BLOW: Venus and Adonis

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • BLOW: Venus and Adonis

    Sport ist Mord oder „Venus and Adonis“


    I. Botanisch-Mythologisches


    „Severin sah meinen Meister überrascht von der Seite an. ‚Interessierst du dich für die Kräuterkunde?‘ ‚Ein ganz klein wenig‘, antwortete William bescheiden. ‚Ich blätterte einmal vor Jahren im Theatrum Sanitatis von Ububchasym de Baldach…‘ ‚Abu Asan al Muchtar ibn Botlan.‘ ‚Oder Ellukasim Elimittar, wie du willst. Ob es hier wohl eine Kopie davon gibt?‘ ‚Mehrere, sehr schöne mit kunstvoll genmalten Bildern.‘ ‚Gelobt sei der Herr. Und wie steht es mit De virtutibus herbarum von Platearius?‘“ [1] Ob Bruder Severin wohl das ziemlich giftige „Adonis aestivalis“ – das Sommer-Adonisröschen – aus jenen oder anderen Schriften kannte und in seinem hortus botanicus vorrätig hatte? Er hätte versuchen können, es bei dem ein oder anderen Bruder der nicht näher genannten Abtei gegen Wassersucht oder gegen Harn- und Steinleiden einzusetzen. Aber weder Bruder William von Baskerville noch wir als Leser der Erinnerungen des Adson von Melk – genannt „Der Name der Rose“ – erfahren es. Und im Grunde wäre das für den hier vorgetragenen Gegenstand auch nicht ganz so wichtig, lautete der Name des Röschens nicht eben gerade so, wie er eben lautet: Adonisröschen. Es handelt sich bei diesem Pflänzchen um ein kleines, rot blühendes Gewächs aus der Familie der Hahnenfußgewächse. Und ihren Namen hat es nicht etwa aufgrund seiner atemberaubenden Schönheit, sondern weil sie in mythologischer Vorzeit aus den Blutstropfen entstand, die Adonis verloren hatte, nachdem auf der Jagd ein Eber „in die Weichen ihm tief seine ganzen / Hauer“ gerammt und auf diese Weise tödlich verletzt hatte. Selbiges passierte natürlich nicht einfach so, sondern auf Geheiß der trauernden Göttin Venus, deren Geliebter er gewesen war:


    „[…] Nachdem mit Mächten des Schicksals / Hart sie gehadert, spricht sie: ‚Und doch wir eurer Gewalt nicht / Alles gehören. Es wird, o Adonis, stets meiner Trauer / Denkmal bleiben und wird, wiederholt alljährlich, im Bilde / Deines Todes Gedächtnis auch meine Klagen erneuern. / Aber dein Blut, es wird zur Blume mir werden. […] Die Göttin sprach’s und besprengte sogleich mit / Duftendem Nectar das Blut. […] Nicht mehr verging als die Frist einer vollen / Stunde, da wuchs aus dem Blut an Farbe ihm gleich eine Blume, […].“ [2]


    Venus hatte auch allen Grund, hart mit dem Schicksal und mit sich selbst ins Gericht zu gehen, denn schließlich hatte sie den Tod des Geliebten nicht verhindern können. Erzählt wird die Geschichte der beiden Liebenden in Ovids „Metamorphosen“. Venus, die sonst immer dafür Sorge trug, dass sich die Männer der Menschen in sie verliebten, hatte sich nun doch einmal selbst in einen Mann verliebt. Sein Name: Adonis. Sein Merkmal: unerreichte Schönheit. Seine Tätigkeit: Jäger. Um ihm die Gefahren der Jagd näherzubringen, erzählt sie ihm die Geschichte von Atalanta und Hippomenes (die an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt wird, also: Ovid lesen!). Doch Adonis schlägt die Mahnung der Göttin in den Wind und wird dann – wie bereits gesagt – von einem wilden Eber (der möglicherweise der eifersüchtige Mars, Gatte der Venus, in disguise war) gemeuchelt. Bei Blow indes weht ein anderer Wind durch den Mythos. Wobei: Im Grunde weht derselbe weniger bei Blow als bei dem Textdichter, der lange Zeit jener vielköpfigen Familie angehörte, die auf den Namen Anonymus hört. Bei jenem nämlich ist es nicht Adonis, der sich unbedingt zur Jagd aufschwingen möchte. Viel schicker fände der es nämlich, bei der erotischen Göttin zu bleiben. „Adonis wird heute nicht jagen, hat er doch die nobelste Beute bereits gefangen“, flötet er ihr zu. Doch Venus sieht die Dinge anders und schickt ihn los: „Nein, mein Schäfer, eile fort. / Die Ferne lässt Begierde neu erwachen, / Ich will nicht, dass mein Geliebter müde wird.“ Doch man wird sich nicht einig. Schließlich lässt Venus ihren Liebsten stehen, der dann kaum anders kann als mit auf die Jagd zu gehen. Und so nimmt das Schicksal, versehen mit einem anderen Geschmack, seinen Lauf.


