Operntelegramm Saison 21/22

  • Operntelegramm Saison 21/22

    Mit der Hoffnung, dass wieder mehr gespielt wird und die Capricciosi wieder öfter in die Oper gehen.


    Und darüber berichten!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Erich Wolfgang Korngold - Die tote Stadt. Oper Köln, besuchte Vorstellung am 07.09.2021

    Die Neuproduktion unter der Regie von Tatjana Gürbaca und dem Dirigat von Gabriel Feltz hatte am 4. Dezember 2020, genau 100 Jahre nach der Kölner Uraufführung (unter Otto Klemperer mit seiner Frau Johanna als Marietta; Hamburg spielte das Stück zeitgleich unter Egon Pollack) Premiere im Staatenhaus - coronabedingt ohne Publikum! Die Premiere wurde gestreamt, was leider total verunglückte (Übertragungsausfälle fast das ganze Stück über, z.T. 10, 15 Minuten lang; aber immer wieder 5 Sekunden sind auch nicht besser).


    Nun also die Wiederaufnahme in der aktuellen Saison. Derzeit ist im Staatenhaus weiterhin jede zweite Sitzreihe ausgebaut, aber die übrigen Plätze dürfen mit erheblich weniger Leersitzen belegt werden, so dass man wieder den Eindruck einer mäßig besuchten Vorstellung bekommt. Noch besser: die Maskenpflicht am Platz ist aufgehoben!


    Live und vor Ort ergab die Inszenierung für mich jetzt einen Sinn, den ich dem Streaming nicht hatte entnehmen können. Für Details verweise ich mal auf diese Rezension in der Rheinischen Post. Das Orchester steht, wie schon öfter im Saal 1 des Staatenhauses, rechts neben der Bühne, nimmt diesmal allerdings einen erheblichen größeren Raum ein (wer hingehen will: Plätze im linken Teil des Saals sind zu bevorzugen!). Ein weiteres Podest mit Klavier, Harmonium, Orgel und den Harfen steht rechts neben dem Publikum, dahinter noch ein Bereich mit einem Teil des Blechs. Im 3. Bild kommen noch Bläser von hinten links dazu, die Chöre teils rechts vorne, teils links an der Seite positioniert - die Musik kommt von überall! Und dass Korngold in Sachen Besetzung ordentlich aufgefahren hat, kommt in dieser Produktion so richtig zur Geltung! Gabriel Feltz hat das alles wie auch die Solisten voll im Griff, und das Gürzenich-Orchester beweist ein weiteres Mal, was für einen gewaltigen Qualitätssprung es in den letzten Jahren genommen hat!


    Für die Solisten ist das Stück ohnehin eine gewaltige Herausforderung, die Aufspreizung des Orchesters und der Chöre macht ihnen die Sache nicht leichter. Der Dirigent ist bemüht, die Klangmassen im Zaum zu halten, aber es klappt nicht immer. Gelegentliche Schwierigkeiten, typischerweise in den tieferen Lagen, haben Wolfgang Stefan Schwaiger (Frank) und Dalia Schaechter (Brigitta), erhebliche Probleme auch in der Mittellage hat Kristiane Kaiser (an diesem Abend als Marietta debütierend), bei der es auch an Textverständlichkeit mangelt. In der hohen Lage kann die Stimme sich immerhin durchsetzen. (Die andere Besetzung ist Aušrinė Stundytė, die mir sängerisch und szenisch in der Streamingpremiere erheblich besser gefiel). So gut wie keine Probleme mit der brutalen Partie des Paul hat Stefan Vinke, dem sängerisch wie szenisch eine phantastische Rollengestaltung gelingt! (Andere Besetzung Burkhard Fritz, der mir in der Streamingpremiere wenig gefallen mochte.). Die Nebenrollen sind gut besetzt: Anna Malesza-Kutny (Juliette), Regina Richter (Lucienne), John Heuzenroeder (Victorin), Dustin Drosdziok (Graf Albert). Großartige Leistung auch der Chöre (Chor der Oper Köln, Kinderchor: Kölner Dommusik).


    Bühne: Stefan Heyne, Kostüme: Silke Willrett, Video: schnittmenge.de. Die Videos übrigens meist sinnvoll eingesetzt, nur in den Orchesterzwischenspielen für mein Empfinden mal wieder zu viel des Guten - Korngolds Musik ist doch ausreichend visuell!


    Eine hervorragende Produktion, sollte man gesehen und gehört haben! Und wer sich mal so richtig Korngoldsche Orchestermassen von allen Seiten um die Ohren blasen lassen will: erst recht hin! Noch bis zum 25.09. im Kölner Staatenhaus.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Tristan und Isolde, Deutsche Oper am Rhein (Duisburg), 7.11.2021

    Gestern Abend war ich im Theater Duisburg, der kleinen und sympathisch abgegriffenen der beiden Rheinopern-Schwestern, um zum ersten mal nach 607 Tagen wieder einer Live-Wagnerei zu lauschen. 608 Tage zuvor war übrigens an selber Stelle ein Lohengrin mein letzter Opernbesuch vor dem ersten Lockdown. Seinerzeit, an jenem 8. März 2020, haben sich schon alle wie verrückt im Theater die Hände gewaschen und sind absichtsvoll umeinander herumgeschlichen; von mehr wusste man noch nichts Genaues. Und an Masken war noch nicht zu denken. Letzteres war gestern genauso, was ich allerdings sehr spooky fand. Die Veranstaltung war 2G (was ich allerdings erst im nachhinein heute früh gelesen habe). Es wurde ohne Abstand verkauft und dementsprechend auch gesessen. Am Platz durfte man seine Atemwege entblößen. Ich mache das allerdings nicht, auch wenn ich nicht zu den Obervorsichtigen gehöre und auch nicht zu den FFP2-Masochisten. Leider ist in diesem November nicht nur 2G eingetreten, sondern auch eine wunderbare Erkältungswelle. Und es wird auch im Theater wieder nach Herzenslust rumgeröchelt, gehustet und geniest. Ich habe mich jedenfalls seit der Wiedereröffnung der Theater noch nie so schutzlos-exponiert gefühlt wie gestern. Nun aber genug der Vorrede.


