichert mit Naturschilderungen in der skandinavischen Filmtradition.


    'Er', ein Arzt, verlässt seine ihm hemmungslos ergebene, eher ihn sogar anschmachtende Verlobte für 'Sie'. 'Sie' verliebt sich allerdings nach der Heirat in einen blinden Maler (!), verlässt den Arzt, nachdem 'er' dem Maler das Augenlicht zurückgegeben hat. Der Maler erblindet langsam wieder und nur 'er' kann ihn retten, was 'er' aber verweigert, es sei denn, dass 'sie' sich das Leben nehmen würde. Das geschieht dann auch prompt. Alle gehen daran zugrunde. 'Er', 'sie', die Ex-Verlobte, nur der Maler ist zufrieden damit, dass er nun in seiner Dunkelheit verbleiben kann.


    Drehbuch Carl Mayer, einer der wirklich großen und innovativsten Drehbuchautoren der Filmgeschichte, auch wenn man es nach dieser Zusammenfassung vielleicht nicht vermuten würde. ;) Aber Mayer (Caligari, Genuine, Schloss Vogeloed, Scherben, Der letzte Mann, Tartüff, Berlin-Sinfonie einer Großstadt, Sunrise) war wegen seiner ungemein ausführlichen Drehbücher, seiner rhythmisierten Dramaturgie extrem einflussreich und eben wegbereitend.


    Trotzdem ist dieser Film weder vom Drehbuch, noch von der filmischen Umsetzung her ein filmisches Meisterwerk. Für sich genommen ein toller Film, aber im Gesamtwerk Murnaus eher ein Beginn, etwas was Möglichkeiten und Fähigkeiten aufzeigte. Wäre allerdings von ihm nur dieser Film überliefert, sähe es bestimmt ganz anders aus.


    'Der Gang in die Nacht' bietet ganz viel, was den späteren Murnau auszeichnen wird. Die Natur beschreibt stets die psychologische Situation der Protagonisten, das Dekor enthüllt ihre aktuelle Lage. Film wird als Film, als Kunstform deutlich, indem Murnau immer wieder Tiefenschärfe einsetzt und somit das natürliche Sehen unterläuft. Der Wechsel von Totaler und Großaufnahme ist teilweise atemberaubend und wenn er in diesem statischen Film die Kamera einmal schwenkt, ist es geradezu ein Schock. Aber genau in diesem Moment wird klar, dass alles noch Versuche sind, dass die Symbolik noch einen Tick zu überdeutlich ist, dass Murnau noch am Lernen ist. Er beherrscht die Filmsprache der damaligen Zeit meisterlich, aber später wird er sie geradezu genial einsetzen. Der Film bleibt eine Vorstufe zu späteren Meisterwerken.


    Er bleibt es aber auch nur aus heutiger Sicht, die wir ja die kommenden Filme kennen. Losgelöst davon empfinde ich ihn als einen großen Wurf, unabhängig von allen dramaturgischen Schwächen. Man spürt in wahrlich jeder Einstellung, dass da ein bedeutender Regisseur am Werke ist. Es holpert überall, es 'holzhammert' vielleicht auch überall und trotzdem bot dieser Film schon 1920 weit mehr als vergleichbare aus der selben Zeit. Wer sich für Murnau interessiert, wer sich für Stummfilm begeistert, kommt an ihm nicht vorbei.


    Schauspielerisch gibt es eine seltsame Mischung. Einfühlsames, manchmal auch geradezu modernes Spiel wechselt ab mit dem typischen theatralisch-pathetischen Stil, dass den deutschen Film so lange geprägt hat. Aber dann gibt es noch Conrad Veidt. Eine seltsame Mischung aus Cesare (Caligari), Paul (Orlac's Hände) und Nosferatu, den er ja nun nicht verkörpert hat. Verführerisch, dämonisch, tragisch. Für heutige Augen sicherlich seltsam und trotzdem irgendwie faszinierend. Diese unglaublich ausdrucksstarken, sich verkrampfenden Hände, das geradezu skelettartige Gesicht, der erste Auftritt als eine Art Ahasver, als 'Fliegender Holländer', der nun endlich zur Ruhe kommen darf. Veidt (übrigens von Murnau in seinen verschollenen Filmen zuvor schon öfters eingesetzt) bot immer mehr als nur die Rolle, bot auch den Mythos, die künstlerische Tradition. Alleine seinetwegen....