    II. Dichtende Dame


    Auf die Idee, den Spieß umzudrehen kam anscheinend kein Mann, zumindest, wenn man der Argumentation des Musik- und Literaturwissenschaftlers James Winn von der University of Boston folgen mag. In einem 2008 veröffentlichten Aufsatz schreibt er zur Frage des bislang so mysteriösen wie anonymen Autors:


    „Ich werde hier einen neuen Kandidaten für die Autorenschaft des Librettos von Venus and Adonis vorschlagen: die Dichterin Anne Kingsmill, später Anne Finch, die zwischen 1682 und 1684 eine Hofjungfer der zweiten Duchess von York war. Der Hof der Duchess von York, wo die junge Anne Kingsmill diente, war für die Entstehung von Venus und Adonis ein ausgesprochen plausibler Ort. Obwohl Charles II. lebenslang ein Fan von Oper und Musik war, so wurde der Hof seines Bruders James, dem Duke von York, ein Zentrum musikalischer Schirmherrschaft als dieser seine deutlich jüngere zweite Frau Maria Beatrice von Modena 1673 heiratete. Die zweite Duchess war eine gebildete Musikliebhaberin und ihre Ankunft am Hof im November des Jahres löste zahlreiche musikalische Aktivitäten aus.“ [3]


    Die Argumente, die Winn in seiner Arbeit vorstellt, können durchaus überzeugen. Drum seien sie an dieser Stelle kurz referiert. Zunächst geht Winn davon aus, dass der Hof Charles II. um 1683 viel zu sehr mit einem opulenten Opernplan beschäftigt war („Albion und Albanius“, eine Coproduktion von John Dryden und Louis Grabu, solle aus der Taufe gehoben werden), als dass man eine weitere Oper hätte stemmen können, selbst wenn sie deutlich unaufwändiger zur produzieren gewesen wäre. Der Hof des Duke of York indes hätte diese Kapazitäten durchaus gehabt und dem opernbegeisterten König so die Wartezeit auf die hauseigene Produktion verkürzen können. Auch der Stoff selbst spricht aus Winns Perspektive dafür, dass „Venus and Adonis“ aus James‘ Hause stammen könnte, denn dort waren seit der Ankunft der zweiten Duchess mehrfach Bühnenwerke ganz ähnlichen Sujets produziert worden. Und eben die dort vorgestellten Themen – Mythologisches, Pastorales, Erotisches – sind eben jene, mit denen sich auch die identifizierbaren (und erhaltenen) frühen Texte von Anne Kingsmill beschäftigen. Tatsächlich spricht auch die Anonymität des Librettos für eine Frau als Verfasserin. Denn der erotische Einschlag des Textes im Prolog und im ersten Akt wäre in jener Zeit als für eine (dichtende) Frau unschicklich, ja unsittlich oder in jeglicher Hinsicht ungehörig empfunden worden. Sie hätte mit Attacken und Gesichtsverlust rechnen müssen. Nicht umsonst gibt es Zeugnisse von Anne Kingsmill/Finch aus späteren Jahren, in denen sie explizit ausführt wie froh sein darüber sei, dass sie ihre Anonymität als Dichterin während ihrer Zeit am Königshof hatte wahren können. Einem männlichen Textdichter wäre derlei indes nicht angekreidet worden. Im Gegenteil. Er hätte vielmehr dafür gesorgt, dass sein Name im Textbuch erscheint, denn schließlich war es keine unerhebliche Ehre einen Text für ein Stück zu schreiben, das für eine Aufführung bei Hofe gedacht war. Schließlich zeigt Winn anhand von vielen Beispielen sprachliche Parallelen zu späteren Werken von Anne Finch auf.

