Internationaler Chopin-Wettbewerb 2020

Das Forum ist nun wieder online! Für Fragen und Probleme gibt es hier einen neuen Thread.
ACHTUNG: Neuregistrierungen sind jetzt wieder möglich!
  • Liegen da nicht Welten in der pianistischen Souveränität dazwischen?

    Nein. Einfach nein. Aber vielleicht überhöre ich das ja auch alles. Deshalb direkt gefragt: Wo zeigt Bruce Liu in dieser Ballade pianistische Schwächen? Bitte eine konkrete Antwort, nicht so etwas wie "Das ist Klavierspiel!" oder "ist nicht auf der Höhe", "Hat nicht die Klasse von...." usw., also keine Nullsätze sondern konkrete Belege. Ich bin gespannt.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ein Beispiel habe ich gerade in meinem Posting #80 genannt (von Dir offenbar überlesen).


    Hast Du mir nicht außerdem gerade erst geschrieben, dass Dir Deine Zeit für einen Meinungsaustausch mit mir zu schade ist?

    Man könnte darüber einen interessanten Meinungsaustausch führen, aber nicht mit jemandem, der nur aufs Cover schaut und außer Gehässigkeiten nichts beiträgt. Dazu ist mir meine Zeit wirklich zu schade.

    Angesichts dieser Äußerung von Dir bitte ich um Verständnis dafür, dass auch ich an einem Meinungsaustausch mit Dir über Bruce Liu nicht weiter interessiert bin.

  • :D :) Danke Dir für den Hinweis auf Southpark. Natürlich habe ich die Bedeutung sofort messerscharf erschlossen und wollte nur ein wenig blödeln. Aber die Erfindung des Terminus habe ich einem Symbol schon zugetraut ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ein Beispiel habe ich gerade in meinem Posting #80 genannt

    Du meinst: einen falschen Ton? Der macht "Welten in der pianistischen Souveränität" aus? Realsatire.

    Hast Du mir nicht außerdem gerade erst geschrieben, dass Dir Deine Zeit für einen Meinungsaustausch mit mir zu schade ist?

    Ich hatte die Hoffnung, dass neben der Kritik am Coverbild doch noch etwas anderes kommt.


    Angesichts dieser Äußerung von Dir bitte ich um Verständnis dafür, dass auch ich an einem Meinungsaustausch mit Dir über Bruce Liu nicht weiter interessiert bin.

    Kann ich verstehen. Ich gebe Dir trotzdem mal einen Tipp, was Du auf meine Frage nach konkreten Belegen hättest schreiben können (wenn es Dir aufgefallen wäre): Man könnte fragen, ob Bruce Liu am Beginn der Coda dynamisch etwas zu weit zurückgeht, und man könnte für möglich halten, dass das auch damit zu tun hat, dass er Kräfte sparen wollte. Ich hätte dann wahrscheinlich darauf hingewiesen, dass es bei aller Dramatik von Beginn dieser Coda an dennoch noch eine Steigerung gibt, die nicht darstellbar ist, wenn man von A bis Z durchhämmert, weshalb Lius Entscheidung keine technischen sondern künstlerische Gründe hat. Ich hätte am Bespiel der synkopierten Oktaven gezeigt, wie präzise er die Elemente dieser Steigerung gestaltet. So etwas in dieser Richtung meinte ich mit einem "interessanten Meinungsaustausch". Nicht eine Diskussion über Cover-Bilder.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Lieber music lover, ich vermute, es geht dir bei deiner Kritik am Gewinn Lius bzw. an Lius Chopin-Spiel weniger um pianistische Richtigkeit (die eine falsch Note führt da womöglich auf die falsche Spur), sondern mehr um die generelle Spielhaltung. Liu, das traue ich mich zu sagen, spielt klar, transparent und sorgfältig strukturiert bis hin zu ausgezirkelt. Das mag man als Stärke wahrnehmen, Kehrseite der Medaille ist, dass man hergebrachte (Unt)Tugenden des Chopin-Spiels wie AgogiK, ausgedehnte Rubati und Gefühl bis hin zu Gefühligkeit hier weniger hört. Wer das mag und daran, das zu mögen, ist nichts schlechtes, man denke an Furtwängler oder den Hohepriester des Chopin-Spiels Rubinstein, wird bei Liu u. U. eine gewisse perlende Leichtigkeit, ein organisches Fließen, das hinter den Noten zu finden ist, bei Chopin aber unbedingt mitzuspielen sei, vermissen. Wenn es das ist was dir fehlt, höre ich das auch. Nur nehme ich das nicht als Makel Lius wahr, sondern als einen anderen Spielstil.

  • Lieber Knulp,
    an sich wollte ich mich an diesem Thread nicht mehr beteiligen, aber es wäre unhöflich Dir gegenüber, Deine Anmerkungen unbeantwortet zu lassen. Mein Respekt vor Dir und Deiner Meinung führt mich also wieder in diesen Thread zurück. Dem ich aber fortan, egal was da noch kommen mag, nun definitiv fernbleiben werde. Man mag schreiben, was man will, ich werde nicht mehr antworten.