    Die Inszenierung, die Dorian Dreher verantwortet, folgt dem Konzept, die drei Aufzüge an drei Abenden auf die Bühne zu bringen - ohne Pause, ohne Gastro, das in der letzten Saison ja nicht unübliche Einakter-Ding. Das war vor der Sommerpause in der Rheinoper auch so gelaufen. Nun, im Lichte der besseren (?) Pandemielage, hat man sich entschieden, den auf drei Abende angelegten Tristan offenbar ohne größere dramaturgische Nachbearbeitungen dann doch in einem Rutsch zu bringen. Ein Regiekonzept, das mich nicht überzeugt hat.


    Die Aufzüge 1 und 2 begannen mit Prologen, die sowohl Sprechtexte als auch musikalische Zitate aus dem 3. Aufzug enthielten. Die Sprechtexte wurden per Tonband eingespielt, die musikalische Begleitung leistete eine Bühnenmusik (Streichquartett plus Englischhorn). Hat mich beides nicht überzeugt, zumal eine kammermusikalische Vorwegnahme der Sehnsuchtswehe aus dem 3. Aufzug im Vorfeld zum Orchestervorspiel zum 1. Aufzug musikalisch zusammenhanglos und m.E. entstellend ist. Entstellt war dann auch die weitere Einbindung des Bühnenquintettes in das Orchestervorspiel. Da passten Raum und Zeit nicht gut zusammen, und GMD Axel Kober (den ich sehr schätze, und dessen umsichtigen Dirigaten ich viele schöne Abende verdanke) war auch mit den Tempi teils überfordert. Allerdings steigerten sich Kober und die Duisburger Philharmoniker im Laufe des Abends, und die musikalische Arbeit verlagerte sich auch spätestens nachdem die ebenfalls unsicher agierenden Chorherren Feierabend hatten auf eine geringere Zahl anzuspielender Orte. Das hat dem Ergebnis hörbar gut getan.


    Auch die solistischen Darsteller (Alexandra Petersamer als Isolde, Katarzyna Kuncio als Brangäne und Daniel Frank als Tristan) brauchten ihre Zeit, um, wie man heute so schön sagt, "vor die Probleme" zu kommen. Im ersten Aufzug überzeugte allein Richard Šveda als Kurwenal. Halt, stimmt nicht! - Steuermann Jake Muffett war auch solide... Alexandra Petersamer immerhin steigerte sich enorm im Laufe des Abends und hat schließlich einen hinreißenden Liebestod hingelegt. Daniel Frank war dieselbe Steiegerung leider nicht vergönnt. Ich finde ihn als Tristan auch fehlbesetzt. Er soll besser Tamino singen. Als Siegmund habe ich ihn auch mal gehört; das war auch passend. Aber für die Heldentenorpartien fehlen ihm m.E. sowohl Wumms als auch klangliche Dramatik. Wie immer hinreißend anzuhören war Hans-Peter König als Marke.


    Soviel hierzu; soll ja nur ein Telegramm sein.
    Gesamturteil: Eingeschränkt empfehlenswert. Wenn man in der Gegend ist, ok.

    ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...

  • Kinderoper Köln: Johannes Wulff-Woesten/Martin Baltscheit - Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor

    Premiere am 20. November 2021.


    Darüber muss ich doch noch kurz berichten!


    Das gleichnamige Bilderbuch von Martin Baltscheit ist vielleicht der/dem ein oder anderen Oma/Opa oder Mama/Papa bekannt. Es geht um einen schlauen Fuchs, der jeden Trick kennt, um sein Futter zu kriegen und gleichzeitig den Hunden zu entkommen und sein Wissen an die jungen Füchse weitergibt. Dann aber beginnt er vergeßlich zu werden, vergißt beinahe gar, sich vor den Hunden in Sicherheit zu bringen, findet den Weg nach Hause nicht mehr, fällt vom Baum und muss schließlich von den jungen Füchsen gepflegt werden, weil er nichts mehr auf die Reihe kriegt.


    Mit anderen Worten: es geht um Demenz.


    Der Autor ist selber Librettist der Oper, und es ist ihm und dem Komponisten gelungen, die Story in eine deteilreiche, aber nicht überladene Theaterhandlung umzusetzen. Dabei kriegt einer der jungen Füchse (von erwachsenem Sänger zu spielen) die Rolle des Erzählers, über der den Text des Bilderbuches nahezu eins zu eins ins Libretto übertragen wird. Das ist aber so (weitgehend) geschickt gemacht, dass es keinen Bruch zwischen erzählter Handlung und gespielter Handlung gibt, oder anders: es bleibt ein dramatischer (und damit theatralisch fesselnder) Ablauf aus einem Guss.


    Die Musik ist fasslich, ohne jemals banal zu sein. Dass das Thema des alten Fuchses eine Zwölftonreihe ist, muss ich dem Programmheft entnehmen (hören kann ich so etwas nicht), aber dass ihm (dem Thema) mit fortschreitender Demenz nach und nach immer mehr Töne fehlen: das kriegt jeder aufmerksame Hörer mit. Auf der anderen Seite stehen ein paar in leicht verfremdeter Form eingebaute Kinderlieder. Zum Schießen der als Karikatur eines eitlen Tenors auftretende Hase, der mit Häschen in der Grube zu brillieren versucht. Ein bißchen gemein (und nicht so leicht erkennbar) das Erklingen der Melodie von Good Night, Ladies, nachdem der alte Fuchs, noch im Vollbesitz seiner Kräfte, nacheinander drei Hühner "geholt" hat. Klasse die Küchenszene, in der die vier jungen Füchse (die drei anderen von Knaben und Mädchen der Kölner Dommusik gesungen und gespielt) auf den Kochtöpfen gemeinsam mit den Schlagzeugern im klein besetzten Gürzenich-Orchester eine Percussion-Einlage geben. Drei Hühner, zwei (rollschuhlaufende) Gänse, ein Schaf, ein Hase und vier (rollerfahrende) Hunde werden von fünf Sängern in ständig fliegendem Kostümwechsel gespielt. (Die sechsjährige Enkelin hatte das nach einiger Zeit kapiert und fand das höchst faszinierend!)