    :wink: Wolfram

  • Vielen Dank für den Thread, @Wolfram !
    Mein Sohn wird von mir gerade mit Murnaus "Faust" "Zwangs-traktiert" ;) , weil in der Schule gerade Faust-Lektüre angesagt ist.
    Das Gemecker seinerseits ist zwar groß, aber dann schaut er doch ganz interessiert, und ist in gewissem Rahmen vom Film doch ein klein wenig angetan.
    Der Bruder von Gretchen ist bereits gemeuchelt, jetzt fehlt uns nur noch das dramatische Ende.
    (Wir schauen es in Etappen an)
    Die Filmhandlung weicht allerdings inhaltlich wohl doch ganz schön vom Buchtext ab...


    :wink:


    amamusica

    Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
    all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)


    ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
    Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...




  • Vielen Dank für den Thread, @Wolfram !

    Aber gerne doch. ;)


    Ich habe mir vorgenommen, die Murnau-Filme mir alle chronologisch noch einmal wieder anzuschauen. Von daher dauert es mit dem 'Faust' noch ein wenig. Ich habe ihn auch nicht mehr so gut in Erinnerung, bis auf die unglaublichen Trickszenen, was natürlich nur ein Aspekt des Films ist. Von daher kann ich zur Abweichung vom Stück wenig sagen. Bin mal gespannt.


    :wink: Wolfram

  • Im selben Jahr (1921) drehte Murnau noch 'Marizza, genannt die Schmugglermadonna' (nur 13 Minuten erhalten), 'Schloss Vogeloed' und 'Sehnsucht' (verschollen).



    Da ich in 'Eben geglotzt' schon Einiges dazu geschrieben habe, kopiere ich das hier einfach einmal.


    Eine Mischung von Kammerspiel und Krimi, den auf Wikipedia angekündigten Horrorfilm habe ich nur in Ansätzen entdeckt. Bis auf ein leichtes Zucken bei der Kamera, das man gutwillig als Schwenk ansehen könnte, wird alles ganz statisch fotografiert. Dazu eine sehr geometrisch-sachliche Innenausstattung (es gibt nur wenige Szenen in der Natur) und eine fast choreografierte Personenführung im Raum. Das Leben auf Schloss Vogeloed ist eben streng gegliedert. Und trotzdem bebt es allerortens. Die Kamera hält ja durchaus Distanz, arbeitet viel mit Totalen, setzt Tiefenschärfe ein, um alle Personen gleichzeitig beobachten zu können. Und dann im entscheidenden Moment gibt es die Großaufnahme, um die Person aber auch sofort wieder zu verlassen, wenn der emotionale Höhepunkt der Szene vorbei ist. Wir bleiben also eher Beobachter, aber vor uns entfaltet sich also in Spiel und Choreographie der Personen im Raum, durch Licht und Dekor, durch Schnitt, Montage und Viragierung das Geschehen und es ist unglaublich spannend. Es ist letztlich ein Whodunnit, aber wirklich gut serviert.


    Es ist nicht Murnaus Meisterwerk, aber man spürt in einem fort die Hand eines Meisters. Absolut sehenswert, mindestens für jeden Stummfilmfan.


    Ich möchte das aber noch kurz ergänzen. Interessant auch hier die wenigen Ausflüge in die Natur. Wie bei den Skandinaviern war die Natur für Murnau immer Sinnbild, nie dekorative Umrahmung. Natur kann bedrohlich oder idyllisch sein, aber die Position der Protagonisten in ihr, ihre Umrahmung durch Natur hat immer psychologisierende und dramatische Gründe. Wenn der Besuch in 'Schloss Vogeloed' per Kutsche heranrollt, dann peitscht der Regen, die Bäume biegen sich im Sturm, Schlamm muss durchquert werden und die Kutsche erscheint wie ein geisterhaftes Gefährt. (Alles verweist übrigens schon sehr auf 'Nosferatu'.) Und sofort ist klar, dass hier nicht nur Ungemach sich nähert, sondern dass die Besucher, die noch nichts von der problematischen Situation wissen, die sie erwartet, etwas anderes mit sich bringen, dass es nicht das glückliche Ehepaar ist, dass Schweres auf ihnen lastet. Oder wenn die weibliche Hauptrolle mit den Kindern ihrer Freundin im Park spielt, wird sie von mächtigen Baumstämmen eingerahmt, die sie einzwängen, bedrängen. Murnau überließ nichts dem Zufall, suchte einen Drehort nicht danach aus, ob die Kamera gut positioniert werden konnte, die Schauspieler vor einem Hintergrund besonders gut wirken würden, der Gesamteindruck schlichtweg 'schön' wirken würde. Nein, bei Murnau war alles immer darauf angelegt, das Seelenleben der Protagonisten zu spiegeln und zu verdeutlichen.