    Ich habe am Beispiel der Chopin-Ballade weiter oben von fehlender pianistischer Souveränität bei Liu gesprochen. Ich vermisse bei ihm dieses meisterhafte Über-den-technischen Anforderungen-Schweben, welches wirklich große Pianistinnen und Pianisten auszeichnet. Als Beispiele, wie sich bei dieser Chopin-Ballade in meinen Ohren solche Meisterhaftigkeit anhört, habe ich die früheren Gewinner des Chopin-Wettbewerbs Seong-Jin Cho (2015) und Krystian Zimerman (1975) angeführt und die Meinung vertreten, dass Liu deren Klasse nicht hat.

    die eine falsch Note führt da womöglich auf die falsche Spur

    Diese eine falsche Note bei 6:22 min. des Videos war ja nur ein Beispiel. Da Symbol in seinem Beitrag #79 eine kurze Passage angeführt hat, die im Video von 6:19 bis 6:32 min. dauert, habe ich mir diese 13 Sekunden ein weiteres Mal angehört - und prompt höre ich einen kapitalen Fehlgriff. War dies sein einziger Fehlgriff bei ansonsten tadelloser Pianistik, wie es offenbar das Narrativ in diesem Thread ist (nur ich höre offenbar etwas anderes)? Gut, das wollte ich heute überprüfen. Die langsame Einleitung der Ballade bekomme selbst ich als Laie technisch unfallfrei hin: Bruce Liu demzufolge auch. Ernst wird es aber ab 2:10 min. des Liu-Videos. Und gerade mal 5 Sekunden später höre ich eine Unsauberkeit in der rechten Hand (beim Umsprung der Sekunde 2:14 auf Sekunde 2:15 des Videos). Und es reicht mir jetzt - weiter muss ich mir dieses Video nicht anhören.


    Bis bald in anderen Threads! :wink:

  • Man mag schreiben, was man will, ich werde nicht mehr antworten.

    Dann fasse ich mal zusammen: Dein erster Vorwurf war, dass Dang Thai Son "natürlich" hinter den Kulissen alles getan habe, damit sein Schüler gewinnt, und dass unter diesen Umständen "natürlich" kein anderer eine Chance gehabt habe. Das hast Du dann korrigiert, nachdem man Dir klar gemacht hatte, dass Du damit möglicherweise Verleumdung oder üble Nachrede betreibst. Daraufhin hast Du Dich auf angeblich "vor dem Spiegel einstudierte" Körpersprache verlegt, natürlich auch ohne jeden Beleg. Dummerweise sind mindestens zwei Deiner Hausgötter ("Yuja", mit der Du ja erfreulicherweise per Du bist, und der Messias aus Griechenland) in Bezug auf bescheidene Körpersprache die denkbar schlechtesten Vorbilder, wodurch dieses "Argument" doch erheblich an Überzeugungskraft einbüßte. Rund einen Monat (!) nach Deinem Einstieg zum Thema kam dann endlich Dein erster Beitrag zur Musik, aber leider mit wenig Konkretem: Nach ein paar Nullsätzen ("Das ist Klavierspiel" usw.) hast Du angebliche pianistische Schwächen behauptet, die außer Dir niemand hört, von musikalischer Gestaltung hast Du kein Wort geschrieben (ist sie Dir egal, oder hast Du sie nicht wahrgenommen?), und auf konkrete Nachfragen reagierst Du mit Sätzen wie "Hör Dir doch mal andere an!". Zusammen genommen ist das weit weniger, als ich von Dir erwartet hätte.
    Ich habe eine Vermutung, warum Du Dich in dieser Weise gegen Bruce Liu in Position gebracht hast, und auch wenn ich sie, weil sie falsch sein kann, für mich behalte, verrate ich Dir doch, dass sie überhaupt nichts mit ihm, seiner Körpersprache, seinem Können oder seinem künstlerischen Rang zu tun hat. Sie liegt nach dem Thread-Verlauf für mich einfach auf der Hand. Das alles wäre mir egal, wenn Du nicht ohne jede belastbare Grundlage und mit bemerkenswerter Gehässigkeit einen jungen Künstler niedermachen würdest, der gerade den größten Klavierwettbewerb der Welt gewonnen und dabei eine herausragende Leistung gezeigt hat, die unabhängig von allen Geschmacksfragen größten Respekt verdient. Auch wenn Du hier nichts mehr schreiben willst, bitte ich Dich ehrlich, darüber noch einmal nachzudenken.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Nun ja, Kirche im Dorf lassen und so, sag ich mal. Es ist doch eher so, dass music lovers Wahrnehmung von Lius pianistischer Leistung nicht im Einklang steht mit dem Sieg im Wettbewerb und er daraufhin, diese Reihenfolge ist wichtig, Gründe für diese Diskrepanz gesucht hat.