    Großartig und höchst anrührend spielt der Bariton Matthias Hoffmann den alten Fuchs als zunächst nur halbwegs sympathischen James-Bond-Verschnitt, dem nach und nach der Wind aus den Segeln geht, der dann immer mehr - zunächst noch lustigen - Unsinn macht, wegen seines unverständlichen Treibens mit den jungen Füchsen aneinandergerät und sich schließlich ohne Verstand wiederfindet, vom nun aber verstehenden Nachwuchs behütet wird.


    Regie: Brigitta Gillessen, Bühne und Kostüme: Jens Kilian, Choreographie Annika Wiessner. Dirigent: Rainer Mühlbach.


    Starke Produktion!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Für die, die noch rausgehen:


    Ich kann „Lucia di Lammermoor“ in Essen wärmstens empfehlen! Die Regie von Dietrich Hilsdorf ist belanglos; musikalisch aber ist das ganz vortrefflich! Alle Rollen toll besetzt, Chor stark. Hila Fahima als (Lucia) sticht dabei besonders heraus. Aber auch die Ensemblesolisten Carlos Cardoso (Edgardo), Ivan Krutikov (Enrico) und Baurzhan Anderzhanov (Raimondo) sind richtig gut drauf. Die Essener Philharmoniker unter Leitung von Giuseppe Finzi lösen ihre Aufgaben ebenfalls ganz hervorragend.


    Ein sehr schöner Abend. Mit leider zu vielen Premierengästen, die in der Pause Coronaparty feiern. Leider geht man offenbar auch wieder erkältet in die Oper; um mich herum wurde wieder nach Herzenslust geröchelt.

    ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...

  • Kurzberichte aus der Staatsoper Berlin:


    Sa., 11.12.2021 - Samson et Dalila, I: Damián Szifron; ML: Thomas Guggeis


    Am Samstag sah und hörte ich Samson et Dalila in Berlin. Eine bildgewaltige und blutrünstige Inszenierung. Kategorie: Historienschinken der eindringlichen Art.

    Andreas Schager funktioniert als Samson überraschend prächtig; die Dynamikschwächen, die mich bei ihm immer ein bisschen bangen lassen, fielen bei dieser Rolle nicht so ins Gewicht. Anna Lapkovskaja war als Dalila eingesprungen. Hat gut funktioniert. Ihr mon coeur s'ouvre à ta voix war jedoch etwas aus dem Tempo. Das wundervolle Bacchanal im 3. Akt startet verhalten, wird aber ekstatisch. Insgesamt mehr was für's Auge als für die Ohren, was die Berliner da so machen. In Düsseldorf (ausgerechnet!) habe ich das schon besser gehört...


    So., 12.12.2021 - Lohengrin, I: Calixto Bieito; ML: Thomas Guggeis


    Sonntag nun Lohengrin. Inszenierung nicht Fisch noch Fleisch. Fängt mit starken Video-Bildproduktionen an (dem Ertrinken entkommender Gottfried; kreißende Frau im Vorspiel zum 3. Aufzug, die dann vom Brautchor entbunden wird), führt jedoch keine davon zu Ende oder leitet auch nichts auseinander ab. Andreas Schager immer wieder ein bisschen schreiend und mit ziemlich liederlicher Intonation. Überraschend gelungen seine Gralserzählung, obwohl er ja eigentlich nicht leise kann... Nicht immer ganz schlüssig, wann die Staatskapelle Gas gibt und wann sie sich zurück hält. Insgesamt ziemlich laut (außer im Brautchor, da fast intim kammermusikalisch). Highlight Einspringerin Okka von der Damerau, die eine fantastische Ortrud hinlegt. Elza van den Heever liefert eine solide Elsa, Martin Gantner einen sehr vornehmen Telramund. Chor auf Bestniveau, durchgehend sehr transparent und gut abgestimmt. Eine Produktion, die vor allem durch ihre Darsteller:innen überzeugt.

    ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...

  • Sa., 15. Jänner 2022: WIEN (Volksoper): Modest Petrovič Musorgskij, Boris Godunov

    Gestern habe ich meine lange Opernabstinenz (2021 war ich genau einmal in der Oper, und zwar am 7. Nov. bei Martinůs Griechischer Passion in Brünn, eine wirklich super Aufführung) beendet, und zwar mit der Premiere von Boris Godunov an der Volksoper. Angekündigt gewesen war eine Inszenierung von Peter Konwitschny (auf die ich sehr gefreut hatte), die „pandemiebedingt“ (das kann man glauben oder auch nicht) abgesagt wurde. Also nur konzertant und – schlimmer – brutal auf 1¾ Stunden zusammengekürzt (der Polenakt und die Szene im Wald bei Kromy fehlten ganz, der Kinderchor durfte wohl coronabedingt nicht auftreten). Also eigentlich nur ein Boris-Fragment, aber in Anbetracht dessen, dass diese Oper einige Jahre nicht in Wien zu hören war, nimmt man eben, was man kriegt. Das Volksopernprogramm ist in dieser Saison gar nicht einmal so uninteressant wie in den Jahren zuvor; ich freue mich besonders auf Zemlinskys Kleider machen Leute und auf Brittens Death in Venice.


    Albert Pesendorfer war ein sehr guter Boris (seine Stimmfärbung ist mir persönlich etwas zu hell, was aber der sehr guten Gesamtleistung keinen Abbruch tat); er kann nichts dafür, dass ich in dieser Rolle Ferrucuio Furlanetto im Ohr habe und für mich eigentlich jeder andere undenkbar ist. Mit dem Pimen von Yasushi Hirano wurde ich nicht wirklich glücklich: Obwohl er alles korrekt sang, fehlte die stimmliche Reife des greisen Mönchen, und es fiel auf, dass er mit der Artikulation mancher Laute Probleme hatte. Mit Vincent Schirrmacher war der Grigori sehr gut besetzt, dagegen war Marco Di Sapia als Varlaam viel zu nobel und dadurch viel zu unglaubwürdig. Carsten Süss hat im Schuiskij eine Rolle gefunden, die er ausnahmsweise nicht ruinieren kann; auch Morten Frank Larsen konnte mit seiner abgesungenen Stimme in der Rolle des Schtschelkalow ob deren Kürze wenig kaputt machen. Die anderen Sänger agierten rollendeckend; das Orchester unter Jac van Steen gefiel mir recht gut, wie auch der Chor.


