Bücher zur NS-Zeit

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  • (Sollte es einen solchen Thread hier schon geben und ich ihn übersehen haben, bitte ich um Vergebung und Verschiebung.)


    Gerade gelesen: Volker Ullrichs monumentale Hitler-Biographie in zwei Bänden aus den Jahren 2013 bzw. 2018:



    Auf dem neuesten Stand der Forschung, stilistisch hervorragend geschrieben, mit plausiblen Deutungen und Wertungen. Mehr als Ian Kershaw in seiner bahnbrechenden Biographie aus den 90er Jahren (mit dem Grundmotiv "dem Führer entgegen zu arbeiten") betont Ullrich die zentrale Bedeutung der Person Hitlers, ohne aber den Anteil verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen und Einzelpersonen kleinzureden. Vor allem die Kollaboration der Generäle, ihr komplettes moralisches Versagen angesichts der von vornherein barbarisch geplanten Kriegsführung gegen die Sowjetunion wird beeindruckend deutlich dargestellt. Im Gegensatz zu mancher "linken" Geschichtsschreibung bewertet Ullrich hingegen die Bedeutung der Unterstützung Hitlers durch die Schwerindustrie vor 1933 als eher gering. Ullrichs Tonfall ist fast durchgehend wohltuend sachlich, nur an ganz wenigen Stellen spürt man seine persönliche Empörung, wenn er z.B. darüber schreibt, dass die Torpedierung der "Wilhelm Gustloff" mit tausenden deutschen Flüchtlingen an Bord sich tief ins nationale Gedächtnis eingegraben hat, während das Massaker an 3000 KZ-Häftlingen nur einen Tag später am Strand von Palmnicken quasi in Vergessenheit geriet. Die fast pedantisch Tag für Tag chronologische Beschreibung wird in beiden Bänden mehrfach durch Kapitel zu grundlegenden Themen unterbrochen, darunter natürlich auch ein ausführliches zum Holocaust (den Joachim C. Fest 1973 in seiner Hitler-Biographie offensichtlich für nicht weiter erwähnenswert hielt). Insgesamt bietet Ullrich wohl keine wirkliche Neudeutung der Person Hitlers und seiner politischen Wirkung, fasst aber den Forschungsstand hervorragend zusammen und behält in jedem Augenblick den Überblick über das immens umfangreiche und vielschichtige Material. Wichtige Quellen sind neben vielem anderen natürlich die Goebbels-Tagebücher, aber auch die von Victor Klemperer sowie die von Friedrich Kellner (die Kershaw bei seiner Biographie noch nicht kennen konnte).

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ja, Dank für diese interessante Betrachtung.


    1959 geboren, wurde meine ganze Kindheit und Jugend bewusst oder unbewusst, immer vom Nationalsozialismus beeinflusst, nein, eigentlich gilt das für mein ganzes Leben. Folglich habe ich mich u.a. literarisch, Sachbuch oder Belletristik, immer damit beschäftigt und tue es heute noch.

    Seltsamerweise habe ich aber nie eine Biographie über Hitler gelesen oder über irgendeinen anderen der 'Nazi-Größen'. Damit will ich die Wichtigkeit dieser Arbeiten überhaupt nicht in Abrede stellen, aber persönlich scheint mich doch etwas davon abzuhalten. Ich bin mir noch nicht sicher, was es ist, aber es scheint eine Art 'Sperrfunktion' zu geben.

    Von daher kann ich leider zu deinen Ausführungen nichts schreiben, finde sie aber sehr interessant und hoffe, dass dieser Thread ein breites Echo und auch eine weiterführende Ergänzung finden wird. Mir fallen da schon ein paar Titel ein, aber erstmal soll es um diese Biographie gehen.


    :wink:Wolfram

  • erstmal soll es um diese Biographie gehen.

