Beethoven – Coriolan-Ouvertüre, op. 62

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Beethoven – Coriolan-Ouvertüre, op. 62

    Explosiver Beethoven aus der heroischen Periode, könnte eine Kurzbeschreibung der Ouvertüre zum Trauerspiel "Coriolan" von Heinrich Joseph von Collin lauten. Das Besondere: Kein Licht am Ende, sondern Dunkel. Der Held siegt nicht, sondern stirbt, ist gar kein Held, vielmehr ein Grobklotz ohne Stamina, dessen Schwert der Liebe seiner Mutter unterliegt bzw. der die Pflichtenkollission, in der er sich sieht - Kampfgenossen hier, Heimat und Familie dort - nur mittels Selbsttötung zu beenden weiß.


    "https://www.swr.de/swr2/musik-…he/article-swr-14396.html"

    "https://de.wikipedia.org/wiki/Coriolan-Ouvert%C3%BCre"

    "https://www.beethoven.de/de/work/view/5235523048177664"


    Dieses Stück bringt Spaß! Knappe zehn Minuten genügen für einen musikalischen Konflikt der Sonderklasse. Zu Beginn die Exposition des Heros: Streicherunsioni gefolgt von harten Schlägen, offensichtlich ein Mordskerl. Mitnichten! Beethoven verweist auf die zitternden Knie und Unruhe wird offenbar. Bald schon wirken gegenteilige Kräfte auf den Helden ein. Der Konflikt tritt offen zutage, wird ausgetragen und entschieden. Das Starke ebbt plötzlich weg und schwindet dahin.

    Der Text-Hintergrund ist letztlich ohne Belang. Vollständig verstanden werden kann das Werk auch ohne Wissen um Collins Corolian. Es mag zudem zeitgemäßer sein, sich keinen Römischen Soldaten, sondern allgemeine Prinzipien vorzustellen wie etwa hart gegen weich. Falsch wäre indes eine Deutung im Sinne von Yin und Yang. Die Polarität endet gerade nicht mittels ihrer Auflösung in einer Einheit der Zweiheit, sonder das Harte unterliegt. Ein wütender, um sich schlagender Bär, der von vielen kleinen Bändern immer stärker gefesselt wird, bis er sich am Ende nicht mehr zu bewegen vermag und nach letzter Anstrengung sein Leben aushaucht mag ein treffenderes Bild sein.


    David Hurwitz ist dieser Thread zu verdanken. Ich stöberte vorhin durch seinen Youtube-Kanal und stieß zufällig auf seine ultimative Corolian-Ouvertüre: https://www.youtube.com/watch?v=qVdfsSWhYrc


    Erfreulicherweise habe ich die Münch-Aufnahme zur Verfügung. Tatsächlich! Große Klasse! Mit 6:14 min sehr schnell. Die Schläge zu Beginn nicht mit größter Schärfe, das Unruhemotiv danach aber sehr ausdrucksstark mit bezwingender Steigerung. Der Konflikt äußerst aufgeladen und zugespitzt. Anhaltend pulstreibend! Großartig!


    Noch kürzer sind die kurzen Schläge zu Beginn bei Toscanini (1939), bei dem ich nicht umhin kann, mich an ein Verdi-Drama erinnert zu fühlen (Verdi hätte den Tod allerdings einige Minuten dauern lassen). Das Gegenteil bei Bernstein mit den Wienern 1981 – geht gar nicht in meinen Ohren. Kein wütender Bär, sondern eine Trantüte, die am Ende wahrscheinlich einfach einschläft (so lang habe ich nicht zugehört). Bei Furtwängler, den man Toscanini gern mal gegenüber stellen kann, erlebt man ganz anderes. Der harte Schlag ist kein Blitz, sondern ein Paukenhieb, die Unruhe ist nicht sofort da, sondern entwickelt sich erst. Bei Norrington entsteht im Vergleich keine Atmosphäre. Das bei Münch Unheilsschwangere misslingt ihm zur Orchesteretüde. Eine Wohltat ist danach Szell, unter dessen Händen das Cleveland Orchestra 1966 volltönend in den Ring steigt, dass es eine Wonne ist. Aber dennoch, Hurwitz behält Recht. Münch rules, auch im Vergleich zu einigen weiteren Aufnahmen, in die ich jeweils nur kurz hineingehört habe (so dass ich sie fairerweise nicht nenne).

    Einmal editiert, zuletzt von Knulp ()

  • Danke für den Impuls und die Erinnerung an meine Lieblingsouvertüre von Beethoven!


    Schon große Klasse, wie bereits der Beginn einen mitten ins Geschehen zieht, mindestens so effektvoll wie bei Eroica oder der Fünften, nicht wahr? Und das herrliche Seitenthema - ich kenne Collins Vorlage nicht, charakterisiert die herrliche Kantilene eine weitere (weibliche?) Person oder die Sehnsucht des Helden? Ganz stark auch der Schluss, wenn sich das unruhige Motiv des Beginns rhythmisch und dynamisch nach und nach im Nichts verliert.


    Heute nachgehört in der Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe unter N. Harnoncourt:



    Finde ich nach wie vor sehr überzeugend, aber Szell und Toscanini höre ich demnächst gerne auch.

    Einmal editiert, zuletzt von Braccio ()

  • Kann mal jemand den Titel korrigieren? ;)


    Das Seitenthema soll angeblich das Bitten der Mutter, Gattin? darstellen.

    Das Stück dürfte eines der ersten mit eine "verklingenden" Schluss sein. Außer der Abschiedssinfonie fällt mir spontan kein früheres Beispiel ein, wird es vermutlich schon geben, aber selten so zugespitzt.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Das Stück dürfte eines der ersten mit eine "verklingenden" Schluss sein. Außer der Abschiedssinfonie fällt mir spontan kein früheres Beispiel ein, wird es vermutlich schon geben, aber selten so zugespitzt.