    Glücklicherweise wurde in deutscher Sprache gesungen, was einen viel direkteren Zugang zu diesem Werk ermöglicht (dass Opern mehrheitlich in Sprachen aufgeführt werden, die der Großteil des Publikums nicht versteht, ist für mich an Absurdität kaum zu überbieten).

    Capriccio-Pause meinerseits bis 23. August 2022. Das ist meine eigene Entscheidung, der keine Sperre oder ähnliches zugrunde liegt.

  • Sa., 29. Jänner 2022: WIEN (Staatsoper): Benjamin Britten, Peter Grimes

    Endlich wurde Peter Grimes an der Staatsoper wieder gespielt, eine absolut großartige und viel zu selten zu hörende Oper, für die ich auf den ganzen Wagner, auf den halben Strauss und auf sämtliche Italiener und Franzosen locker verzichten könnte. Dass es in Wien die meisterhafte Inszenierung von Christine Mielitz gibt (ein Erbe aus der Holender-Zeit, von 1996) ist besonders erfreulich angesichts der Tatsache, dass mehrere Mielitzsche Produktionen (Otello und Parsifal; Holländer glücklicherweise wieder letzten November ausgegraben) bedauerlicherweise entsorgt wurden: Das Meer ist nicht zu sehen, dafür wird durch ausgeklügelte Lichteffekte und tolle Personenführung die Zerrissenheit der Hauptfigur einerseits und die Brutalität der Dorfgemeinschaft anderseits, die jemanden, der nicht in ihr Schema passt, vernichten will, sichtbar gemacht. Eine der allerbesten Inszenierungen, die sich gegenwärtig im Staatsopernrepertoire befinden und die noch oft gespielt werden möge.


    Jonas Kaufmann gab sein von seiner Fangemeinde sicherlich erwartetes Rollendebüt als Peter Grimes (ich war in der zweiten Aufführung der Serie), das auf ganzer Linie misslungen ist: Nicht nur, dass seine Stimme unschön ist (ich halte seine Art zu singen nicht aus und bin daher seinen Auftritten seit 2012 konsequent ausgewichen), er singt die Rolle „schön“ (von den massiven inneren Konflikten dieser Figur war kaum etwas zu spüren – schlecht, denn Grimes ist psychisch absolut am Ende, das ist sicher kein Belcanto) und kommt mit ihr technisch nicht zurande: Das hohe a bei „Will you move or must I make you dance“ am Ende des langen Monologs wurde kurzerhand ausgelassen! (Immerhin ist ihm heute bei „Calling, there is no stone in earth’s thickness to make a home, that you can build with and remain alone“ nicht der Ton im Halse stecken geblieben, so wie es in der vorigen Aufführung laut zuverlässigen Erzählungen passiert ist.) Insgesamt hat er sich mit seiner abgedunkelten Stimme und schlechter Artikulation mehr schlecht als recht durchgeschummelt, sodass die Kaufmann-Fans am Ende zwar kräftig herumgebrüllt haben, aber all jenen, die das Stück gut kennen, klar wurde, dass Kaufmann in der Reihe der Wiener-Staatsopern Peter Grimes lediglich von Herbert Lippert (2013) unterboten wurde, und besser als gerade einmal Lippert zu sein, ist keine Kunst. Hoffentlich ist Kaufmann mit diesem Peter Grimes schon im Altersfach angekommen und bleibt dort.


    Die anderen Mitwirkenden (die ja eigentlich egal sind, aber wenn alle schlecht sind, ist es auch nichts) zogen sich unterschiedlich aus der Affäre: Am besten gefiel mir Lise Davidsen, die jedoch die Ellen über weite Strecken hochdramatisch anlegte, was hier fehl am Platze ist. Schade; ich hoffe, der hemmungslose Stimmeinsatz geht nicht auf die Substanz – dieses Schicksal erlitt Bryn Terfel, der sich mit dem Wotan und anderen Verrücktheiten die großartige Stimme ruiniert hat: heute als Balstrode passte er gut (für diesen Charakter ist eine leicht abgesungene und grobschlächtige Stimme ja gar nicht verkehrt), dennoch darf man nicht daran denken, was für ein großartiger Sänger er dereinst war. Unter den Nebenrollen fielen Wolfgang Bankl (Swallow) und Thomas Ebenstein (Bob Boles) angenehm auf, Erik Van Heyningen (Hobson) unvorteilhaft. Die anderen kleinen Rollen waren durchaus passend besetzt (von Stephanie Houtzeel als Mrs. Sedley hätte ich mir allerdings mehr erwartet). Der Chor zeigte sich sehr gut disponiert (man merkt, dass für diese Wiederaufnahme geprobt wurde); Simone Young waltete wie üblich etwas hektisch, aber letztlich sehr kompetent am Dirigentenpult ihres Amtes.

    Capriccio-Pause meinerseits bis 23. August 2022. Das ist meine eigene Entscheidung, der keine Sperre oder ähnliches zugrunde liegt.

  • Vielen Dank für den persönlichen Eindruck! Hier zur Ergänzung - den Vorstellungsmitschnitt von gestern kann man noch sechs Tage hier nachhören:

    ORF-Radiothek

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Danke für den Hinweis! Wenn jemand in den Mitschnitt hineinhören und sich darüber austauschen möchte, gerne

    Capriccio-Pause meinerseits bis 23. August 2022. Das ist meine eigene Entscheidung, der keine Sperre oder ähnliches zugrunde liegt.

  • Hallo zusammen,


    gestern Nachmittag habe ich Janaceks Füchslein in der Neuinszenierung von Barrie Kosky im Nationaltheater angeschaut. Ich bin nicht sicher, wie ein Anhänger traditioneller Opernregie mit der Grundentscheidung von Kosky klarkommt, die da lautet: alle Rollen werden von Menschen gesungen, niemand versucht hier Tiere nachzubilden. Ich fand das erzählerische Ergebnis sehr überzeugend.


    Vor dem Beginn der Musik wird das Füchslein beerdigt, damit ist die gesamte Oper als Rückschau interpretiert.