    Ich rechne erst einmal nicht damit, dass hier außer mir jemand die Biographie von Volker Ullrich gelesen hat, und auf die Schnelle kann man das bei insgesamt rund 2000 Seiten (inklusive Anmerkungen) natürlich auch nicht machen. Ich habe extra den allgemeinen Titel "Bücher zur NS-Zeit" gewählt, weil ich vorhabe, nach und nach auch andere Bücher zum Thema vorzustellen, und weil ich vor allem hoffe, dass ich damit nicht der einzige bleiben werde. Insofern fände ich es sehr gut, wenn Du Titel vorstellen würdest. Noch einmal zu Volker Ullrich: Der hat natürlich erkannt, dass eine Hitler-Biographie weit mehr sein muss als die Lebensbeschreibung eines einzigen Mannes. Wie bei Ian Kershaws Werk handelt es sich um eine Geschichte des Dritten Reichs und seiner Vorgeschichte mit dem Fokus auf der zentralen Person Hitler. Der biographische Ansatz war bei Hitler lange Zeit grundsätzlich umstritten, weil er nach Meinung mancher Historiker die Gefahr birgt, das Dritte Reich als Geschichte einiger weniger Personen misszuverstehen und damit einer weit verbreiteten, selbst entschuldenden Nachkriegslegende Vorschub zu leisten. Wichtigster Vertreter dieser "funktionalistischen" Sicht auf die NS-Zeit war wohl der Bochumer Historiker Hans Mommsen. Einen guten Überblick über die grundsätzlichen Kontroversen zur NS-Geschichtsschreibung gibt Ian Kershaw in dem Buch "Der NS-Staat: Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick":


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  • Ich rechne erst einmal nicht damit, dass hier außer mir jemand die Biographie von Volker Ullrich gelesen hat

    Doch, einer hat sie gelesen. Berufsbedingt. Aber ich hab nicht so viel Lust, hier über den NS oder Bücher zum NS zu schreiben. Auch berufsbedingt. Doch ich kann mich Deinen Ausführungen und deiner Einschätzung zu VUs H-Biografie anschließen. Wenn man nur eine H-Biografie lesen mag und zudem Zeit hat: man lese diese. Vor allem, weil es Ullrich gelingt, auf der Höhe der aktuellen Forschung zum NS ein IMO wirklich leicht lesbares Sachbuch im besten Sinne zu schreiben (so war auch schon “Die nervöse Großmacht”, sein ebenfalls äußerst lesenswertes Buch zum Deutschen Kaiserreich) und gerade nicht der in einer biografischen Studie naheliegenden Versuchung zu erliegen, einen reduktionistischen Erklärungsansatz anzubieten.


    Soviel dazu. Ob die “Funktionalisten” wirklich Probleme mit Biografien über Hitler u.a. NS-Größen hatten, weiß ich gar nicht - eigentlich haben sie sich ja eher gegen den Ansatz der sogen. “Intentionalisten” gewendet, deren These es war, die vollständige Vernichtung der europ. Juden sei bereits Mitte der 1920er Jahre vollumfänglich geplant gewesen, also vor allem ideologische Aspekte zur Erklärung des Holocaust anboten (diese These hat aber eigentlich nur E. Jäckel so dezidiert vertreten). Dem haben die “Funktionalisten” (u.a. M. Broszat und H. Mommsen aber auch viele andere) systemische Erklärungsansätze engegengestellt, Systemdynamiken eben. H. Mommsen hat dafür den Begriff der “kumulativen Radikalisierung” geprägt. Der Wahrheit liegt wohl, wie fast immer, irgendwo dazwischen.


    Adieu

    Algabal

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  • Ob die “Funktionalisten” wirklich Probleme mit Biografien über Hitler u.a. NS-Größen hatten, weiß ich gar nicht

    Ich meine mich zu erinnern, dass Kershaw irgendwo sinngemäß geschrieben hat, Mommsen würde vermutlich den Nutzen einer Biographie niemals einsehen, finde aber die Stelle gerade nicht mehr. Vielleicht irre ich mich auch.

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  • Moin,

    es gibt so unglaublich viel, selbst ich habe ca. 2 m im Regal stehen (Geschichtsbücher, Biografien, Romane von nazifreundlichen Dichtern und "Verfemten", Zigarettenbildhefte, Zeugenaussagen etc.,) da fällt ne Auswahl schwer.

    Insbesondere, weil ja Vieles durch neueres Material überholt wird und daher veraltet wirkt.

    Ich denke dabei an die erste Hitler Biografie von Allan Bullock, seit dem ist sehr viel Forschung ins Land gegangen. Dann gab es noch die Biografien von Joachim C. Fest, dann Kershaw und natürlich die Bestseller von Sebastian Haffner (Von "Bismarck zu Hitler" und "Anmerkungen zu Hitler")

    Egal. Ich fange einfach einmal an:

    1) Fritz Fischers Buch "Hitler war kein Betriebsunfall", ein Buch, das wie ein Molotow Cocktail in die verschnarchte Geschichtsforschung geworfen wurde.

    und

    2) Egon Kogon. Der SS Staat, von 1974, spannend geschrieben.


