Shakespeare - Antony and Cleopatra

  • Shakespeare - Antony and Cleopatra

    'The serpent of Nile - could achieve with a smile - far quicker results than Geneva' - war sich Noel Coward in seinem Tribut an Marlene Dietrich sicher und auch sonst wurde hinsichtlich der Verführungskünste und der unwiderstehlichen Ausstrahlung Kleopatras selten mit Superlativen gespart.


    Seit Plutarch geisterte ihr Name und ihre meist als bedrohlich empfundene Persönlichkeit durch die europäische Kulturgeschichte, dabei durchaus einem Wandel unterworfen. Und so konnte sich wohl auch Shakespeare dieser Figur nicht entziehen, dessen letzte Lebensjahre und ihre Beziehung zu Marcus Antonius er dramatisch bearbeitete.


    Eine erste Erwähnung von 'Antony and Cleopatra', allerdings ohne Autorennennung, findet sich in einem Register von 1608, wobei die Forschung die Entstehung des Werkes für kurz vorher annimmt. Aufführungen sind nicht belegt, auch nicht für den Zeitraum bis 1623, als im 'First Folio' der Text (inkl. Autorennamen) vollständig abgedruckt wurde, allerdings ohne Akt- und Szeneneinteilung. In den nächsten Jahrhunderten konnte sich das Stück zunächst nicht auf den Bühnen behaupten, wenn es überhaupt gespielt wurde, dann nur in Bearbeitungen oder mit erheblichen Kürzungen. Erst im 19. Jhrdt. kam es zu ersten Versuchen, es ziemlich textgenau aufzuführen, aber erst im 20. Jhrdt. wuchs das Interesse stärker an, gehört aber, trotz höchster Lobpreisungen, weiterhin nur zum Randrepertoire innerhalb des Shakespeare-Kanons.


    Hauptquelle ist Plutarch in der Übersetzung von Sir Thomas North, aber auch andere Dramatisierungen und Ereignisse der damaligen Gegenwart scheinen Einfluss auf das Stück genommen zu haben.


    Zum Inhalt:


    Marcus Antonius oder eben Antony, Teil des Triumvirats, verbringt seine Zeit in Ägypten an der Seite seiner Geliebten Cleopatra. Dort erhält er die Nachricht, dass seine Frau Fulvia, die zusammen mit seinem Bruder Krieg gegen Octavius geführt hat, in einer Schlacht getötet wurde. Daraufhin eilt Antony nach Rom, versöhnt sich mit Octavius (und Lepidus), um gemeinsam gegen Sextus Pompey, dem Sohn des von Cleopatra ermordeten Pompey, zu ziehen. Als Zeichen der endgültigen Versöhnung soll Antony nun die Schwester Octavius heirateten, die verwitwete Octavia. Dieser willigt ein.


    Als Cleopatra von der Heirat erfährt, wird sie von widersprüchlichsten Gefühlen überwältigt, kann aber dem kurz danach wieder zurückkehrenden Antony nicht widerstehen, der schon kurz nach der Heirat seine Ehefrau verlassen hat, um erneut nach Ägypten zu eilen. Die Schauplätze wechseln dabei weiterhin in einem fort, ebenso wie die Handlungen. Das Triumvirat versöhnt sich mit Pompey, um kurz danach trotzdem Krieg gegen ihn zu führen, Octavius botet Lepidus aus und beginnt dann einen Seekrieg gegen Antony. Als diese Schlacht verloren ist, verlässt Cleopatra auf ihrer Barke den Schauplatz, gefolgt von dem ebenfalls flüchtenden Antony. Dieser stellt ein weiteres Heer auf, sucht aber die Entscheidung erneut zur See. Während seine Landtruppen siegreich sind, erleidet er auf dem Wasser die entscheidende Niederlage.


    Es kommt zu einer weiteren Auseinandersetzung zwischen den Liebenden, nach der Cleopatra ihm ausrichten lässt, sie habe sich umgebracht. Daraufhin stürzt er sich in sein Schwert. Schwer verletzt erfährt er, dass die Königin noch lebt, woraufhin er sich zu ihr bringen lässt und in ihren Armen stirbt. Um nicht als gedemütigte Kriegsgefangene nach Rom gebracht zu werden, verübt Cleopatra dann auch Selbstmord.

    - - -


    Das gesamte Stück wird von den beiden Hauptfiguren Antony und Cleopatra getragen, denen in etwa der selbe Anteil an Versen zugedacht worden ist. Dazu gibt es die Figur des Enobarbus, einen Freund Antonys, der ihn begleitet, sein Tun kommentiert, ihn aber letztlich verrät und natürlich Octavius und seine Schwester Octavia.


