Wagner: Tristan und Isolde, München, Petrenko/Warlikowski, Live Video Stream 31.7.2021

  • Wagner: Tristan und Isolde, München, Petrenko/Warlikowski, Live Video Stream 31.7.2021

    Richard Wagner - Tristan und Isolde


    Opernfestspiele München Juni/Juli 2021
    Live Video Stream 31.7.2021


    Bayerische Staatsoper München
    Bayerisches Staatsorchester
    Chor der Bayerischen Staatsoper


    Musikalische Leitung Kirill Petrenko
    Regie Krzysztof Warlikowski


    Tristan - Jonas Kaufmann
    Isolde - Anja Harteros
    König Marke - Mika Kares
    Kurwenal - Wolfgang Koch
    Brangäne - Okka von der Damerau
    Melot - Sean Michael Plumb
    Steuermann - Christian Rieger
    Seeman - Manuel Günther
    Hirte - Dean Power


    Dieser Stream ist nun auf YT zu sehen - und sehr zu Empfehlen !
    youtube.com/watch?v=Ob1K9gzVUN0&t=654s


    Dieser und die nachfolgenden Beiträge stammen aus dem "Heute und demnächst im Stream / Internet"-Thread und wurden in diesen Thread verschoben.
    Die Moderation

    Wie ich gerade entdeckt hab, gibt's den Münchner Petrenko-Tristan auch im Audio-Stream von BR Klassik, der vermutlich länger verfügbar ist. (Das Bild scheint ja in dem Fall zur Not verzichtbar zu sein, was ich so gelesen habe. Vielleicht schreibt Rosamunde ja noch was dazu.)

    Es gibt da Video auch auf YT. https://www.youtube.com/watch?v=Ob1K9gzVUN0&t=5s


    Ich weiss gar nicht, ob es hier hingehört - bitte die Ads höflichst um Verschiebung an passendere Stelle, falls angebracht.....


    Ich muss sagen, je öfter ich hinhöre und teils hinschaue, desto beeindruckter bin ich. Im Grunde wird Kaufmann für meine Ohren und Augen immer besser, je länger die Oper dauert. Er und seine Stimme erwachen zum Leben - die Intensität des Ausdrucks steigert sich - und damit ist nicht die Lautstärke gemeint, sondern wie tief er empfindet und wie er uns dies miterleben lässt. Grossartig gelungen. Interessant, wie dies parallel zur Entwicklung der Figur geschieht und dazu passt - Tristan erweckt zu seinem eigentlichen Leben erst ab O sink hernieder.....und so klingt es auch von Kaufmann. Vorher ist die Stimme immer wieder auch etwas fest oder "angemessen verkrampft" im Ausdruck. Aber es passt, es passt perfekt. Ab O sink hernieder ist er dann soweit loszulassen. Ich bin beeindruckt.


    Der 3. Akt ist sein Akt und Kaufmann gibt hier alles, was er hat.
    Harteros Stimme könnte ich sowieso mit Löffeln als Nachtisch essen - sie hat etwas in ihrem Timbre, was Balsam für meine Ohren ist, und auch in ihrer Isolde oft genug durchscheinen lässt. Oft genug für mich. Ich hoffe dauernd auf das nächste Mal, dass ich es hören darf :) . Auch Markes Stimme (Mika Kares) ist sehr angenehm, und es ist schön auch mal nicht Zeppenfeld zu hören.
    Das Orchester geleitet von Petrenko spielt auf Weltklasse-Niveau. Die Nacht der Liebe ist ein bewegtes Klang-Meer, dann auch mit Brangäne noch schöner. Insgesamt höre ich es als eine Tristan Oper, der die Erotik fast ganz abhanden gekommen ist. Was ihr gut bekommt, meine ich.
    Die Inszenierung geht mir stellenweise durch Mark und Bein, habe sie aber nicht ganz durchgängig gesehen, da ich teils nur Audio höre. Die Puppen sind für mich erschütternd, und die Spritzen, Tabletten usw....das geht sehr nah an die Wahrheit für viele Menschen. Ich denke nur an Sir Edward Downes und seine Frau. Und schon muss ich das Bild abstellen. Ich meine, Warlikowski hat hier zusammen mit Petrenko, dem Orchester und der Besetzung etwas für mich Bedeutendes geschaffen. Ob ich es in Worte fassen kann, glaube ich gar nicht, es geht tiefer.

  • Danke, Rosamunde, dass du diese Eindrücke noch aufgeschrieben hast! Ich habe vieles genauso empfunden. Dass du Harteros' Stimme als Nachtisch mit Löffeln essen könntest ;) kann ich gut verstehen, ich mag ihr Timbre auch sehr. Ich habe genau wie du die Aufführung teilweise auch nur als Audio verfolgt, aber wie bei dir hat mich das, was ich von der Inszenierung gesehen habe, ebenfalls nicht kalt gelassen. Die Videosequenzen aus dem Hotelzimmer (wie eine Mischung aus "Shining" und "In Bed with Madonna" stand in einer positiveren Kritik :D ), die "Alien"-Doubles, das Statische haben ja viele Kritiker genervt, aber auf mich wirkte es (so weit ich es gesehen habe) wie das (nachvollziehbare) Eingeständnis der Kapitulation vor dem nicht (mehr?) Darstellbaren. Ich hoffe, der Link funktioniert noch, bis ich es geschafft habe, mir es nochmal ganz anzusehen. Die Aufführung hat mich jetzt ohnehin (v.a. auch wegen der außerordentlichen Leistung des Orchesters unter Petrenko) etwas in ein Tristan-Fieber versetzt...

