Rassismusvorwürfe gegen Peter Konwitschny

  • Gegenfrage: Kommt es in Afrika regelmäßig vor, dass man vor Löwen davonrennt?


    Ergänzung: Wenn man dieses Bild verwendet, bedient man sich dann nicht eines Afrika-Bildes, das dem heutigen Afrika-Bild nicht entspricht?


    Ergänzung: Woraus begründet sich diese Differenz? Mögliche Antwort, und so wird der Konwitschny aufgestülpte Schuh daraus (der ihm m. E. nicht passt, das sei nochmals klar gesagt; ich schätze seine Regiearbeit sehr, insbesondere die in Hamburg, die ich vor allem kenne): Dieses Beispiel entstammt einem klischeehaften Afrikadenken mit Wurzeln aus der Kolonialzeit.


    Aber: Ich sprach oben nur von einem schiefen Bild - und meinte das eben kurz Dargestellte. Konwitschny ist der Letze, dem ich nationales oder gar koloniales Denken nachsagen würde.


    Schlimm am konkreten Beispiel ist m. E. mithin nicht das schiefe Bild, um im Bild zu bleiben, sondern der Umgang der betroffenen Person sowie insbesondere der Verantwortlichen damit. Was haben wir uns abgearbeitet, um gewaltfreie Diskussionen etc., möglich zu machen. Heute scheint so etwas wie Diskurstheorie vergessen, wird einfach nur abgeschossen. Erbärmlich, finde ich.

  • Aber eins steht mit absoluter Sicherheit fest: Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass er auch nur ansatzweise oder vorübergehend rassistisch denkt. Die Intention, jemanden rassistisch zu beleidigen, kann er also niemals haben.

    Wirklich? Mit "absoluter Sicherheit" würde ich über rassistisches Denken keine Aussage machen wollen. Nicht über mich und auch nicht über andere.


    Ich bin selbst nicht frei davon (was ich früher empört zurückgewiesen hätte), auch nicht von gelegentlichen Anflügen von Misogynie oder jedweden anderen Vorurteilen, die sich in meinem Denken - wenngleich auch nur kurz und impulshaft - einschleichen. Menschen sind so. Ich bin inzwischen dankbar für jeden Hinweis und lerne gerne dazu.


    Trotzdem ist man wegen vereinzelter Äußerungen nicht gleich Rassist. Die Verknüpfung von verbaler Entgleisung und Person ist das eine Problem. Das andere hat damit zu tun, dass die Betreffenden keine Fehler eingestehen wollen.

  • Gegenfrage: Kommt es in Afrika regelmäßig vor, dass man vor Löwen davonrennt?

    Das hat Konwitschny auch nicht behauptet. Kein Wort von "regelmäßig".
    Und warum kann man bitte heutzutage in Afrika nicht unverhofft einem Löwen begegnen? Was soll daran anders sein als früher?

    Die Verknüpfung von verbaler Entgleisung und Person ist das eine Problem.

    Auf den gerade diskutierten Fall bezogen: Wo siehst Du in Konwitschnys Satz eine "verbale Entgleisung"???

  • Wo siehst Du in Konwitschnys Satz eine "verbale Entgleisung"???

    Ich verstehe nicht, wie man darin keine sehen kann.


    Aber wenn jemand wie meine Nachbarin, die berlinert und hier geboren ist, jede Woche einmal gefragt wird, wann sie wieder nach Afrika zurückkehrt, kann man sich freilich auch ahnungslos stellen und empört fragen, wie man das nun wieder als rassistisch empfinden kann.

  • Angriffe von Löwen, vor allem nach Einsetzen der Dämmerung, sind absolut möglich im heutigen Afrika, v.a. in der Nähe von Gewässern. Es gibt natürlich Tiere, mit denen es öfter zu gefährlichen Begegnungen kommt, z.B. mit Nilpferden.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Da guckst Du, ne? Kaum arbeitet man jahrzehntelang an einem tropenmedizinischen Institut schon kennt man sich ein bisschen aus.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Der amerikanische Intellektuelle Jonathan Haidt hat mal (m. E. sehr berechtigt) darauf hingewiesen, dass sich in divers zusammengesetzten Gesellschaften geradezu zwangsläufig Vorfälle häufen werden, die man wohl am besten als "Fauxpas" bezeichnen dürfte.