    Nur Enobarbus ist ein Monolog zugeteilt, in dem er die erste Begegnung der beiden erzählt. Ansonsten hetzt das durchaus lange Stück von einer Szene zur anderen, insgesamt 42 mal und von einem Ort zum nächsten, was durchaus große Anforderungen an die Bühnentechnik stellt. Es gibt wenig Ruhepunkte im Stück, ein Großteil des (kämpferischen) Geschehens wird nur angedeutet oder durch Boten berichtet, dafür aber 34 Sprechrollen (!), die größtenteils sehr komplex ausgearbeitet sind.


    Immer wieder besonders gerühmt wird auch die Schönheit der Sprache, ihre poetische Gestaltung und die Vielzahl der verwendeten Bilder. Und natürlich wird immer wieder auf das berühmte Wort des Dichters Coleridge verwiesen: 'Shakespeare' most wonderful play.'


    :wink:Wolfram

  • Aus diesem Stück kommt der Text von Schuberts Trinklied D888 Bacchus, feister Fürst des Weins.

    Der Übersetzer war Ferdinand Mayerhofer von Grünbühel und er war so geschickt, dass Shakespeares Come, thou Monarch of the wine auch zur Musik passt. Das Lied hat nur eine Strophe. Schubert hat aber Wiederholungszeichen gesetzt, so dass nichts gegen einen zweisprachigen Vortrag spricht.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Danke für den Hinweis auf den Schubert, den ich nicht kenne. Als Vertonung ist mir bislang nur die Barber-Oper bekannt.


    :wink:Wolfram

  • Lieber Wolfram, vielen Dank für deine Thread-Eröffnung und Einführung !


    Ein faszinierendes Drama, für mich nicht nur, aber auch in Hinsicht auf die Themen: Geschlechterrollen; Dämonisierung von mächtigen, einflussreichen oder selbstbewussten Frauen; und Frau als Objekt, Besitz oder Statussymbol.

    Interessant auch finde ich die Thematik "Heuchelei" oder vielleicht besser "double standards" - denn einige Figuren, die sich auf römischen Werte berufen, halten sich an diese nur, wenn es in ihre Pläne passt und dem Aufrechterhalten ihres öffentlichen Image dient. Ansonsten gilt, wie überall auch: der Stärkere sitzt am Ruder und es ist egal, ob sein Benehmen tugendhaft oder nicht ist.


    Das offensichtlichste Beispiel für solche double standards findet man bei Caesar, als er Cleopatra verspricht, sie sanft zu behandeln. Nicht nur, dass sein Versprechen eine Lüge ist, sondern er versucht sie ausserdem zu erpressen, in dem er ihr mit der Hinrichtung ihrer Kinder droht, falls sie Selbstmord begehen sollte und damit seine Pläne für sie zunichtemacht. Interessant ist nun für mich zu überlegen, in wie weit Cleopatras Handlungen nicht nur am Ende, sondern ihr gesamtes Leben hindurch informiert und bestimmt werden von ihren Beobachtungen und Erfahrungen mit solchen double standards, insbesondere auch kombiniert mit ihren Beobachtungen und Erfahrungen als Frau. Mit anderen Worten, in wie weit zieht sie als intelligente Frau und Herrscherin ihr Resümee aus ihrem Verständnis einer von heuchlerischen und gegen Frauen diskriminierenden Männern beherrschten Welt und setzt ihr nun das weibliche Pendant entgegen.


    um gemeinsam gegen Sextus Pompey, dem Sohn des von Cleopatra ermordeten Pompey, zu ziehen.

    Nur eine kurze Frage.....bist du dir sicher, dass Cleopatra Pompey hat ermorden lassen? Ich dachte es wären Berater des Ptolemy XIII gewesen, und Cleopatra hatte eventuell nichts damit zu tun. Unmittelbar wichtig wäre dies für das Shakespeare Drama nicht, aber es würde eventuell unsere Meinung von Cleopatra beeinflussen.

  • Nur eine kurze Frage.....bist du dir sicher, dass Cleopatra Pompey hat ermorden lassen?

    Nur eine kurze Antwort dazu um diese späte Uhrzeit. Du hast natürlich recht, es ging von ihrem Bruder aus, inwieweit sie das billigend in Kauf genommen hat, müsste an wohl bei Plutarch mal nachlesen.


    Sehr interessant dein Beitrag zur politischen Rolle Cleopatras. Darüber muss ich nochmal genauer nachdenken, was ich jetzt aber nicht mehr schaffe, weil :sleeping: . ;)


    :wink: Wolfram

  • Nur eine kurze Frage.....bist du dir sicher, dass Cleopatra Pompey hat ermorden lassen?