    Gruß aus Kiel

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

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  • Ob die “Funktionalisten” wirklich Probleme mit Biografien über Hitler u.a. NS-Größen hatten, weiß ich gar nicht

    Ich meine mich zu erinnern, dass Kershaw irgendwo sinngemäß geschrieben hat, Mommsen würde vermutlich den Nutzen einer Biographie niemals einsehen, finde aber die Stelle gerade nicht mehr. Vielleicht irre ich mich auch.

    Ich denke, Du irrst Dich nicht. Und Kershaw hat ja auch recht: Hans Mommsen hätte den Nutzen einer Biografie nicht eingesehen, weil er ihr keine Erklärungskraft für irgendwas zuerkannt hätte. Denn in der Logik der Funktionalisten sind die Entscheidungen und Handlungen von Akteuren weitgehend von Systemlogiken bestimmt, nicht von Einstellungen, Überzeugungen und Intentionen, die ggf. biographisch zu erklären wären. Folglich hatte Mommsen auch recht scharfe Kritik an der sogen. “Neueren Täterforschung” im Anschluss an Browning u.a. geübt.


    Für die “Funktionalisten” sind Akteure vor allem Funktionäre von Strukturen (deswegen heißen die “Funktionalisten” häufig auch “Strukturalisten” [was aber nichts mit dem Paradigma des “Strukturalismus” im Anschluss an die strukturale Linguistik zu tun hat]) und Systemdynamiken (wichtig ist hier etwa die Polykratiethese gewesen).

    Somit hat (ich breche das jetzt mal über Gebühr herunter) der Holocaust nix (oder nur wenig) mit Ideologie und Antisemitismus zu tun, sondern sei eher als Effekt der Selbsteskalation des NS-Systems zu begreifen, in dem die Akteure (Täter) wie in einem Hamsterrad mitgerannt seien. Das ist schon einigermaßen strukturdeterministisch gedacht und erklärt den Holocaust eigentlich ohne “Täter” (denn die handeln ja nicht, sondern funktionieren nur gemäß Systemlogiken). Schuldige gibts eigentlich so richtig keine. Alle waren irgendwie nur Mitläufer, eben Hamster in einem sich aufgrund innerer Dynamiken immer und immer schneller drehenden Rades.


    Die “Intertionalisten” dagegen sahen den Holocaust als Ergebnis eines ideologisch begründeten Vernichtungsplans, der von NS-Protagonisten, allen voran AH bereits Mitte der 1920er einigermaßen klar ausgeheckt worden sei. Dabei hat Jäckel, gegen den sich die Funktionalisten anfangs vor allem wendeten, gar keinen biografischen Ansatz verfolgt (er hat keine Hitler-Biografie geschrieben) sondern eben einen Ansatz, der weltanschauliche, bereits in den 1920er Jahren formulierte Positionen mit der politischen Praxis nach 1933 engführt. Dazu hat er zwei komplementär angelegte, recht knappe (aber IMO immer noch lesenswerte) Bücher geschrieben, deren Titel die intentionalistische Lesart des NS sehr gut auf den Punkt bringen:


    1) Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft (1969)

    2) Hitlers Herrschaft. Vollzug einer Weltanschauung (1986)


    Hitler hat gewissermaßen das Drehbuch für den NS-Staat geschrieben und dieser wurde vor allem errichtet, um den Holocaust zu verwirklichen. Auch das ist jetzt über Gebühr vereinfacht. Aber: cum grano salis.


    Letztlich sind jedenfalls beide Perspektiven jeweils reduktionistisch.


    Adieu

    Algabal

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  • Ich denke dabei an die erste Hitler Biografie von Allan Bullock, seit dem ist sehr viel Forschung ins Land gegangen. Dann gab es noch die Biografien von Joachim C. Fest, dann Kershaw und natürlich die Bestseller von Sebastian Haffner (Von "Bismarck zu Hitler" und "Anmerkungen zu Hitler")

    Die erste Hitler-Biographie schrieb tatsächlich schon Mitte der dreißiger Jahre Konrad Heiden (in zwei Bänden). Sogar Hannah Ahrendt hat sich in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" mehrfach auf Heiden bezogen. Vor einigen Jahren hat Stefan Aust eine Biographie über Heiden veröffentlicht.

    Egon Kogon. Der NS Staat, von 1974

    "SS-Staat", nicht "NS-Staat".