  • Danke, Peter

    die "Alien"-Doubles, das Statische haben ja viele Kritiker genervt, aber auf mich wirkte es (so weit ich es gesehen habe) wie das (nachvollziehbare) Eingeständnis der Kapitulation vor dem nicht (mehr?) Darstellbaren.

    ah - ja....so auch. Auf jeden Fall.
    Bei mir ging es in die Richtung "was vom Menschen übrig bleibt", wenn er nicht so lebt, wie es von der Natur vorgesehen ist. Der Mensch wird reduziert. Einerseits zur Maske oder Puppe. Andererseits wird die Gefühlswelt auf einen Punkt konzentriert, bricht in sich zusammen und wird selbstzerstörerisch, wie in einem schwarzen Loch. Kann sich dann nur noch in einem Überbleibsel von Schmerzzuckungen oder gedämpften, fast unverständlichen Hilferufen nach Mitleid äussern (siehe Puppen im Vorspiel). Tristan und Isolde finden sich in diesem Zustand. So denke ich heute morgen. Aber es ist bei mir immer ein Prozess, eine Inszenierung (für mich) zu "verstehen" .

    Die Aufführung hat mich jetzt ohnehin (v.a. auch wegen der außerordentlichen Leistung des Orchesters unter Petrenko) etwas in ein Tristan-Fieber versetzt...

    Mich auch ein bisschen...es gibt da noch den Tristan aus Aix: Simon Stone, Rattle, Skelton, Stemme. https://www.arte.tv/de/videos/…agner-tristan-und-isolde/
    Ich habe ihn neulich angefangen und finde ihn auch vielversprechend.


    Na, hoffentlich kannst du dir wenigsetns den Münchener Tristan noch ganz ansehen

  • Bei mir ging es in die Richtung "was vom Menschen übrig bleibt", wenn er nicht so lebt, wie es von der Natur vorgesehen ist. Der Mensch wird reduziert. Einerseits zur Maske oder Puppe. Andererseits wird die Gefühlswelt auf einen Punkt konzentriert, bricht in sich zusammen und wird selbstzerstörerisch, wie in einem schwarzen Loch. Kann sich dann nur noch in einem Überbleibsel von Schmerzzuckungen oder gedämpften, fast unverständlichen Hilferufen nach Mitleid äussern (siehe Puppen im Vorspiel). Tristan und Isolde finden sich in diesem Zustand. So denke ich heute morgen. Aber es ist bei mir immer ein Prozess, eine Inszenierung (für mich) zu "verstehen" .

    In jedem Fall habe ich das Gefühl, dass es Gründe gibt, die gedankliche Beschäftigung mit dieser Inszenierung nicht vorschnell zu beenden (so wie es nach meinem Eindruck einige der Kritiker getan haben). Falls ich es die nächsten Tage schaffe, sie nochmals ganz zu sehen, werde ich deine Assoziationen sicher im Hinterkopf haben.


    Mal sehen, ob ich es schaffe, die Aix-Aufführung dann auch noch zu sehen (die ja immerhin bis August 2023 verfügbar sein wird – das sollte also zu schaffen sein ;) .)


  • Ich weiss gar nicht, ob es hier hingehört - bitte die Ads höflichst um Verschiebung an passendere Stelle, falls angebracht.....


    Ich finde, dieses interessante "Tristan und Isolde"-Gespräch gehört in den 'Berichte von Opernaufführungen und Konzerten'-Faden. Hier geht es völlig unter und kann nicht weitergeführt werden. Kann man es verschieben?
    Liebe Grüße,
    :wink: Talestri

    One word is sufficient. But if one cannot find it?

    Virginia Woolf, Jacob's Room

  • Danke an die Mod. Falls es noch weitere Wortmeldungen zum Münchner "Tristan" gibt, könnte man ja überlegen, einen eigenen Faden aufzumachen.
    @Rosamunde und @Peter Jott:
    Danke für eure Eindrücke von der Tristan-Aufführung aus München. Ich habe sie bisher erst einmal gesehen, fand sie musikalisch sehr gut, was die Inszenierung betrifft, so brauche ich bei Warlikowski mehrere Durchläufe, um seine assoziationsreichen Bilder aufzunehmen.
    Hier ein paar vorläufige Gedanken zu einigen Bildern.
    1. Die Darstellung des jungen Seemanns hat sich mir erstmal nicht erschlossen. Er sieht aus wie eine antike griechische Figur, trägt einen Mantel, hat in der einen Hand ein Schwert, in der anderen einen Apfel. Seine Augen sind verbunden. Auf dem Kopf trägt er eine Krone. Die erste Assoziation war für mich: Paris, der Königssohn, dessen Apfel-Urteil letztlich den Trojanischen Krieg auslöste. Warlikowski schreibt im Programmbuch, dass die Begegnung von Tristan und Isolde von Anfang an mit dem Tod und mit dem Krieg verbunden ist.
    2. Dann die Filmsequenz mit der Kamerafahrt durch den leeren Hotelflur. Klar, das erinnert sofort an “Shining” oder an “In drei Tagen bist du tot”. Wobei für mich der Hinweis auf Kubrick der wichtigere ist, denn nachdem ich in dem Film “Room 237” lernen konnte, wie unglaublich akribisch Kubrick mit jedem einzelnen Bild und jeder einzelnen Einstellung gearbeitet hat, scheint mir das vielleicht ein dezenter Hinweis von Warlikowski zu sein, dass wir auch seine Bilder als sehr genau komponiert und mit ihrem vielfältigen Subtext als essentiell für eine Interpretation seiner Inszenierung verstehen sollten. Wenn ich diese Kamerafahrt sehe, dann habe ich ein Gefühl von Bedrohung und Einsamkeit.
    3. Warlikowski sagt im Programmbuch, Einsamkeit sei für ihn das zentrale Thema des Tristan. Das Bild von Tristan am Tisch gemeinsam mit den Figuren, die vielleicht seine erträumte Familie/Brüder darstellen, erinnerte mich an das „Letzte Abendmahl“ von Da Vinci. Tristan ist hier ebenso wie Jesus ein Fremder / Einzelner in einer Gruppe.
    Das Bild erinnerte mich aber auch an Warlikowski „Salome“-Inszenierung, in der es eine ähnliche Aufstellung gibt.
    4. Bei dem Video, das Isolde zunächst allein im Hotelzimmer zeigt, musste ich sofort an die Münchner Produktion “Seven deaths of Maria Callas” von Marina Abramovic denken. Dabei fiel mir auf, dass Anja Harteros als Isolde eine Maria Callas-ähnliche Frisur trägt. Hier erweitert Warlikowski die Perspektive von der fast mythologischen Figur der Isolde zu einer Sängerin, die selbst zum Mythos wurde und den Liebestod, den die Bühnenfigur kurz darauf singen wird, auch selbst gesungen hat. Einsamkeit, Liebessehnsucht und Todesnähe – nochmal Warlikowski: „Suizidgeschichten sind die Nahrung dieser Oper.“


