Bücher zur NS-Zeit

  • So etwas ist für mich wirklich nur sehr schwer nachzuvollziehen.

    Ja, aber Brandt und Kohl sind nur zwei Beispiele von vielen. Dass Adenauers Staatssekretär Hans Globke als ehemals führender NS-Jurist (u.a. Kommentator der Nürnberger Rassengesetze) treibende Kraft war beim Versuch, die Spandauer Häftlinge vorzeitig freizubekommen, ist ja noch irgendwie in sich stimmig. Aber neben Willy Brandt setzten sich z.B. auch Carlo Schmid, Eugen Gerstenmaier, Karl Carstens und viele andere für Speer ein, sogar britische Parlamentarier und französische Geistliche. Dass er trotzdem seine Haft bis zum letzten Tag absitzen musste, lag allein an den Sowjets. Willy Brandt versuchte auch bei seinem Besuch in Washington im Oktober 1962, Speers Freilassung zu erreichen, und nachdem diese dann 1968 erfolgt war, verhinderte er trotz noch geltendem Spruchkammer-Gesetz ein Entnazifizierungsverfahren, wodurch Speer auch seine beträchtlichen Vermögenswerte behalten durfte. Der Blumenstrauß hatte für Brandt immerhin Folgen: Auf der einen Seite hielten ihm die Ewig-Gestrigen seine Emigration vor, auf der anderen Seite protestierte z.B. Simon Wiesenthal und distanzierte sich auch die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Brandt verzichtete daraufhin auf eine eigentlich vorgesehene Rede zur Pogromnacht im November. Bei einer NDR-Radio-Diskussion zum Thema "Gott vergibt - die Öffentlichkeit nicht. Haben Nazis lebenslänglich?", in deren Mittelpunkt Speer stand, setzten sich u.a. Golo Mann, Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle und sogar der Rabbiner Robert Raphael Geis für den zwei Jahr zuvor entlassenen Kriegsverbrecher ein. Wieder war es lediglich Wiesenthal, der einen Speer-kritischen Standpunkt bezog. Aber sogar er wurde ein paar Jahre später nach einem persönlichen Treffen zum "Speer-Versteher". Speer war weder als Architekt noch als Rüstungsminister so erfolgreich wie als Schöpfer der eigenen Legende. Dass diese zunächst ganz allmählich erodierte und dann schließlich so gut wie vollständig zusammenbrach, hat er nicht mehr erlebt.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

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  • Zum Thema Speer fällt mir noch ein, was Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie "Mein Leben" geschrieben hat.



    Ich berichte jetzt aus dem Gedächtnis, und es ist etwas her, dass ich dieses sehr beeindruckende Buch gelesen habe - deswegen bitte ich um Nachsicht, wenn meinerseits nicht alles ganz präzise wiedergegeben wird.


    Demnach war Reich-Ranicki mit seiner Frau bei Joachim Fest eingeladen, als dieser seine Hitler-Biographie veröffentlicht hatte. Beide kamen nichtsahnend zu der entsprechenden Feier und trafen bei Fest auf - Speer. Fest hatte Reich-Ranicki nicht vorgewarnt, dass Speer eingeladen war, obwohl er wohl wusste, dass seine Familie und die seiner Frau im Holocaust umgekommen waren und das Ehepaar Reich-Ranicki sich im Warschauer Ghetto kennengelernt hat - wohlgemerkt als sich der Vater von Frau Reich-Ranicki erhängt hatte und tot aufgefunden wurde. Speer hatte dann wohl sogar noch die Dreistigkeit, im Beisein des Ehepaars Reich-Ranicki über Fests Hitler-Biographie den Satz zu sagen: "Sie hätte ihm gefallen." Man darf vermuten, dass Speer (anders als Fest) die Lebensgeschichte des Ehepaars Reich-Ranicki nicht kannte, aber es dürfte ihm bewusst gewesen sein, dass sie Juden waren.


    Dieses Ereignis führte dann wohl zum Bruch zwischen Reich-Ranicki und Fest.