    Wahr ist aber auch, dass Liu offenbar recht stark polarisiert hat. Betrachtet man die Kommentare bei Youtube, ist music lover also bei weitem mit seinem Urteil nicht allein und haben viele gerade im Konzert den Japaner vorn gesehen.


    Meiner bescheidenen Meinung nach liegt der Grund dafür darin, dass manche Hörer bei Chopin das suchen, was ich oben zu beschreiben versucht habe, wohingegen Liu weniger das, vielmehr anderes leistet.


    Ich kenne das übrigens in anderen Zusammenhängen. Jonas Kaufmann zum Beispiel hat eine Gesangtechnik, genauer: einen Stimmsitz, die mich seine Stimme kaum länger als eine Minute ertragen lässt. Und doch ist er Weltstar geworden und hören ihm viele zu. Für mich nicht nachvollziehbar. Haben die alle Tomaten auf den Ohren? Hören die alle nicht diese gaumige Topfigkeit?

  • Wenn ich meinen bescheidenen Senf dazu abgeben darf. Ich finde Bruce Lius Spiel zwar stellenwiese sehr fein, aber soweit nicht besser als das eines guten Studenten. Der Grund: Es hat für mich nicht besonders viel musikalische Variation. Sein Ausdruck beruht oft auf säuselnder Effekthascherei in leisen Stellen. Ein oder zweimal ist das sehr schön, aber wenn weiter nichts kommt, dann ist es zu wenig. Jetzt möchte ich von ihm mal eine ordentliche Kralle (technisch und emotional) bei Beethoven, Liszt oder Brahms hören. Dann wissen wir mehr. Und dann wäre ich bereit, meinen Eindruck entsprechend anzupassen.

  • Ich finde Bruce Lius Spiel zwar stellenwiese sehr fein, aber soweit nicht besser als das eines guten Studenten.

    Das sagt sehr viel aus. Über Dich.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ich habe gerade noch einmal "Andante spianato et grande polonaise brillante" op. 22 aus dem Debut-Album von Bruce Liu gehört. Es handelt sich um einen Mitschnitt aus der zweiten Hauptrunde des Wettbewerbs. Liu spielt die übliche Fassung ohne Orchester (die wenigen kurzen Tutti im Klavierauszug). Sein Spiel ist überaus farbig und abwechslungsreich, voller Spielfreude und Brillanz, konzentriert, risikobereit und extrem lebendig. Im Vergleich zu der großartigen, in ihrer Art unübertrefflichen Einspielung von Krystian Zimerman (in der Orchesterfassung mit Giulini) ist seine Darbietung freier, individueller, vielleicht auch "jugendlicher". Wenn man allerdings den Notentext kennt bzw. mitliest, beeindruckt gleichzeitig seine sorgfältige Genauigkeit z.B. bei feinsten dynamischen Details. Da hat jemand wirklich jedes Detail des Textes gelesen, gedeutet und sich zu eigen gemacht. Das extrem hohe pianistische Niveau zeigt sich nicht nur in der Brillanz aller Passagen, Verzierungen usw. sondern auch in der Mühelosigkeit, mit der Liu auch mal Nebenstimmen hervorhebt, in der glasklaren, präzisen Klangfarbengestaltung und in der permanenten lebendigen Präsenz der Linken, die nicht einfach "mitläuft", sondern von unten mit rhythmischer Energie die Passagen oben befeuert. Man kann das Ganze vielleicht zu individuell, zu frei finden, man kann eine schlichtere (gleichwohl kunstvolle) Version wie die von Zimerman bevorzugen, aber man kann nicht das extreme pianistische und künstlerische Niveau dieser Darbietung leugnen, ohne seine Inkompetenz unter Beweis zu stellen.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ich habe 3 Runden und das Finale gehört, auf YT, und auch einen Teil seiner CD.


    Mein Haupteindruck ist, dass Lius Gesamtdarbietung im Wettbewerb zu eintönig erscheint. Es wird mir, chrononologisch gehört, schon zu Beginn der 2. Runde musikalisch langweilig und immer langweiliger.


    Ich hole nun etwas weiter aus.


    Lius grösste Stärke, mMn, ist sein exzellentes leggiero Spiel. Er tanzt in den typischen Chopin Läufen und Girlanden die Tastatur hinauf und hinuter, mit einer Eleganz, Leichtigkeit, technischen Präzision und musikalisch perfekt vollendeten Agogik, wie man es selten zu hören bekommt. Es ist wirklich ein Genuss und ein Vergnügen, dies hören zu dürfen. In meiner Einschätzung könnte es genau dies sein, gekoppelt mit seiner meist aussergewöhnlich schönen Agogik, was ihm den 1. Preis gesichert hat. Er zeigt ein sehr natürlich-spontan erscheinendes und mMn geschmackvolles Gespür für effektvolle zeitliche Manipulation des geschriebenen Textes.