    Nur eine kurze Antwort dazu um diese späte Uhrzeit. Du hast natürlich recht, es ging von ihrem Bruder aus, inwieweit sie das billigend in Kauf genommen hat, müsste an wohl bei Plutarch mal nachlesen.

    Ja, mal sehen, ob Plutarch was dazu geschrieben hat. Zu "in Kauf genommen"....ich glaube die Geschwister waren genau zu der Zeit mit gegenseitigem Bekriegen beschäftigt und haben sich wahrscheinlich nicht darüber ausgetauscht. Ich habe es auch so im Sinn, als ob man nicht sicher sein kann, dass Ptolomy selber die Ermordung von Pompey angeordent hat, sondern dass seine Berater sie auf eigene Initiative vollzogen haben.


    Interessant hier ein keines Detail zu der Ermordung Pompeys, welches mich an eine Szene in Ant & Cleo erinnert. Diese Szene 6 in Akt 3, welche wohl immer ein wenig mehr als andere Szenen Fragen offen lässt, gewinnt für mich dadurch an tieferer Bedeutung:


    Also Octavia ohne Begleitung in Rom bei ihrem Bruder Caesar erscheint und er sich darüber aufregt, dass sie so ohne offiiziellen Pomp und Gedöns bei ihm auftritt, gibt er zwar als Erklärung für seinen Ärger, dass er es ihrer unwürdig findet. Aber: Shakespeare und sein Publikum wussten wahrscheinlich, wie die Ermordung Pompeys von statten ging, nämlich erschien es den Beratern Pompeys verdächtig, dass die Berater von Ptolomy ohne offizielles Gefolge und üblichen Pomp auf Pompeys Schiff zu Besuch kamen. Und prompt war es dann auch so, dass der "Besuch" kein offizieller Staatsbesuch war, sondern in mördersicher Absicht geschah. Ich frage mich nun, ob Shakespeare hier Caesar den Verdacht unterstellen wollte, dass Octavia, seine eigene Schwester, deshalb so unoffiziell gekommen war, weil sie ihn ermorden wollte, zusätzlich wohl der Verdacht, dass sie es auf Antonys Anweisungen hin tun sollte.


    Dies wäre ein Indiz, dass Caesar anderen - wahrscheinlich aus Erfahrung - Verrat und fehlende Tugend unterstellt, sogar seinen eigenen Landsmännern und Verwandten. Was für mich dann letztendlich aussagen soll, dass ein Römer, der sich einerseits ständig auf römische Tugenden beruft, andererseits sehr wohl weiss, dass diese nicht sehr weit reichen. Noch nicht einmal bis zu seiner eigenen Schwester. Aber äussern tut er diese Gedanken nicht. Als Staatsmann muss er sie dennoch haben, denn zB wurde sein Adoptiv-Vater Julius kurze Zeit zuvor ermordet. Diese Gedanken bleiben also versteckt und informieren sein Handeln auf völlig verborgene Weise. Er, der die Schwester aus politischen Gründen verschachert hat, aber sich dabei auf römische Tugenden berief, fühlt nun die Kehrseite der Medallie, nämlich dass er niemandem trauen kann, selbst dem tugendhaftesten Geschöpf des gesamten Dramas. Ist diese Angst aber begründet? Im Falle seiner Schwester nicht. Das Publikum könnte also hier verstehen, dass der Geist des Caesar verdorben ist - denn er unterstellt anderen etwas, was er selber als potentiell möglich sehen würde und zeigt somit die Verdorbenheit der Gesellschaft auf, deren er Teil ist.


    Was ist dann aber eigentlich noch der Unterschied zum "Osten"? Nur einer: dort versteckt man seine double standards weniger, bzw erlaubt wenigstens in privatem Kreis Kommentare und Witze über sie. Siehe Cleopatra, wie sie am Ende des Akt 1 von ihren "salad days" spricht, als ihre Gefährtin Charmian sie über ihre früheren Liebhabern neckt.


    Interessant zu dieser Überlegung und Schlussfolgerung für mich ein weiteres Indiz in Akt 3, Szene 2: Als Octavia sich nach ihrer Heirat mit Antony von Caesar verabschiedet, kommentiert Antony ihre Person wie folgt:


    " Her tongue will not obey her heart, nor can

    her heart inform her tongue - the swan's down feather

    that stands upon the swell at full tide,

    and neither way inclines."


    Diese Zeilen sagen sehr viel mehr als nur das Folgende. Nur in Hinsicht auf Caesars double standards Geisteshaltung könnte man hier schliessen, dass Caesars Schwester auf der selben Basis agiert, dass es nämlich unter dem Mantel der offiziellen Tugend (des Schwanes Feder deutet dies an), es aber eine Diskrepanz zwischen Zunge und Herz (der eigentlichen Überzeugung) geben kann. Zumindest vermutet Antony dies.