    All das fand sich schon beim 'Gang in die Nacht', aber hier ist es noch strenger angewandt und man hat das Gefühl, bewusster und souveräner eingesetzt. 'Schloss Vogeloed' ist formal unglaublich strikt und einheitlich, was geradezu jedem Bild eine starke Kraft verleiht. Und trotzdem, wie oben schon gesagt, nicht eines seiner Meisterwerke. 'Schloss Vogeloed' ist ein wenig wie das Kind, das Bankdirektor wird, die Eltern freuen sich, sind unendlich stolz und dann entpuppen sich die nachgeborenen Geschwister als vier Nobelpreisträger. :D


    :wink: Wolfram

  • Heute nun der Film, mit dem Murnau wohl am stärksten verknüpft ist:


    (1922)


    Der frühe Klassiker des Horrorfilms, der ein ganz Genre maßgeblich beeinflusst hat. Ist das übertrieben? Man kann es jedenfalls allerorten lesen. Und sei es auch eine Übertreibung, etwas Wahres steckt da natürlich schon drin. Denn der Film ist sicherlich legendär und steht geradezu für den deutschen Stummfilm so wie 'Das Cabinet des Dr. Caligari' oder wie 'Metropolis'.


    Ich habe ihn heute, viragert, in der Ausgabe der Murnau-Stiftung mit der Originalmusik geschaut. Trotz Rekonstruktion und digitaler Überarbeitung liegt das Material in sehr unterschiedlicher Qualität vor, was darauf zurückzuführen ist, dass unterschiedlichste Quellen und Kopien herangezogen werden mussten. Relativ schnell nach der UA erging ein Gerichtsurteil, dass der Film aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten vernichtet werden musste. Überlebt haben aber Schnittkopien aus diversen Ländern und in unterschiedlicher Qualität, so dass die Rekonstruktion erfolgen konnte, aber mit den entsprechenden technischen Mängeln.


    Natürlich ist 'Nosferatu' in erster Linie ein Horrorfilm, in dem es um Angst und Schrecken geht. Aber der Krude Schock lag nicht im Interesse von Murnau. Er erzielt Spannung auf unterschiedlichsten Wegen. Natürlich sind wir filmgeschichtlich fast 100 Jahre weiter und das Gesicht von Max Schreck in der Titelrolle versetzt uns nicht mehr in Angst und Schrecken. Natürlich sind wir ganz andere Dinge gewohnt. Und trotzdem kann der Film immer noch fesseln. Max Schreck schockt nicht mehr, aber er fasziniert auf eine ganz eigentümliche Art und Weise. Was den Film aber wohl immer noch so aufregend macht, ist die Fülle an Assoziation, an Deutungsmustern und die Frage, wie Murnau dies filmisch erreicht hat.


    -Ellen - Hutter - Graf Orlok (Nosferatu) bilden ein Dreigestirn. Jeder ist jedem auf eine ganz bestimmte Art verfallen, wobei die erotische Komponente dabei sehr deutlich gemacht wird.
    -Nosferatu und die Natur, die Tierwelt. Tiere reagieren auf ihn, spüren ihn, nehmen ihn als Teil ihrer Welt war, was wiederum ihn zu einer einer Kreatur macht, die als Teil einer gefährlichen, nicht beherrschbaren Natur von den Menschen erlebt wird.
    -Brüche und Unlogisches vermehren den Eindruck, sich in einem Traum zu befinden, ein Traum in dem Ängste und Sehnsüchte ans Licht treten.
    -'Nosferatu' als Reaktion auf den Weltkrieg, auf 'Spanische Grippe' und auf Auflösung der bisherigen Ordnung.
    -Der Mensch und der Einbruch des Irrationalen in eine wohlgeordnete bürgerliche Welt. Ängste und Fantasien. Der 'zivilisierte' Mensch, der den Bezug zum Unerklärbaren längst verloren hat und nun sozusagen in die Falle tappt.
    -Nosferatu auch als 'Führergestalt', der die Gesellschaft, die sich in ihrer heimeligen Sorglosigkeit eingerichtet hat, nun überwältigt.