    Ich meine aber andererseits, dass er sich sein Repertoire genau nach diesen beiden Stärken ausgesucht hat. Er hat also strategisch alles auf zwei Karten gesetzt, nämlich auf sein Leggiero und Rubato/Agogikspiel, und mit diesem Gamble hat er gewonnen. Sämtliche Kompositionen seiner Wahl - ausser der 2. Sonate - sind mMn zu betrachtlichem Anteil wegen ihrer Leggiero Passagen interessant. (Oder) sie erlauben oder erfordern (zusützlich) ein starkes Mass an Rubato/Agogik. Aber wer sich seine Chopin Werke nur nach Bruce Lius Vorliebe auswählte, würde mMn einen sehr einseitigen Eindruck von diesem Komponisten bekommen.


    Ich vermute, dass er sogar die 2. Sonate unter diesem Gesichtspunkt ausgewählt hat, denn sie hat den berühmt-berüchtigten 4. Satz, den er mit seinen technischen Fertigkeiten souverän und bezwingend abgeliefert hat. Da es der letzte Satz ist, ensteht der bekannte Effekt des letzten Eindrucks. Man vergisst also leicht, was er eventuell vorher in dieser Sonate nicht so ganz überzeugend gemeistert hat und lässt sich vielleicht vor Begeisterung hinreissen, ein besseres Urteil abzugeben, als er es für die gesamte Darbietung dieser Sonate imho verdient. Beide der anderen Sonaten haben letzte Sätze mit viel schwererem, markanterem Charakter, und hätten nicht so perfekt in diese Strategie gepasst, obwohl Liu es bei der 3. Sonate noch zu seinem Vorteil hätte hinbiegen können, wenn er in Betracht gezogen hätte die markanteren und dramatischeren Aspekte abzuschwächen (wie er es auch bei anderen Stücken seiner Wahl getan hat - siehe unten)


    Die 2. Sonate war mMn das einzige Stück in seinem Chopin Repertoire, in welchem er eine tiefgehendere, dramatischere (im Sinne von vielfältig und innere Brüche aufzeigende) Interpretation hätte unterbringen können, und mMn eigentlich hätte müssen. Dass diese Sonate das erfordert, begründet sich für mich natürlich aus dem Funeral March, aber auch aus den Harmonien des ersten Satzes, den Gegensätzen des 2. und 3. Satzes und dem seltsamen Ende, dessen Charakter schon direkt im Anfang des ersten Satzes enthalten ist, wenn man es dort finden möchte. mMn ist diese 2. Sonate von ihrem ausdrucksmässigen Potential und sogar ihrer möglichen spirituellen Dimension her gesehen immer noch nicht so tiefschürfend wie zB die Beethoven op 111, aber ich würde sie weniger als fast ausschliesslich technisches Showpiece einordnen, als das Andante spianato & Grand Polonaise Brilliante oder selbst das 1.Klavierkonzert.


    Liu hat aber mMn jede Chance, dieses tiefere Potential auszuschöpfen, verpasst. Der Funeral March hatte sehr wenig Gravität, schon sein Tempo war zu schnell. Aber auch sein Anschlag war überwiegend ohne genügend Kern und ohne genügend Schwere, um den entsprechenden Eindruck zu erwecken. Das Problem dabei ist nicht nur, dass es so (für mich) kein überzeugender Funeral March ist (obwohl ich bei dem Urteil noch flexibel sein würde), sondern viel mehr, dass er sich damit um die Möglichkeit gebracht hat, den Gegensatz zum Mittelteil auszuschöpfen. Sein Spiel war dort vom Anschlag und Klang und deshalb vom Ausdruck her zu ähnlich. Wenn ich dem Mittelteil ein Programm geben wollte, dann könnte dies zB eine Erinnerung und Rückblick auf schönere Erlebnisse im vergangenen Leben und damit eine Flucht aus der Realität in eine Traumwelt darstellen. Danach setzt aber die unbarmherzige Realität wieder ein und man wird erneut mit dem Funeral March konfrontiert. Dieser Bruch ist von Chopin ziemlich offensichtlich angelegt und ich empfinde Lius Ansatz so, als ob er ihn unfreiwillig ausbügelt, da er die Fertigkeiten nicht besitzt es anders darzustellen. Aber es kann auch sein, dass er es absichtlich so präsentiert - auch dies wäre für mich unbefriedigend, da nicht abwechslungsreich genug als Teil eines Programms, welches sowieso schon ziemlich eintönig wirkt.