    8 Mal editiert, zuletzt von Amethyst ()

  • Nur eine kurze Frage.....bist du dir sicher, dass Cleopatra Pompey hat ermorden lassen?

    Nur eine kurze Antwort dazu um diese späte Uhrzeit. Du hast natürlich recht, es ging von ihrem Bruder aus, inwieweit sie das billigend in Kauf genommen hat, müsste an wohl bei Plutarch mal nachlesen.

    Ja, mal sehen, ob Plutarch was dazu geschrieben hat.

    In Plutarchs Life of Pompey wird Cleopatra, soweit ich das sehen kann, nicht erwähnt, auch nicht an anderer Stelle oder in anderem Zusammenhang. Ich habe einen word search nach "Cleopatra" unternommen.

    Zu den Verantwortlichen steht unter 77 und 78 Folgendes dort:


    https://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Plutarch/Lives/Pompey*.html


    " 77 ......Now, Ptolemy was quite young; but Potheinus, who managed all his affairs, assembled a council of the most influential men (and those were most influential whom he wished to be so), and bade each one give his opinion. It was certainly a dreadful thing that the fate of Pompey the Great was to be decided by Potheinus the eunuch, and Theodotus of Chios, who was a hired teacher of rhetoric, and Achillas the Egyptian; for these were the chief counsellors of the king among the chamberlains and tutors also gathered there. And it was such a tribunal's verdict which Pompey, tossing at anchor some distance of the shore, was waiting for, a man who would not deign to be under obligations to Caesar for his life.

    The opinions of the other counsellors were so far divergent that some advised to drive Pompey away, and others to invite him in and receive him. But Theodotus, making a display of his powerful speech and rhetorical art, set forth that neither course was safe for them, but that if they received Pompey, they would have Caesar for an enemy and Pompey for a master; while if they rejected him, Pompey would blame them for casting him off, and Caesar for making him continue his pursuit; the best course, therefore, was to send for the man and put him to death, for by doing so they would gratify Caesar and have nothing to fear from Pompey. To this he smilingly added, we are told, "A dead man does not bite."

    78 Having determined upon this plan, they entrusted the execution of it to Achillas. So he took with him a certain Septimius, who had once been a tribune of Pompey's, and Salvius besides, a centurion, with three or four servants, and put out towards the ship of Pompey...."

  • Ein weiter interessanter Aspekt zum Thema double standards (bezogen auf römische Tugenden) ist für mich in Akt 2 Szene 7 zu finden. Ich komme darauf, weil es mMn hier auch eine Parallele gibt zu historischen (oder zumindest von Plutarch berichteten) Begebenheiten, deren Kenntnis Shakespeare wahrscheinlich bei seinem Publikum voraussetzt.

    Denn nach dem obigen Zitat aus Plutarch zur Ermordung Pompeys wird in Kapitel 80/5 Folgendes berichtet:


    "This was the end of Pompey. But not long afterwards Caesar came to Egypt, and found it filled with this great deed of abomination. From the man who brought him Pompey's head he turned away with loathing, as from an assassin; and on receiving Pompey's seal-ring, he burst into tears; the device was a lion holding a sword in his paws. But Achillas and Potheinus he put to death. The king himself, moreover, was defeated in battle along the river, and disappeared. 6 Theodotus the sophist, however, escaped the vengeance of Caesar; for he fled out of Egypt and wandered about in wretchedness and hated of all men. But Marcus Brutus, after he had slain Caesar and come into power, discovered him in Asia, and put him to death with every possible torture. "


    In Shakespeares Drama Ant & Cleo in Szene 7 des 2. Akts wird Sextus Pompey, einem der Söhne des ermordeten Pompeys, von einem seiner vertrauten Untergebenen angeboten, seine Gäste Octavius Caesar, Antony und Lepidus, die gegenwärtigen Triumvirn Roms, hinterhältig zu ermorden, damit seiner Alleinherrschaft über Rom nichts mehr im Wege stünde. Pompey hatte nämlich die drei mächtigsten Männer Roms zur festlichen Besiegelung des Friedensabkommens zwischen ihnen und Pompey zu einer geselligen Party auf sein Boot eingeladen. Als sein Vertrauter ihm nun seinen Plan darlegte, war Pompeys Antwort, dass er es, wenn, dann schon ohne Pompeys Wissen hätte tun sollen. Aber er selber könne den Auftrag nicht geben und nun, da er von dem Plan wüsste, könnte er ihn nicht erlauben. Der Vertraute soll es vergessen.