    :wink: Talestri

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  • 1. Die Darstellung des jungen Seemanns hat sich mir erstmal nicht erschlossen. Er sieht aus wie eine antike griechische Figur, trägt einen Mantel, hat in der einen Hand ein Schwert, in der anderen einen Apfel. Seine Augen sind verbunden. Auf dem Kopf trägt er eine Krone. Die erste Assoziation war für mich: Paris, der Königssohn, dessen Apfel-Urteil letztlich den Trojanischen Krieg auslöste. Warlikowski schreibt im Programmbuch, dass die Begegnung von Tristan und Isolde von Anfang an mit dem Tod und mit dem Krieg verbunden ist.

    Ich habe eben den ersten Akt nochmal gesehen und ich glaube du hast Recht mit Paris und dem Apfel. Auf dem blauen Umhang hat er ausserdem das St George's Cross, wenn ich mich nicht irre. Das sieht man erst, als er von Brangäne verarztet wird, w'hrend Isolde von Tantris erzählt. Daraus erkennt man, dass die Paris-"geschichte" und Tristans Schicksal (und demnach seine Dynamik mit Isolde) von Warlikowski auf irgendeine Weise parallel gestellt werden. Immer hält Tantris/Paris den Apfel wie ein wichtiges Gut und manchmal sieht es so aus, als beisst er in ihn hinein. Was ich nun wieder als Hinweis auf den Sündenfall erkenne, oder besser als Hinweis auf die Versuchung. Ich deute dies alles nun so, dass Warlikowski auf die weitreichenden, schicksalhaften Entscheidungen, die die Figuren treffen, hinweisen will. Nicht nur Tristans, sondern auch Isoldes und Brangänes. Es gibt ja ein dynamisches Netz von Entscheidungen, die alle aufeinander wirken. Der Sündenfall, bzw die Versuchung ist selbsterklärend.


    Keine schlechte Idee, nur wohin bringt sie uns im Verständnis der Oper oder der Inszenierung insgesamt? Bin mir nicht sicher, dass man dadurch Neues erkennt, oder Anderes findet.....aber vielleicht ja doch.
    Ich denke jetzt einfach mal ins Unreine weiter - während ich tippe geht das am besten - und schaue, was ich damit spontan anstellen kann:


    Paris hat sich damals für Aphrodite entschlossen, also gegen Weisheit und Macht, damit für Liebe. Eigentlich die richtige Entscheidung, würde man sagen, nur in jenem Fall die falsche, denn die Liebe brachte den Tod und die Vernichtung für viele Menschen noch bis zu 20 Jahren später. Hier ist die Paralelle zu Tristan und Isolde. Sie enstcheiden sich für die Liebe, gegen Ihre eigene Vernunft, und dies bringt Ihnen und anderen den Tod. Ok, so weit so gut...... Im Fall von Paris kommt der Tod nur, weil die anderen Göttinnen ("Weisheit" und "Macht") sich rächen, also die Party verderben. Ist das bei T&I auch so? Ja klar, nur sind es keine Göttinnen, aber es passt. Interessant fände ich dies aber einzig, wenn man nun daraus eine Stellungnahme Warlikowskis erkennen könnte; also eine Stellungnahme zu Wagners T&I Aussage, wenn man überhaupt sagen kann, was Wagner mit dieser Oper aussagen will. Ganz naiv gefragt: will Warlikowski Wagner mit seiner Paris Parallele kritisieren? Ich selber habe bis jetzt Wagner immer so verstanden, als verherrliche er die Liebe zwischen T & I. ....Warlikowski tut das dann (falls ich seinen Paris richtig deute) wohl eher nicht. Dafür spricht noch Weiteres in dieser Inszenierung. Ich muss aber gleich sagen, dass ich nichts gelesen habe, was Warlikowski selber gesagt hat.
    Over to you....