    LG :wink:

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  • Ich erinnere mich auch noch aus meinen Kindertagen wie Speer dann auch in den beiden TV-Anstalten herumgereicht wurde, immer als der 'gute' Ex-Nazi, der eigentlich nur hat bauen lassen. Erleichtert hat diese 'Karriere' sicherlich auch sein Aussehen, seine Bescheidenheit im Auftreten, ein gewisser Charme und sein 'reuiges Sünderdasein'. Er entsprach so gar nicht dem Bild, was man sich allgemein von hohen Nazis aufgrund von Fotomaterial machte. Er konnte schon verdammt gut blenden. In der Zeit lief er ja auch immer nur unter dem Titel 'Hitlers Architekt'.

    Die Frage ist, das kann ich nicht beurteilen, ob die Quellen schon so offen zutage lagen, dass die Öffentlichkeit es hätte wissen können. Ich erinnere mich nur, dass bei den Beiden in Spandau in privaten Gesprächen, v.a. im Freundes- und Bekanntenkreis meiner Eltern, schon immer ein gewisses Mitleid aufkam: so lange schon im Gefängnis...so alt schon...sollte man nicht endlich...., wobei man schon vor der Begnadigung Speer immer eher wohlwollend gegenüber stand als Heß.

    Breloer, sein Film über Speer ist wirklich großartig, drehte natürlich schon in einer Zeit, als Speer selber seine Aura längst verloren hatte. Die Sache war sozusagen klar, auch wenn es sich noch nicht überall herumgesprochen hatte.


    :wink:Wolfram

  • Demnach war Reich-Ranicki mit seiner Frau bei Joachim Fest eingeladen, als dieser seine Hitler-Biographie veröffentlicht hatte. Beide kamen nichtsahnend zu der entsprechenden Feier und trafen bei Fest auf - Speer. Fest hatte Reich-Ranicki nicht vorgewarnt, dass Speer eingeladen war, obwohl er wohl wusste, dass seine Familie und die seiner Frau im Holocaust umgekommen waren und das Ehepaar Reich-Ranicki sich im Warschauer Ghetto kennengelernt hat - wohlgemerkt als sich der Vater von Frau Reich-Ranicki erhängt hatte und tot aufgefunden wurde.

    Fairerweise sollte man ergänzen, dass Fest die Szene als "Erfindung" bezeichnet hat. Außerdem habe Ulrich Frank-Planitz, der damalige DVA-Verleger, ihm unaufgefordert erzählt, dass er 1981 in Vorbereitung eines Verlagsempfangs Reich-Ranicki darüber informierte, dass Speer anwesend sein würde. Reich-Ranicki habe geantwortet, angenehm sei es ihm nicht, er habe aber auch nichts dagegen, wolle nur nicht mit Speer an einem Tisch sitzen.

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  • und beim Lesen stellen sich automatisch auch allgemeine Fragen nach der Unvoreingenommenheit und Unabhängigkeit historischer Forschung. Wenn es möglich war, dass einer der größten Kriegsverbrecher jahrzehntelang von dieser Forschung unbehelligt seine Lügen und Legenden stricken konnte, obwohl diese durch Akten längst hätten widerlegt werden können,

    Dazu ein Literaturhinweis:



    Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung (2004)


    Bin jetzt zu müde, um das Buch hier nachzuerzählen. Besser ist ohnehin, man liest es selbst.


    Adieu

    Algabal


    P.s.: ein äußerst fahles Licht auf die bundesdeutsche Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung von NS und Holocaust wirft auch die deutsche Publikationsgeschichte von Raul Hilbergs in den USA 1961 erschienener Studie “The Destruction of the European Jews”. Nicht nur das AA der BRD hat sich gegen eine deutschsprachige Ausgabe verwehrt, auch das Institut für Zeitgeschichte (ein Zentrum der “Funktionalistischen Schule” übrigens) hat maßgeblich daran teilgehabt, dass dieser Meilenstein der Holocaust-Forschung erst mehr als 20 Jahre nach seiner Erstpublikation in deutscher Sprache erscheinen konnte, nämlich 1983. Geschichtswissenschaft ist eine Disziplin im Dienste der Nation. Leider.

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    4 Mal editiert, zuletzt von Algabal ()

  • Die Frage ist, das kann ich nicht beurteilen, ob die Quellen schon so offen zutage lagen, dass die Öffentlichkeit es hätte wissen können.

