Dietrich Fischer-Dieskau – Versuch einer Würdigung

  • Zitat

    Auch mich erstaunt - wie schon Vorredner - dass sich hier so viele Schwarzkopf-Verächter in Personal-Union mit FiDi-Verehrern finden

    Auf die Gefahr hin, dass man mich nachher steinigt, versuche ich mal eine (vielleicht zu) einfache Erklärung dieses Phänomens zu liefern. Fischer-Dieskau wirkt auf mich komplett anders als die Schwarzkopf, weil er als Mann in einer mittleren Stimmlage singt, die Schwarzkopf aber als Frau in einer recht hohen - und die Art, wie sie das tut, vermittelt mir schon nach wenigen Takten ganz unwillkürlich die Assoziation einer abstoßenden Zimtzickigkeit. FiDi mag meinetwegen noch verkopfter, noch manirierter mit der Stimme arbeiten, aber das Zickenbild stellt sich bei seinem Gesang nun mal nicht ein.

    Wenn man dazu noch Aufzeichnungen von Elisabeth Schwarzkopfs Unterrichtstätigkeit gesehen hat, tun diese das Übrige, um sofort entsprechende Vorstellungen in einem wach zu rufen - mir geht das jedenfalls bei ihr so wie bei keiner anderen Sängerin....

    Beste Grüße

    Bernd

  • Dass ich mal mit Arundo einig bin, geht wohl in die Annalen ein! 8|
    Mir gefällt zwar auch lange nicht alles von FiDi und er ist keinesfalls mein Lieblingsbariton, aber seine künstlerische Gesamtleistung und die Verdienste um das deutsche Kunstlied fidne ich beeindruckend und nicht hoch genug zu würdigen. Hier im Ausland ist er ohnehin ein Synonym für deutschen Liedgesang- so wie Gerard Souzay für die frz. Melodie.
    Ich kann die Manierismen einer tiefen Stimme auch eher ertragen als die einer hohen Stimme, auch wenn ich das Wort Zimtzicke da nciht benutzen will. :D
    aber nachdem ich Schwarzkopfs Nachtzauber(und anderes) von 1953 in einem Live-Mitschnitt gehört habe, war ich sowas von bedient, dass es mir weiterhin râtselhaft , wie diese Interpretationen zum Gipfel deutscher Liedkunst zählen können. Verquastere Aussprache und überdrehtere Wortauslegung ist mir noch nciht untergekommen. Wenn das im Ausland als vorbild herangezogen und nachgemacht wird :o: Als Operettendiva war sie aber ganz reizend, wie eine Cd dieses Repertoires mir dann zeigte. :yes: In ihren Opern-Paraderollen finde ich Lisa della Casa weit besser, daher habe ich keinen weiteren Schwarzkopf-Bedarf.
    Fidi ist auch noch gut, wenn er nicht gefällt- das ist der feine Unterschied! Mir gefällt seine Interpretation der Dichterliebe z.B. gar nciht- gut ist das trotzdem! Das Einzige mir Bekannte, was ich wirklch nciht so gut fand, sind die Mendelssohn-Lieder, die sind m.E. heillos überinterpretiert.
    Mir hat Fidi auch als Oratoriensänger sehr imponiert. Sein nciht zu schweres und schönes lyrisches Timbre bietet sich dazu sehr gut an.
    F.Q.
    :fee:

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Was Fairy über FiDi als Oratoriensänger meint, unterschreibe ich sofort. Gleiches gilt nach meinem Geschmack auch für etliche Aufnahmen von Bachkantaten, an denen er beteiligt war.

    Zitat

    Seine Bach - Interpretationen ( Richter ) haben mir nie gefallen, weil seine Koloraturtechnik
    ( Aspirations - Hs ) nicht ausgereift war.

    Die unausgereifte Technik in Bezug auf die Aspirations-Hs ist mir nie aufgefallen - vermutlich reichen meine Kenntnisse im Hinblick auf Gesangstechnik einfach nicht dazu aus. Aber vor allem in Arien, die wenig mit Koloratur zu tun haben (in BWV 21 z.b.) finde ich FiDis Interpretationen unerreicht ausdruckstark - und ausgesprochen kultiviert dazu. Das bleibt zeitlos gültiger Gesang trotz der inzwischen durch die HIP-Bewegung erzielten fundamentalen Neuerkenntnisse.

    Beste Grüße

    Bernd

  • Soeben in den Nachrichten des Deutschlandfunks gehört:

    Dietrich Fischer-Dieskau (28.05.1925 - 18.05.2012)

    :cry:

    GiselherHH

    "Er war verrückt auf Blondinen. Wäre Helga auch noch adlig gewesen, der gute Teddy wäre völlig durchgedreht."

    Michael Gielen über Theodor W. Adorno, der versucht hatte, Gielen seine Frau auszuspannen.