    Letztlich ist ihm aber natürlich bewusst – und er macht dies in seinem Text auch ganz deutlich –, dass es sich bei den von ihm angeführten Argumenten nicht um Beweise, sondern um Indizien handelt. Bis heute liegt keine Quelle vor, die ihre Autorenschaft beweist: „Wenn Anne Finch die Autorin von Venus and Adonis war, so war ihr Wunsch anonym zu bleiben stark. Sie hinterließ weder ein Bekenntnis noch irgendeinen Hinweis dazu, dass sie das Libretto geschrieben hat, […].“ [4]

    Und tatsächlich bleiben einige Fragen bestehen, deren Beantwortung die These Winns noch überzeugender gemacht hätten. So ist unklar, wer auf Anne Kingsmill/Finch zugekommen sein soll, um von ihr einen Text zu erbitten. Wenn sie anonym dichtete und auf diese Anonymität so starken wert legte, wer wusste von ihrer Begabung? Warum sollte man hinsichtlich eines Librettos ohne Gründe auf eine einfache Hofjungfer zukommen? War sie vielleicht eine Favoritin des Duke of York? Oder hatte gar der in Liebesdingen, sagen wir maI, recht aufgeschlossene Monarch ein Auge auf sie geworfen? Und gab es irgendeine Verbindung stand sie zu John Blow? Wie realistisch ist das vorgeschlagene Szenario? Fragen über Fragen. Und doch: eine spannende Idee ist das schon, meint der frohsinnig vor sich hin dilettierende Autor dieser Zeilen.

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  • III. The answer is Blowin‘ in the wind


    Apropos Blow: Wie dieser Komponist darankam, einen weltlichen und dazu noch erotisch-tragischen Stoff zu vertonen, kann fast so intensiv zu denken geben, wie die Frage nach der Provenienz des Librettos. John Blow wurde 1649 in Nottinghamshire geboren und kam um 1660 als Knabe in die Chapel Royal. Sein Stimmbruch lag um 1664 (Samuel Pepys erwähnt dies recht witzig in seinen Tagebüchern). 1668 dann wurde er Organist an Westminster Abbey, später dann Gentleman of the Chapel Royal, Master of the Children of the Chapel Royal (hier waren in jenen Tagen übrigens William Croft, Jeremiah Clarke und Daniel Purcell Chorknaben), Organist der Chapel Royal schließlich auch noch Composer of the Chapel Royal und und und. Ein Mann also, der Karriere gemacht hatte, und als Musiker eine höchst prominente Figur am englischen Hof war. Aber: ein Mann der Kirchenmusik. Im Wesentlichen. Kein Mann der Bühne. Scheinbar. [5] Warum nun also gerade er einen Stoff wie „Venus and Adonis“ für ein höfisches Divertissement vertonen sollte, ist nicht ohne weiteres nachzuvollziehen. Noch seltsamer erscheint es vor diesem Hintergrund jedoch, dass sich Blow, nachdem man ihn um 1682/83 für diese Komposition beauftragt hatte, entschloss, so etwas wie einen Formbruch zu begehen. Worin bestand dieser? Nun, die älteste Partitur des Werkes trägt den Titel „A Masque for the Entertainment of the King“ und ordnet das Werk so in die Tradition der höfischen Masque ein, der sie aber nicht wirklich entspricht, denn im Gegensatz zu dieser gibt es hier keine Sprechanteile mehr. Eric Walter White drückt sich ein bisschen um die Nennung des nun entscheidend werdenden Begriffes herum, wenn er in seiner „History of English Opera“ schreibt: „Venus and Adonis ist das erste Beispiel einer englischen durchkomponierten ‚Masque‘ mit vollständiger dramatischer Handlung.“ [6] Schon Edward Dent hatte 1928 festgestellt: „Obwohl als Masque beschrieben und in sehr reduziertem Stil konstruiert, ist Venus and Adonis eine wirkliche Oper, sowohl hinsichtlich des Librettos als auch der Musik.“ [7] Englands erste Oper also und keine Masque? Die Forschung tut sich mit einer eindeutigen Zuordnung schwer. Gilbert Blin beispielsweise ist auch 2009 noch der Meinung, es handle sich um eine Oper und man solle aufgrund der Verwendung des Begriffe „Masque“ „nicht auf eine dichterische und musikalische Konstruktion schließen, sondern ihn lediglich als einen Hinweis darauf verstehen, daß das Werk für ein königliches Publikum geschrieben wurde.“ [8] Andrew R. Walkling hingegen, gegenwärtig wohl die Kapazität, was die englische Bühne des 17. Jahrhunderts angeht, formuliert das Problem wie folgt: „Tatsächlich ist es [= das Bühnenwerk Venus and Adonis, Anm. der Verf.] überhaupt keine Oper: Das älteste erhaltene Manuskript spricht eindeutig von einer ‚Masque fort he Entertainment of the King‘. Doch auch diese Bezeichnung trägt wenig zum Verständnis des Stückes bei: […].“ [9] Diesem Dilemma muss wohl so begegnet werden, dass man „Venus and Adonis“ zugesteht, ein Werk des Übergangs zu sein:


    „Venus and Adonis, Blows Meisterwerk, ist die letzte Masque, die für den Hof der Stuarts komponiert wurde, und die – obwohl sie eigentlich eine durchgesungene Miniaturoper ist – einige Konventionen der älteren Masque-Tradition beibehalten hat, zum Beispiels die Involvierung der Mitglieder des königlichen Hofes. Das Werk steht somit am Scheideweg zwischen Masque und Oper, […].“ [10]


    Warum aber Blow und Kingsmill – in den Worten von Walkling „unglaubwürdige Innovatoren“ [11] – mit der etablierten Konvention gebrochen haben und sich dafür entschieden haben, „ein komplett gesungenes Werk anstatt einer traditionellen Masque“ zu schaffen, bleibt ein Rätsel. [12]


    IV. Erotisches am Hof – und im Mädchenpensionat


    Wahrscheinlich wurde „Venus und Adonis“ erstmals zur Fastnacht 1683 am königlichen Hofe aufgeführt. In welchem Kontext, ist unklar. Denkbare wäre, dass das Werk „am Ende einer Jagdpartie als leichtes Schauspiel nach einem Tag des anstrengenden Zeitvertreibs aufgeführt“ wurde. [13] Bei dieser Gelegenheit spielte, die handschriftliche Partitur vermerkt es, Mary (Moll) Davis, eine ehemalige Mätresse Charles II. die Venus. Wem das noch nicht pikant genug ist, dem sei gesagt, dass die Rolle des Cupido von ihrer gemeinsamen, etwa zehn Jahre alten Tochter Lady Mary Tudor verkörpert wurde: „Der witzige Einfall, die Rolle des Liebesgottes, der die Höflinge [gleich im Prolog, Anm. des Verf.] über die eheliche Untreue belehrte, einem der vielen unehelichen Kinder des Königs anzuvertrauen, wurde gewiß richtig aufgefasst.“ [14]


    Die nächste dokumentierte Aufführung fand am 17.04.1684 an Josias Priests Pensionat für junge Damen in Chelsea statt. Hier firmierte das Werk dann – wie ein entsprechender Druck des Librettos zeigt – als „Opera“. Wie das Werk aber überhaupt dorthin kam, ist unklar. Priest hatte als Tanzmeister gute Verbindungen zum Hof. Es dürfte wahrscheinlich sein, dass er in diesem Umfeld irgendwie mit Blow verbunden war. [15] Im Anschluss machte sich Blow an eine Umarbeitung, die eventuell für Oxford gedacht war. Doch für eine Aufführung dort gibt es keine Zeugnisse. Im Anschluss versank das Werk in den Tiefen des Vergessens, von wo es erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder gehoben wurde.


    ___________________

    [1] Eco, Umberto: Der Name der Rose. Deutsch von Burkhart Kroeber. München 1986. S. 95 f.

    [2] Ovid: Metamorphosen. Übersetzt von Erich Rösch. München 1990. S. 274.

    [3] Winn, James A.: ‚A Versifying Maid of Honour‘: Anne Finch and the Libretto for „Venus and Adonis“. In: The Review of English Studies. New Series. Vol. 59, No. 238. Oxford 2008. S. 69. (im Folgenden: Winn)

    [4] Winn, S. 84.