    Es gab laut Magnus Brechtken wohl schon recht früh einige unbekanntere Historiker, die in den Archiven Belege bzw. Beweise für Speers Lügen gefunden und z.B. in Dissertationen veröffentlicht haben. Aber keiner von ihnen gehörte zu den "Prominenten" des Fachs, die den Ton angaben und deren Desinteresse nicht selten die Aufklärung behinderte, oder die sich - so Brechtken - offensichtlich einfach nicht vorstellen konnten, wie systematisch Speer gelogen hat. In der Öffentlichkeit sei das Speer-Bild vom "Edel-Nazi mit Reue-Garantie" auch deshalb so attraktiv gewesen, weil es Speer "zur idealen Projektionsfläche (machte) für die vielen kleineren und größeren einstmals Engagierten, die nun ebenfalls nichts mehr wissen wollten vom eigenen Anteil am Funktionieren der Herrschaft. Und noch weniger vom eigenen Mittun bei der Organisation von Verfolgung und Verbrechen." Obwohl die Fakten inzwischen längst offen liegen, sind die Folgen der Speer-Legende erstaunlich langlebig: Noch 2015 erschien das Buch von Martin Kitchen mit dem verharmlosenden Titel "Hitler's Architect", in dem zentrale Dokumente zu seinen Verbrechen unberücksichtigt sind. Die Aufklärungsarbeit ist also immer noch nicht abgeschlossen. Als ich Brechtkens Buch vor gut vier Jahren gelesen habe, hatte ich im Anschluss mit dem Verfasser einen kurzen Mail-Austausch, in dem er mir u.a. geschrieben hat:

    "Tatsächlich hat es auch in den 1970er und 1980er Jahren schon kritische Stimmen zu Speer gegeben, die allerdings im dominierenden Diskurs nicht durchdrangen. Darum war und ist es stets auch notwendig, auf die Einflüsse jener einzugehen, die solche Diskurse prägen und gegebenenfalls Aufklärung aufhalten. Im Fall Speer war das, wie Sie nun selbst nachvollziehen können, vor allem Joachim Fest. Es wird interessant und spannend sein zu sehen, wie sich die weitere Diskussion, nicht zuletzt über solche Einflüsse weiter entwickeln wird."


    Dazu ein Literaturhinweis:


    Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung (2004)

    Danke für den Hinweis, das kenne ich noch nicht!

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  • Das Bedürfnis, sich manche Akteure schön zu reden, wird schon psychologische Gründe haben und im Selbstbild begründet sein. Dasselbe Schönreden gab es ja auch bei der "sauberen Wehrmacht". Sogar die Forschungen von Fritz Fischer über die Mitschuld Deutschlands am WKI stießen auf massivsten Widerstand und dass die österreichische Armee im WKI am Balkan und in Galizien schwerste Kriegsverbrechen begangen hat ist bis heute in der österreichischen Bevölkerung weder angekommen noch akzeptiert. KuK - das waren eben "die Guten".

    Bezüglich Spandauer: die lebenslange Haft von Hess kann man vor dem Hintergrund der laschen Verfolgung bzw. Bestrafung von zahllosen Massenmördern (siehe z.B. IG Farben Prozess) tatsächlich als ungerecht empfinden - allerdings nur vor diesem.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Zitat von ChKöhn

    Aber keiner von ihnen gehörte zu den "Prominenten" des Fachs, die den Ton angaben und deren Desinteresse nicht selten die Aufklärung behinderte, oder die sich - so Brechtken - offensichtlich einfach nicht vorstellen konnten, wie systematisch Speer gelogen hat.

    Das wäre allerdings heute nicht mehr so einfach. Die damalige streng hierarchische Organisation der Universitäten, an welchen ein Ordinarius ein kleiner Gott war, hat so etwas sehr erleichtert. Wissenserwerb und Wissensvermittlung sind jetzt viel "demokratischer".

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Raul Hilbergs in den USA 1961 erschienene Studie “The Destruction of the European Jews”

    Man sollte es übrigens unbedingt lesen, dieses Buch:



    Da steht alles schon irgendwie drin, was die NS- und Holocaust-Forschung seitdem detailliert hat. Harte Kost ist das. Dem Gegenstand angemessen. Und zudem toll geschrieben.


    Adieu

    Algabal


    p.s.: Hilberg war übrigens ein Schüler von Franz Neumann.