    PS morgen können wir dann veilleicht doch einen extra thread aufmachen. :)

  • Wagner: Tristan und Isolde, München, Petrenko/Warlikowski, Live Video Stream 31.7.2021

    Wurde nachträglich als Thread eröffnet und nun oben im ersten Posting auch eingefügt.
    AlexanderK


    Richard Wagner - Tristan und Isolde


    Opernfestspiele München Juni/Juli 2021
    Live Video Stream 31.7.2021


    Bayerische Staatsoper München
    Bayerisches Staatsorchester
    Chor der Bayerischen Staatsoper


    Musikalische Leitung Kirill Petrenko
    Regie Krzysztof Warlikowski


    Tristan - Jonas Kaufmann
    Isolde - Anja Harteros
    König Marke - Mika Kares
    Kurwenal - Wolfgang Koch
    Brangäne - Okka von der Damerau
    Melot - Sean Michael Plumb
    Steuermann - Christian Rieger
    Seeman - Manuel Günther
    Hirte - Dean Power


    Dieser Stream ist nun auf YT zu sehen - und sehr zu Empfehlen !
    https://www.youtube.com/watch?v=Ob1K9gzVUN0&t=654s

  • Super, dass der "Tristan" jetzt einen eigenen Faden hat!


    Over to you....


    Also dann versuche ich es auch mal ins Unreine hinein :D


    Keine schlechte Idee, nur wohin bringt sie uns im Verständnis der Oper oder der Inszenierung insgesamt? Bin mir nicht sicher, dass man dadurch Neues erkennt, oder Anderes findet.....aber vielleicht ja doch.


    Warlikowski sieht Tristan und Isolde als traumatisierte Personen. Im Programmheft gibt es einen Essay von Elisabeth Bronfen, die auf eine Schrift von Sigmund Freud Bezug nimmt und darlegt, dass traumatisierte Kriegsveteranen immer wieder zu dem traumatischen Ereignis zurückkehren (Wiederholungszwang). Der Todestrieb gewinnt gegenüber dem Lustprinzip die Oberhand. Mit der Stellvertreter-Figur junger Seemann kehrt Isolde zu dem traumatischen Ereignis zurück. Kampf gegen Morold, Enthauptung Morolds, Verwundung Tristans, Pflege durch Isolde, die den Mörder ihres Bräutigams nicht tötet.
    Aber etwas ist bei der Wiederholung dieser Begegnung anders und man kann kaum an eine Liebe auf den ersten Blick glauben: der Stellvertreter junger Seemann/Paris bringt mit seiner Liebe (zu Helena) den Tod und seine Augen sind verbunden. Der entscheidende Moment, in dem Tristan/Tantris Isolde in die Augen sieht und sie sich in ihn verliebt, kann in der gespielten Wiederholung nicht funktionieren.


    Ich selber habe bis jetzt Wagner immer so verstanden, als verherrliche er die Liebe zwischen T & I. ....Warlikowski tut das dann (falls ich seinen Paris richtig deute) wohl eher nicht. Dafür spricht noch Weiteres in dieser Inszenierung.


    Genau, Warlikowski feiert nicht die Liebe, sondern er zeigt zwei verstörte, verletzte, einsame Menschen, die auf eine unheilvolle Weise miteinander verbunden sind. Wobei er Tristan als destruktiven Charakter bezeichnet, der sich zerstören will.
    Und das Beispiel von Paris warnt davor, dass man das nicht einfach als Privatangelegenheit abtun sollte, sondern dass daran viele Menschen, ja ganze Länder zugrunde gehen können.


    :wink: Talestri

    One word is sufficient. But if one cannot find it?

    Virginia Woolf, Jacob's Room

  • Mit wachsender Faszination verfolge ich - notabene als bekennender Opernmuffel - die rosamundigen Analysen von Wagner's Schlüsselwerk anlässlich der Aufführung durch Kirill Petrenko und Co.


    Das ist alles so bewundernswert kenntnisreich (und wahrlich zum Nachhören und -schauen animierend) beschrieben, dass es eine wahre Freude ist.


    Dies motiviert mich zu einem ehrlich empfundenen Kompliment an die empfindsame, fachlich versierte (und darüberhinaus auch noch sprachlich überaus virtuose) Userin 'Rosamunde', und ich möchte hiermit aufrichtigen Herzens meine Hochachtung zum Ausdruck bringen!


    Vielen herzlichen Dank für die anregenden Bemerkungen zum kirillisch-warlikowskischen 'Tristan' aus München, liebe Rosamunde.


    Ich möchte selbstredend auch die 'peterjottigen' und 'talestrigen' Beiträge wertschätzend erwähnen.


    Eure Testimonials machen Lust auf 'Oper'.


    Gruss aus Bern vom Walter

  • oh .....vielen Dank für die Blumen, lieber Walter ! Ich muss diese aber an Talestri weiterreichen, denn ich hatte mich zwar gewundert, warum der Seeman so komisch verkleidet ist, aber als Paris erkannt hatte ich ihn nicht und hätte ich auch niemals, denn von diesem Apfelurteil hatte ich noch nie gehört. Dieser Aspekt wäre mir also völlig verloren gegangen, und wer weiss, was ich ohne Talestris Hinweis aus dem Seeman gemacht hätte. Die Moral von der Geschicht? ......was ich sonst noch alles verpasse :D !

    Warlikowski sieht Tristan und Isolde als traumatisierte Personen. Im Programmheft gibt es einen Essay von Elisabeth Bronfen, die auf eine Schrift von Sigmund Freud Bezug nimmt und darlegt, dass traumatisierte Kriegsveteranen immer wieder zu dem traumatischen Ereignis zurückkehren (Wiederholungszwang). Der Todestrieb gewinnt gegenüber dem Lustprinzip die Oberhand. Mit der Stellvertreter-Figur junger Seemann kehrt Isolde zu dem traumatischen Ereignis zurück. Kampf gegen Morold, Enthauptung Morolds, Verwundung Tristans, Pflege durch Isolde, die den Mörder ihres Bräutigams nicht tötet.

    Interessant.....verstehe ich das richtig, dass Warlikowski Isolde an PTSD leiden lässt? Und Tristan ebenso?