    [5] „Das einzige, woraus wir auf ein größeres Interesse am Musikdrama schließen können, ist seine [= Blows, Anm. der Verf.] Petition vom April 1682, in der er gemeinsam mit seinem Kollegen Nicholas Staggins (der die Musik zu Calisto geschrieben hatte) um die Erlaubnis bittet, eine ‚Academie oder Opera der Musick‘ gründen zu dürfen, ‚wodrinnen ihre musikalischen compositiones executiert oder zur Execution gebracht werden solle‘. In: Walkling, Andrew R.: Venus and Adonis – Pastorale Einfachheit und die expressive Kraft des englischen Barock. Begleittext zur CD „Venus and Adonis“ von John Blow. Boston Early Music Festival. Paul O’Dette & Stephen Stubbs. 1 CD. cpo 777614-2. 2009. S. 13. (im Weiteren: Walkling).

    [6] White, Eric Walter: A History of English Opera. London 1983. S. 103 f.

    [7] Dent, Edward J.: Foundations of English Opera. A Study of Musical Drama in England during the Seventeenth Century. New York 1965. S. 172.

    [8] Blin, Gilbert: Adonis als allegorischer Jäger. Begleittext zur CD „Venus and Adonis“ von John Blow. Boston Early Music Festival. Paul O’Dette & Stephen Stubbs. 1 CD. cpo 777614-2. 2009. S. 9. (im Weiteren: Blin)

    [9] Walkling S. 12.

    [10]Kenny, Elizabeth; Wood, Bruce: Blow - Venus and Adonis. Begleittext zur CD „Venus and Adonis“ von John Blow. Theatre of the Ayre. Elizabeth Kenny. 1 CD. WHLive0043. 2010. S. 4. (im Weiteren: Kenny/Wood)

    [11]Walkling, S. 13.

    [12] Holman, Peter: Henry Purcell. Oxford 1994. S. 198.

    [13] Blin, S. 12.

    [14] Andre Pinnock; Wood, Bruce: John Blow - Venus and Adonis. Begleittext zur CD „Venus and Adonis“ von John Blow. New London Consort. Philip Pickett. 1 CD. L’Oiseau-Lyre 440220-2. 1992. S. 4. (im Weiteren: Pinnock/Wood)

    [15]Vgl. hierzu: Luckett, Richard: A New Source for ‚Venus and Adonis‘. In: The Musical Times, Feb. 1989, Vol. 130, No. 1752. S. 76-79.

  • Inhalt


    Prolog


    Cupid, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, befindet sich inmitten von Hirten und Hirtinnen. Er fordert diese auf, ihn zu unterhalten. Sie singen von Liebe, Glück und Freude. Cupid zieht über die promiske Atmosphäre am Hof und seine ehebrecherischen Mitglieder her. Am Ende fordert er alle dazu auf, sich liebend in den Schatten der Bäume zurückzuziehen.


    Akt I


    Venus und Adonis liegen sich in den Armen und genießen einander. Es erklingt Jagdmusik. Sie erheben sich von ihrem Lager. Venus fordert Adonis auf, auf die Jagd zu gehen. Er will nicht. Stattdessen möchte er bei ihr bleiben. Sie streiten. Venus lässt ihn stehen und Adonis geht mit den Jägern auf die Jagd.


    Akt II


    Venus und Cupid stehen inmitten einer Gruppe von kleinen Cupiden. Cupid lobt seine Mutter für die Art und Weise wie sie Adonis liebt. Er will von ihr wissen, wie man jemanden zerstören könne, der Liebe verschmäht. Sie erklärt es ihm, woraufhin Cupido den kleinen Cupiden erläutert, welche Opfer sie traktieren sollen. Nun will Venus von Cupid wissen, wie sie dafür sorgen kann, dass Adonis ihr treu bleibt. Er erklärt ihr, dass sie ihn möglichst schlecht behandeln soll, woraufhin sie in Gelächter ausbricht. Es tanzen zunächst die kleinen Cupiden, dann erscheinen die Grazien und tanzen ebenfalls.


    Akt III


    Venus ist melancholisch. Sie hat düstere Vorahnungen und sehnt die Rückkehr Adonis‘ herbei. Da wird Adonis hereingeführt, der schwer verletzt ist. Ein Eber hat ihm tödliche Wunden beigebracht. Er nimmt Abschied von Venus, die ihre Unsterblichkeit verflucht, und stirbt. Sie weist die kleinen Cupiden an, den Leichnam in den Himmel zu tragen. Diese stimmen einen Klagegesang an.