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    2 Mal editiert, zuletzt von Algabal ()

  • Hier ein Interview mit Magnus Brechtken zu seinem Buch:


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    :wink:Wolfram

  • Demnach war Reich-Ranicki mit seiner Frau bei Joachim Fest eingeladen, als dieser seine Hitler-Biographie veröffentlicht hatte. Beide kamen nichtsahnend zu der entsprechenden Feier und trafen bei Fest auf - Speer. Fest hatte Reich-Ranicki nicht vorgewarnt, dass Speer eingeladen war, obwohl er wohl wusste, dass seine Familie und die seiner Frau im Holocaust umgekommen waren und das Ehepaar Reich-Ranicki sich im Warschauer Ghetto kennengelernt hat - wohlgemerkt als sich der Vater von Frau Reich-Ranicki erhängt hatte und tot aufgefunden wurde.

    Fairerweise sollte man ergänzen, dass Fest die Szene als "Erfindung" bezeichnet hat. Außerdem habe Ulrich Frank-Planitz, der damalige DVA-Verleger, ihm unaufgefordert erzählt, dass er 1981 in Vorbereitung eines Verlagsempfangs Reich-Ranicki darüber informierte, dass Speer anwesend sein würde. Reich-Ranicki habe geantwortet, angenehm sei es ihm nicht, er habe aber auch nichts dagegen, wolle nur nicht mit Speer an einem Tisch sitzen.


    Danke für den Hinweis, das war mir bisher nicht bekannt. Im Sinne eines "audiatur et altera pars" sollte das natürlich erwähnt werden, auch wenn ich deutlich dazu tendiere, Reich-Ranicki in dieser Sache zu glauben, und zwar aus drei (allerdings spekulativen) Gründen:


    1) Sein Erinnerungsvermögen war sehr detailliert, wenn man seine Autobiographie als Maßstab nimmt.


    2) Fest sieht in dieser Angelegenheit schlecht aus, nicht Reich-Ranicki (der einen Eklat vermieden hat). Wer hat also eine Motivation, die Unwahrheit zu sagen?


    3) Reich-Ranicki hat "Todfeindschaften" eigentlich nicht gemocht und mal gesagt, dass er diesen Wesenszug der deutschen Mentalität nicht verstehe. Sein Bruch mit Fest muss also einen ziemlich substanziellen Hintergrund gehabt haben.


    So oder so zeigt die Anwesenheit Speers auf diesen Veranstaltungen aber, wie selbstverständlich man seinerzeit die Legende von dem "kultivierten Nazi aus Versehen" geglaubt hat, sonst hätte man ihn ja nicht eingeladen.


    LG :wink:

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  • Sogar die Forschungen von Fritz Fischer über die Mitschuld Deutschlands am WKI

    Naja, nur um “Mitschuld” geht es bei Fischer ja auch nicht so wirklich, oder? “Griff nach der Weltmacht”, “Krieg der Illusionen” und “Bündnis der Eliten” sind drei wirklich wichtige und, wie ich finde, immer noch unbedingt lesenswerte Bücher, die, trotz allen Widerstands und aller Giftsprüherei gegen Fischers Thesen, vieles verändert haben. Ob sie der Weisheit letzter Schluss “sind” (also 2022), steht auf einem anderen Blatt.


    Adieu

    Algabal

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  • Sogar die Forschungen von Fritz Fischer über die Mitschuld Deutschlands am WKI

    Naja, nur um “Mitschuld” geht es bei Fischer ja auch nicht so wirklich, oder? “Griff nach der Weltmacht”, “Krieg der Illusionen” und “Bündnis der Eliten” sind drei wirklich wichtige und, wie ich finde, immer noch unbedingt lesenswerte Bücher, die, trotz allen Widerstands und aller Giftsprüherei gegen Fischers Thesen, vieles verändert haben. Ob sie der Weisheit letzter Schluss “sind” (also 2022), steht auf einem anderen Blatt.