    Pompeys Worte zu seinem Vertrauten hier:


    "Ah, this thou shouldst have done

    And not have spoke on't. In me 'tis villainy;

    In thee't had been good service. .....

    ...

    ....Repent that e'er thy tongue

    Hath so betray'd thine act. Being done unknown,

    I should have found it afterwards well done,

    But must condemn it now. Desist and drink."


    Die Paralelle zu Julius Caesars offener Reaktion auf Pompeys hinterhältigen Mord ist offensichtlich. Er musste sich als Römer öffentlich bestürtzt und angeekelt geben. So bestürtzt geben muss sich auch Pompey hier gegenüber seinem Vertrauten.

    Für mich viel interessanter ist aber Shakespeares Aussage über Julius Caesars double standards. Caesar hatte offensichtliche Vorteile, zu denen er durch Pompeys Tod kam. Und so lässt Shakespeare Pompey den jüngeren selber zugeben, dass er dem Vertrauten dankbar gewesen wäre, hätte er den Mord ohne sein Wissen begangen. Erstaunliche Heuchelei ist also zu finden in der römischen Tugend der Ehrung eines politischen Gegners, in den Tränen Caesars über den unehrenhaften Tod Pompeys und natürlich im Sühnen der Tat durch Verfolgung und Hinrichtung der Meuchelmörder. Welch feine Rechtfertigung Juius Caesar hatte, sich aller unbequemen Personen unter diesem tugendhaften Deckmantel zu entledigen. Obwohl die Tat genau in seinem Interesse war.


    Weiter deutet Shakespeare damit auch auf das Ende seines Ant & Cleo Dramas. Dort wird herkömmlich die Ehrung, die Octavius Caesar gegenüber Ant und Cleo öffentich ausspricht, als Zeichen seines tugendhaften Charakters gesehen. Shakespeares Paralelle zu Pompeys Aussage und deren doppelten Boden, lässt aber nun diese Tugend auch nur sehr vordergründig und schäbig erscheinen. Denn es ist klar, wer durch den Tod Cleopatras, welchen nur er, Caesar, sich durch seine unehrenhaften Absichten mit ihr zu verschulden hat, letztendlich dennoch am meisten profitiert.


    Als wirklich tugendhaft, so weiss das Publikum, bleibt nur Octavia übrig. Denn es war bekannt, dass sie die Kinder aus der Verbindung von Cleopatra mit Antony zu sich nahm und wie ihre eigenen Kinder aufzog.

  • "Pompey" hört sich an wie der Name einer Drag Queen ...

    Schön, dass er den überholten spießigen Pompeius rausgekickt hat.

    Und es gibt noch Menschen, die sich wundern, dass in Bellinis Puritani Gualtiero und Riccardo vorkommen.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Zur Verständnis der Figur Cleopatras bei Shakespeare könnte auch diese historische Beschreibung Cleopatras bei Plutarchs wichtig werden:


    Interessant ist in dieser Mischung für mich natürlich auch, dass die historische Cleopatra eine Griechin, bzw Mazedonierin war und dass Shakespeare und sein Publikum sich dessen bewusst war. Hier eine interessante Stelle in Plutarch, the life of Antony:


    https://penelope.uchicago.edu/…utarch/Lives/Antony*.html


    " There was sweetness also in the tones of her voice; and her tongue, like an instrument of many strings, she could readily turn to whatever language she pleased, so that in her interviews with Barbarians she very seldom had need of an interpreter, but made her replies to most of them herself and unassisted, whether they were Ethiopians, Troglodytes, Hebrews, Arabians, Syrians, Medes or Parthians. 4 Nay, it is said that she knew the speech of many other peoples also, although the kings of Egypt before her had not even made an effort to learn the native language, and some actually gave up their Macedonian dialect."

    Es gibt natürlich noch sehr viel mehr Stellen in Plutarchs Life of Antony, aber diese war persönlich unerwartet, und deshalb erweiterte sie meine Sicht auf Cleopatra bei Shakespeare.

    Für mich bekam Cleopatra damit eine Seite, die von fehlender Arroganz spricht. Gleichzeitig zeugt es aber auch von einer Art Intelligenz, welche erkennt, dass ihr diese Bescheidenheit Vorteile bringt. Das Gegenteil nämlich, eine Arroganz, die auf Überlegenheit besteht, ohne dafür den intellektuellen Merit zu haben, kann sich sehr selbstzerstörerisch auswirken, weil man als Herrscher natürlich dann seinen Untergebenen und seinen Beratern ausgeliefert ist. Cleopatra, durch ihr Ablegen von "dummem" Herrscherbewusstsein und durch ihr Bestreben andere wirklich wörtlich zu verstehen und mit ihnen direkt kommunizieren zu können, bekommt dadurch einen Charakterzug, der mir überaus sympatisch ist. Ich stelle mir aber vor, dass dieser Zug interessanterweise den Römern und anderen Herrschern wahrscheinlich gefährlich oder zumindest suspekt erschien, weil er ihre eigenen Herrscheransprüche, die sich nicht auf intellektuellem Merit begründeten, sondern auf Militärmacht, in Frage stellte.