    Der Deutungen sind viele, aber auch die filmische Seite ist mehr als interessant. Wenige Filme zuvor in Deutschland haben so viel Gebrauch von Außenaufnahmen gemacht, haben so viele Zwischentitel in unterschiedlicher Form benutzt, haben einzelne Szenen so häufig durch Schnitte belebt. Licht und Schatten spielen natürlich eine wichtige Rolle, ebenso wie die Zusammenführung unterschiedlicher Handlungen durch die Montage. Die Kamera ist relativ starr, filmt aber das Geschehen durchaus immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven. Bei unbewegter Kamera wird die Bildkomposition und die Führung der Personen innerhalb des Bildrahmens umso wichtiger. Auch hier findet Murnau immer wieder interessante Blickrichtungen, vermittelt Einsichten oder verschärft die Spannung. Tiefenschärfe macht die Gleichzeitigkeit von Aktionen deutlich. Tricks werden eingesetzt. Zeitraffer, Bildnegative, Überblendungen. Murnau, das wird deutlich, beherrschte das Medium.


    'Nosferatu' ist vielleicht nicht mehr der Horrorfilm, der einem Zuschauer von 2021 wirklichen Horror bereitet, aber er ist ein überaus gelungener Film, in dem alle Teile ihren Sinn ergeben, sich zu einem Ganzen fügen und der in seiner Vielschichtigkeit weiterhin höchst faszinierend ist. Und es ist der Film, der Murnau nun endgültig als ein Meister seines Fachs zeigte.


    :wink: Wolfram

  • Kann das alles nicht so kompetent ausdrücken, lieber Wolfram, aber jupp :thumbup: Liebe den sehr (bei allen Schwierigkeiten mit Stummfilmen, siehe den allgemeinen Stummfilmthread).


    [OT: Hier nebenbei, das Remake von Herzog, das finde ich auch toll trotz Vergröberungen und zeitbedingter Schwächen. Aber das Grundfeeling hält er. Muß man ja auch erstmal hinkriegen, einen Stummfilm zu remaken ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Hut ab!]


    Aber der Murnau, der originale, der wächst bei mir nach jedem Sehen. Und drei Durchläufe brauchte er schon... Aber heute...


    Ich brauch für Stummfilm viel Zeit und sehr besondere Stimmungen. Dann aber geben sie mir was was mir andre Filme nicht geben. Dieser war die Eintrittskarte.



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Muß man ja auch erstmal hinkriegen, einen Stummfilm zu remaken ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Hut ab!

    Das weiß ich gar nicht mal, lieber Garcia. Die erfolgreichen Remakes von Filmen aus der Stummfilmzeit, gerade in den USA, aber nicht nur da, sind geradezu Legion. Teilweise gab es schon Remakes während der Stummfilmzeit, aber danach wilderte v.a. Hollywood ständig und durchaus erfolgreich in den stummen Gefilden. Andererseits kann man die stummen und tönernden Filme mit dem selben Titel schlecht vergleichen, weil halt völlig unterschiedliche Kunstformen mit ganz anderen Ausdrucksmöglichkeiten.

    Aber der Murnau, der originale, der wächst bei mir nach jedem Sehen.

    Geht mir genauso. Übrigens Dank für dein Feedback. Hat mich sehr gefreut.


    :wink: Wolfram

  • Im selben Jahr (1922) wie 'Nosferatu' kam auch noch



    in die Kinos. 'Phantom' basiert auf einer Geschichte Gerhard Hauptmanns, der zu Beginn selber im Film zu sehen ist und zu dessen 60. Geburtstag der Film uraufgeführt wurde.


    Horror und Okkultismus wie in 'Nosferatu' wird man hier vergeblich suchen. 'Phantom' ist die in einer langen Rückblende erzählte Geschichte eines Kleinbürgers, der auf Abwege gerät, aber letztlich dann doch noch ein Happy End in seinem Leben erfährt.


