Juilliard String Quartett

  • Juilliard String Quartett

    Das Juilliard String Quartett wurde 1945/46 durch den Komponisten und Leiter der Juilliard Music School William Schuman und den Geiger Robert Mann begründet. 1947 erfolgte der erste Auftritt und innerhalb weniger Jahre reüssierte das Quartett zu einem der weltweit führenden Ensembles. Neben der Pflege des klassischen und romantischen Repertoires hat sich das Juilliard Quartett auch immer für die Werke Bartoks und der 2. Wiener Schule sowie zeitgenössische Werke (Carter, Imbrie, etc) eingesetzt. Unzählige Einspielungen vor allen aus der LP-Ära zeugen davon. Bis heute wirkt das Quartett - natürlich mit wechselnder Besetzung - an der Juilliard School und bildet junge Ensembles aus. Seit 2016 ist das Quartett auch "weiblicher" geworden.

    1. Violine: 1947–1997 Robert Mann; 1997–2009 Joel Smirnoff; 2009–2011 Nick Eanet; 2011–2018 Joseph Lin; 2018- Areta Zhulla

    2. Violine: 1947–1958 Robert Koff; 1958–1966 Isidore Cohen; 1966–1986 Earl Carlyss; 1986–1997 Joel Smirnoff; 1997- Ronald Copes

    Viola: 1947–1969 Raphael Hillyer; 1969–2013 Samuel Rhodes; 2013- Roger Tapping

    Violoncello: 1947–1955 Arthur Winograd; 1955–1974 Claus Adam; 1974–2016 Joel Krosnick; 2016- Astrid Schween

    Sony bringt im Juni eine CD-Box mit den frühen Aufnahmen 1947-1956 des JSQ heraus, für Sammler sicher ein Muss. Die Aufnahmen sind naturgemäß in MONO. Dass einige Aufnahmen für andere Besetzungen dabei sind, hängt vermutlich damit zusammen, dass man den originalen Kontext der Erstveröffentlichungen beibehalten wollte.

    Inhalt der 16 CDs:

    Milhaud: Cantate de l'enfant et de la mere op. 185 für Sprecher, Klavier, Streichquartett; La Muse menagere op. 245 für Klavier
    Bartok: Streichquartette Nr. 1-6
    Berg: Lyrische Suite; Streichquartett op. 3
    Ravel: Streichquartett F-Dur
    Copland: Sextett für Klarinette, Klavier, Streichquartett
    Kohs: Kammerkonzert für Viola & Streichnonett
    Schuman: Streichquartett Nr. 4; Voyage für Klavier
    Dahl: Concerto a tre für Klarinette, Violine, Cello
    Schönberg: Streichquartette Nr. 1-4
    Webern: 5 Sätze für Streichquartett op. 5
    Kirchner: Streichquartett Nr. 1
    Fine: Streichquartett
    Mennin: Streichquartett Nr. 2
    Imbrie: Streichquartett Nr. 1
    Mozart: Streichquartette Nr. 20 & 21
    Thomson: Streichquartett Nr. 2
    Haieff: Streichquartett Nr. 1
    Barber: Hermit Songs op. 29 für Sopran & Klavier
    Foss: Streichquartett Nr. 1
    Bergsma: Streichquartett Nr. 3

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Inhalt der 16 CDs: [...]

    Da sind ja einige Raritäten dabei, Komponisten, von denen ich noch nie gehört habe: Kohs, Dahl, Kirchner, Fine, Mennin, Imbrie, Thomson, Haieff, Bergsma.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Zu Andrew Imbrie schrieb ich mal in einem anderen Forum:

    Der Name Andrew Imbrie ist hier im Forum (Tamino) erst einmal gefallen, 2005 im Zusammenhang mit seinem Violinkonzert. 1921 geboren, 2007 verstorben, handelt es sich um einen amerikanischen Komponisten der Moderne. Ausgebildet bei Nadia Boulanger (davon hört man nichts) und Roger Sessions. Sein 4. Streichquartett ist das einzige seiner Werke, das ich kenne, vielleicht wird es auch dabei bleiben.

    Imbrie schreibt atonale Musik, legt aber Wert darauf kein Serialist zu sein. Tatsächlich findet man Reste von Tonalität, obwohl ich bezweifele, dass der unvorbereitete Hörer das registriert. Am ehesten lässt sich sein 4. Streichquartett mit dem 4. von Bartok vergleichen, es ist nur noch etwas schwieriger zugänglich. Sehr abstrakte Musik. Eingespielt wurde das Stück 1978 vom Emerson String Quartett, das war das Jahr als die vier den Naumburg Wettbewerb gewonnen haben, also möglicherweise ihre erste Platte überhaupt. David Finckel war noch nicht dabei.