    Schon, oder? Würde man diese Ouvertüre eigentlich als Programmmusik bezeichnen oder ginge das zu weit?

  • Schon, oder? Würde man diese Ouvertüre eigentlich als Programmmusik bezeichnen oder ginge das zu weit?

    Möglicherweise entfrernt ähnlich wie mit Ludewigs Lenor-Ouvertüren.

    Coriolan könnte den Lauscherchen einerseits als Programm-Mucke rüberkommen, aber die würden andererseits nicht bloß als Programm-Mucke es sich reinziehn, weil vermutlich die Chose nicht darin sich erschöpft.....

    hab allerdings keinen Schimmer über den Entstehungs-Zusammenhangs-Backround der fetzigen Coriolan-Mucke............Harnoncourt-CD kommt einen schon geil rüber.. geiler Thread :thumbup:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

    2 Mal editiert, zuletzt von Amfortas09 ()

  • Das Gegenteil bei Bernstein mit den Wienern 1981 – geht gar nicht in meinen Ohren. Kein wütender Bär, sondern eine Trantüte, die am Ende wahrscheinlich einfach einschläft (so lang habe ich nicht zugehört).

    Oh,dass wundert mich, lieber Knulp,


    denn gerade Bernstein steht bei mir als Beethoven-Dirigent weit oben und allgemein finde ich auch die Ouvertüren mit Bernstein erste Klasse; besonders in den Aufnahmen mit den New Yorker PH (SONY), wo Bernstein allerdings gerade die Coriolan-Ouvertüre nicht eingespielt hat. Ich werde es mal vergleichen und kann schon mal Deine Fürsprache für die Szell-Aufnahmen voll nachvollziehen.


    Ich möchte zwei Aufnahmen in den Ring wrfen, die es in sich haben ... und alles Andere als Langeweile hervorrufen:


    1. Ich war sowieso von Ansermets Beethoven-Aufnahmen mit dem Orchestre de la Suisse Romande, die ungefähr um die Zeit der 1.Karajan-Aufnahmen (DG) entstanden ... aber ungleich unbekannter blieben, total begeistert.

    Ansermets Coriolan - Ouvertüre (Spieldauer 7:06)


    Decca, 1959 (Coriolan), ADD



    2. Eine Empfehlung hatte mich zu der abgebildeten CD mit Reiner / Chicago SO mit den Sinfonien Nr.5 und 7 geführt - absolut Klasse, Hammer !

    Auch die enthaltene Coriolan - Ouvertüre ( Spieldauer 6:53) war ein Ohrenöffner, nachdem ich Jahre Karajan (DG, 1966) favorisiert hatte, die sich eingebrannt hatte ... allerdings auch nicht zu verachten ist.


    RCA, 1959, ADD

    ______________


    Gruß aus Bonn


    Wolfgang

    2 Mal editiert, zuletzt von teleton ()

  • hab allerdings keinen Schimmer über den Entstehungs-Zusammenhangs-Backround der fetzigen Coriolan-Mucke............Harnoncourt-CD kommt einen schon geil rüber.. geiler Thread :thumbup:

    Bekanntermaßen wurde die Ouvertüre für das Trauerspiel von Collin verfasst, das zunächst mit viel Erfolg bis 1805 auf dem Spielplan stand, dann aber verschwand. Daher ist es erstaunlich, dass Beethoven die Ouvertüre erst 1807 komponierte. Die Tragödie wurde nach der UA der Ouvertüre dann 1807 noch ein einziges Mal mit der Musik zusammen aufgeführt,das war es aber. Weitere Vermutungen könne auf der Seite des Beethovenhauses nachgelesen werden, dort ist übrigens auch das Autograph als Digitalisat einsehbar:


    https://www.beethoven.de/de/work/view/5235523048177664/Ouvertüre+zum+Trauerspiel+%26quot%3BCoriolan%26quot%3B+von+Heinrich+Joseph+von+Collin+%28c-Moll%29+op.+62?fromArchive=6327597805862912


    hier geht’s zum Autograph

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Coriolan! Nicht zu fassen. :herrje1: Vielen Dank für die Korrektur. Das war kein einmaliger Lapsus, sondern ich sage das schon seit Jahrzehnten falsch. Eben habe ich den Namen gleich mal in meiner Foobar-Album List korrigiert.


    Reiners, Ansermets und Harnoncourts Aufnahmen kenne ich nicht. Gerade Reiner und Harnoncourt kann ich mir aber gut vorstellen (Ansermet kenne ich gar nicht).


    Was mich interessiert: Gibt es eigentlich Aufnahmen, die dezidiert gerade nicht spannungs- bzw. konfliktbetont und damit als Spektakelmusik dirigieren, sondern den Sieg des Weichen, Lyrischen bereits zu Beginn klanggestaltend umsetzen? Die Idee liegt doch nahe, die Schwäche des Heerführers (ich vermeide es mal, den Namen zu schreiben) bereits dadurch in den heroischen Teilen dergestalt umzusetzen, dass dieses Explosive schon zu Beginn als hohl bzw nur vermeintlich stark gespielt wird, also etwa mit einer Doppelbödigkeit. Kennt jemand eine solche Aufnahme? Würde ich gern hören.

  • Dass das mit der Bilddarstellung bei capriccio von CDs immer noch nicht klappt nachdem ich ordentlich für jpc die Bestellnummer eingefügt hatte und für amazon die ASIN ist ein Trauerspiel ! Macht kein Spass !

    Du hast auch die ganzen Formatierungen darin gehabt:



    Die müssen weg, sonst geht es nicht.

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • Joasquin

    Das wirst du auch korrigieren müssen... :pop:

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

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