    Die Gegenüberstellung von menschlicher und tierischer Welt hat mehr mit dem Thema Lebensfreude und Beweglichkeit (beides wird mit juchzendem Herumlaufen sichtbar gemacht) zu tun: die Tiere besitzen es noch (bis auf den Dackel), die Menschen, insbesondere die Männer im zweiten Akt, sind weit entfremdet von der Lebensfreude: die Menschen beobachten sich gegenseitig und sind vor allem eins gegeneinander: neidisch und missgünstig. Das ist alles im Text und in der Musik angelegt.


    Sängerisch war ich eigentlich auf allen Positionen sehr zufrieden, Wolfgang Koch als Förster und Elena Tsallagova haben in den 'Hauptpartien' sehr genau die Charaktere herausgearbeitet, Martin Snell als Pfarrer und Jonas Hacker als Schulmeister haben ihre Szenen im zweiten Akt mit sehr überzeugender Mysogynie charakterisiert.


    Am unzufriedensten war ich mit dem sehr pauschalen Dirigat von Mirga Gražinytė-Tyla, die das 'Füchslein' als eine Lieblingsoper bezeichnet hat. An mangelnder Vorbereitungszeit hat es eine Woche nach der Premiere also nicht gelegen, dass es im ersten Akt im Orchester ordentlich geklappert hat und die Farbigkeit der Partitur eigentlich nie so richtig klar wurde: mir waren viele Stellen einfach viel zu sehr auf Lautstärke, denn auf Schärfe hin angelegt: leider eher eine pauschale Leistung an dieser Stelle.


    Am Schluss gab es sehr intensiven und langdauernden Beifall aus dem (unter Beachtung der 50%-Belegungsrate) gut gefüllten Zuschauersaal.


    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Ich konnte am vergangenen Sonntag, 24.4., der Tannhäuser-Premiere an der Hamburgischen Staatsoper beiwohnen. Die Neuinszenierung verantworteten Regisseur Kornél Mundruczó und Generalmusikdirektor Kent Nagano.



    Die Inszenierung von Mundruczó war in der Summe nicht überzeugend. Das Venusberg-Setting ist in eine paradiesische Dschungellandschaft verlegt. Eine nette Idee. Aber die darin agierenden Personen (allerlei Kinder unterschiedlichen Alters, die Tannhäuser offenbar mit Venus in dem vergnüglichen Ambiente gezeugt hat, und die teils selbst schon wieder schwanger waren) agierten stumpf und unmotiviert. Ob diese wirklich niederschmetternde Personenregie mangelnden Probegelegenheiten wegen der Pandemie geschuldet ist, kann hier nur spekuliert werden. Tanja Ariane Baumgartner gab eine überragend gute Venus, toller Mezzo, toller Stimmeinsatz, überzeugendes Spiel (trotz der beschriebenen Einschränkungen der Personenregie). Wirklich Sorge machte mir am Anfang Klaus Florian Vogt als Tannhäuser. Er ist ohnehin m.E. nicht optimal besetzt, weil zu leicht für diese Rolle. Überdies wirkte er schrecklich kurzatmig. Nicht nur, dass er schlecht geatmet hat und dadurch etliche Ligaturen zerschoss - es fehlten auch ganze Töne. Er hat auch das Tannhäuser-Lied mit m.E. unpassender Technik gesungen: Insbesondere, wenn man ein wenig indisponiert ist, sollte man die Töne in den aufsteigenden Linien vielleicht nicht einzeln ansteuern, sondern aufgleiten. Hat er aber nicht. Hörte sich dann ein bisschen an, wie Wenzel in der verkauften Braut singt. Gottlob hat Vogt sich im weiteren Verlauf des Abends gefangen, ohne jedoch wirklich überzeugend zu werden. Der erste Aufzug hielt gegen Ende dann noch ein Highlight parat: Florian Markus, Solist der Tölzer Sängerknaben, gab einen fantastischen Hirt. Ich muss sagen: ich habe noch nie in der Oper ein Kind so gut singen gehört. Technisch super, sehr präsent, sehr gelungen musikalisch gestaltet. Das war ein Genuss und eine wirklich herausragende musikalische Leistung. Sein Gesang ertönte von einer öden Felsenlandschaft, die die Wartburg-Szene des 1. Aufzuges beheimatete. Schlielich erschien die Wartburg-Gesellschaft um Georg Zeppenfeld (König Heinrich) und Christoph Pohl (Wolfram), die beide einen durchgehend tollen Abend hatten. Pohl konnte später noch einen wirklich wundervollen Abendstern gestalten; Zeppenfeld hat seine gesanglich etwas unspektakuläre Rolle durchgehend auf hohem Niveau und mit seinem wundervoll edelmürben Bass darstellen können. In der Schlussszene wurde dann Rotwild vom Schnürboden abgeseilt, dem kopfüber die Kehlen eröffnet wurden. Das war ein Vorgeschmack auf Mundruczós Haltung zur Wartburg-Szene im 2. Aufzug.

    Das Setting: Eine weiße Halle mit langer Tafel (kein Putin-Oval, sondern rechteckig) mit den zu Trophäen abgetrennten Hirschköpfen, denen inszwischen dämonisch rotleuchtende Augen gewachen waren, darauf. Die höfische Gesellschaft dort wurde als dekadent-überspanntes (Opern-?)Publikum gezeichnet, aus dem sich allein Elisabeth (Jennifer Holloway) durch Streetwear heraushob. Holloway hat einen guten Job gemacht, ohne zu begeistern. Ihre Artikulation hat mir nicht gefallen, ansonsten war das sehr passend. Die Sängerkrieg-Szene war m.E. eine der größten Regieschwächen: kein erkennbares Erzählkonzept. Im Hintergrund treten diverse Störungen auf (es fällt etwas zu Boden; rauflustige Eindringlinge mischen die Hofgesellschaft auf etc.), ohne dass dies einen erkennbaren Bezug zur Handlung hat. Offenbar hält Mundruczó den Sängerkrieg für so langweilig, dass er durch ein wenig Background-Slapstick angereichert werden sollte. War nicht überzeugend.