    Zu Irving Fine:

    Der einzige von den oben gelisteten Komponisten, von dem ich noch nie gehört hatte, war Irving Fine. Irving Gifford Fine (* 3. Dezember 1914 in Boston, Massachusetts; † 23. August 1962 ebenda) war ein US-amerikanischer Komponist. Fine studierte an der Harvard University bei Edward Burlingame Hill, Walter Piston und Sergei Alexandrowitsch Kussewizki und von 1938 bis 1939 in Paris bei Nadia Boulanger. Von 1945 bis 1950 wirkte er als Assistent Professor an der Harvard University, danach unterrichtete er an der Brandeis University, wo er 1954 Professor wurde. Er komponierte eine Sinfonie, eine Orchestersuite, ein Lamento für Streichorchester, kammermusikalische Werke, Chöre und Lieder. Er starb völlig unerwartet 47-jährig kurz nach der UA seiner einzigen Symphonie durch das BSO unter Charles Munch. Irving zählte zu den "Boston Six" zu denen auch Copland, Bernstein, Shapiro, Lucas Foss und Arthur Berger gehörten. Copland soll über Irving gesagt haben: "He was the best of us".

    Nach dem Hören seiner einzigen Symphonie will man nicht unbedingt widersprechen. Das Ding hat es in sich. Ein Panoptikum aller Trends des 20. Jahrhunderts ist dies eine Partitur, wie sie erregender und spannender kaum denkbar ist. Eine echte Symphonie ist das Werk m.E. nicht, eher eine dreisätzige Ballettmusik, die da weitermacht, wo Bartok und Stravinsky ca. 1920 aufgehört haben. Wie deren Musik bewegt sich das Werk am äußersten Rande dessen, was man noch als tonale Musik bezeichnen würde, allerdings türmen sich Dissonanzen und wilde Klänge. Interessanterweise erinnert die Musik mich an einen sowjetischen Komponisten, der ähnlich das 20. Jahrhundert geplündert hat, an Andrej Eshpai und auch die Filmmusik von Bernard Herrmann (Psycho) schaut am Ende kurz vorbei.
    Joel Spiegelmann - selbst US-amerikanischer Komponist - fand offensichtlich im Heimatland keine Möglichkeit, die Musik von Fine einzuspielen und musste nach Moskau ziehen. Das dortige RSO hat aber alles getan, um diese Musik angemessen umzusetzen. Kurze Hörproben der anderen Stücke auf der CD weisen daraufhin, dass die Symphony auch im Schaffen von Fine einen absoluten Höhepunkt markiert.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Da sind ja einige Raritäten dabei, Komponisten, von denen ich noch nie gehört habe: Kohs, Dahl, Kirchner, Fine, Mennin, Imbrie, Thomson, Haieff, Bergsma.

    :wink:

    Es wären bei mir auch genau diese Namen - mit Ausnahme von Peter Mennin. Da kenne ich vor allem etwa drei Sinfonien. Es ist keine bequeme Musik, aber allzu fordernd ist sie auch nicht. Sagen wir mal aus der Erinnerung: (Neo-)Epxressionismus.

    Du bringst mich da völlig überraschenderweise auf eine Höridee für später, Mr. Gurnemanz ...

    Wenn der Thomson mit Vornamen Virgil heißt, kenne ich ihn zwar primär auch nur dem Namen nach, aber da könnte sich was finden lassen ...

    Wenn der Dahl mit Vornamen Roald heißt ... X( :rolleyes: 8| Ach, Wolfgang, Du Waafbeutel.

    Die von Wieland verlinkte Box - schönen Dank! - würde mich reizen - eben genau wegen der Raritäten und letzte Woche wurde durch einen Tageseinsatz neuer Platz für Silberscheiben geschaffen.

    Einige eher Standardliteratur betreffende Aufnahmen mit dem Juilliard-Quartett kenne ich. Die Formation wird man mittlerweile als altehrwürdig bezeichnen dürfen - da schwingt viel Ehre mit und Würde und drum herum natürlich Patina, etwas Grünspan ... oder ist das auch nur Patina ...

    Man kann sie ja mal zwischenlagern im System, diese Box ...

    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Die Formation wird man mittlerweile als altehrwürdig bezeichnen dürfen - da schwingt viel Ehre mit und Würde und drum herum natürlich Patina, etwas Grünspan ... oder ist das auch nur Patina ...

    Das könnte man mal überprüfen. Optisch attraktiver geworden ist das Quartett auf jeden Fall. Und diverser***.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Das könnte man mal überprüfen. Optisch attraktiver geworden ist das Quartett auf jeden Fall. Und diverser***.

    1. Deine drei Sternchen machen mich schmunzeln ...

    2. Grünspan ... ist das nun eine Variante von Patina? Oder funktioniert das so nicht, naturwissenschaftlich bzw. terminologisch betrachtet? Du bist doch beinahe vom Fach?

