Die Stimme des Anderen

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  • Die Stimme des Anderen

    Ich guck' fast nie Filme, höchstens Dokumentarfilme. Heute abend aber dieser:


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    Gestern war ich - da kamen mehrere Zufälle zusammen - beim Konzert von Götz Alsmann und seiner Band in der Kölner Philharmonie. Die spielten ein Programm mit deutscher Schlagermusik der 40er bis 60er Jahre in eigenen Arrangements. (Nebenbei bemerkt: sowas muss ich nicht allzuoft haben, aber die waren echt verdammt gut!).


    Unter anderem spielten sie zwei Nummern des Komponisten Michael Jary aus dem Film Die Stimme des Anderen von Erich Engel aus dem Jahre 1952. Und Herr Alsmann verriet, dass der komplette Film im Internet an einschlägiger Stelle zu finden sei. Der Film floppte, das Lied "Unter den 1000 Laternen" wurde ein Hit, der Film nochmal unter dem auf den Erfolgsschlager geänderten Titel veröffentlicht; er floppte aber erneut.


    Und nun hab' ich ihn mir angeguckt.


    Schwarz-weiß, mit der Filmästhetik jener Zeit, vieles geht für heutige Sehgewohnheiten sehr langsam, ein gute Prise betulicher Humor, etwas viel für eine Kriminalstory. Aber die funktioniert eigentlich richtig gut! Sängerin entdeckt unter für den Zuschauer zunächst reichlich undurchsichtigen Umständen toten Komponisten in dessen Wohnung, woraufhin Textdichter (samt tratschwütiger Gattin), Produzent und der zwielichtige französische (!) Instrumentator der vom Toten noch nicht ganz fertiggestellten Revueoperette alles daran setzen, das Stück dennoch rechtzeitig auf die Bühne zu kriegen, während der Kommissar (René Deltgen mit schickem Bleistiftbärtchen) nach dem mutmaßlichen Mörder sucht. Eine wichtige Rolle für das durchaus überraschende Ende spielt ein Magnetophon. Und der Zuschauer fühlt sich immer wieder auf eine neue Fährte gelockt, ohne dass die Wendungen unglaubwürdig wirken.


    Drehbuch übrigens nach einem Kriminalroman von keinem geringeren als Robert Gilbert (Sohn des Komponisten Jean Gilbert), der als Texter von Operettenlibretii und Schlagern (und einschlägigen Übersetzungen aus dem Englischen) auch nicht gerade ein unbeschriebenes Blatt war.


    Zu filmischen Details kann ich nichts sagen. davon verstehe ich nichts. Aber ich fand den richtig gut! Und der Götzi hat recht: die Schlager der 50er waren in jeder Hinsicht viel besser als die seiner (und damit auch meiner) Generation.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Interessant. Von Erich Engel kenne ich eigentlich nur die 'Affäre Blum', aber davon ausgehend, könnte der Film wirklich ganz interessant sein.

    Ich habe kurz den Vorspann mir angeschaut. Bei Inge Meysel war ich schon fast raus :versteck1: , aber Carl-Heinz Schroth und René Deltgen haben mich dann doch wieder zurückgebracht. Ich denke, ich werde ihn mir morgen mal in Ruhe anschauen.


    :wink:Wolfram

  • Bei Inge Meysel war ich schon fast raus

    Die ist hier noch nicht bei ihrem späteren Mutti-Typ angekommen, das war ja wohl erst ab den 60ern! Deltgen finde ich stark, die Rolle ist leider recht klein.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Ich habe ihn mir heute angeschaut und mein Eindruck ist eigentlich eher zwiespältig. Engel, als ursprünglich vom Theater kommend, konnte Schauspieler führen und so fand ich deren Leistungen eigentlich durchweg richtig gut. Schroth war natürlich am besten, wenn er noch stärker seine spezielle Ironie mit hinein bringen konnte, aber selbst mit der Meysel, die ja wirklich etwas konnte, konnte ich hier leben. :pfeif: ;) Einmal mehr zeigte dieser Film aber auch, welch ein großes Reservoir von Schauspieltypen bis in die kleinsten Nebenrollen es damals gab und wie sehr viele von ihnen im deutschen Film der Nachkriegszeit (und vorher auch schon) sich unter Wert verkaufen mussten.

    Dann ist der Film größtenteils gut inszeniert, wenn auch oftmals doch recht langatmig. Das Krimi-Genre hatte es in Deutschland damals noch doch relativ schwer, war eben auch, anders als in den angelsächsischen Ländern oder in Frankreich kaum anerkannt. Es gab vorher natürlich die Mabuse-Filme, die aber einen ganz anderen Schwerpunkt hatten (und dann doch den besseren Film-Regisseur), es gab so etwas wie Dr. Crippen, der aber eher Propagandazwecken diente oder auch die frühe Edgar-Wallace-Reihe der dreißiger Jahre, die aber auch eher holperig ist. Die Probleme mit dem Genre, finde ich, merkt man hier auch. Das müsste alles flotter ablaufen und auch spannungsmäßig besser aufgebaut sein. Dass der jugendliche Liebhaber nicht der Mörder ist, ist ja eigentlich noch nach dem ersten Vorspielen des Tonbandes klar, wo man Sekunden nach seinem Zuschlagen der Tür erst den Fall des Opfers vernimmt. Dass es sich dann aber ganz bieder als Schlaganfall herausstellt, ist auch keine gute Schlusspointe.

    Ich frage mich, warum der Film für Cannes nominiert wurde. Aber vielleicht war die restliche Produktion des Jahres 1952 noch konventioneller. Denn das ist, glaube ich, das größte Problem der bundesdeutschen Nachkriegsproduktionen dieser frühen 50iger Jahre. (Der interessantere 'Trümmerfilm' war als Genre vorbei, Kortner und Peter Lorre konnten jeweils nur einen Film realisieren.) Der deutsche Film hatte natürlich den Anschluss verloren, filmisch wagemutigere Arbeiten bei der DEFA wurden dort ganz schnell unterbunden und die dann oftmals in den Westen gegangenen Künstler mussten sich sehr schnell Opas Kino anpassen. Das gilt z.B. für Wolfgang Staudte, aber eben auch für Erich Engel. (Ausnahmen bestätigen die Regel. ;) )

    Wenn man das berücksichtigt, fällt der Film aufgrund der Genre-Wahl und seiner Umsetzung dann aber doch positiv aus der Gesamtproduktion, so weit ich sie überblicken kann, heraus.

    Der geringe Erfolg beim Publikum erklärt sich vielleicht daraus, dass eben das Krimi-Genre nicht so populär war und die Verbindung mit dem Operettentheater zu unglamourös rüberkam. Wenn man schon Michael Jary als Komponisten aufbot, erwarteten sich die Zuschauer sicherlich einen bunten Reigen flotter Schlager. Da werden sie ja nun enttäuscht und das wenig dramaturgisch gerechtfertigte '1000 Laternen' rettet das dann auch nicht mehr.

    Also, wie gesagt, schauspielerisch wirklich gut, Hanna Rucker kannte ich z.B. überhaupt nicht, die Riege Hamburger Nebendarsteller sehe ich natürlich immer wieder ganz besonders gerne. Dramaturgisch nicht so überzeugend, aber anschauen kann man sich den Film trotzdem sehr gut.


    :wink:Wolfram

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