Rassismusvorwürfe gegen Peter Konwitschny

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  • Rassismusvorwürfe gegen Peter Konwitschny

    Ich habe gerade in der 3sat Kuturzeit erfahren, dass vor ein paar Tagen die Oper Nürnberg Regisseur Peter Konwitschny wegen "einer unangemessener Äusserung" rausgeschmissen hat.
    In dem Kulturzeit-Beitrag beschreibt Konwitschny den Vorfall aus seiner Sicht.Kurz: Es geht in Verdis "Troubadour" um eine Szene in denen Nonnen (Chor) von einer Pistole bedroht werden. Eine der Nonnen schaut aus Angst weg. Konwitschny unterbricht, sie solle der Gefahr ins Auge schauen, so als ob man in Afrika von einem Löwen angegriffen wird. Da dürfe man auch nicht wegschauen.


    Dumm nur, dass die angesprochene Choristin schwarzer Hautfarbe ist...



    Der Beitrag ist ist hier ab Minute 8 zu sehen.



    Im BR kann man das hier auch lesen.


    Ich muss zugeben, dass ich mit der heutigen Hyperempfindlichkeit in unserer Gesellschaft nicht klar komme. Mit tut Konwitschny leid. (Natürlich gesetzt den Fall, dass seine Schilderrung der Vorgänge der Wahrheit entspricht. Grosse Zweifel habe ich daran nicht.)

  • (Natürlich gesetzt den Fall, dass seine Schilderrung der Vorgänge der Wahrheit entspricht. Grosse Zweifel habe ich daran nicht.)

    Da die Nürnberger Oper wohl selber noch nicht den genauen Wortlaut aus ihrer Sicht bekanntgegeben hat, sind wir halt auf seine Darstellung angewiesen und ich denke auch, dass die so ziemlich stimmen wird.


    Ich war nie ein Freund seiner Regiearbeiten, die ich in Hamburg und anderswo oft genug erlebt habe, ich weiß auch, dass er in Proben oftmals sehr 'ungehemmt' sich äußerte, aber trotzdem glaube ich nie und nimmer, dass er bewusst rassistisch beleidigend wollte. Ob die Äußerung wirklich so rassistisch ist, man kann darüber streiten, denke ich mal, was mich aber vielmehr schockiert, ist der geradezu vorauseilende Gehorsam des Opernhauses und die endlose Erläuterung Konwitschnys im Interview. Meine Güte, man hätte sich doch ganz leicht einigen können. Gespräch zwischen den Beteiligten, Entschuldigung und gut ist. Aber unter welchem Druck stehen offensichtlich alle Seiten, dass die eine sofort einen Schlussstrich zieht und die andere sich rechtfertigen und rechtfertigen und rechtfertigen muss.


    Vielleicht mal die Kirche im Dorf lassen und alles ein bisschen runterkochen. Und ich würde dem Opernhaus, nach den Informationen die vorliegen, mal raten, ein bisschen mehr Rückgrat zu zeigen und nicht über jedes Stöckchen zu springen, bevor es überhaupt hochgehalten wird.


    :wink: Wolfram

  • Ich kann an der Äußerung, wie sie hier wiedergegeben wird ("sie solle der Gefahr ins Auge schauen, so als ob man in Afrika von einem Löwen angegriffen wird"), auch mit aller Phantasie nichts Rassistisches erkennen. Da gehts ins Absurde und das schadet dann auch wirklichen Bemühungen, Rassismus entgegenzutreten.


    Im Gegenteil: scheinbar wird hier bereits das Schlüsselwort "Afrika" bereits erstmal mit "schwarz" und dann mit schützenswert, angreifbar und also auch mit schwach etc. pp. assoziiert. Ein ganzer Kontinent. Ein Kontinent! Da werden doch seinerseits kolonial/rassistische Denkmuster bedient, und der so gemeinte Antirassismus wendet sich gegen sich selbst...


    Nix gegen Sensibilität, und auch ich, wie jeder, kann da immer noch dazulernen, aber Überbietungswettbewerbe in Sachen PC, die nur noch dazu dienen, als Allersensibelst:e die Krone nach Hause zu tragen (die eh bald wieder überboten werden wird): nee, das mache ich nicht mit.


    Und nenne es Dummheit.




    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Man kann über Konwitschnys künstlerische und menschliche Qualitäten verschiedener Meinung sein – wie über alles, wozu man überhaupt eine Meinung haben kann. Aber eins steht mit absoluter Sicherheit fest: Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass er auch nur ansatzweise oder vorübergehend rassistisch denkt. Die Intention, jemanden rassistisch zu beleidigen, kann er also niemals haben.