    Adieu

    Algabal

    Na ja, Mitschuld war etwas milde ausgedrückt. Allerdings ging der Mainstream zuvor von einer höchstens geringen Schuld Deutschlands am WKI aus, was ja definitiv nicht mehr haltbar ist. Aber natürlich ist in der Zwischenzeit viel Wasser die deutschen Flüsse runtergeflossen und ich bin auch nicht mehr up to date. Ich hatte das Thema vertiefend bei meinem Abitur (Matura). Besser zum Thema hier passen die Goldhagen Bücher, die ich wenig später mit Interesse gelesen habe und bei denen ich den Furor, den sie entfacht haben, nicht ganz verstanden habe. Manches mag etwas polemisch sein, aber ich fand Goldhagens Thesen im Wesentlichen sehr plausibel - vor allem, wenn man weiß, wie verbreitet Antisemitismus selbst nach dem Krieg auch unter Nichtnazis war. Diese massive Ablehnung scheint mir in dieselbe psychologische Schublade zu gehören wie die Speerverharmlosung und die "saubere Wehrmacht".

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ja, der Speer,

    er wurde in der BRD nach seinem Knast in Spandau geradezu hofiert.

    Mein Vater schleppte die Memoiren an, widerlich.


    Doch wo blieben die anderen Nazis?


    Matthias Deutschmann meinte dazu lapidar. "Entweder Argentinien oder die F.D.P."


    Und dann gibt es dieses Buch:

    "Das Amt

    und die Vergangenheit"

    Auf Anregung des Außenministeriums unter Fischer entstanden.

    Was für eine Kontinuität!!

    Da wird einem Angst und Bange.


    Was mit der Justiz los war kann man/frau am Fall Fritz Bauer studieren.

    Kein Wunder, dass Ende der 60iger der Versuch unternommen wurde, den Mief zu lüften.


    Gruß aus Kiel

    Ich bin jahrelang mit den schönsten Frauen in meinen Träumen eingeschlafen, bis ich eines Nachts von der Karibik träumte. Da wusste ich, nun bin ich alt. Die Frauen sind aus meinen Träumen verschwunden. (Die Invasion der Barbaren)

    Einmal editiert, zuletzt von Doc Stänker ()

  • In den letzten Jahrzehnten traten zunehmend auch Kinder der NS-Täter in die Öffentlichkeit oder wurden zum Objekt der historischen Forschung. Das Spektrum reicht dabei von Himmlers Tochter Gudrun, die bis zu ihrem Tod 2018 der Ideologie ihres Vaters verbunden blieb, seine Taten verharmloste und aktiv in neonazistischen Kreisen tätig war, bis zu Niklas Frank, dem jüngsten Sohn des "Schlächters von Polen" Hans Frank. Niklas war bei Kriegsende sechs Jahre alt, studierte ab 1959 Germanistik, Soziologie und Geschichte und wurde Journalist, zunächst beim "Playboy" dann beim "Stern". Dort erschien 1987 auch der Vorabdruck seines Buches "Der Vater. Eine Abrechnung" und sorgte für ungeheures Aufsehen. Ralph Giordano schrieb im Vorwort: "Niklas Frank speit seinen ganzen Ekel auf Papier, nein, er kotzt den Verrat der frühkindlichen Sehsüchte, die unlösbare Sohnesbindung an die Horrorbiographie dieses Vaters und das Entsetzen darüber dem Leser direkt vor die Füße." Die Beschreibung des Sohnes, wie er als Jugendlicher am Todestag das gehängten Vater vor dessen Bild onaniert habe, das Bekenntnis, dass er immer noch ein Bild des toten Vaters bei sich trage, um sich jederzeit vergewissern zu können, dass der auch wirklich nicht mehr zurückkommen werde usw.: Das war und ist für viele Leser offenbar zu viel. Im "Stern" erschien damals u.a. ein Leserbrief, dessen Verfasser meinte, was auch immer der Vater getan habe, so sei doch seine schlimmste Tat die Zeugung dieses Monsters von Sohn gewesen. Niklas Frank schrieb später noch Bücher über seine "Deutsche Mutter" und seinen älteren Bruder Norman, sowie im vergangenen Jahr das Buch "Meine Familie und ihr Henker" mit dem kommentierten Briefwechsel zwischen Hans Frank und seiner Familie aus der Nürnberger Gefängniszelle.


         

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    Einmal editiert, zuletzt von ChKöhn ()

  • In den letzten Jahrzehnten traten zunehmend auch Kinder der NS-Täter in die Öffentlichkeit oder wurden zum Objekt der historischen Forschung.

