Wer kennt denn schon Antonín Tučapský ?

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins hier statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Wer kennt denn schon Antonín Tučapský ?

    Gibt es Musik, die einen einfach anspringt, ohne dass man sie irgendwie einordnen kann, neoklassisch, tschechisch, tonal, überzeitlich, witzig, ironisch, mitreissend?


    Mir erging es beim noch unkonzentrierten Hinhören des Violinkonzertes von Antonin Tučapský genau so. Schon der spezielle Anfang dieses Konzertes liess mich Aufhorchen. Bei genauerem Nachforschen der Biografie von Antonín Tučapský stieg mein Interesse, mich genauer mit diesem Violinkonzert zu beschäftigen.


    Tučapský wurde 1928 in der Nähe von Brno geboren, und wurde nach einem Musikstudium (und Studien bei Jan Kunc, einem ehemaligen Schüler von Janáček und Novak) bald ein in der ganzen Tschechoslowakei anerkannter Chordirigent, bis er sich bei der kommunistischen Regierung unbeliebt machte, weil er sich mit einer Engländerin, der Sängerin Beryl Musgrave, verheiratete. 1975 entfloh er dem damaligen politischen Klima mit seiner Frau nach London und musste sich dort eine neue Existenz aufbauen. Zuerst war er freiberuflicher Chordirigent, später - bis zu seiner Pensionierung 1997 - Dozent für Kompositionslehre am Trinity College of Music. Erfolg hatte er vor allem mit Chormusik-Kompositionen, sein orchestrales und instrumentales Werk aber blieb wenig beachtet.


    1993 beendete er sein Violinkonzert, das er – laut seinen eigenen Angaben - zum eigenen Vergnügen und zu eigener Freude komponiert hatte. 1995 wurde es in St. John’s, Smith Square, London, uraufgeführt. Meines Wissens gibt es nur eine CD-Aufnahme des Konzerts aus dem Jahr 1999.


    Ein tschechischer Flüchtling in London komponiert in seinem Alter ohne irgendwelchen Auftrag für sich ein Violinkonzert, weil er in seinen jungen Jahren selbst Geige gespielt habe. Mein Interesse war geweckt, leider aber fand ich keine Partitur und wenig weitere Informationen zur Rezeption seines Violinkonzertes. Es blieb nur, genau hinzuhören:



    SATZ 1 (ANDANTE, LENTAMENTE, ANIMATO)

    Spritzig und pochend beginnt es in Schlagzeug und Geige, sofort sticht ein einfaches Motiv in hellster Höhe hervor und wird rhythmisch schwungvoll weitergeführt, bis zu einem wellenartigen Bläsermotiv, das sich unvermittelt einmischt.


    Die Sologeige führt diesen lebhaften Start-Elan weiter und schwingt diesen breit und selbstbewusst aus. Mit rhythmischen Impulsen versehene Orchesterfarben leiten zu einem neuen thematisch besinnlicheren Satzteil über, die Geige singt und lässt schliesslich alles in Doppelgriffen ausklingen.


    Wieder setzt im Orchester leise rhythmisch musikalisch Neues ein, ein ruhiges Zusammenspiel von Geige und hohen Bläsern breitet sich weit aus und verliert sich fast etwas in weitem Wohlklang, bis das Orchester straff zu Neuem aufruft.


    Tiefe Bässe bringen ernsthaftere Töne ins Geschehen, die Geige erhebt sich mit ihren Motiven in hohe Sphären. Immer in neuen Farben mischen sich die Klänge des Orchesters darunter, bis die Geige wieder die Führung übernimmt.

    Sanft wellenartige Bewegungen im Orchester sind zu hören, helle Farben dominieren, die Geige schleift sich empor.

    Immer neu ansetzende rhythmische Motive halten die Musik in Fluss, alles erzählt von Freude und Wohlgefühl.