    (Aber im Zeitalter der permanent allenthalben gefeierten Empörungsfeste wird nach der Intention nicht mehr gefragt, vielmehr verwandelt sich jedes Fettnäpfchen in eine Mine. Irgendwie muss das von Mrs. Thatcher so präzise formulierte grundlegende postmodern-neoliberale Dogma ja praktische Wirklichkeit werden: »There is no such thing as society.«)

  • Musste auch erst mal schauen, ob 1. April ist. Konwitschniy als Rechter taugt nur als Witz.


    Es trifft aber wohl leider zu, dass die aktuelle Generation der heutigen sagen wir Student:innnen in Sachen Gender aus Sicht von uns Älteren deutlich überzieht. Da entsteht dann solch ein, meine Bewertung, Blödsinn - der aus Sicht der Gender-Aktivist:innen aber eher ein wichtiger Erfolg im Kampf für eine geschlechtergerechte Sprache sein dürfte. Nicht ohne Ironie indes, dass es ausgerechnet einen Gesellschafts-Veränderer trifft. Die Revolution frisst ihre Kinder.

  • Ich glaube eher, die Choristin war eine Löwin und fühlte sich zurecht diskriminiert. Antiferialismus bzw. Bestiarophobie sind in unser Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet, jedoch auch gleichzeitig völlig irrational und gegenüber größeren Feliden diskriminierend.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Genau. Die Diskriminierung von Tieren durch Formulierungen wie "Zicke", "Zecke", "blöde Kuh", "dumme Gans" ist zu verurteilen.


    Das haben die TIere nicht verdient.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Konwitschny unterbricht, sie solle der Gefahr ins Auge schauen, so als ob man in Afrika von einem Löwen angegriffen wird.

    Er hätte als Bild nun wirklich einen der zahlreichen Löwen im Teutoburger Wald nehmen können.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ja, auch ein großes Problem in der Gesellschaft: Misoartiodaktylie


    Ich finde, das Thema ist für flache Witzeleien zu ernst. Zumal der Vorfall weder für die Schadenfreude derer passt, die finden, dass unsere gegenwärtige Welt mitsamt ihren schreienden Ungerechtigkeiten gern so bleiben kann, wie sie ist (»... das kommt: sie haben schon gegessen.«), zumal sie sich irren, wenn sie meinen, dass sie Haltung, aus der so etwas entsteht, aus der ihnen verhassten politisch linken Richtung kommt; noch taugt die Überempfindlichkeit der Sängerin zum Gegenstand des Spotts, weil sie zwar vielleicht übertrieben, aber keineswegs unbegründet ist. Zumal man mit solchen Scherzen ihrem Gefühl, wegen ihrer Hautfarbe missachtet zu werden, nur zusätzliche Nahrung bietet.

  • noch taugt die Überempfindlichkeit der Sängerin zum Gegenstand des Spotts

    Weiß man denn überhaupt, ob die Sängerin selbst sich über diesen Satz erregt hat? Oder ob es andere waren, die sich dazu bemüßigt gefühlt haben, sich stellvertrend in vorauseilender Empörung zu gefallen?

    Später, auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen Familiengliedern das »Wort« bekannt geworden, dieses desperate Wort, das in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er gesagt? – »Geh' zum Deifi, Saulud'r dreckats!«.

  • Ich finde, das Thema ist für flache Witzeleien zu ernst. Zumal der Vorfall weder für die Schadenfreude derer passt, die finden, dass unsere gegenwärtige Welt mitsamt ihren schreienden Ungerechtigkeiten gern so bleiben kann, wie sie ist (»... das kommt: sie haben schon gegessen.«), zumal sie sich irren, wenn sie meinen, dass sie Haltung, aus der so etwas entsteht, aus der ihnen verhassten politisch linken Richtung kommt; noch taugt die Überempfindlichkeit der Sängerin zum Gegenstand des Spotts, weil sie zwar vielleicht übertrieben, aber keineswegs unbegründet ist. Zumal man mit solchen Scherzen ihrem Gefühl, wegen ihrer Hautfarbe missachtet zu werden, nur zusätzliche Nahrung bietet.


    Im Prinzip gebe ich Dir völlig recht. In solchen Diskussionen pflege ich hier im Allgemeinen auch eine ähnliche Linie zu verfolgen. Hier wurde aber eine gewisse Schwelle übertreten. Die Aussage ist ganz klar nicht rassistisch, da Löwen nun einmal keine Menschen sind. Es ist höchstens möglich, dass sich die dunkelhäutige Mitarbeiterin auf unangebrachte Weise aufgrund ihres (vermeintlich) fremdartigen Aussehens hervorgehoben fühlte, in etwa so, wie sie sich fühlen würde, wenn ich sie früge, woher denn ihre Familie käme. Obwohl ich das nachvollziehen könnte, muss man hier trotzdem eine klare Linie zum Vorwurf des Rassismus ziehen. Gerade im Sinne eines gedeihlichen Zusammenlebens können solche Vorwürfe nicht beliebig ausgeweitet und verändert werden. Damit erzeugen wie das Gegenteil von dem, was wir wollen. Die Gouverneurswahlen in Virginia haben gezeigt, wohin das führt. Jeder hat das Recht auf die eigenen Gefühle, aber nicht darauf, dass eigene Gefühle allgemein gültige Norm werden.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich habe mir das oben verlinkte Interview mit Konwitschny ("Kulturzeit" im BR) angesehen. Die Erläuterungen des Regisseurs wirken auf mich glaubwürdig.