    Im Dritten Aufzug kehrt die öde Felsenlandschaft wieder, die durch Witterungseinfluss mittlerweile moosbewachsen ist. Ein insgesamt ästhetisch überzeugendes Setting, in dem der bereits erwähnte Abendstern besungen wird. Auch die intimen Holzbläsersoli drumherum haben wunderbar funktioniert. Tannhäusers Romerzählung war einer von Vogts stärkeren Momenten. Schließlich kehrt zum Abschluss das Venusbergsetting wieder, in dem die Erlösungsszene stattfindet. Wieso dafür eine phallusartige leuchtende Bananenstaude (oder was auch immer das war) aus dem Busch hervorbrechen muss, war Gegenstand der Diskussion unter den die Staatsoper schließlich Verlassenden.


    Kent Nagano, der - nebst dem Regieteam, selbstverständlich - auch stärker ausgebuht wurde, hat seine Aufgabe m.E. nicht überzeugend gelöst. Für die Wackler im Orchester kann er nichts (auch wenn es mich verblüfft, dass ich zuletzt in Hagen, Koblenz und Duisburg ein höheres musikalisches Orchesterniveau bei Wagnereien erleben durfte). Aber er hat auch seltsame Entscheidungen zur musikalischen Dynamik getroffen und Bühne und Graben nicht immer passend zusammen halten können. Das war allenfalls ausreichend.


    Am Sonntag folgt für mich der direkte Hörvergleich: Tannhäuser in Wuppertal. Ich bin gespannt.

    ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...

  • Bei der Erstellung meines letzten Beitrag unterlag ich einem Irrtum: Die Aufführung des Tannhäuser in Wuppertal, für die ich eine Karte hatte, fand bereits gestern (30. April) statt und nicht heute. Hat den Vorteil, dass ich Zeit für einen kurzen Bericht finde.


    Das musikalische Erlebnis gestern hatte Höhen und Tiefen. Was aber in jedem Fall den Besuch lohnte, war die Inszenierungsleistung des Teams um Nuran David Calis. Das war definitiv die beste Musiktheater-Regie, die ich in der jüngeren Vergangenheit erlebt habe.


    Das Setting des Venusbergs ist ein Rotlicht-Betrieb. Das ist zunächst kein besonders unkonventioneller Einfall. Da die Pariser Fassung gegeben wird, gibt es ausführlich Gelegenheit allerlei Tändeleien und körperliche Austauschformen aus dem BDSM-Formenkreis szenisch darzubieten, bevor Tannhäuser und Venus schließlich auf reiner glitterflorumwehten Tabledancescheibe zum zweisamen Dialog zurückbleiben. Venus sucht Tannhäuser im Hurenoutfit zu verlocken, dieser gibt, als Zuhälter in Szene gesetzt, der Versuchung nach, neigt aber zum werktreuen Coitus interruptus. Eine interessante Idee: Die Strophen des Tannhäuser-Liedes als Anleitung zum Edging. Für den voyeuristisch orientierten Teil des wie immer schlohweiß behaupteten Opernpublikum jedenfalls was für's Auge. Leider kaum für's Ohr. Tannhäuser Norbert Ernst ist gesanglich ein Reinfall. Er singt, als wüsste er von Anfang an, dass er die drei Stunden Nettospielzeit sorgsam stimmdosieren muss: keine gute Artikulation; nur auf's nötigste geatmet; keine ansatzweise künstlerische musikalische Gestaltung; alles geschmiert. Er hat im Laufe des Abends nur wenige halbwegs gelungene Passagen; die Rom-Erzählung gehört dankenswerterweise dazu. Allison Cook, die die Venus gestaltet, überzeugt ebenfalls nicht. Sie hat einen gerade in den hochdramatischen Passagen sehr verleiernden Mezzo. Recht schön jedoch ihr intimes Solo ("Geliebter, komm, sieh dort die Grotte!"). Dann fliegt Tannhäuser aus dem Puff und findet sich auf der frühmorgendlichen Szenequartier-Straße wieder, wo ein Zeitungsjunge (passenderweise mit einem "Hermes"-Handwägelchen ausgestattet; welch Götterbote!) den Hirtengesang vorträgt. Leider weiß ich (noch) nicht, ob es sich dabei um Sebastian Scherer oder Nicolas Schröer handelte; jedenfalls muss ich meinen Bericht von letzter Woche überarbeiten: Ich habe schon wieder ein Kind fantastisch singen gehört - und, in Nuancen, diesmal sogar noch besser! Beide Solisten sind jedenfalls Mitglieder der Knaben der Dortmunder Chorakademie. Es ist wirklich beeindruckend, was in dieser Ausbildungsinstitution in weniger als 20 Jahren erreicht worden ist!


    Schließlich kommt die Rittertruppe, bestehend aus einem Imam (Guido Jentjens; Landgraf) und ein paar engagierten Straßenjungs mit unterschiedlichsten Migrationshintergründen zum schlafenden Tannhäuser und kann ihn nach dem bekannten Hin und Her davon überzeugen, zu dem geplanten interkulturellen Straßenfest zu erscheinen, das den Zweiten Aufzug darstellt.


    Und das war megageil gemacht!


    Eine überzeugende Bühne: ein Umfeld, das zwischen benachteiligtem Ruhrgebiets-Wohnquartier und Reformuni-Asta-Büro changiert. Von der Requisite grandios ausgestattet. Und vor allem eine überwältigende Kostümauswahl und Personenregie bei den Chorszenen. Der Sängerstreit selbst kommt als Bullying unter Straßenjungs daher, Tannhäusers Ausschluss von dem interkulturellen Straßenfest wird von den religiös gekränkten frommen Muslim-Jungs genauso mitgetragen wie von dem - ob solch ungebührlichen und kulturell verletzenden Verhaltens empörten - linksliberalen, biodeutschen Gutbürgertum, das bei dem Straßenfest natürlich nicht fehlen darf. Tannhäuser bekommt vom Imam schließlich ein Pilgergewand zugewiesen und auf geht's nach Mek... ähh.. Rom.

    Das war eine wirklich supergut erdachte und immer aufgehende Regietheater-Idee. Die reinste Freude! Ebenfalls Freude auslösend war Julie Adams, die die Elisabeth sang. Eine strahlende und immer präsente Sopranistin mit viel Gefühl für musikalische Dynamik, ausgeprägtem Gestaltungskönnen und auch großem darstellerischen Vermögen.