    Schwirrende Läufe der Geige über pochend bewegten Rhythmen im Schlagzeug führen kontinuierlich über zur Solokadenz der Geige.


    Sanft lösen die hohen Geigen am Ende der Kadenz die Sologeige ab und begleiten deren Motive in ruhigere Gefilde, bevor ein Schlussspiel des ganzen Orchesters beginnt und den Satz unvermittelt zu grösserer Ernsthaftigkeit führt. Am Schluss setzt sich eine Art alterskluge Resignation durch.

    SATZ 2 (ADAGIO SERIO)


    Leise beginnt die Geige, im Kontrast zum ersten Satz, mit einem traurig-ernsthaften Sologesang, als blicke sie traurig auf ein verflossenes Leben zurück. Sie zieht die Streicher des Orchesters in diese besinnliche Stimmung mit hinein. Ein Horn übernimmt den Gesang, die Geige entfaltet ihr Lied über ruhigen Akkorden des Orchesters, als verlöre sie sich in Einsamkeit und Erinnerungen.

    Ein etwas nervöser Abschnitt kündigt sich an, die Bewegung im Orchester nimmt zu und holt auch die Sologeige wieder zurück zu neuen Soli. Erst mit der Zeit lichtet sich die Stimmung und verklingt langsam in friedlichen, fast etwas tröstlichen Klängen.

    SATZ 3 (ALLEGRO MOBILE)


    Chaotisch bricht das Orchester in diese Träumerei der Geige ein und verschafft sich mit einem banalen Gassenhauermotiv Gehör. Jetzt legt auch die Geige wieder los, wild und voranstürmend. Schlagzeugeffekte, Orchesterschwirren und nochmals das Gassenhauermotiv begleiten und treiben die Geige in einen wilden Vorwärtstaumel.


    Aus einem mit Trompeten-geschmetter beginnenden Orchesterzwischenspiel, das der Geige Gelegenheit für eine Verschnaufpause gibt, kristallisiert sich ein zweiter eher lyrischer Themenbereich heraus. Die Geige setzt mit vollem Ton ruhig wieder ein und findet zu ihrem instrumentengerechten Singen.


    Mit der Zeit aber gerät die Geige wieder in Beschleunigung, das Orchester folgt und treibt voran. Die Geige stürzt sich erneut in ihren Vorwärtstaumel, das Orchester begleitet farbig und setzt abwechslungsreich rhythmische Akzente. Die Geige wirkt ruhelos. Bongos im Schlagzeug geben dem Satz plötzlich zusätzlich einen neuen Sound.

    Das banale Gassenhauer-Motiv der Blechbläser fährt plötzlich wieder dazwischen, als wolle es Ordnung schaffen. Aber alles stürmt weiter. Dann ein Trommelwirbel… und die Musik erstarrt.


    Unvermittelt und unerwartet nach diesem Chaos zwischen Taumel und banaler Ordnung folgt ein lyrischer, traurig beginnender Abschnitt, die Geige erhebt ihr Singen in sphärische Höhen, überstrahlt leise und einsam das Orchester. Ein an den ersten Satz erinnerndes rhythmische Motiv tritt in den Vordergrund, es klingt wie ein oft wiederholtes insistierendes Fragen, aber weder Geige noch Orchester dringen zu einer Antwort vor… Resignation? Oder stilles Akzeptieren dessen, was das Leben gebracht hat?

    Da mischen sich die Bongos wieder ein, jetzt tänzerisch und befreiend, die Musik findet zu ihrer Lebenslust zurück, auch das banale Gassenhauer-Motiv darf nochmals kurz auftauchen, aber ein lebensbejahendes Furioso übernimmt und setzt dem Ganzen ein freudiges Ende.


    Weitere Hinweise und ein Link auf youtube finden sich auf:

    Antonín Tučapský: Violin Concerto (1993) - unbekannte-violinkonzerte Webseite! (jimdofree.com)

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