    Wobei er Tristan als destruktiven Charakter bezeichnet, der sich zerstören will.
    Und das Beispiel von Paris warnt davor, dass man das nicht einfach als Privatangelegenheit abtun sollte, sondern dass daran viele Menschen, ja ganze Länder zugrunde gehen können.

    OK, ich verstehe, was gemeint ist .....und ich kann es auch in etwa in der Inszenierung erkennen. Nur....finde ich für den durchschnittlichen Opernbesucher diese Aussage, dass daran ganze Länder zugrunde gehen können, etwas übertrieben. Es ist wohl eher eine Ausnahme, dass 2 Personen so wichtig sind. Dass man riskiert andere zu verletzen, oder dass es weitere Kreise ziehen kann, wenn man nur nach dem Lustprinzip lebt, würde ich natürlich unterschreiben. Aber dass man diese Kreise mit der Dimension des Trojanischen Kriegs vergleicht.......das finde ich übertrieben. Dennoch, die Idee ist nicht schlecht.


    Jetzt sagts Du das hier:

    Aber etwas ist bei der Wiederholung dieser Begegnung anders und man kann kaum an eine Liebe auf den ersten Blick glauben: der Stellvertreter junger Seemann/Paris bringt mit seiner Liebe (zu Helena) den Tod und seine Augen sind verbunden. Der entscheidende Moment, in dem Tristan/Tantris Isolde in die Augen sieht und sie sich in ihn verliebt, kann in der gespielten Wiederholung nicht funktionieren.

    Die verbundenen Augen sind eventuell anders zu verstehen: Isoldes Zwang wird auf dem Schiff sowieso am Leben erhalten dadurch, dass sie Tristan draussen auf dem Deck weiss. Man braucht keinen weiteren Blickkontakt mehr dafür. Nein, die verbundenen Augen des Seemans stören nicht. Sie sind sogar wichtig. Er hat als Paris die Augen verbunden, weil er "blind" für die richtige Wahl oder Entscheidung ist.


    Tantris ist ebenso "blind" (und Isolde auch):
    Ich denke mir Folgendes: Brangäne pflegt die Augen des Paris-Tantris. Die Wunde, von der im Libretto die Rede ist, die Wunde, die Morold Tristan zugefügt hat und die Isolde dann gesund pflegt, sitzt also bei Warlikowski an dieser Stelle: In den Augen oder - wie ich meine im übertragenen Sinne - in Tristans Fähigkeit Dinge zu durchschauen oder zu erkennen.
    Genial......
    ......denn nach Warlikowski kann Isolde bei Tristan gar nichts gesund pflegen, sondern sie erhält die Wunde am Leben und verschlimmert sie sogar! Die beiden Menschen treffen aufeinander, "ausgestattet" mit einer perfekten psychologischen Schlüssel-Schloss Dynamik. Jeder löst bei dem anderen den Wiederholungszwang zur Selbstzerstörung aus. Isolde kann man nicht widerstehen, sagt Brangäne später. Tristans Wunde, also sein Auge bzw seine Erkenntnis kann nicht von Isolde geheilt werden, sondern die Wunde an dieser Stelle nur vertieft. Er verliebt sich, meint er. Aber was sich wie Liebe anfühlt, ist nichts als Zwang. Er kann seit dem Moment, wo er sie "erblickt" hat, also psychologisch von ihr getriggert wurde, immer weniger erkennen und immer weiniger "richtig" entscheiden. Er unterliegt dem Zwang sich selbst zu zerstören. Deshalb hat der Seemann-Tantris die Augen verbunden. "Amfortas, die Wunde", die nicht heilt. Deshalb auch der Apfel des Sündenfalls (nicht nur der Paris Apfel).


    Dann sind da aber noch die beiden Hirsche an der Wand, die Puppen, die Einsamkeit, die Maria Callas, wie Talestri erkannte und The Shining......

  • Apfel, Schwert und Krone: das erinnert doch in erster Linie an die Reichsinsignien (oder einen Teil davon), also an Herrschaftsinsignien im Allgmeinen. Dass sie hier quasi in parodierter Form auftauchen, also der Reichsapfel als echter Apfel, die Krone ähnlich der Krone einer bekannten System-Gastronomie-Kette, dass der Seemnann dasteht wie eine verhunzte Ausgabe des Herrmannsdenkmal, deutet auf den Niedergang des irischen Herrschaftshauses hin, der durch den Tod Morolds besiegelt wurde. Ich denke also, den etwas gewunden daherkommenden Ausflug in die griechische Mythologie können wir uns an dieser Stelle sparen, schon deswegen, weil man sich fragt, wie Paris sein Urteil hätte fällen sollen, wenn seine Augen wie des Seemanns verbunden gewesen wären...

  • Apfel, Schwert und Krone: das erinnert doch in erster Linie an die Reichsinsignien (oder einen Teil davon), also an Herrschaftsinsignien im Allgmeinen. Dass sie hier quasi in parodierter Form auftauchen, also der Reichsapfel als echter Apfel, die Krone ähnlich der Krone einer bekannten System-Gastronomie-Kette, dass der Seemnann dasteht wie eine verhunzte Ausgabe des Herrmannsdenkmal, deutet auf den Niedergang des irischen Herrschaftshauses hin, der durch den Tod Morolds besiegelt wurde. Ich denke also, den etwas gewunden daherkommenden Ausflug in die griechische Mythologie können wir uns an dieser Stelle sparen, schon deswegen, weil man sich fragt, wie Paris sein Urteil hätte fällen sollen, wenn seine Augen wie des Seemanns verbunden gewesen wären...