    Gerade letzte Woche hab ich folgendes Buch gelesen (nicht von einem Kind eines NS-Großtäters, sondern vom Bruder eines SS-Freiwilligen):



    Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders


    Uwe Timm, selbst Jahrgang 1940, rekonstruiert ausgehend von einem nachgelassenen Feldtagebuch seines 16 Jahre älteren Bruders, der sich im Dezember 1942 freiwillig zur (Waffen-)SS (dort in der Panzerdivision “Totenkopf”…) gemeldet hatte und 1943 an der Ostfront tödlich verwundet wurde, eine Familiengeschichte im NS, ihre vielfältigen, teils unterschwelligen, teils offenen Verwicklungen in den NS, die Strategien der (Nicht)Erinnerung und Verdrängung nach 1945, Deckerzählungen und Motive der Selbstexkulpation. Ergebnis ist eine beindruckende, beklemmende Erzählung über eine Familie zwischen NS und BRD, die manche Leerstellen auch schmerzlich leer und den Leser eher mit Fragen als mit Antworten zurücklässt. Außerordentlich gut geschrieben.


    Adieu

    Algabal

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    Einmal editiert, zuletzt von Algabal ()

  • Fischers Studien sind forschungsgeschichlich überaus wichtig, a) weil er der These, dass Deutschland samt den anderen europäschen Großmächten irgendwie eher by accident in den Ersten Weltkrieg hineingestolpert sei (das hat ja Christopher Clark vor einigen Jahren in “Die Schlafwandler” irgendwie wieder aufgewärmt), quellengesättigt die deutsche Kriegszielpolitik und ihre Genese in außenpolitischen Konzeptionen seit spätestens 1909 entgegenstellt hat und daraus eine Haupt- oder gar Alleinschuld des Deutschen Reiches abgeleitete; b) weil er erstmals die Kontinuitäten zwischen Wilhelminischer Großmacht- und Geopolitik einerseits und der NS-Lebensraumkonzeption und dem NS-Expansionismus andererseits aufgezeigt hat.


    Ich denke, dass seine Grundthesen weiterhin als richtig gelten können. Dass man in Deutschland tatsächlich seit 1909 gezielt auf die Entfesselung eines großen kontinentalen Kriegs hingearbeitet hat, ist allerdings in der Rigorositä, wie Fischer es dargestellt hat, sicherlich zurecht differenziert und korrigiert worden, ohne dabei die besondere Verantwortung Deutschlands für den Kriegsausbruch zu bestreiten.


    Goldhagens “Hitlers willige Vollstrecker” halte auch ich weiterhin für eine bedeutende Studie.


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Ergebnis ist eine beindruckende, beklemmende Erzählung über eine Familie zwischen NS und BRD, die manche Leerstellen auch schmerzlich leer und den Leser eher mit Fragen als mit Antworten zurücklässt. Außerordentlich gut geschrieben.

    Vielen Dank, das werde ich lesen. Wie die NS-Zeit auch noch die nächste Generation beeinflusst, beeinträchtigt, geprägt hat, kann man ja an unzähligen Beispielen nachvollziehen. Einen der für mich beeindruckendsten Texte überhaupt hat in diesem Zusammenhang vor drei Jahren Markus Deggerich im "Spiegel" geschrieben, veröffentlicht zunächst in "Der Spiegel Edition Geschichte" (siehe unten), dann auch online (hinter der Bezahlschranke). Unter der Überschrift "Mein Vater schrie jede Nacht im Schlaf" schreibt er ein mitfühlendes, liebevolles Portrait seines Vaters, der im Alter von neuen Jahren und mit einer Beinverletzung aus Schlesien fliehen musste. Das "unerträgliche Schweigen" des Vaters, dessen lebenslanges Ringen um Anerkennung in der neuen Heimat, die Angst, nicht zu genügen als Kehrseite des Integrationswunsches, schließlich dessen kindliche Freude bei einem gemeinsamen Besuch in Polen in der alten Heimat: Das alles beschreibt Deggerich ungemein bewegend und mit zärtlicher Zuneigung. Ich kann diesen Text nicht lesen, ohne mit den Tränen zu kämpfen, und aus den Online-Kommentaren sehe ich, dass es mir nicht allein so geht.


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    (Theodor W. Adorno)

  • Als ich den Titel des Threads sah, dachte ich, das kann ja nichts werden. Läuft aber deutlich besser als befürchtet, daher auch von mir einige Zeilen zum Thema.