    In diesem Mittelteil des Funeral March versuchte Liu dann das fehlende musikalische Interesse des Stimmungsbruchs gutzumachen mithilfe seines Talents für Agogik, welches ich schon oben erwähnte. MMn ist dies aber nicht gelungen, denn er macht für meinen Geschmack hier den fatalen Fehler, den Fluss der Melodie durch unpassende Verzögerungen in der linken Hand ins Stocken zu bringen. Dieser Effekt wird für mich je länger die Passage anhält sehr auffällig und gibt für mich dem 3. Satz leider den musikalischen Todesstoss. Es ist wirklich die einzige Passage (zusammen mit dem Mittelteil des 2. Satzes, siehe unten), wo ich seine Agogik als unwirksam und verfehlt ansehen würde. Nur ist es bezeichnend, dass diese Schwäche sich in der Sonate zeigt, einem Werk, an dem er seinen musikalisch-interpretatorischen Durchblick und Tiefgang hätte „demonstrieren“ können.


    Im Mittelteil des 2. Satzes zeigt sich ein Problem der Koordination der beiden Hände. Eine Hand ist der anderen voraus, aber vielleicht wollte er eine bestimmte pianistische Tradition dieser Art vorführen und hat sie nur nicht besonders überzeugend realisiert. Seine Agogik stört mir auch hier, wie im 3. Satz, den Fluss der Melodie. Die Wirkung ist für mich übertrieben und etwas manieriert, nicht wirklich tief empfunden. Es fehlt mir insgesamt auch im 2. Satz der Gegensatz des Scherzo zum Mittelteil.


    Im 1. Satz meine ich nun zu bemerken, wie auch in einigen Passagen der anderen Werke, wie er Agogik benutzt um sich in lauten, dramatischen, technisch schwierigen Passagen Zeit zu verschaffen, um den technischen Ansprüche gerecht zu werden. Er stellt das Verhältnis damit auf den Kopf. Agogik wird nicht zum musikalischen Ausdrucksmittel, sondern wird „missbraucht“, um technische Schwächen zu verstecken. (Ich muss zugeben, dass diese Situation sich mir nicht als schwerwiegend sondern eher als milde präsentiert, und ich bin bereit dieses Urteil zürückzunehmen, sobald mich Liu mit einem gewichtigen Brahms oder schwierigen Beethoven eines Besseren gelehrt hat.)


    Fortsetzung im nächsten Beitrag.

  • .....Fortsetzung des vorherigen Beitrags:


    Als ich dies bemerkte, wurde mir bewusst, dass er sich für den Rest seines Programmes Stücke ausgesucht hat, welche in der Tendenz vom Ausdruck her leichtgewichtiger gespielt werden können, also diese Alternative bieten, ohne dass man ihn dafür kritisieren könnte. Damit meine ich Stücke, die nicht besonders viel forte, nicht besonders viel Akkordspiel, nicht besonders viel marcato, nicht besondrs viel appasionato or con fuoco erfordern. Und wenn sie es ausnahmsweise mal tun, ist es durchaus möglich in wenigen Takten schnell darüber hinweg zukommen, um sogleich wieder mit einer längeren leggiero Passage und exquisit ausgeführten Läufen die Tastatur hoch und runter zu bestechen.


    Ich bemerke in allen ausgesuchten Stücken diese Tendenz kaum je ein forte wirklich laut, geschweige denn scharf zu spielen, und kurze ff oder sogar fff werden fast völlig ignoriert. Die wenigen sfz Akzente, die es in seinen gewählten Stücken gibt, werden entweder ausgelassen oder durch Abschwächung vernachlässigt und es kommt sogar oft vor, dass Liu genau das Gegenteil tut, nämlich eine Note durch ein plötzliches Leisespielen hervorhebt. Ich nenne diese Erscheinung für mich einen Anti-Akzent. Er verfährt gerne auch ähnlich bei cresc/decres Haarnadeln, indem er ein mildes crescendo aufbaut, aber dann auf dem Höhepunkt plötzlich subito piano spielt und dann aber noch ein decrescendo folgen lässt.


    Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es mir nicht um ein dogmatisches Folgen der Anweisungen Chopins geht, sondern darum, dass man solche Anweisungen benutzen kann, um aus dem Text ein tiefes, authentisch empfundenes Drama zu formen. Es gibt bei Chopin wohl sowieso das Problem der Frage des Urtextes, bzw der verschiedenen Ausgaben. Man kann sich bei einer Kritik also schwerlich darauf berufen, dass ein Pianist dieses und jenes bestimmte sfz nicht gespielt habe. Sondern, wie gesagt, es geht nur um das Endprodukt, was auf keinen Fall eintönig oder lau klingen sollte.


    So empfinde ich bei Liu - durch das Abschwächen jeder Schärfe, jeder Markierung, jedes Akzents und jedes wirklich aufbrausenden Lautspielens - seine gesamte Darbietung insgesamt als übermässig cantabile, leggiero, lieblich und lau. Womit er mich zu Beginn definitiv besticht und überzeugt, mit seinem leggiero und rubato, wird er mir im Laufe der Abends langweilig und überdrüssig. Er beraubt sich jeder Gelegenheit in Chopins Werk Gegensätze, Konflikte, Brüche und Drama zu finden und wirklich effektiv und tief empfunden darzustellen. Meiner Meinung nach droht sein Ansatz damit ins Seichte abzurutschen oder sogar als gehobene Elevator Music bezeichnet werden zu können. Damit tut man aber Chopin Unrecht, meine ich.