    OK, aber was machst du nun mit deiner Erkenntnis innerhalb des Gesamtkonzepts von Warlikowski? Warum muss er in seiner psychologischen Wiederholungszwang-Deutung der Liebe zwischen T&I auf etwas so Offensichtliches in Wagners Drama, was alle wissen, hinweisen? Das einzige, was ich dafür als Grund erkennen kann, ist dass über den Krieg auf den Ursprung von Isoldes PTSD hingewiesen wird.
    Gut, aber warum dann so ein Aufwand mit dem Apfel (siehe unten).....mit den verbundenen Augen? Warum hat diese Figur eine Wunde an den Augen? Es kann kein Zufall sein oder gar unüberlegt. Warum wird der Figur die Wunde genau zu Isoldes Erzählung darüber gepfelgt? Warum hat der Ritter immer noch eine Wunde, so lange nach dem Krieg? Heilt sie etwa nicht?


    Die Figur hat ein St George's Cross auf dem Umhang. Hatte ich erwähnt und vorausgesetzt, dass jeder weiss, was das bedeuten soll. Durch das St George's Cross und die Pflege der Wunde zu Isoldes Erzählung erfährt man mMn bei Warlikowski, dass es sich in einer möglichen Bedeutung der Figur um Tantris handeln soll. Sonst wüsste man dies nicht.


    Die Figur braucht auch nicht nur eine Bedeutung zu haben. Ich meine sie muss in das Regiekonzept insgesamt hineinpassen, welches wir von Warlikowski erfahren haben.


    Und so frage ich mich, warum Tantris einige Dinge mit dem Apfel anstellt. zB versucht ihn zu spalten - ein Bezug auf ein Urteil, also liegt der Gedanke an das Apfelurteil und Paris nahe. Er versucht in ihn hineinzubeissen, ein Bezug auf die Frucht vom Baum der Erkenntnis und auf den Sündenfall. Eine Erkenntnis erlangt Tristan in dieser Inszenierung nicht. Soviel wissen wir, denn er benimmt sich selbstzerstörerisch, nach Warlikowskis eigenen Worten.


    usw. wie ich schon sagte.

  • Mehr zum jungen Seemann.


    https://www.youtube.com/watch?v=Ob1K9gzVUN0&t=8678s


    Wenn ich mir den YT video stream ab 17.30mins ansehe, dann wird es für mich ganz klar, dass der Seeman eine Parallele Paris-Tantris-Tristan herstellt. Isolde versinkt zunächst in einen Traumzustand, wird dabei an Tantris erinnert. Ich kann es gut verfolgen, besonders, wenn ich genau auf das Geschehen und auf den Text achte, während der Apfel gespalten wird. Dies alles hat dann später weitere Relevanz, wenn seine Augen gepflegt werden, wie schon von mir erwähnt. Aber alles nur, wenn ich mich auf die Traumatisierung und Warlikowskis Konzept einlassen will.

  • Wow Rosamunde, ich bin begeistert, wie du den Tantris /Paris /Tristan-Ansatz weiterentwickelt hast. :verbeugung1:
    Dass der Seemann die Reichsinsignien trägt, war mir auch aufgefallen. Nur konnte ich damit nicht wirklich etwas anfangen. Gespielt bzw imaginiert wird ja die Szene, in der Tristan nach dem Kampf gegen Morold verletzt ist und sich in Pflege bei Isolde befindet. Warum sollte er zu diesem Zeitpunkt auf Herrschafts-Attribute hinweisen, die ihm überhaupt nicht zustehen und die in dem Moment keine Bedeutung für die Beziehung zu Isolde haben?


    Dass sie hier quasi in parodierter Form auftauchen, also der Reichsapfel als echter Apfel, die Krone ähnlich der Krone einer bekannten System-Gastronomie-Kette, dass der Seemnann dasteht wie eine verhunzte Ausgabe des Herrmannsdenkmal, deutet auf den Niedergang des irischen Herrschaftshauses hin, der durch den Tod Morolds besiegelt wurde.


    Isolde verhöhnt ihn:
    "Der zagend vor dem Streiche / sich flüchtet, wo er kann, / weil eine Braut er als Leiche / für seinen Herrn gewann!"
    und nennt ihn einen “Vasallen”.
    Das spricht für eine Deutung als Parodie. Aber


    OK, aber was machst du nun mit deiner Erkenntnis innerhalb des Gesamtkonzepts von Warlikowski? (...)
    Die Figur braucht auch nicht nur eine Bedeutung zu haben. Ich meine sie muss in das Regiekonzept insgesamt hineinpassen, welches wir von Warlikowski erfahren haben.


    Also darf man die Insignien auch nicht übersehen, mir ist es allerdings nicht gelungen, sie schlüssig zu interpretieren.
    Was ich aber wirklich großartig finde, ist diese Interpretation der Seemanns-Sequenzen:


    Ich denke mir Folgendes: Brangäne pflegt die Augen des Paris-Tantris. Die Wunde, von der im Libretto die Rede ist, die Wunde, die Morold Tristan zugefügt hat und die Isolde dann gesund pflegt, sitzt also bei Warlikowski an dieser Stelle: In den Augen oder - wie ich meine im übertragenen Sinne - in Tristans Fähigkeit Dinge zu durchschauen oder zu erkennen.
    Genial......
    ......denn nach Warlikowski kann Isolde bei Tristan gar nichts gesund pflegen, sondern sie erhält die Wunde am Leben und verschlimmert sie sogar! Die beiden Menschen treffen aufeinander, "ausgestattet" mit einer perfekten psychologischen Schlüssel-Schloss Dynamik. Jeder löst bei dem anderen den Wiederholungszwang zur Selbstzerstörung aus. Isolde kann man nicht widerstehen, sagt Brangäne später. Tristans Wunde, also sein Auge bzw seine Erkenntnis kann nicht von Isolde geheilt werden, sondern die Wunde an dieser Stelle nur vertieft. Er verliebt sich, meint er. Aber was sich wie Liebe anfühlt, ist nichts als Zwang. Er kann seit dem Moment, wo er sie "erblickt" hat, also psychologisch von ihr getriggert wurde, immer weniger erkennen und immer weiniger "richtig" entscheiden. Er unterliegt dem Zwang sich selbst zu zerstören. Deshalb hat der Seemann-Tantris die Augen verbunden. "Amfortas, die Wunde", die nicht heilt. Deshalb auch der Apfel des Sündenfalls (nicht nur der Paris Apfel).