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
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  • Jetzt nenne ich doch auch noch ein Buch:



    Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus, 1933-1944


    Im amerikanischen Exil geschrieben, war die erste Fassung 1942 fertig, die zweite, erweiterte Fassung 1944. Neumann war Jurist und Politikwissenschaftler, kein Historiker - er schreibt eine politische Systemanalyse und er schreibt als Zeitzeuge. Dabei bindet er den NS und dessen gesellschaftliche Anschlussfähigkeit recht radikal, aber IMO sehr überzeugend an die Spezifika einer Kulturgeschichte des Politischen in Deutschland seit der Reformation zurück.


    Auch 80 nach seiner Entstehung ist das ein immer noch äußerst geistreiches, analytisch scharfes und letztlich auch verstörendes Buch über den NS.


    Adieu

    Algabal

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  • Die erste Hitler-Biographie schrieb tatsächlich schon Mitte der dreißiger Jahre Konrad Heiden

    Na, ja, eine Biografie ohne das Ende, ich weiß nicht so recht.


    Bei Kogon hätte ich besser den Buchttitel noch mal in die Hand nehmen sollen. Korrigiert.

    mea culpa.


    Aber wo ich gerade schreibe,.

    Von Richard Evans gibt es eine dreibändige Geschichte des 3. Reiches.

    "The coming of the Third Reich"

    "The Third Reich in Power" auf deutsch "Das Dritte Reich: Diktatur"

    und

    "The Third Reich at War"

    Ich habe Band 1 und 3 auf englisch und den 2. (2 Teilbände) auf deutsch.

    Er umfasst die Jahre 33 - 39 und ist sehr lesenswert, weil er beschreibt, wie sich die Ideologie und die Diktatur im Deutschen Reich verfestigte.

    Gruß aus Kiel

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  • Geschichtsschreibung, wie auch Belletristik, Lyrik, Tagebücher können ja immer nur eine Annäherung sein, deshalb finde ich es für mich schwierig, hier zunächst einmal ein oder das Buch zu posten, das für mich einer Wahrheit am nächsten käme. Von daher zunächst einmal eine lose Aufzählung von Werken, die meines Erachtens wichtig sind, um unterschiedliche Aspekte der NS-Zeit zu beleuchten. Alles Bücher jenseits der Geschichtsschreibung und von daher alle besonders subjektiv, oftmals nur einen Teil näher beleuchtend, aber gemeinsam haben sie die zeitliche Nähe zur NS-Zeit.


       

       

       

       

       

       

       


    So weit erst einmal. Sehr unterschiedliche Bücher und man muss sie auch nicht alle gut oder gelungen finden, tue ich auch nicht. Sie sind auch teilweise aus der räumlichen Distanz geschrieben oder auch aus der Erinnerung heraus, wenn auch von Zeitzeugen. Und der Isherwood beschreibt noch nicht einmal die NS-Zeit direkt, aber immerhin das Eindringen der 'neuen' Zeit in den noch demokratischen Alltag. Aber sie sind alle ein Zeugnis für eine bestimmte Idee, eine Haltung, für etwas, das sich in den Autor eingebrannt hat, für etwas, das ihn nicht losgelassen hat und sie werfen alle ein Schlaglicht auf ein Leben im und mit dem Nationalsozialismus. Sie sind aus der Opferperspektive geschrieben oder eher aus der der Täter oder aus der der vermeintlich Unbeteiligten. Ich halte sie aber alle für wichtig, teilweise vielleicht auch nur für eine erste Annäherung, aber v.a. weil sie Zeitdokumente sind, weil sie ein wenig die Bandbreite beleuchten, mit denen Menschen damals ihrer Zeit begegneten.


    :wink:Wolfram

  • Als Ergänzung zu dem Buch von Fénelon sollte man dann aber unbedingt auch diese Beschreibungen berücksichtigen:




    Anita Lasker -Wallfisch hat dabei Fénelons Darstellung der Orchesterleiterin Alma Rosé sehr kritisiert.

    -----------------------------------------------------------------------------------------------
    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft (1969)

    Dieses Buch von Eberhard Jäckel habe ich noch. Ich habe in Stuttgart Geschichte studiert (1970er), als Jäckel dort Professor für neuere Geschichte war. Allerdings hatte ich damals mehr mit seinem damaligen Assistenten Axel Kuhn (später Nachfolger Jäckels) zu tun, der den beschiebenen intentionalistischen Ansatz Jäckels auf die Außenpolitik übertrug, so meine ich mich zu erinnern:

    Hitler hat gewissermaßen das Drehbuch für den NS-Staat geschrieben und dieser wurde vor allem errichtet, um den Holocaust zu verwirklichen. Auch das ist jetzt über Gebühr vereinfacht. Aber: cum grano salis.