  • Ich bin sonst nicht so, aber DAS bringt mich zum weinen. Er war, trotz allen Maniriesmen, der beste deutsche Bariton. Unschlagbarer Conte, Wolfram und die beste Winterreise... Sein Papageno unter Böhm war die erste Gesamtopernaufnahme welche ich je gehört habe. Seiner Familie und besonders Frau Varady wünsche ich das beste für die nächste, schwere Zeit. Höre mir gerade die Alternativfassung der Conte-Arie auf Y**tube an und weine...

  • Dietrich Fischer-Dieskau gestorben

    Am Freitag ist Dietrich Fischer-Dieskau im bayerischen Berg bei Starnberg kurz vor seinem 87. Geburtstag gestorben. Das teilte seine Frau, die Sopranistin Julia Varady mit.

    viele Grüße von musica

  • Das ist eine traurige Nachricht.
    Dietrich Fischer-Diskau hatte die deutsche Musiklandschaft seit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute sehr geprägt.

    Hudebux

  • Schade, dass diese Nachricht auf tagesschau.de nur ganz unten Erwähnung findet.
    Selbst ein belangloser Beitrag zum ESC ist noch darüber.

    Hudebux

  • Er war natürlich auch mein erster Papageno. An dieser Aufnahme kommt man ja (völlig zu Recht) nicht vorbei. Ich werde ihm in der Bibliothek in der ich arbeite eine Mini-Ausstellung mit seinen CDs und Büchern widmen.

    Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...

  • Dietrich Fischer Dieskau -

    dieser Name war Programm für Schöngesang und intelligente Darstellung, ob in der Oper oder im Lied- und Oratoriengesang. Sein Graf im Figaro, sein Don Giovanni, unter anderen mehr, hat Jahrzehnte geprägt.

    Auch ich entbiete seiner Gattin Kms. Julia Varady die herzlichten Beileidswünsche - und auch seiner gesamten Familie.

    Er wird für uns alle unvergesslich bleiben, auch für die, die nur eine LP oder CD von ihm haben. Die Noblesse seines Ausdrucks wird uns, auch für mich, unvergesslich bleiben.


    R. I. P. +

  • Dietrich Fischer-Dieskau war für mich über Jahrzehnte der Inbegriff des "Mandryka" , gesehen in den 60ern mit Lisa della Casa, unvergeßlich seine Noblesse.


    Kristin aus München

    Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon der in München wohnt (Eugen Roth)

  • Mit "DiFiDi" kenne ich mich zwar nicht so aus, aber ganz spontan - immerhin hatte er das Glück, ein recht gesegnetes Alter zu erreichen -
    fällt mir dieses Mahler-Lied ein...

    " Ich bin der Welt abhanden gekommen " :

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    amamusica :pfeif:

    Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
    all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

    ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
    Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...


  • Das muß Bestimmung gewesen sein - heute morgen hörte ich mir zum ersten Mal überhaupt das hier an:

    Dietrich Fischer-Dieskau hatte daran mitgewirkt, damals 37 Jahre alt. Und der Klang seiner Stimme hatte etwas Vertrautes, Besonderes - so wie ich es immer bei Pavarotti erlebt hatte. Es ist seltsam, daß ich heute morgen spontan zu dieser CD griff, denn ich hatte gar keinen großen Hintergedanken dabei gehabt. Und nun wird Brittens War Requiem immer einen besonderen Stellenwert in meinem Leben haben.

    Requiem aeternam dona eis,
    Domine: et lux perpetua luceat eis.


    jd

    "Interpretation ist mein Gemüse." Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation." Jean Paul

    "Manchmal sind drei Punkte auch nur einfach drei Punkte..." jd

  • Dietrich Fischer - Dieskaus Tod erschüttert mich zutiefst.
    Er war von Anbeginn mein großes, unerreichbares Vorbild, ein Idol,das mir Maßstäbe vermittelt hat, die ich zwar manchmal durchaus kritisch hinterfragte, sie jedoch grundsätzlich für meine sängerische Vita verinnerlicht und in meine Unterrichtstätigkeit übertragen habe.
    Ich fühle mich als Waise, der seine leiblichen Eltern bereits vor Jahren begraben musste und nun seinen künstlerischen Leitstern verloren hat.
    Wie froh bin ich, mit ihm vor acht Jahren in Schwarzenberg ein längeres Gespräch geführt zu haben !

    R. I. P.

    Gioachino

    miniminiDIFIDI

  • Seine Beethoven Lieder höre ich immer sehr gerne. Einer der ganz grossen.

    Ein grosser Verlust für die Musik-Welt.

    Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
    In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
    ----------------------------
    Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)

  • Dietrich Fischer-Dieskau - in memoriam.