    Das finde ich toll, damit kann ich viel anfangen, das geht auch über meine kleine Einstiegs-Assoziation weit hinaus! :clap:


    Viele Grüße,
    :wink: Talestri

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    Virginia Woolf, Jacob's Room

  • .... :) ....

    Also darf man die Insignien auch nicht übersehen,

    Sie sind mMn dafür da, um unsere Aufmerksamkeit auf den Seemann zu lenken (siehe unten), als er zum ersten mal am Anfang der 2. Szene auf der Bühne erscheint UND um das einzuleiten, was du - sehr treffend meine ich - so nennst:

    Seemanns-Sequenzen

    Ich verstehe den Seemann als eine Schlüsselfigur der Inszenierung, die es dem Publikum sehr früh in der Oper ermöglicht die Kernidee der Inszenierung zu erkennen. Er wandelt sich während des Verlaufs der Szene von Irland/Morold, zu Paris, zu Tantris und Tristan. Es entsteht so eine Deutungs - Sequenz, die uns die Aussage der Inszenierung zu erschliessen ermöglicht.


    Die Insignien sind mMn nur als solche zu deuten, solange der Seemann auch eine entsprechende Haltung einnimmt, also als er sein Lied singt. Die Kombination von Insignien, Haltung des Seemanns und Text seines Liedes leiten unsere und Isoldes Gedanken zu allererst auf das Königreich Irland, welches verloren ist, dann sogleich als nächstes auf Morold, sein Haupt, und schliesslich auf Isoldes Trauma und ihren Verlust. Das ist alles in Wagners Geschichte enthalten, bedarf also eigentlich keiner Darstellung auf der Bühne. Es wird in dieser Inszenierung aber nötig, damit man auf den Seemann, die verbundenen Augen und den Apfel aufmerksam wird UND dann die Bedeutung der weiteren Schritte (Paris-Tantis-Tristan) vermittelt bekommen kann.


    Was passiert nun mit den Insignien? ...Wie schon in vorherigen Beiträgen gesagt: Der Seemann spaltet den Apfel. Könnte man natürlich als Todesstoss für das Reich deuten - und so ist es auch - aber halt ! Isolde singt ausserdem gleichzeitig von Tristan, wie kühn und feig er ist, erkoren, verloren. Gegensätze, Alternativen zur Auswahl.....Hiemit beginnt also die Paris Apfelurteil Sequenz der Deutung, wie schon in vorherigen Beiträgen erklärt.


    Die Haltung des Seemann verändert sich dann im weiteren Verlauf. Das Schwert legt er ganz weg, den Apfel hält er links, die Krone wird auch mal abgelegt. Reichsinsignien stellen sie nun nicht mehr dar. Der Apfel beschäftigt den Seemann ab jetzt sehr. Der Apfel leitet uns zum nächsten Schritt in der Sequenz, in eine weitere Parallele, die zu Tantris/Tristan hergestellt wird, nämlich die, in der der Apfel zur Frucht der Erkenntnis wird, als seine Augen gepflegt werden usw. Man lernt hier, dass Isolde eine Versuchung für Tristan darstellt, wie Kundry eine für Amfortas ist, nicht im religiösen Sinne, sondern im psychologischen. Die Liebe ist ein Trugbild, nichts als eine krankhafte Dynamik zwischen 2 Traumatisierten, die beiden zum Verhängnis werden wird.
    Die Inszenierung spielt wohl auch in einem Sanatorium.


    Alles zusammen, bzw nacheinander erzählt uns, was Warlikowski von dieser Liebe hält....nichts Positives.


    Leider ist es natürlich bei einer Video Betrachtung so, dass man den Seemann nicht immer im Auge hat, aber ich meine man bekommt genug mit.

  • Zunächst einmal Dank an Rosamunde, Talestri und alle anderen Beteiligten für eure lesenswerten Kommentare. Ich habe jetzt den 1. Akt bis zur alles verändernden Begegnung Isolde - Tristan gesehen und möchte einfach mal meine Gedanken dazu in die Runde werfen.
    Zunächst einmal ist es, wie damals der Berghaus-Tristan in Hamburg, eine dieser Inszenierungen, die mich aufgrund ihrer Rätselhaftigkeit, ihrer Uneindeutigkeit und ihrer starken Bilder sofort fesseln.

    Die Inszenierung spielt wohl auch in einem Sanatorium.