    3. Bei der neuesten Juilliard-CD verstehe ich die etwas platte Mischung nicht so ganz - gerade weil die von Dir oben verlinkte große Sammlung so viel Nebengleisiges, so viel sonst wohl kaum oder nicht Eingespieltes enthält. Aber ich muss sie mir ja nicht kaufen ...

    4. Ja, doch. Ansehnliche **Menschen**.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Juilliard und Patina?
    Ich wüsste nicht zu sagen, welches Quartett die Beethovenaufnahmen, die zwischen 1964 - 1970 entstanden, je übertroffen haben. Das ist wirklich eine Referenz! (Ich habe ¨berhupt nichts gegen das Quatuor Ebène: aber so zu tun als sei das das non plus utra, das verstehe ich nicht.)

  • Juilliard und Patina?
    Ich wüsste nicht zu sagen, welches Quartett die Beethovenaufnahmen, die zwischen 1964 - 1970 entstanden, je übertroffen haben. Das ist wirklich eine Referenz! (Ich habe ¨berhupt nichts gegen das Quatuor Ebène: aber so zu tun als sei das das non plus utra, das verstehe ich nicht.)

    Ich kann da jetzt nicht wirklich mitreden, werter Abendroth, aber meine Bemerkung war ohnehin nicht ganz ernst gemeint. Patina gehört halt dazu, wenn etwas alt + ehr + würdig ist. ;)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Du hast ja nicht Unrecht, werter Andrejo. "Patina" kann man ja auch als Qualitätsmerkmal verstehen. Ich wusste gar nicht, dass es das Juilliard Quartett noch gibt. Vielleicht gibt es es auch gar nicht mehr. Wenn du nach und nach alle Teile eines Autos austauschst, ist es dann noch dasselbe? Für mich hat das "echte" Juilliardquartett spätestens zu Bestehen aufgehört, als Robert Mann 1997 aufgehört hat.
    Als ich das Julliardquartett zum ersten Mal gehört habe, das war noch mit Isidor Cohen an der 2. Geige (ehe er zum Beaux Arts Trio ging), war das das eindruckvollste Musikerlebnis meines Lebens (Mit Beethovens op 59, 1 und 131). Im eher hässlichen Volksbildungsheim hinter dem Eschenheimer Turm in Frankfurt am Main.

  • Das Juilliard Quartet gab gestern Abend in der Elphi sein Debutkonzert. Gegenüber der weiter oben genannten Besetzung hat es in 2022 eine weitere Umbesetzung gegeben. Anstelle des überraschend verstorbenen Roger Tapping sitzt jetzt Molly Carr an der Bratsche. Dass im 76. Jahr seines Bestehens keine Originalmitglieder dabei sind, ist nicht weiter überraschend. Ob es klug ist, immer noch unter dem gleichen Namen zu firmieren, kann man natürlich diskutieren. Wenn ich richtig informiert bin, geht mit der Mitgliedschaft aber auch eine Faculty Position in der Juilliard School einher, insofern passt es schon.

    Das Programm begann mit Dvoraks Amerikanischem Quartett, gefolgt von einem zeitgenössischen Werk des 23-jährigen Juilliard Studenten Tyson Gholston Davis und endete nach der Pause mit Schuberts letztem Genrebeitrag. Zu dem ca 15-minütige neuen Werk mit dem Titel Amorphous figures wurde der Komponist laut eigenen Aussagen durch ein Bild von Helen Frankenthaler "Jacob's ladder" inspiriert. Während die meisten jüngeren amerikanischen Komponisten - zumindest die, die ich kenne - versuchen eine Musik zu schreiben, die sowohl originell als auch publikumsfreundlich ist, schreibt Davis nicht-tonale Musik in der Nachfolge von Komponisten wie Elliott Carter oder Milton Babbitt. Einer seiner Lehrer ist auch Matthias Pintscher, von dem ich ähnliche Klänge kenne. Das macht es zumindest für mich schwierig, bei Dyson einen Personalstil zu erkennen. Nun der junge Mann ist ja auch erst 23. Ich fand das Stück nicht schlecht, aber hätte wenig Motivation mir davon eine Aufnahme zuzulegen, sollte sie einmal erscheinen. Aber das Publikum im ausverkauften Kleinen Saal der Elphi zollte dem Beitrag ihren vollen Respekt.

    Die beiden "Schlachtrösser" von Dvorak und Schubert entfalteten unter den Händen der vier offensichtlich inzwischen sehr gut aufeinander eingespielten Musiker ihre volle Pracht und hinterliessen ein durchweg begeistertes Publikum. Was die Intonationssicherheit angeht, überragt diese Formation sicher die historische. ;) Als Zugabe gab es den 2. Satz aus op. 130.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

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