    Gibt es denn Darstellungen von anderer Seite, z. B. von der angesprochenen Chorsängerin oder von weiteren Zeugen? Ich finde es problematisch, einen Fall zu beurteilen, in dem ich nur eine Sichtweise kenne.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Die Erläuterungen des Regisseurs wirken auf mich glaubwürdig.

    Absolut! Er wirkte tief getroffen und verstört.

    Später, auf irgend eine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen Familiengliedern das »Wort« bekannt geworden, dieses desperate Wort, das in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er gesagt? – »Geh' zum Deifi, Saulud'r dreckats!«.

  • Er wirkte tief getroffen und verstört.

    Ja, so habe auch ich das empfunden. Ich empfehle allen, die sich für diese Sache interessieren, sich das Interview anzuschauen (s. o., # 1).


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Im Prinzip gebe ich Dir völlig recht. In solchen Diskussionen pflege ich hier im Allgemeinen auch eine ähnliche Linie zu verfolgen. Hier wurde aber eine gewisse Schwelle übertreten.

    Das ist wohl so. Aber gerade deshalb meine ich, dass man das Problem ernst nehmen sollte und ihm mit flacher Witzischkeit nicht beikommt. Übrigens ist es richtig, dass wir wenig bis nichts darüber wissen, was da wirklich los war, was diesem Ereignis vorangegangen ist usw. Auch das sollte der Debatte darüber gewisse Grenzen setzen.


    Im übrigen habe ich den Eindruck, dass es sinnvoll ist, Leuten, die ein Unbehagen formulieren, zuzuhören und nach Möglichkeiten zu suchen, dieses Unbehagen zu beseitigen, statt ihnen einfach über den Mund zu fahren und ihnen zu erklären, dass es keinen Grund dafür gibt. Das ist allerdings allgemein üblich (häufiger noch, wenn Leute zu äußern wagen, dass sie gewisse Befürchtungen hegen, denn die Zahl der Flüchtlinge in ihrer Umgebung stark wächst. Wer das sagt, kriegt in der Regel eins aufs Maul, kann aber nicht damit rechnen, dass seine Ängste – seien sie berechtigt oder nicht – ernst genommen werden. Ich glaube nicht, dass mich jemand davon überzeugen kann, dass ds gut ist.)

  • Das ist wohl so. Aber gerade deshalb meine ich, dass man das Problem ernst nehmen sollte und ihm mit flacher Witzischkeit nicht beikommt. Übrigens ist es richtig, dass wir wenig bis nichts darüber wissen, was da wirklich los war, was diesem Ereignis vorangegangen ist usw. Auch das sollte der Debatte darüber gewisse Grenzen setzen.

    Ernst nehmen sollte man dieses Unbehagen auf jeden Fall. Ich vermeide es grundsätzlich, Leute ohne triftigen Grund auf ihre Herkunft anzusprechen und hätte wohl instinktiv auch nicht über den Löwen in Afrika geredet, um solch einen Eindruck zu vermeiden. Ansonsten, ja: et audiatur altera pars.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Darüber, dass das Bild, nun ja, schief ist, besteht Einigkeit? Ich fühle mich tatsächlich ein wenig an Tim in Kongo erinnert. Im heutigen Afrika läuft man nicht vor Löwen davon. Das kulturelle Bild, das der Regisseur verwendet hat, ist so gesehen in der Tat fragwürdig.


    Mich stört viel mehr aber der Umgang damit. Ich schließe mich Konwitschny an. Warum redet man nicht einfach darüber, klärt das und die Sache ist aus der Welt. Heute wird das nicht angesprochen, man tauschst sich mit seinen Leuten in sozialen Netzwerken aus und dann kommt es zurück, Tsunamiartig: erst weg, dann mit voller Wucht.

  • Im heutigen Afrika läuft man nicht vor Löwen davon.

    Ach, wirklich? Auch nicht vor Kobras oder Sandvipern? Und in Mitteleuropa nicht vor Braunbären, in Island nicht vor Eisbären, in Peru nicht vor Pumas? Was macht man denn sonst? Spricht man ein Gebet und opfert sich? Oder sind die wilden Tiere alle ausgestorben? Oder gibt es auf der Welt nur noch die Luxushotels für westliche Schickmicki-Touristen?

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