    Diesen Gedanken hatte ich auch sofort. Kein Schiff, kein Hotel, sondern ein Sanatorium, in dem Versehrte (hier ein Lahmer, ein Mensch, der nur noch eine Hand hat und ein Blinder, sowie wohl auch psychisch Kranke) kuriert werden sollen. Es gibt den eindeutigen Hinweis auf Freud durch das Sofa rechts. Allerdings ist der Umgang mit den körperlich Versehrten nicht unbedingt sehr freundlich, werden sie doch vom Krankenpfleger recht rüde hinausgewiesen. Nur der Blinde darf bleiben, der offensichtlich eine besondere Stellung einnimmt, ist er doch der Einzige, der sich verbal äußert und der durch Umhang, Krone, Schwert und Apfel auffällt.
    An Paris hätte ich nun überhaupt nicht gedacht, antik gekleidet ist er kaum, trägt er doch genau das als 'Unterzeug', was die anderen körperlich Versehrten auch tragen. Für mich ist er schlichtweg das, was von Tristan noch übriggeblieben ist. Verletzt, unfähig seine eigene Situation zu erkennen, trägt er die Insignien von einer Macht, die ihm vielleicht einmal zufallen wird und klammert sich vor allem an diesen Apfel, der für mich ein Symbol der Liebe ist. Er will davon nicht lassen, genießt es aber auch, sein Schwert darein zu bohren. Dieser Tristan ist völlig unfähig, Liebe als das zu erkennen, was sie wirklich ist und was ihm sogar begegnet ist. Kindisch klammert er sich an sie, gleichzeitig zerstört er sie, vielleicht weil er sie nicht ertragen kann. Hier in dieser kaputten, zerstörten Figur tritt für mich der wahre Tristan dieser Inszenierung auf. Der 'Tristan', den Kaufmann verkörpert, ist der, den Isolde sich wünscht, sich imaginiert.
    Interessant dabei die Rolle Brangänes, die als eine Art Oberschwester in diesem Sanatorium, den 'kaputten' Tristan in seiner Hilflosigkeit weiter belässt, vielleicht weil sie die Gefahr ahnt, die von einem gesunden für Isolde ausgehen kann.


    Das sind so meine Ideen, der ich aber bislang nur einen Teil des 1. Aktes gesehen und auch das Programmheft nicht gelesen habe.


    Und nun geht's weiter mit der Übertragung. ;)


    :wink: Wolfram

  • Was sagt ihr eigentlich zu den beiden Rehböcken, die an der Wand hängen? Stellen sie T und I dar, die waidwund geschossen wurden? Wäre für mich als Bild ein wenig schlicht, aber dass sie dort konserviert gezeigt werden, so bleiben sollen, als eine Art Trophäe dort ausgestellt werden, dass ist dann doch vielleicht zumindest ein bitterböser Kommentar.


    :wink: Wolfram

  • Hi Wolfram

    Für mich ist er schlichtweg das, was von Tristan noch übriggeblieben ist.

    Ja, so kann man den Seemann natürlich auch sehen, und das passt wohl auch zu Aussagen im Programmheft zur Inszenierung, die talestri kurz zusammengefasst hat, ich selber aber noch nicht gelesen habe.

    Verletzt, unfähig seine eigene Situation zu erkennen, trägt er die Insignien von einer Macht, die ihm vielleicht einmal zufallen wird und klammert sich vor allem an diesen Apfel, der für mich ein Symbol der Liebe ist. Er will davon nicht lassen, genießt es aber auch, sein Schwert darein zu bohren.

    Ja, stimmt absolut, das ist alles auch drin.....nur "lese" oder erfahre ich eine Inszenierung unbedingt auch chronologisch. Das Schwert bohrt er mMn in den Apfel, bevor man diesen Apfel als Symbol der Liebe wahrnehmen könnte. Symbol der Liebe kann er mMn erst sein, während Isolde von Tantris erzählt. Ab dann leuchtet es mir ein, er behandelt ihn ja auch sehr behutsam - weshalb ich ihn als Symbol der Versuchung zur "falschen" Liebe ansehe. Warlikowski, bzw im Programmheft wurde wohl etwas von Wiederholungszwang anstelle von Liebe gesagt.


    Hier in dieser kaputten, zerstörten Figur tritt für mich der wahre Tristan dieser Inszenierung auf. Der 'Tristan', den Kaufmann verkörpert, ist der, den Isolde sich wünscht, sich imaginiert.

    ja, sehe ich auch so.


    Allerdings ist der Umgang mit den körperlich Versehrten nicht unbedingt sehr freundlich, werden sie doch vom Krankenpfleger recht rüde hinausgewiesen.

    Ich habe den Eindruck - und wieder hat mich talestri darauf gebracht - dass das eine Anspielung via The Shining und Jack Nicholson zu One flew over the Cuckoo's Nest sein soll. Die Anspielung auf The Shining wegen der Bewegung im Hotelgang.


    Was sagt ihr eigentlich zu den beiden Rehböcken, die an der Wand hängen?

    Habe ich auch schon darüber nachgedacht. Hast Du gesehen, wie sie während des Seemann-Lieds angeleuchtet werden? Ich habe sie da zum ersten Mal bemerkt. Deine Gedanken dazu finde ich einleuchtend , aber eventuell gibt es auch hier mehrere Bedeutungen oder Möglichkeiten.
    The Stag hat wohl Bedeutung in der keltischen Folklore. Was genau davon aber nun hier zutrifft, kann ich nicht sagen. Er symbolisiert zB das Jenseits oder die Welt der Toten, aber auch Fruchtbarkeit. Es gibt auch eine Sage von einer Göttin, die jene Rehe und Hirsche bestimmt, welche am nächsten Tag der Jagd zum Opfer fallen sollen. Also eine Art Wallküre, oder so. Ich bin geneigt, die Köpfe deshalb so zu deuten: Das Aufleuchten der Rehköpfe soll darauf hinweisen, dass Isoldes Wiederholungstrauma (also Ihre Scheinliebe) sich an Tristan fixiert - er ist der nächste Hirsch, der fallen muss. Dass sie sich an Tristan heftet wird uns mitgeteilt, in dem Moment, in dem Tristan mit Paris gleichgestellt wird (in meiner Deutung). Warum gibt es 2 Köpfe? Weil Isolde durch ihre Fixierung nicht nur Tristan umbringt, sondern sich selber auch.

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