    Das konnte sie zu Beginn des Dritten Aufzuges ebenfalls einbringen. Dieser spielte sich im Setting des Straßenfestes ab, das jedoch verslumt und durch nächtliche Atmosphäre zwielichtig geworden ist. Auf Videobildschirmen am oberen Bühnenrand wird eine Ursache des Verfalls beschrieben:

    Bilder vom Nagelbombenattentat in der Kölner Keupstraße und Auszüge aus dem erst Jahre später bekannt gewordenen Bekennervideo illustrieren die untergegangene heile Welt.

    Ihr nächtliches Lager nimmt die schmachtende Elisabeth in eine Decke gehüllt an einer Feuerschale; als der Pilgerchor ohne Tannhäuser vorbezieht, will sie nur noch weg und lässt sich auch von Ehrenmann Wolfram (ein toller Bariton: Ensemblemitglied Simon Stricker) und seinem Abendstern nicht trösten. Schließlich kommt Tannhäuser zwischen zwei Mülltonnen vorgekrochen: Ein obdachloser Stadtstreicher in der Nacht. Venus und ihre Hurenkolleginnen treten auf die Straße, Tannhäuser schmiegt sich an sie, aber lässt sich schließlich doch von Wolframs Hinweis auf Elisabeths Liebesopfer in die Normenwelt der multikulturellen Gesellschaft zurückrufen.


    Nicht durchgehend überzeugend war die Leistung von Patrick Hahn am Pult, der gerade viel besprochen wird, weil er Deutschlands jüngster GMD ist. Bühne und Graben waren nicht immer zusammen. Aber das passiert ja auch in Hamburg, wo man übrigens für gute Parkettplätze rund viermal so viel bezahlt wie in der Oper Wuppertal. Das Sinfonieorchester Wuppertal hat in der Summe ganz gut gearbeitet. Vor allem die Blechbläser konnten sehr überzeugen. Der Chor war sehr präsent und meistens auf den Punkt. Die werkimmanente Dynamik hat er überzeugend dargestellt. Eine sehr gute Leistung.


    Insgesamt ein sehr vergnüglicher Abend. Das Opernhaus in Wuppertal kann ich ohnehin zum Besuch empfehlen. Die Inszenierung ist coronageplagt gewesen; der erste und der zweite Premierentermin mussten ausfallen. Jetzt gibt es nur noch zwei weitere Shows in dieser Saison (14. Mai und 26. Juni), die zu besuchen ich euch durchaus anraten kann.

    ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...

  • Oper Köln im Staatenhaus: Hector Berlioz - Béatrice et Bénédict (I: Jean Renshaw; ML: Francois-Xavier Roth)

    Da habe ich am vergangenen Samstag die Premiere gesehen und war unterm Strich sehr angetan.


    Berlioz verfasst sein Libretto um den Hauptplot aus Shakespeares Much Ado About Nothing: zwei Menschen, die einander nicht ausstehen können, werden von ihrer Umgebung miteinander verkuppelt. Dazu erfindet er einen Kapellmeister, der ständig irgendwelche Chorstücke komponiert und mit den Leuten einstudiert, die aber keinen sonderlichen Anklang finden.


    Ich war von der Inszenierung (Jean Renshaw; Bühne und Kostüme: Christof Cremer) zunächst nicht so angetan - arg viel Aktionismus der Choristen und Statisten auf der Bühne. Im Laufe des Stückes wird dann deutlicher, dass es sich dabei durchweg um Beziehungsprobleme zwischen Eheleuten handelt, eben das, was die Titelfiguren um jeden Preis von sich fernhalten wollen, und im Laufe des zweiten Aktes ergab das dann doch alles Sinn. Nur die Figur des Kapellmeisters (mit der Berlioz sich doch wohl selbst karikiert hat) war mir zu albern und aufgesetzt gehalten.


    Gute solistische Leistungen der Hauptdarsteller: Paul Appleby als Bénédict zwar stilistisch nicht hundertprozentig im französischen Metier daheim, aber ohne Probleme mit der Tessitura und einer immer frei und unangestrengt klingenden Stimme; Isabelle Druet als Béatrice hat mir ausgezeichnet gefallen. Jenny Daviet als Héro hat eine recht vibrante Stimme, wie man sie von manchen Sängern früherer Zeiten kennt, leider führte das bei ihr zu erheblichen Problemen mit der Fokussierung derTöne, besonders übel in ihrer Auftrittsarie (der ersten Solonummer der Oper); es mag an der Nervosität gelegen haben und wurde dann auch besser, vor allem in den wunderschönen Frauenensembles, dem Duett mit Ursule (Lotte Verstaen) und dem Terzett mit Ursule und Béatrice.


    Star des Abends war für mich neben dem Gürzenich-Orchester unter Francois-Xavier Roth allerdings der Chor der Oper Köln, da kam ich diesmal aus dem Staunen nicht heraus! Es ist ohnehin eine Oper des Chores, sicher mehr als ein Drittel der Musiknummern gehört ihm.


    Das selten gespielte Stück sollte man sich nicht entgehen lassen!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Berlin, Deutsche Oper, Die Meistersinger von Nürnberg, besucht am 29.6.2022


    ML: John Fiore; I: Jossi Wieler, Anna Viebrock, Sergio Morabito


    Nun, andernorts hier wurde ja intensiver diskutiert über die Meistersinger im Allgemeinen und diesen Hinweis im Besonderen:

    Hmmmm......Hat bloß nichts mit dem Werk zu tun. Ehrlich gesagt, auf diese Art Spannung und "Einfallsreichtum" kann ich verzichten. Ich finde die "Meistersinger" im Original schon spannend und einfallsreich genug. Da brauche ich keine Verfremdung bis zur Unkenntlichkeit.

    Ja, natürlich, bei diesem Team weiß man, was auf einen zukommt. Ich käme auch niemals auf die Idee, da rein zu gehen.