  • Diskographie


    Die mir vorliegende Diskographie umfasst die folgenden Aufnahmen:



    Anthony Lewis (1953): Margaret Ritchie (Venus), Margaret Field-Hyde (Cupid), Gordon Clinton (Adonis), Elizabeth Cooper (Mezzosopran), Robert Ellis (Tenor), John Frost (Bass), Ensemble L‘Oiseau-Lyre



    Anthony Rooley (1984): Emma Kirkby (Venus), Evelyn Tubb (Cupid), Richard Wistreich (Adonis), Tessa Bonner (Sopran), Poppy Holden (Sopran), Cathy Cass (Alt), Mary Nichols (Alt), Joseph Cornwell (Tenor), Andrew King (Tenor), Rufus Müller (Tenor), Jeremy White (Bass), London Oratory Junior Choir, The Consort of Musicke



    Charles Medlam (1987): Lynne Dawson (Venus), Nancy Argenta (Cupid), Stephen Varcoe (Adonis), Emily van Evera (Shepherdess), John Mark Ainsley (Shepherd), Charles Daniel (Shepherd), Gordon Jones (Shepherd), Rogers Covey-Crump (Huntsman), Tessa Bonner (Sopran), Nicola Jenkin (Sopran), Mery Seers (Sopran), Christopher Royall (Countertenor), Mark Padmore (Tenor), Nicolas Robertson (Tenor), Angus Smith (Tenor), Richard Wistreich (Bass), London Baroque



    Philip Pickett (1992): Catherine Bott (Venus), Libby Crabtree (Cupid), Michael George (Adonis), Julia Gooding (Shepherdess, Grace), Andrew King (Shepherd), Simon Grant (Shepherd, Huntsman, Grace), Christopher Robson (Shepherd, Huntsman, Grace), Paul Agnew (Huntsman), Choristers of Westminster Abbey, New London Consort



    René Jacobs (1998): Rosemary Joshua (Venus), Robin Blaze (Cupid, Grace), Gerlad Finley (Adonis), Maria Cristina Kiehr (Shepherdess, Grace), Christopher Josey (Shepherd, Huntsman), John Bowen (Shepherd), Jonathan Brown (Shepherd, Grace), Clare College Chapel Choir, Orchestra of the Age of Enlightenment



    Paul O‘Dette & Stephen Stubbs (2009): Amanda Forsythe (Venus), Mireille Lebel (Cupid), Tyler Duncan (Adonis), Boston Early Music Festival Vocal and Chamber Ensembles



    Elizabeth Kenny (2010), Sophie Daneman (Venus), Elin Manahan Thomas (Cupid), Roderick Williams (Adonis), Helen Neeves (Shepherdess), Caroline Sartin (Shepherd), Frederick Long (Shepherd); Jasonm Darnell (Huntsman), Salisbury Cathedral Girls‘ Choir, Theatre of Ayre


    ****


    Ein paar persönliche Eindrücke zum Werk und zu der ein oder anderen Aufnahme folgen demnächst.


    :wink: Agravain

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  • René Jacobs (1998): Rosemary Joshua (Venus), Robin Blaze (Cupid, Grace), Gerlad Finley (Adonis), Maria Cristina Kiehr (Shepherdess, Grace), Christopher Josey (Shepherd, Huntsman), John Bowen (Shepherd), Jonathan Brown (Shepherd, Grace), Clare College Chapel Choir, Orchestra of the Age of Enlightenment


    Unter den mir bekannten, oben aufgeführten Aufnahmen von John Blows „Venus and Adonis“ sticht die Aufnahme von René Jacobs aus dem Jahre 1998 meines Erachtens klar hervor. Vernachlässigt man man die frühe Aufnahme unter Anthony Lewis einmal aufgrund ihres historischen Charakters, so zeichnen sich alle in Großbritannien entstandenen HIP-Aufnahmen – also Rooley, Medlam, Pickett und auch noch Kenny – durch einen gemeinsamen Charakterzug aus, den ich an anderer Stelle durchaus schätze, der aber hier, so zumindest mein Eindruck, die Attraktivität, die dieses Werk für den Hörer haben kann, ausbremst. Alle gehen die Komposition (gefühlt) gewissermaßen unter der Prämisse „stille Einfalt, edle Größe“ an. Ein zutiefst höfischer Ton weht durch diese Aufnahmen, der ihnen eine kühle Artizifialität verleiht und den Eindruck einer gewisse Distanz zum dargestellten Gegenstand hinterlässt. Sicher kann man argumentieren, dass sich eine solche Interpretation für ein am englischen Königshof aufgeführtes Werk anbietet, gerade weil sie den ja sicher auch existierenden rituellen Aspekt einer solchen Aufführung fokussiert.