    Es war zu Beginnder 1950er Jahre als anlässlich der Salzburger Festpiele Dietrich Fischer-Dieskau auch in Österreich zum ersten Male von sich reden machte. Inmitten unseres bewährten Ensembles sang er neben einer Elisabeth Schwarzkopf, Irmgard Seefried und einem Erich Kunz einen damals noch sehr jugendlichen Grafen Almaviva in Mozarts "Hochzeit des Figaro". Seine kultivierte und alles betörende Rollengestraltung eroberte im Nu die Herzen des Festspielpublikums und war eine gelungene Alternative zu der doch soignierten Interpretation eines Paul Schöfflers. Vielmehr rückte Dietrich Fischer-Dieskau in diesem Sommer noch auf dem Konzertpodium ins Rampenlicht: die noch heute erhältliche CD / LP Aufführung von Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" mit den Wiener Philharonikern unter Wilhelm Furtwängler sollte eine der Sternstunden werden, die bis zum heutigen Tag unerreichbar scheinen. Furtwängler [ansonsten kein Mahler - Freund] zelebrierte in diesem Zyklus das Zerbrechen einer liebevoll empfindsamen Seele im Aufflackern einer ersten großen Liebe. Die tiefe Resignation und Melancholie ab dem dritten Lied gestaltete er zusammen mit Dietrich Fischer-Dieskaus verhallen-fahler Stimme zu einem erschütterden Seelendokument, und alle, die dank der Technik auch heute noch diese Interpretation erleben dürfen, werden vor allem die Schlussworte nie mehr aus ihrem musikalischen Gedächtnis streichen könne: "Da war alles wieder gut - Liebe und Leid, Welt und Traum!" Daraufhin folgte ganz logisch auch eine engere Bindung an Wien, an das Theater an der Wien. Neben seinen schon bekannten Almaviva wurde Dietrich Fischer-Dieskau vor allem in zwei Rollen gefeiert, als romantisch-verklärter Wolfram von Eschenbach in Wagners "Tannhäuser"wurde durch ihnzu einem schlichten, berührenden Bekenntnis an den Glauben an eine echte und tiefempfundene Liebe - ganz im Gegensatz zu der faszinierend ruhelosen Gestaltung der Titelpartie in "Eugen Onegin". Gemeinsam mit Sena Jurinac, Gottlob Frick und Anton Dermota schlug er mit seiner intensiven Darstellung der russischen Psyche die Zuhörer mit all seinem Fatalismus. Es ist eigentlich schade, dass ab dieser Produktion die Bande mit der Staatsoper abrissen. Sein Don Giovanni, sein Amfortas, aber auch sein Mandryka und Wozzek sind nie an der Wiener Staatsoper erklungen - im Gegensatz zu München - erst 1966 wieder mit der doch etwas kuriosen Produktion von Leonard Bernstein durfte Dietrich Fischer-Dieskau dem Wiener Publikum mit dem Falstaff von Verdi seine vollendete Charakterisierung vorführen. Also eigentlich kein Kompliment für viele Wiener Opern-Direktionen, und doch blieb der deutsche Liedkaiser [wie er gern genannt wurde] wenigstens dem Wiener Konzertpublikum treu. Seine "Winterreise", "Schöne Müllerin", das spanische und italienische Liederbuch, die Wunderhornlieder und seine sorgfältig zusammengestellte Schubert- und Schumannabende waren stets Feste für die Wiener Musikfans. Denn wie noch nie zuvor gelang es Dietrich Fischer-Dieskau, in einem Liederabend eine durchgehend konsequent festgehaltene Linie zu finden und mit dieser seine Zuhörerschaft fast philosophisch zu konfrontieren. Liederabende mit Dietrich Fischer-Dieskau bedeuteten, bis 1989, höchste Ansprüche höchste Ansprüche an das Künstlertum, aber auch an die Zuhörerschaft und umreißt, meiner Meinung nach, perfekt die unvergängliche Bedeutung dieses großen Künstlers. Wenn er auch, bei uns, ein viel zu seltener Gast auf der Opernbühne war, ist Dietrich Fischer-Dieskau doch fest in unsere Musikherzen eingewurzelt - und wird es auch für immer bleiben, das hat auch - zum Glück, die Schallplatte ermöglicht.

  • Er war mir nie sympathisch, aber natürlich war er ein sehr großer Künstler und Sänger.
    Einer der größten überhaupt des 20.Jhdts,daran gibt es nichts zu zweifeln und dies sollte auch niemals diskutiert werden müssen.


    Mit fast 87 Jahren abzutreten finde ich persönlich normal und trotzdem erschreckend in dem Sinne, daß ich mir überlege, daß mein Vater jetzt noch 12 schnell vorbeiziehende Jahre hätte.
    Aber das ist eher mein persönliches Problem mit der Vergänglichkeit.

    Insoferne sollte man den Tod FD's nicht nur als traurigen Anlaß nehmen, sondern sich darüber freuen, daß ein Mensch imstande war, eine wirklich große Lebensleistung zu vollbringen und diese auch rechtzeitig abzuschließen.


    Das hat er, so denke ich, genau so gesehen, denn er war ja selber der Meinung, der Zukunft nicht mehr viel überlassen zu
    haben.


    Den Künstler F-D nicht zu bewundern, wäre eine sehr große Dummheit.
    Den Rest erspare ich mir im Angesicht seines Todes.

    R.I.P.

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