    Persönlich halte ich es für wichtig, die NS-Zeit nicht als abgeschlossene Epoche zu begreifen, sondern die damaligen Wirkmächte auf ihre Aktualität zu befragen. Mich interessieren daher Positionen wenig, die auf Andere zeigen (in diesem Falle die bösen Nazis wie oben z. B. Speer), ohne das eigene Spiegelbild zu beachten. Auch die 87. Biographie muss ich nicht lesen.


    Wie aber kann Massenmord zur Alltagroutine werden? Das interessiert mich und kann exemplarisch nachverfolgt werden am Beispiel eines Polizei-Reservebataillons, das 1942 nach Polen zu einem Sonderauftrag geschickt wurde: Juden aufspüren, Arbeitsfähige aussondern, den Rest erschießen.



    Hilberg hat sich mit dieser Thematik i. w. S.ebenfalls befasst, Stichwort: Zuschauer:



    Eine gelungene Gesamtdarstellung mit anderen als den üblichen Schwerpunkten hat Burleigh vorgelegt. Die Weimarer Republik und die NSDAP sowie die Zerstörung des Rechtsstaats gehören zu den Standardthemen, das Thema Deutsche Juden und ihre Nachbarn stellt schon interessantere Fragen (Stichwort: Zuschauer). Im fünften Kapitel geht es um Eugenik und Euthanasie. Hier erfährt man, dass diese Thematik vor der NS-Zeit im christlichen Abendland recht unbefangen diskutiert wurden und es auch jenseits von Extremisten Befürworter gab. Lesenswert, weil quer zur üblichen Debatte derartiger Fragen.



    Wer sich mit der NS-Zeit beschäftigt, muss das Davor und das Danach berücksichtigen. Einerseits also z. B. das vorzügliche Buch von Kolb (jetzt Kolb/Schumann): Die Weimarer Republik, aus der Reihe, Oldenbourg, Grundriss der Geschichte. Hier stets auch mit ausführlichem Literaturverzeichnis.Schon deshalb lohnt sich auch eines der Bücher zum Dritten Reich aus der Reihe.



    Das danach fragt nach dem Fortwirken. Hier gibt es uferlose Spezialliteratur zu den alten Eliten. Hierzu aus juristischem Blickwinkel und wegen der Weitung des Blicks interessant z. B.:



    Politisch-ideologisch stellt sich die Frage, inwieweit NS-Ideologie im Rechtsextremismus fortwirkt und also auch heute noch aktuell ist. Aus der vielfältigen Literatur etwa:


  • Wie aber kann Massenmord zur Alltagroutine werden? Das interessiert mich und kann exemplarisch nachverfolgt werden am Beispiel eines Polizei-Reservebataillons, das 1942 nach Polen zu einem Sonderauftrag geschickt wurde: Juden aufspüren, Arbeitsfähige aussondern, den Rest erschießen.

    Dazu ergänzend:



    Stefan Kühl: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust (2014)


    Stefan Kühl arbeitet (wie übrigens auch Goldhagen für “Hitlers willige Vollstrecker”) mit denselben Quellenmaterialien wie Browning: den Akten aus den Prozessen gegen die Mitglieder des Reserve-Polizei-Bataillons 101. Dem eher sozialpsychologisch argumentierenden Analysen von Browning stellt er einen (systemtheoretisch grundtierten) organisationssoziologischen Ansatz entgegen und kommt zu dem Schluss, das es vor allem die auf Selbtsoptimierung zulaufenden Binnendynamiken von Organisationen seien, die das effiziente Funktionieren des Polizeibattailons und anderer Sonderkommandos und der Mitglieder in ihnen ermöglicht hätten.


    Eine kritische Debatte über Kühls Thesen findet sich hier:



    Adieu

    Algabal


    p.s.: Über die notorische Fixiertheit auf das Reserve-Polizei-Bataillon 101 und die weitreichenden Schlußfolgerungen, die man aus Prozessakten aus dem Zeitraum 1958-1968 ziehen zu können glaubt, könnte man so manches schreiben. Das betrifft vor allem Browning, der den Sebstaussagen der Mitglieder in den Prozessen nicht nur einmal auf den Leim geht.

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