    Interessant ist hierbei weiter, dass selbstverständlich für Römer Bildung und Intelligenz per se auch ein wesentlicher Aspekt ihrer Gesellschaft darstellte, aber dass zB die drei Triumvirn, um die es sich im Darma Ant & Cleo handelt, nur durch ihre jeweilige Militärmacht über Wasser halten konnten. Man sieht, wie Lepidus weg vom Fenster war, sobald er keine mehr hatte. Auch hier also wieder ein Zerfallen in äusserlich aufrecht erhaltene Werte und tiefere Wahrheit einer Gesellschaft. Besonders interessant ist dabei für mich die Tatsache, dass eine Kultur wie die römische sich in Shakespeares Drama auch sehr wesentlich anhand ihrer kulturellen Überlegenheit und ihren Tugenden und Werten definiert (welche aber alle den aufgezeigten double standards unterlegen sind) und gegen andere abgrenzt, ihre eigene politische Macht jedoch nur durch Militätmacht aufrecht erhalten kann. Woriauf begründet sich denn nun dann ihre Überlegenheit eigentlich?

  • Meine Güte, da habe ich aber ordentlich was zu antworten. ;) Aber wie schön, dass wir uns nun ausgiebig darüber austauschen können.


    Ich muss gestehen, dass ich mit dem Stück beim Lesen einige Schwierigkeiten hatte. Während ich 'Taming', was ich gerade lese, im Original so 'runterlesen kann, musste ich bei A+C ständig auf den deutschen Text schielen. Die Sprache, so poetisch und schön, wie sie ist, ist, für mich jedenfalls, sehr schwer zu verstehen. Dann habe ich lange keinen Zugang zu dem Werk gefunden, war vielleicht auch zu sehr auf der Suche nach der vielgepriesenen Liebesgeschichte, die, meiner jetzigen Meinung nach, dort gar nicht so wichtig ist.


    Ich lese A+C nun v.a. als politisches Stück, was ich bei dir, liebe Rosamunde, nach dem Schwerpunkt, den du dargestellt hast, auch vermute. Also erst einmal kurz meine Einschätzung und ich denke, da werden schon einige Diskussionspunkte erkennbar werden.


    Die eigentlichen Protagonisten sind für mich OC (Octaivius Caesar) und C (Cleopatra) und zwar weniger als menschliche Charaktere, sondern vielmehr als Prototypen, als Symbole einer Lebenshaltung, eines Seins. Hier der politische Machtmensch (OC), dort der Mensch (C), der lebt, liebt, das Leben genießt, voller offensichtlicher Fehler, vom Augenblick getrieben, kaum bis gar nicht Pläne schmiedend auf längere Zeit hinaus. In vielem oder allem das Gegenteil von OC, wobei der Antagonismus noch geographisch (Ost-West) verstärkt und verdeutlicht wird. Dazwischen, pendelt zwischen den Welten, Antony (A), der ständig seine Rolle wechselt, fern von Ägypten oder auch, wenn er dort durch Boten entsprechenden Nachricht bekommt ('Fulvia's dead'), sofort die Politikerrolle einnimmt, wenn er aber bei C weilt, diese nicht durchhalten kann.


    Das Rollenspiel ist für mich eigentlich entscheidend. Und unabhängig von 'double standards', die natürlich auch eine Rolle in einer Lesart spielen, prallen hier v.a. Politik und 'normales' Leben aufeinander. Und wenn Shakespeare den kühl und auch ziemlich hemmungslos kalkulierenden OC mit einem Mann besetzt, die mehr den Gefühlen Unterworfene mit einer Frau, dann ist das wohl v.a. den Konventionen seiner Zeit geschuldet. Anders konnte er nicht schreiben, weil es sonst zu gefährlich gewesen wäre (aber dazu weiter unten) und weil sein Publikum es sonst vielleicht nicht verstanden hätte.