    Angesichts dessen, was aber schon seit Shakespeares Zeiten Tradition auf englischen Bühnen war und was nicht nur die Groundlings im „Globe“, sondern später auch den König in seinen „royal masques“ erfreute, überzeugt mich dieser Ansatz nicht so recht. „A Masque for the Entertainment of the King“ darf auch saftig musiziert werden und das ist es eben, was Jacobs hier macht, und es ist eben das, was mir so ausgesprochen gut gefällt. Jacobs hat sich (so wirkt es zumindest) ganz darauf eingeschwungen, dass „Venus and Adonis“ eben ein Bühnenwerk ist, ein Werk für die Bühne und für Publikum, das – in welchem Kontext das Werk letztlich auch erstmals gespielt wurde – unterhalten und auch mitgerissen werden will. Es ist ja alles im Miniaturformat enthalten, was so ein Stück braucht: Liebe, augenzwinkernde Erotik, Satire, schmissige Tanzmusik, Drama, Tod. Stoff für einen guten Potboiler, den die Librettistin Anne Kingsmill da geliefert hat. In Kürze vieles von dem, was das Leben so bietet und fordert. Da Distanz zu wahren scheint mir kein guter Ansatz zu sein.


    „Greift nur hinein ins volle Menschenleben“, hat der olympische Frankfurter einmal gesagt. Und Jacobs macht’s einfach. Er kostet alle Affekte in schönem, nicht übertriebenen Maße aus – eine Maß, dass er nach meinem Dafürhalten nicht immer hat oder anlegt. Hier jedoch gelingt es. Ob es die Erotik des Flötenvorspiels zum ersten Akt ist, die wunderbar ganztaktik swingenden Tänze und Chorsätze („Come, shepherds all“) sind, das Timing insgesamt, die Gestaltung der Auseinandersetzung der Liebenden, die Rustikalität des Jägerchors, die Satire in „The Cupid’s Lesson“ („The insolent, the arrogant“), die Andeutung des Stimmungswechsels gegen Ende des zweiten Aktes (beginnend mit dem Chor der Grazien), die Todesszene und die Verzweiflung der Venus oder der abschließende, wie ein dirge anthem wirkende Schlusschor – gestalterisch gelingt hier nach meinem Empfinden alles.


    Das mit 15 Streichern, 3 Flöten, einem Fagott, Clavecin, Orgelpositiv, Theorben und Gitarren ziemlich groß besetzte Orchestra of the Age of Enlightenment tut durch ein rundum wunderbares, klangvolles, idiomatisches Spiel ein Übriges. Eine Ohrenweide, möchte ich sagen. Gleiches gilt es für die rundum wunderbaren Sängerinnen und Sänger. Rosemary Joshua gibt eine höchst verlockende und emotionale Göttin Venus: Stimmlich voll, aber nicht fett, mit einem schnellen, aber wenig störendem Vibrato, wunderbar verzierend. Dazu schafft sie es durch intelligente, textorientierte Gestaltung die Venus als Charakter mit vielen Facetten vorzustellen. Gerald Finley ist ein eleganter und sanft liebender Adonis, der seiner Göttin aber nicht in testosteroninduzierter Blindheit zu Füßen liegt. Im Streit mit ihr, vertritt er standfest seine Position. Einzig Robin Blazes Anlage des Cupid will mich nicht so recht überzeugen, und zwar weil sie einer Anlage im Grunde entbehrt. Er singt die Partie ausgesprochen delikat und es ist eine Freude, ihm zuzuhören. Doch bei aller klanglicher Delikatesse: diese Partie lebt im Grunde von der Ironie und Bissigkeit der Textvorlage und die transportiert Blaze nach meinem Empfinden leider nicht.


    Insgesamt aber eine hervorragende Einspielung, deren Farbigkeit bislang meines Erachtens nur die Aufnahme des Boston Early Music Festival, die 2009 unter der Leitung von Paul O'Dette und Stephen Stubbs entstanden ist, in ähnlicher Weise erreicht.



    :wink: Agravain

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