    Die Äußerung Konwitschnys scheint mir ein solcher Fauxpas zu sein. Hätten die Beteiligten und Betroffenen ruhig darüber gesprochen, hätte eine Chance auf ein Lernen bestanden. Dann hätte nämlich Konwitschny nachvollziehen können, warum diese Äußerung verletzend rüberkam.


    Leider scheint diese Art der Kommunikation immer unüblicher zu werden, weil man den Fauxpas nicht mehr als solchen erkennt und bespricht, sondern (identitätspolitisch angestiftet) dahinter Strukturen sieht, deren Zerstörung mit nahezu allen Mitteln als alternativlos angesehen wird. Die Folge ist eine unschöne Polarisierung: diejenigen, die sich über den Vorfall erregen, fordern den Kopf des Übeltäters, und diejenigen, die ihn verteidigen wollen, stellen die Validität und Problematik des Anliegens pauschal in Abrede und tun so, als gäbe es gar kein Problem, das zu besprechen wäre. Dabei ist Rassismus natürlich ein sehr alltägliches und gegenwärtiges Problem, dem wir uns stellen sollten und müssen.


    Das Resultat ist ein tribalistisch-kämpferisches Szenario, das ich als anti-aufklärerisch empfinde. Ich befürchte, dass diese Entwicklung unserer Gesellschaft nicht gut bekommt, weil sie wichtige Diskussionen eher verhindert als ermöglicht.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ich verstehe nicht, wie man darin keine sehen kann.
    Aber wenn jemand wie meine Nachbarin, die berlinert und hier geboren ist, jede Woche einmal gefragt wird, wann sie wieder nach Afrika zurückkehrt, kann man sich freilich auch ahnungslos stellen und empört fragen, wie man das nun wieder als rassistisch empfinden kann

    Hätte sich ein Asiate rassistisch beieldigt gefühlt, wenn Konwitschny als Vergleich die Begegnung mit einem bengalischen Tiger verwendet hätte...?

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Meine Güte, man hätte sich doch ganz leicht einigen können. Gespräch zwischen den Beteiligten, Entschuldigung und gut ist.


    Ich habe mir jetzt auch den in #1 verlinkten "Kulturzeit"-Beitrag angesehen. Peter Konwitschny sagt ab 11:29 min. des Videos ausdrücklich, dass er das Gespräch mit der betroffenen Chorsängerin gesucht und ihr gesagt hat, dass er sie nie und nimmer rassistisch diskriminieren wollte. Wenn dies aber so bei ihr angekommen ist und sie verletzt hat, dann möchte er sich bei ihr entschuldigen. Er sagt ferner, dass die Chorsängerin seine Entschuldigung angenommen hat.


    Es ist ausweislich des Interviews keineswegs so, dass Konwitschny uneinsichtig ist. Er sagt, dass er in einer ganz anderen Zeit groß geworden ist, in der so etwas niemals Anstoß genommen hätte, dass aber die Welt sich verändert hat und er lernen muss, dass eine solche Äußerung verletzen kann und in diesem Fall auch verletzt hat.


    Er hat sich also entschuldigt und ist einsichtig. Für mich macht er in diesem Interview eine sehr gute Figur. Keine gute Figur macht das Nürnberger Staatstheater, dessen Intendanz sich nicht gegenüber dem Fernsehteam äußern wollte.

  • Für mich macht er in diesem Interview eine sehr gute Figur.

    Das teile ich. Konwitschnys Äußerungen habe ich ebenso wie Du aufgenommen und verstanden.


    Ob seine Bemerkung in der Probe ein "Fauxpas" bzw. eine "verbale Entgleisung" war, würde ich nur beurteilen wollen, wenn mir der Kontext bekannt wäre. Was wurde da sonst noch gesagt? Wie war die Stimmung, entspannt oder angespannt? Ohne die internen Verhältnisse näher zu kennen, läßt sich das Ganze m. E. nicht seriös beurteilen.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Hätte sich ein Asiate rassistisch beieldigt gefühlt, wenn Konwitschny als Vergleich die Begegnung mit einem bengalischen Tiger verwendet hätte...?

    Im Alltagsrassismus gegen Menschen dunkler Hautfarbe taucht häufig die Assoziation zu Afrika auf. Gerade so, als würde man signalisieren, dass ihr kulturelles Umfeld zwangsläufig dort verortet sei. Ich hab das in einem vorherigen Posting bereits angeführt: eine Nachbarin von mir wird - obgleich in Berlin geboren und im hiesigen Dialekt sprechend - immer wieder gefragt, wann sie zurück nach Afrika gehe.