    Ich bin mir aber durchaus bewusst, dass man Chopin (jetzt mal positiv gewendet) leicht und luftig spielen kann, und meiner Meinung, dass er dadurch zu seicht erscheint, muss nicht jeder zustimmen. Deshalb bin ich gespannt, wie Bruce Liu Brahms, Beethoven oder Schumann angehen wird und ob er es überhaupt tun wird. Besonders Schumann kann natürlich sehr viel leggiero und rubato vertragen, aber was ist Schumann ohne seine Brüche und ausgeprägte Gegensätze? Vielleicht wird sich Liu aber auch bei diesen eben erwähnten Komponisten sein Repertoire nach seinen Fertigkeiten aussuchen - und selbstverständlich macht das letztendlich jeder Interpret. Ob man aber auf der Basis von betörenden leggiero Läufen, ausgeprägtem Rubatospiel und ohne forte und marcato eine wirklich grosse künstlerische Karriere aufbauen und durchhalten kann, bin ich mir nicht sicher.

  • Es stimmt, dass Lius Chopin-Spiel von Leichtigkeit und Eleganz geprägt ist, aber erstens entspricht das ziemlich exakt praktisch allen Beschreibungen von Chopins Spiel selbst, der gerade nicht "Dramatik" mit "Lautstärke" erzielt hat, und zweitens ist sein (Lius) Spiel innerhalb dieser Stil- bzw. Klangentscheidung alles andere als eintönig. Wenn man ihm etwas vorwerfen will, dann könnte es sogar im Gegenteil ein Zuviel an Differenzierung, ein Übermaß an Gestaltung sein, was man vielleicht als ein Zuwenig an Natürlichkeit empfinden könnte, wenn all die Details nicht mit so spontaner Inspiration und weit entfernt von einstudierter Kalkulation erscheinen würden. Das meinte ich weiter oben mit "jugendlich". Die Leichtigkeit seines Spiels, sozusagen das Spielerische im Spiel ist es gerade, was ihn von anderen unterscheidet. Wer meint, ihm würde es deshalb an Ernst oder an der Tiefe des Ausdrucks fehlen, höre sich nur mal das Nocturne op. 27 Nr. 1 an, und wer sich langweilt, kann eigentlich die praktisch in jedem Takt und jeder Phrase gezeigten gestalterischen Ideen nicht wahrgenommen haben. Ich behaupte nicht, dass man Chopin nicht auch dramatisch zugespitzter spielen kann, auch wenn die Beschreibungen seines eigenen Spiels Lius Ansatz "historisch" rechtfertigen. Es gibt keinen großen Komponisten, den man nur auf eine Weise interpretieren kann. Aber mich persönlich langweilt z.B. das heutzutage weit verbreitete dynamische oder tempomäßige Imponiergehabe weit mehr als Lius extrem differenziertes Spiel innerhalb eines durch Eleganz und Geschmack gesetzten Rahmens. Und es kann keinen Zweifel geben, dass er seine persönliche Vorstellung mit extremer Lebendigkeit und immensem Können realisiert. Es stimmt auch einfach nicht, dass sein Spiel keine "Konflikte, Brüche und Drama" enthalten würde. Die großen Wettbewerbe bergen immer die Gefahr, dass Teilnehmer sich für eine sichere Mitte entscheiden, weil sie Angst haben mit entschieden subjektiven Interpretationsentscheidungen die Jury zu polarisieren und dann leer auszugehen. Ich habe beim Hören mehr und mehr Lius Mut bewundert, zu seinen im Wortsinn ganz eigenen Interpretationen zu stehen, statt sich an vermeintlichen Erwartungen zu orientieren. Ich freue mich sehr, dass dieser Mut von der Jury belohnt wurde.

    Zum Trio des zweiten Satzes ist anzumerken, dass Liu natürlich nicht, wie Du behauptest, ein "Problem mit der Koordination der beiden Hände hat" sondern mit dem gelegentlichen leicht versetzten Anschlag "links vor rechts" ein klangliches Mittel anwendet, welches vollkommen normal ist und im 19. Jahrhundert weit verbreitet war. Ich kann nicht erkennen, was daran falsch oder unpassend sein soll, zumal er es wie gesagt nur an ausgewählten Akkorden (meist am Phrasenanfang) anwendet und nicht wie z.B. Michelangeli im langsamen Satz des Ravel-Konzertes bei praktisch jedem Zusammenklang. Der von Dir vermisste Kontrast zwischen A-Teil und Trio entsteht übrigens gerade durch das Rubato in letzterem, was Du aber ebenfalls kritisierst. Deine Kritik ist in sich widersprüchlich. Einen Satz wie "sein Tempo war zu schnell" finde ich ehrlich gesagt geradezu komisch anmaßend: Ich habe jedenfalls keine spirituelle Verbindung zu Chopin und kann ihn deshalb nicht nach dem "richtigen" Tempo fragen. Ich weiß aber, dass auch ein Trauermarsch noch zum - langsamen - Marschieren geeignet sein sollte... Dass der Mittelteil in diesem Satz agogisch freier ist, ergibt sich ganz einfach als natürliche Konsequenz aus dem Notentext. Schau ihn Dir noch einmal an!