    Das Rollenspiel in Shakespeare Tragödien bedingt auch immer, dass man seine Rolle nicht verlassen darf, weil sonst die Welt aus den Fugen gerät und man eigentlich immer Schiffbruch erleidet. OC bleibt sich treu, er spielt genau die Rolle, die Shakespeare einem erfolgreichen Politiker immer zugedacht hat, v.a. in den Historien. Skrupellos, auch durchaus zynisch, machtbewusst, kalkulierend, sehr weit vorausplanend etc. Das muss nicht immer nur auf das eigene Wohlergehen ausgerichtet sein, aber natürlich spielt es immer mit. Es geht um das Erringen von Macht, was auch immer man damit macht, und da passen Moral und Gefühle nicht unbedingt hinein. Von daher ist OC eine typische politische Shakespeare-Figur und dadurch, dass er seine Rolle nicht verlässt, ist er letztlich erfolgreich.


    In dem Zusammenhang sehe ich auch seine Schwester O (Octavia), die eigentlich, so zwillingshaft wie beide erscheinen, mehr eine Spiegelung seiner selbst ist. Und deshalb erregt ihn der 'stille' Einzug seiner Schwester in Rom, der Verrat A's an ihr so sehr, weil er sich selber damit gemeint fühlt. So geht man nicht mit einem (künftigen) Imperator um!


    C wiederum könnte erfolgreich ihre Rolle spielen, wenn sie nicht permanent ihre Sphäre verlassen würde. Ihre Rolle im Stück sollte ja eher das sinnenfreudige Leben sein, aber dadurch, dass sie sich erneut mit einem Politiker einlässt, dass sie auch direkt in diese eingreift, in dem sie in Waffen an der Seeschlacht teilnimmt, gibt sie diese auf und muss von daher scheitern. Sie könnte, wenn sie konsequent wäre, wenn sie nicht vom Schlachtfeld fliehen, ihre Gefühle unterdrücken würde, wenn sie sich durchgehend auf die andere Rolle einstellen, sie leben würde, vielleicht siegreich sein. Aber sie kann ihr eigenes Sein nicht unterdrücken, sie bleibt launisch, ängstlich, liebend, unüberlegt.


    A ist eben die Mischung zwischen beiden Polen, der sich nicht entscheiden kann, in Rom ohne zu zögern O heiratet, weil es ihm in seinen Plan passt und dann trotzdem wieder zu C eilt. Er muss scheitern, weil er wankelmütig ist, weil er das Private vom Öffentlichen überhaupt nicht trennen kann.


    Das Private und das Öffentliche. Wenn es stimmt, dass Shakespeare in C. Elizabeth I. gesehen hat, dann hat er in OC nach meinem Empfinden sie auch porträtiert und wohl auch in A. Von der historischen Aussage her ist das Stück für mich weniger ein Kommentar zur römischen Geschichte als zu seiner Gegenwart, was er so natürlich nicht auf die Bühne bringen durfte. Elizabeth war, nach seiner Meinung nach, als Königin nur erfolgreich, weil sie sich im Privaten nicht festlegen konnte und wollte. Und hier spielt er diesen Aspekt noch einmal durch.


    So weit erstmal meine kurze Sicht auf das Stück, sicherlich nur eine Lesart und dabei Vieles nicht berücksichtigend. Aber ich freu mich auf die Diskussion. :)


    :wink:Wolfram

  • Gendertausch ist natürlich nichts Ungewöhnliches auf der Bühne nur nimmt sie bei Shakespeares Ant / Cleo besondere Bedeutung an, da die Römer es bei Shakespeare so darstellen, als ob Cleo die Hosen an habe und Ant entmännlicht sei. Für mich ist dieser Aspekt schon interessant, denn es ist heutzutage immer noch so, dass beide Geschlechter mit diesen Werten ihre Hähnchen zu rupfen haben, selbst wenn sie es öffentich oder spontan meist nicht zugeben würden.


    Der mir bis vorhin unbekannte Komponist Johann Adolf Hasse schrieb Anfang 1700' ein Werk namens Antonio e Cleopatra, bei dessen ersten Aufführungen in 1725 dann auch als Antonio ein Contralto und als Cleopatra ein Castrato sang.

  • Sorry, Wolfram, unsere Posts haben sich überschnitten. Ich mach jetzt erstmal was anderes, werde aber bald lesen und dann auf dich zurückkommen.......

    Danke für die Anregung - ganz allgemein !


    :wink:

  • Gendertausch ist natürlich nichts Ungewöhnliches auf der Bühne nur nimmt sie bei Shakespeares Ant / Cleo besondere Bedeutung an, da die Römer es bei Shakespeare so darstellen, als ob Cleo die Hosen an habe und Ant entmännlicht sei.