    Kuhns Beitrag in dieser Richtung (auch das Buch habe ich noch):


    Axel Kuhn: Hitlers außenpolitisches Programm. Entstehung und Entwicklung 1919-1939. Klett/Stuttgart 1970.


    Der Autor war es auch, bei dem ich seinerzeit meine Examensprüfungen bestritt. Schwerpunkt: Außenpolitische Konzepte von Stresemann, Hitler und Adenauer. Wenn ich mich richtig erinnere, diskutierten wir damals die These, daß alle drei Politiker in Grundzügen fertige außenpolitische Konzeptionen vertraten und die dann, nacheinander, durchzusetzen versuchten. Damit muß Geschichte allerdings nicht auf die Intentionen einzelner Personen reduziert werden, vor allem gesellschaftliche Rahmenbedingungen entscheiden, ob eine individuelle Konzeption auch zum Tragen kommt. Somit dürften sich intentionalistische und funktionalistische Erklärungsversuche nicht automatisch ausschließen. Ich glaube, das wurde auch damals in Stuttgart schon differenzierter gesehen.


    Dies alles nur unter Vorbehalt. Es ist so lange her, daß ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigt habe, und in den letzten 40 Jahren ist die Forschung ja nicht stehengeblieben.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Grunemanz schrieb:

    Zitat

    Somit dürften sich intentionalistische und funktionalistische Erklärungsversuche nicht automatisch ausschließen.

    Das tun sie auch nicht. Der sogen. “Streit” zwischen Intentionalisten und Funktionalsten - und wir sprechen hier über eine Phase zwischen Mitte der 1970er Jahre und Ende der 1980er - basierte ja vor allem auch auf wechselseitiger Vereinfachung/Zuspitzung der jeweiligen Position des Gegenübers. Heute atgumentiert eigentlich niemand mehr “rein” funktionalistisch oder “rein” intentionalistisch. Wie ich schon weiter oben schrieb: Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Das haben Vertreten beider “Schulen” auch sehr bald gesehen. Übrigens hat H.-U. Thamer, den man vielleicht als einen aufgeklärten Funktionalisten ;) bezeichnen könnte, letzthin etwas ganz unfunktionalistisches getan - er hat 2018 eine Hitler-Biografie geschrieben:



    Ein deutlich skelletierterer Zugriff auf den Gegenstand als bei Ullrich, aber ebenfalls lesenswert.


    Adieu

    Algabal

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  • Damit muß Geschichte allerdings nicht auf die Intentionen einzelner Personen reduziert werden, vor allem gesellschaftliche Rahmenbedingungen entscheiden, ob eine individuelle Konzeption auch zum Tragen kommt.

    Das dürfte inzwischen weitgehend unstrittig sein. Volker Ullrich schreibt im letzten Kapitel seiner Biographie: "Hitler erschließt sich nicht allein aus seinem Denken und Handeln; vielmehr kann es nur begriffen werden, wenn man zugleich die Sozialpathologie der deutschen Gesellschaft seiner Zeit in den Blick nimmt. Erst aus der Wechselbeziehung zwischen den individuellen und kollektiven Befindlichkeiten und Neurosen lässt sich das Geheimnis seines Aufstiegs und seiner unbestreitbar großen Anziehungskraft erklären." Kershaw schrieb im ersten Band seiner Biographie: "Die folgende Arbeit unternimmt auf dem Wege einer Hitler-Biographie den Versuch, personale und strukturelle Elemente im Entwicklungsprozeß einer der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte zu verbinden."

    Übrigens hat H.-U. Thamer, den man vielleicht als einen aufgeklärten Funktionalisten ;) bezeichnen könnte, letzthin etwas ganz unfunktionalistisches getan - er hat 2018 eine Hitler-Biografie geschrieben:

    Die kenne ich noch nicht, aber Thamers "Verführung und Gewalt" von 1986 finde ich immer noch sehr lesenswert:


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    (Theodor W. Adorno)

  • Vor einigen Tagen gab es einen Online-Vortrag zum Behemoth:

    Franz L. Neumanns materialistische Analyse des Nationalsozialismus im "Behemoth"
    "Kein Staat, sondern Herrschaft konkurrierender Machtgruppen.Franz L. Neumanns materialistische Analyse des Nationalsozialismus im 'Behemoth'"Vortrag mit Dr....
    www.youtube.com


    Ich habe mir das Buch anschließend direkt mal bestellt und bin gespannt.