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Danke für Deine Antwort. Dazu nun Folgendes:

    höre sich nur mal das Nocturne op. 27 Nr. 1 an, und wer sich langweilt, kann eigentlich die praktisch in jedem Takt und jeder Phrase gezeigten gestalterischen Ideen nicht wahrgenommen haben.

    Ich sagte deshalb, dass meine Langweile aufkommt je länger ich zuhöre und dass dies mein Gesamteindruck seines Spiels ist:

    Womit er mich zu Beginn definitiv besticht und überzeugt, mit seinem leggiero und rubato, wird er mir im Laufe der Abends langweilig und überdrüssig.

    Hierzu:

    zweitens ist sein (Lius) Spiel innerhalb dieser Stil- bzw. Klangentscheidung alles andere als eintönig

    Wie gesagt, seine gestalterischen Ideen befinden sich in jedem Werk dynamisch eingeschränkt zwischen mf und ppp und beruhen jedesmal nur auf Agogik und wechselnd zwischen relativ neutral angeschlagen und leggiero. Dies ist für mich eintönig. In den Noten, die ich eingesehen habe und bei anderen Interpreten gibt es aber sogar fff an einigen Stellen, und solche Dinge wie marcato, appassionato, sfz oder con fuoco kann ich bei Liu nirgens erkennen. Seine Klangfarben und ebenso seine Artikulationen sind mir nicht differenziert genug über das gesamte Repertoire hin gesehen. Innerhalb eines Stückes, wenn ich es völlig isoliert höre, bin ich zunächst zufrieden (ausser mit der Sonate), aber wenn mir über 2 Stunden oder länger nichts anderes geboten wird, wird es mir langweilig. Und ich befürchte, dass es nicht seine Chopin Lesart ist, sondern dass er eventuell keine anderen Stimmungen wirkungsvoll darstellen kann, denn er tat es auch dort nicht, wo er es mMn hätte müssen - zB im Trauermarsch Satz, mehr dazu unten. Aber warten wir seine Karriere ab.


    Ich verstehe, dass man dies als bewusste Entscheidung ansehen kann und als Mut zu einer bestimmten Chopin Lesart. Mir ist es aber zu langweilig, wenn es zu lange so weitergeht.


    Zum Trio des zweiten Satzes ist anzumerken, dass Liu natürlich nicht, wie Du behauptest, ein "Problem mit der Koordination der beiden Hände hat" sondern mit dem gelegentlichen leicht versetzten Anschlag "links vor rechts" ein klangliches Mittel anwendet, welches vollkommen normal ist und im 19. Jahrhundert weit verbreitet war. Ich kann nicht erkennen, was daran falsch oder unpassend sein soll, zumal er es wie gesagt nur an ausgewählten Akkorden (meist am Phrasenanfang) anwendet ....

    Ich weiss um dieses traditionelle klangliche Mittel, ich führte es ja auch an, aber mir ist es, wenn es das sein sollte, weit entfernt von überzeugend ausgeführt und deshalb klingt es eben unkoordiniert und nicht stilvoll ausgeführt:

    vielleicht wollte er eine bestimmte pianistische Tradition dieser Art vorführen und hat sie nur nicht besonders überzeugend realisiert.

    Hierzu:

    Einen Satz wie "sein Tempo war zu schnell" finde ich ehrlich gesagt geradezu komisch anmaßend: Ich habe jedenfalls keine spirituelle Verbindung zu Chopin und kann ihn deshalb nicht nach dem "richtigen" Tempo fragen. Ich weiß aber, dass auch ein Trauermarsch noch zum - langsamen - Marschieren geeignet sein sollte... Dass der Mittelteil in diesem Satz agogisch freier ist, ergibt sich ganz einfach als natürliche Konsequenz aus dem Notentext. Schau ihn Dir noch einmal an!

    Dieser Satz zu seinem Tempo im Trauermarsch war nicht isoliert geschrieben und nicht isoliert gemeint. Im Gegenteil, ich habe dies gesagt:

    Der Funeral March hatte sehr wenig Gravität, schon sein Tempo war zu schnell. Aber auch sein Anschlag war überwiegend ohne genügend Kern und ohne genügend Schwere, um den entsprechenden Eindruck zu erwecken. Das Problem dabei ist nicht nur, dass es so (für mich) kein überzeugender Funeral March ist (obwohl ich bei dem Urteil noch flexibel sein würde), sondern viel mehr, dass er sich damit um die Möglichkeit gebracht hat, den Gegensatz zum Mittelteil auszuschöpfen.