    Das ist ein interessanter Aspekt, der in der RSC-Inszenierung nicht herauskam und den ich auch so im Stück nicht gelesen habe, was aber wohl an mir lag. Auch da brauche ich doch eine wirklich gute Inszenierung, die so etwas anspricht. Und das ist ja nichts, was dem Stück aufgepfropft wurde. Gendertausch ist ja geradezu ein gängiges Thema bei Shakespeare, gehört ja aber auch zu der von mir bevorzugten 'Rollen'-Sicht. ;)

    Sorry, Wolfram, unsere Posts haben sich überschnitten. Ich mach jetzt erstmal was anderes, werde aber bald lesen und dann auf dich zurückkommen.......

    Kein Problem, take your time. ;)


    :wink:Wolfram

  • Ich würde davor warnen, Shakespeare als Zeugen für römische Geschichte heranzuziehen. Dass Ägypter, also "minderwertige Barbaren" in römischen Augen, einem römischen Feldherren den Kopf abschnitten war für einen anderen Römer, selbst wenn dieser der Rivale des Geköpften war, ein Affront und eine gefährliche Präzedenz. Viele Erfolge der Römer beruhten auf ihrer Propaganda der Überlegenheit. So etwas wie die Ermordung des Pompeius in aller Öffentlichkeit zu zelebrieren, war von römischer Seite keinesfalls zu tolerieren. Das ist von der Person Caesars, der ein brutaler Massenmörder war, im Wesentlichen unabhängig.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Das ist von der Person Caesars, der ein brutaler Massenmörder war, im Wesentlichen unabhängig.

    Egal ob er nun ein Massenmörder war oder nicht (sehe ich anders), aber gerade in seiner Person wird das von dir Geschilderte ja deutlich. Unterworfene auf der einen Seite, mit denen man relativ unbeschwert umgehen konnte und Träger des römischen Bürgerrechts, die man natürlich ganz anders behandelt sehen wollte. Aber ich denke auch, dass das nicht das Thema Shakespeares war. Er stellte Zeitgeschichte im anderen Gewande dar, wobei ihn sicherlich die Antike, wie jeden anderen Gebildeten seiner Zeit, durchaus interessiert hat. Jedenfalls waren sie sehr vertraut mit ihr.


    :wink:Wolfram

  • Ich würde davor warnen, Shakespeare als Zeugen für römische Geschichte heranzuziehen.

    Das ist doch klar. Also falls Du mich meinst...aber das kann eigentlich gar nicht sein, denn da hättest du mich völlig missverstanden. Ok, vielleicht my bad. Also nochmal:


    Shakespeare bezieht sich in der Handlung eindeutig auf Plutarch. Ich glaube Plutarch ist teils belegt, teils nicht. Plutarch selber sagt dem Sinn nach, dass es ihm wichtiger ist, die Charaktere der Personen zu zeichnen, als historische Begebenheiten zu berichten. So viel ist ziemlich sicher.


    Shakespeare benutzt nun diese von Plutarch gezeichneten Charaktere (und ihre berichtete "Story") und überträgt ihren Bedeutungszusammenhang auf eine bildliche Ebene, die dem Publikum etwas über sich selber aussagen kann. Wir können also in dem Werk auch Shakespeares Meinung zu den Themen der Story erfahren, die er dort bespricht. Aber selbstverständlich immer nur durch unsere eigene Brille. Wir lesen in dem Drama, was wir glauben, das uns Shakespeare über Gender, Tugend, Ehre usw sagen will.

    Wenn ich von den Römern sprach, dann meinte ich das, wofür die Römer bei Shakespeare stehen.


    Ob das alles so wirklich vor 2000 Jahren so geschehen oder gedacht wurde, ist völlig irrelevant. Interessant und relevant sind nur die Themen und deren Behandlung durch Shakespeare und unsere eigene Deutung.

  • Ad Wolfram: dass Caesar ein Massenmörder war, ist nicht eine Frage des persönlichen Gustos sondern eine unumstößliche Tatsache. Seine Kriegsführung in Gallien war absolut genozidal orientiert. Aber genug davon hier.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Das ist doch klar. Also falls Du mich meinst...aber das kann eigentlich gar nicht sein, denn da hättest du mich völlig missverstanden. Ok, vielleicht my bad. Also nochmal:

    Du schriebst jedenfalls von double standards, welche Du auch in der historischen Caesarepisode gegeben siehst. Das halte ich für unwahrscheinlich, denn die Römer hatten völlig andere Moralvorstellungen als wir. Auf den Mord eines römischen Feldherren und hohen Politikers durch Nichtrömer mit Abscheu zu reagieren, ist aus römischer Sicht völlig logisch und eher nicht gespielt. Außerdem ist die Chance, dass Caesar Pompeius mochte - sie waren ja jahrzehntelang Verbündete gewesen - gar nicht so klein - zumal Sentimentalität bei grausamen Menschen ja ohnehin häufig auftritt.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

    Einmal editiert, zuletzt von Felix Meritis ()

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