    Ich fürchte, es wird hier nicht verstanden, um was es geht. Wie wir von music lover wissen, hat es Konwitschny zumindest verstanden. Das ist ihm hoch anzurechnen.

  • Ich fürchte, es wird hier nicht verstanden, um was es geht.

    Ich fürchte, Du hast nicht verstanden, um was es geht. Aber immerhin hast Du eine Meinung.



    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • eine Nachbarin von mir wird - obgleich in Berlin geboren und im hiesigen Dialekt sprechend - immer wieder gefragt, warum sie nicht zurück nach Afrika gehe.

    Das ist ja wohl ein völlig anders gelagerter Fall. Deine Nachbarin wird hier rassistisch diskriminiert und zum Auswandern aufgefordert, Konwitschny hat einen Vergleich gebracht, der im Zusammenhang mit der Hautfarbe der Angesprochenen als unpassend gewertet werden kann.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • ch fürchte, Du hast nicht verstanden, um was es geht. Aber immerhin hast Du eine Meinung.

    Immer mit der Ruhe. Ich bezog mich auf die Afrika-Metapher und keineswegs auf deinen Hinweis auf den Kontext. Da gebe ich dir recht. Wenn jedoch Konwitschny einräumt, er verstehe, warum sich die Chorsängerin verletzt fühlte, dann verlasse ich mich darauf, dass er das ernst meint.

  • Immer mit der Ruhe. Ich bezog mich auf die Afrika-Metapher und keineswegs auf deinen Hinweis auf den Kontext. Da gebe ich dir recht. Wenn jedoch Konwitschny einräumt, er verstehe, warum sich die Chorsängerin verletzt fühlte, dann verlasse ich mich darauf, dass er das ernst meint.

    Ok, einverstanden. Und bin ganz ruhig. ;)


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Konwitschny hat einen Vergleich gebracht, der im Zusammenhang mit der Hautfarbe der Angesprochenen als unpassend gewertet werden kann

    Das stimmt. Und zwar genau deswegen, weil die Assoziation zu Afrika häufig in rassistischen Vorwürfen verwendet wird. Ich habe lediglich versucht zu erklären, warum Konwitschnys Äußerung als Faux-Pas verstanden werden kann (aber nicht muss). Es geht weniger um den Löwen, und in diese Richtung hatte sich die Diskussion verloren.

  • Aber man darf eben nicht zulassen, dass Afrika negativ assoziiert wird, bzw. darf man sich Afrika von rassistischen Sprüchen nicht madig machen lassen. Ähnliches gab es schon mal mit den Juden, die sich dann lieber Israeliten nannten und ihre Glaubensgemeinschaft israelitisch.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Im Alltagsrassismus gegen Menschen dunkler Hautfarbe taucht häufig die Assoziation zu Afrika auf. Gerade so, als würde man signalisieren, dass ihr kulturelles Umfeld zwangsläufig dort verortet sei. Ich hab das in einem vorherigen Posting bereits angeführt: eine Nachbarin von mir wird - obgleich in Berlin geboren und im hiesigen Dialekt sprechend - immer wieder gefragt, wann sie zurück nach Afrika gehe.


    Ich fürchte, es wird hier nicht verstanden, um was es geht. Wie wir von music lover wissen, hat es Konwitschny zumindest verstanden. Das ist ihm hoch anzurechnen.

    Nur läuft die Argumentation darauf hinaus, daß es tabu ist Afrika zu erwähnen, wenn sich eine dunkelhäutige Person in Hörweite befindet...

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Das Problem in diesem Fall sehe ich weniger in einer rassistischen bzw. diskriminatorischen Absicht als im mangelnden kollegialen Respekt. Wenn man hochkonzentriert zusammenarbeitet ist das Hervorheben persönlicher Details, die nichts zur Sache tun, unprofessionell und ein deplatzierter Bruch. Wenn ich z.B. mit einem deutschen Kollegen ein Fachgespräch führe, und dieser unterbricht mich, um mich nach meinem österreichischen Akzent zu fragen, würde ich das als respektlos empfinden. Täte er das in einem anderen Zusammenhang, wäre es egal.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

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