    Es ging mir also um Gravität. Das Tempo war nur ein Kriterium dafür, andere habe ich auch genannt. Und weiterhin habe ich sogar allem vorausgesetzt, dass mir hauptsächlich der Gegensatz zum Mittelteil fehlt.


    Der von Dir vermisste Kontrast zwischen A-Teil und Trio entsteht übrigens gerade durch das Rubato in letzterem, was Du aber ebenfalls kritisierst. Deine Kritik ist in sich widersprüchlich.

    Ich sehe ein, dass Liu dadurch einen Gegensatz erzielen möchte. Erstens ist mir Agogik allein aber zu wenig um den Gegensatz darzustellen und das hatte ich schon an anderer Stelle erläutert. Es hätte eine völlig andere Stimmung herrschen können und mMn müssen, was ich begründet hatte, was ich aber leider nicht feststellen kann. Und zweitens kritisiere auch nicht, dass er überhaupt Rubato macht, sondern das Misslingen seines Rubatos. Wenn es gelungen wäre, dann hätte ich es nicht als Kritikpunkt erwähnt.


    In diesem Mittelteil des Funeral March versuchte Liu dann das fehlende musikalische Interesse des Stimmungsbruchs gutzumachen mithilfe seines Talents für Agogik, welches ich schon oben erwähnte. MMn ist dies aber nicht gelungen, denn er macht für meinen Geschmack hier den fatalen Fehler, den Fluss der Melodie durch unpassende Verzögerungen in der linken Hand ins Stocken zu bringen. Dieser Effekt wird für mich je länger die Passage anhält sehr auffällig und gibt für mich dem 3. Satz leider den musikalischen Todesstoss.

    ...wenn ich sage "ins Stocken bringen", dann soll das heissen es ist ein misslungenes Rubato. Ein gelungenes Rubato verdeutlicht oder potenziert (enhances) den musikalischen Fluss oder die Lebendigkeit, trotz Verschnellerungen und Verlangsamungen.


    Abschliessend: Bei mir entsteht so einfach insgesamt der Eindruck. dass Chopin reduziert wird auf etwas Laues und Lahmes. Dieser Eindruck käme bei nur einem Stück von Liu nicht auf, aber eben insgesamt.

  • Wie gesagt, seine gestalterischen Ideen befinden sich in jedem Werk dynamisch eingeschränkt zwischen fm und ppp

    Wie gesagt ist das einfach nicht wahr, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Deine ganze Kritik krankt an drei Dingen: Erstens bewertest Du nicht anhand dessen, was Du hörst, sondern daran, was Du gerne gehört hättest. Daraus ergibt sich zweitens, dass Du das, was Lius Spiel ausmacht, zum großen Teil nicht wahrnimmst, weil Du eben damit beschäftigt bist, auf etwas anderes zu warten. Und drittens hörst Du vieles einfach falsch: Seine Dynamik geht selbstverständlich über mf hinaus, der Klangfarbenreichtum ist gerade eines der herausragenden Merkmale seines Spiels, die Vielfalt der Artikulation ist fast schon übertrieben, und die Genauigkeit im Umgang mit dem Notentext vorbildlich. Dass Du das alles nicht bzw. falsch hörst, gehört für mich ehrlich gesagt in dieselbe Kategorie wie Deine Behauptung neulich, es gäbe keinen "klanglichen Bruch" zwischen den Goldberg-Variationen und "Für Elise". Absurdes Theater. Deine Begründungen sind zum Teil in sich widersprüchlich (zu viel Agogik im Trio aber zu wenig Kontrast zum A-Teil), zum Teil nichtssagend ("ein misslungenes Rubato", "unpassende Verzögerungen") und zum Teil wie gesagt einfach falsch. Außerdem: Woraus ergibt sich denn, dass der Trauermarsch "gravitätisch" zu sein habe? Der Duden definiert das als "mit steifer Würde, würdevoll, ernst und gemessen" und nennt als Beispiel "der Hahn spaziert gravitätisch im Hühnerhof umher". Das hat mit meinem Bild von diesem Satz wenig bis gar nichts zu tun, aber das mag bei Dir anders sein. Und was bitte soll denn ein "Anschlag ohne genügend Kern" sein? So etwas gibt es auf dem Klavier schlechterdings nicht, weil jeder Ton immer dem Impuls folgt, der beim Auftreffen des Hammerkopfes auf die Saite entsteht. Es gibt Anschläge, die in der Dynamik nicht passen, es gibt innerhalb von Akkorden oder in verschiedenen Stimmen gleichzeitig angeschlagenen Tönen unpräzise Balancierung, aber es gibt keinen Anschlag "mit Kern" oder "ohne Kern". Die Anschlagspräzision innerhalb von Akkorden und zwischen den Stimmen ist eine der größten Stärken von Bruce Liu.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!