    Ich kann nun sagen: Wenn du nicht hingehst, läufst du nicht Gefahr deine Meinung revidieren zu müssen. Die Inszenierung ist m.E. ziemlich werktreu. Die Transferleistung, die in der Übertragung in ein zeitgenössisches Akademie-Umfeld besteht, finde ich plausibel, legitim und bereichernd. Dass der intime Dialog zwischen Eva und Sachs im 2. Aufzug in einer Me-too-Szene endet: auf den ersten Blick irritierend. Aber letztlich ein couragierter Ansatz, weil er eine durchtriebene Eva herausarbeitet, die dem Sachs seine Geheimnisse entlockt, um ihn nach der Offenbarung, dass Stolzing nicht zu den Werbern gehören wird, von sich zu stoßen. Wirklich schwach fand ich lediglich die Regieideen für die Schlussszene 3. Aufzug, in der Stolzing und Eva die Festwiesengesellschaft verlassen hatten und die versammelte Meute etwas hilflos zu dem unsäglichen Deutschmeisterverehrungstext herumzappelt, offenbar in dem Bestreben das Vorgetragene ironisch zu brechen.


    Gründe, hier nicht hinzugehen, liefern auch die Sänger:innen nicht: Johan Reuter singt einen sehr passablen Sachs, auch wenn er im 3. Aufzug Ermüdungserscheinungen zeigte. Klaus Florian Vogt gefiel mir als Stolzing super; das ist auch die Rolle, in der ich ihn kennen und schätzen gelernt habe (als Tannhäuser hat er mich in Hamburg überhaupt nicht überzeugt). Annika Schlicht, die ich als Fricka im DOB-Ring im Januar sehr schätzen gelernt habe liefert eine tolle Magdalene, die auch szenisch brilliert. Die Eva von Heidi Stober war eine interessante und bereichernde Rolleninterpretation, bei der der unschuldig-lyrische Vortrag sehr reizvoll mit ihrer kecken Bereitschaft, die Dinge in ihrem Sinne aktiv zu wenden, kontrastierte. Ya-Chung Huang als David tadellos. Albert Pesendorfer, den ich bislang nur als Hagen kannte, überzeugt auch als Veit Pogner. Dieser Pogner war auch eine Maskenglanzleistung: er erinnerte mich an Helmut Kohl. Ich bin mir nicht sicher, ob das intendiert war, fand es aber recht passend, ob der beiden Figuren immanenten bevormundenden Grundhaltung gegenüber Selbstbestimmungs- und Transparenzregeln.


    John Fiore, der die Vertretung der Vertretung war, hat das Orchester der Deutschen Oper sehr zielsicher durch die Angelegenheit geführt. Begeisternd einmal mehr der Chor der Deutschen Oper Berlin, der eigentlich jede Choroper zu einem Genuss werden lässt.

    ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...

  • Berlin, Deutsche Oper, Les Vêpres Siciliennes, besucht am 25.6.2022


    ML: Dominic Limburg; I: Olivier Py


    Der größte musikalische Genuss meines Berlinbesuchs war übrigens überraschenderweise diese Oper. Eigentlich bin ich nur hingegangen, um eine Repertoirelücke zu schließen. Michael Volle, der den Guy de Montfort interpretierte, lockte natürlich ebenfalls. Die größte Überraschung war, dass ich gleich drei ebenfalls fantastische Sänger auf einen Schlag kennenlernen durfte: Hulkar Sabirova, die die Hélène interpretierte; Valentyn Dytiuk (Henri) und fast am meisten Patrick Guetti (Procida). Letzterer hat etliche Gänsehautmomente zu verantworten. Ein fantastisch warm-dunkler Bass! Und diese Verdioper hält viele wundervolle Piani und schöne Terzette und Quartette bereit, um die vier bedeutenden Solisten strahlen zu lassen...


    Chor und Orchester absolut toll. In der Deutschen Oper Berlin bin ich musikalisch aber auch noch nie enttäuscht worden (Ausnahme vielleicht: Der Schatzgräber; aber das lag glaub' ich am Werk...)


    Die Inszenierungsidee hat über weite Strecken nicht überzeugt. Die Übertragung in den algerischen Unabhängigkeitskampf: okay, aber nicht zwingend. Bühne und Personenregie hingegen sehr überzeugend.


    Gleichwohl: Unbedingte Hingehempfehlung, wenn das in ähnlicher Besetzung wiederaufgenommen wird! Einfach ein musikalisch fantastischer Abend!

    ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...

  • Die Inszenierung ist m.E. ziemlich werktreu.

    Um das mal festzuhalten: "werktreu" muß es für mich gar nicht sein, ich bin schon mit "werkgerecht" zufrieden ;) Und da sind wir bei dem Punkt über den wir ja so lange diskutiert haben:

    Wie kam das bei Dir an?


    Zitat:

    Die erste Buh-Attacke kommt am Ende des zweiten Aufzugs aus dem Zuschauerraum. Zuvor hatte der edle Schuster Hans Sachs auf der Bühne seine Eifersucht ausgekotzt, seinen vermeintlichen Nebenbuhler unter den Meistersingern gedemütigt und schließlich dem von Eva geliebten Walther von Stolzing eine Flasche auf den Schädel geschlagen.



    Meistersinger-Premiere: Sex im Konservatorium
    Die Premiere von Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ fiel in der Deutschen Oper auf geteilte Meinungen.
    www.morgenpost.de

  • Albert Pesendorfer, den ich bislang nur als Hagen kannte, überzeugt auch als Veit Pogner.

    Albert Pesendorfer ist selbst auch ein sehr guter Hans Sachs. Es sogar gibt eine Aufnahme mit ihm in dieser Rolle, 2011 in - wiw passend - Nürnberg mitgeschnitten unter Marcus Bosch. Ich kenne die Aufnahme, habe sie allerdings lange schon nicht mehr gehört. Ich habe Pesendorfer da aber als, sehr, sehr gut in Erinnerung.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Zitat:

    Die erste Buh-Attacke kommt am Ende des zweiten Aufzugs aus dem Zuschauerraum. Zuvor hatte der edle Schuster Hans Sachs auf der Bühne seine Eifersucht ausgekotzt, seinen vermeintlichen Nebenbuhler unter den Meistersingern gedemütigt und schließlich dem von Eva geliebten Walther von Stolzing eine Flasche auf den Schädel geschlagen.

    Weiter geht das Zitat so:

    "Dabei ist es eine raffiniert auserzählte und dramaturgisch stimmige Inszenierung von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, die am Sonntag in der Deutschen Oper ihre Premiere erlebte."

    Eine lesenswerte Kritik, die das ungewöhnliche Setting der Inszenierung erklärt und verständlich macht.

    One word is sufficient. But if one cannot find it?

    Virginia Woolf, Jacob's Room

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