  • Eines der beeindruckendsten, gleichzeitig aber bedrückendsten Bücher über die NS-Zeit war für mich die Albert-Speer-Biographie von Magnus Brechtken, die 2017 erschien:



    "Hitlers Architekt", Generalbauinspektor und ab 1942 Rüstungsminister hat es durch eine geschickte Verteidigungsstrategie geschafft, sich beim Nürnberger Prozess vor dem Galgen zu retten. Er gab sich nach außen als reumütiger Sünder, räumte eine allgemeine Mitschuld ein, leugnete aber gleichzeitig jede konkrete Tatbeteiligung und jegliches Wissen von den Verbrechen. Die eigene Verantwortung für die in der Rüstungsindustrie unter unmenschlichen Bedingungen eingesetzten Zwangsarbeiter schob er vor allem auf den mitangeklagten Sauckel ab, der dann gewissermaßen an seiner Stelle zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Speer kam mit 20 Jahren Haft davon und bereitete bereits im Gefängnis seine spätere Weltkarriere als angeblich "guter Nazi", lediglich irregeleiteter Künstler usw. vor. Seine Memoiren und seine "Spandauer Tagebücher" wurden Weltbestseller und machten ihn - erneut - zu einem reichen Mann.

    Magnus Brechtken räumt nicht nur mit den unzähligen Ausflüchten, Legenden und Lügen auf, die Speer zwischen seiner Freilassung 1966 und seinem Tod 1981 immer wieder mit großem Erfolg aufgetischt hat, sondern er beschreibt auch das gesellschaftliche Klima, in dem diese auf so fruchtbaren Boden fielen und gedeihen konnten. Auch viele von Brechtkens Historiker-Kollegen (vor allem Joachim C. Fest, aber auch Hans Mommsen, Golo Mann, Eberhard Jäckel und Klaus Hildebrand) kommen nicht gut weg, haben sie doch nicht nur Speers Lügen ungeprüft für bare Münze genommen sondern zum Teil auch noch die wenigen kritischen Forscher öffentlich angegriffen, um die eigene Inkompetenz nicht zugeben zu müssen. Desinteresse, Kritik- und Gedankenlosigkeit, bis hin zu offenkundiger Kumpanei ermöglichten es Speer, in der Öffentlichkeit als geläuterter Nazi und Zeitzeuge ohne persönliche Schuld dazustehen. Willy Brandt schickte zur Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis einen Blumenstrauß, Helmut Kohl gratulierte zum 70. Geburtstag in einem persönlichen Schreiben. Brechtkens Buch ist deshalb nicht nur eine Biographie über einen der einflussreichsten und skrupellosesten Täter des Dritten Reichs sondern auch über das politische Klima der Nachkriegszeit, und beim Lesen stellen sich automatisch auch allgemeine Fragen nach der Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit historischer Forschung. Wenn es möglich war, dass einer der größten Kriegsverbrecher jahrzehntelang von dieser Forschung unbehelligt seine Lügen und Legenden stricken konnte, obwohl diese durch Akten längst hätten widerlegt werden können, wer will dann sicher sein, dass dergleichen nicht in anderen Fällen immer noch möglich ist und geschieht? Bemerkenswerterweise nennt Brechtken als positive Ausnahme keinen Historiker sondern den Dokumentarfilmer Heinrich Breloer, der in dem Doku-Drama "Speer und Er" sowie in dem parallel veröffentlichten Buch Speers Lügen in aller Deutlichkeit benannt hat (zu diesem ebenfalls sehr beeindruckenden Fernsehfilm demnächst an anderer Stelle mehr).

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

    Einmal editiert, zuletzt von ChKöhn ()

  • Willy Brandt schickte zur Entlassung aus dem Kriegsverbrechergefängnis einen Blumenstrauß, Helmut Kohl gratulierte zum 70. Geburtstag in einem persönlichen Schreiben.

    So etwas ist für mich wirklich nur sehr schwer nachzuvollziehen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • So etwas ist für mich wirklich nur sehr schwer nachzuvollziehen.

    In der Tat. Leider muß man feststellen, daß sich nach 1945 einige NS-Prominenten erfolgreich in Unschuldslämmer verwandelt haben. Einer dieser üblen Fälle ist z. B. der des bedeutenden Philosophen Martin Heidegger. Vgl. etwa dort: https://www.faz.net/aktuell/fe…dArticle=true#pageIndex_2


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

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