    Es gibt viele tolle Momente in 'Phantom' und ich mag den Film eigentlich sehr, wenn nicht dieses unsäglich kitschige Happy End wäre. Ich weiß nicht genau, ob Murnau sich damit lustig machen wollte, ob Erich Pommer dahinter steckte, um den Film als Geburtstaggeschenk an Hauptmann besonders 'rund' zu machen oder ob Murnau es vielleicht doch ernst meinte. Kann ja auch sein. :D Jedenfalls ist das Eheglück vom Ex-Zuchthäusler Alfred Abel und der leicht pummeligen Nachbarstochter Lil Dagover inmitten ländlicher Idylle, inmitten von blühenden Obstbäumen, schon ziemlich aufgesetzt. Fehlen eigentlich nur noch ein paar blökende Schafe, die durch's Bild trotten. Aber leider ist das noch ein Stummfilm und da klappte es mit dem Blöken ja nicht so richtig. :D


    Denn bis dahin ist der Film bester Murnau oder sagen wir zweitbester, denn die Dichte und Stringenz seiner großen Meisterwerke erreicht er noch nicht.


    Aber er hat seine Meriten. Was ihn vielleicht wirklich am meisten auszeichnet, ist diese Mischung, die durchaus typisch für Murnau ist und die er auch hier zusammenhalten konnte. 'Phantom' fällt nicht auseinander, auch wenn er unendlich anspielungsreich und mehrschichtig ist.


    Da gibt es die häusliche Situation, dominiert von Frida Richard als Mutter (glänzend gespielt), also purer Naturalismus. Daneben dann wieder das fantastische Element, wenn z.B. die klaustrophobische Enge der kleinbürgerlichen Welt deutlich wird mitsamt der Bedrängung, die auf Alfred Abel dadurch lastet. Dies dann ganz filmisch umgesetzt. Dann die heimelige, spießige Welt der Nachbarn mit dem übergroßen Fenster zur Dorfstraße hin, durch das jederzeit alles beobachtet werden kann. Dagegen die Welt der Verführung (Lya de Putti und Co.), immer auch mit dem Bett im Zentrum, mit Kamerawirbel und Einstellungen, die sonst nicht zu sehen sind. Und natürlich die Tante, die Geldverleiherin, mit ihrem kriminellen Lover und dessen Geliebten (auch hier wieder ständig das Bett im Vordergrund), als eine Art Schattenseite zur armen, aber reinlichen häuslichen Welt von Alfred Abel fungierend, Und natürlich die Rahmenhandlung mit der ländlichen Idylle. Dazu die ganzen Querverbindungen zwischen den einzelnen Welten. Alle eigentlich unvereinbar, alle so auch dargestellt, aber alle durch Murnau exzellent zusammengeführt. (Bis auf die Rahmenhandlung. ^^ )


    Im Vergleich zu 'Nosferatu' schwächelt dieser Film, weil er nicht dessen Hemmungslosigkeit besitzt, weil er den Kleinbürgermief nicht verlässt, weil er sich auf eine 'normale', d.h. nachvollziehbare Geschichte beschränkt. Aber er hat auch Vorteile diesem Vorgänger gegenüber. Die schauspielerischen Leistungen sind z.B. durch die Bank überzeugender. Insgesamt ist es aber eher ein erweitertes Kammerspiel mit wunderbaren Einstellungen und Arrangements innerhalb des Bildes, dass sich eben auf die Bedrohung eines Einzelnen beschränkt. Das wiederum ist glänzend umgesetzt. Halt bis auf den Schluss. :D


    :wink: Wolfram

  • Und noch einmal das selbe Bild, denn in dieser Edition befindet sich auch der nächste erhaltene Murnau-Film.



    Die Finanzen des Großherzogs von 1924, Murnaus einzige Komödie.


    Es ist ein komisches Ding, eine Mischung von romantischer Komödie, Farce, Posse, Märchenspiel. Die Handlung ist verwickelt, nicht immer sofort durchschaubar, was vielleicht auch daran liegt, dass der Film nach der Uraufführung um gut die Hälfte gekürzt wurde. Es gibt wunderbare Einfälle, v.a. das Hunderennen in einer Villa. Das ist wirklich köstlich. Sehr schön auch die Außenaufnahmen, die in Kroatien stattfanden. Aber insgesamt schleppt der Film sich dann doch, ist zu uneinheitlich und oftmals auch zu naiv. Das mag an der radikalen Kürzung liegen, aber ich befürchte eher, es liegt daran, dass Komödie einfach nicht Murnaus Stärke war. Dabei inszeniert er den Film durchaus flott, kann Pointen auch immer wieder richtig setzen, aber sie sind eben nicht sonderlich stark.


    Ein Film mit schönen Bildern, interessant innerhalb seines Oeuvres, aber wenn man ihn nicht sieht, hat man deshalb sein Leben nicht umsonst gelebt. :D


    :wink: Wolfram

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