Bücher zur NS-Zeit

  • Persönlich halte ich es für wichtig, die NS-Zeit nicht als abgeschlossene Epoche zu begreifen, sondern die damaligen Wirkmächte auf ihre Aktualität zu befragen. Mich interessieren daher Positionen wenig, die auf Andere zeigen (in diesem Falle die bösen Nazis wie oben z. B. Speer), ohne das eigene Spiegelbild zu beachten. Auch die 87. Biographie muss ich nicht lesen.

    Die NS-Zeit ist durchaus eine "abgeschlossene Epoche"; sie endete mit dem 8. Mai 1945. Ihre gleichwohl anhaltende Aktualität hat Bert Brecht auf den Punkt gebracht: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.": Das ist doch eigentlich der einzige Grund, sich weiterhin intensiv mit der Epoche zu beschäftigen. Dazu gehört, da stimme ich Dir zu, "die damaligen Wirkmächte auf ihre Aktualität zu befragen", nur muss man diese doch dazu erst einmal kennen. Ich finde es ehrlich gesagt unangemessen, das lächerlich zu machen ("mit dem Finger auf die bösen Nazis" zeigen, "die 87. Biographie"). Die "bösen Nazis" waren ja wohl etwas anderes als Wilhelm Buschs "böse Buben"... Und ob ich "die 87. Biographie" lesen muss, hängt von ihrem Inhalt ab. Im Falle der o.g. Speer-Biographie war das für mich mehr als lohnend, gerade auch in Bezug auf die "Wirkmächte" der Nachkriegszeit.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Die NS-Zeit ist durchaus eine "abgeschlossene Epoche"; sie endete mit dem 8. Mai 1945.

    Sehe ich anders. Für die Überlebenden des Holocaust und ihre Nachkommen etwa ist der NS nicht gar so selbstverständlich eine “abgeschlossene Epoche”. Dazu auch eine Empfehlung zu einem IMO sehr eindrücklichen Buch:



    Lea Kirstein: Die zweite Generation. Autobiographische Reflexionen (2006)


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Kann ich für meine Mutter bestätigen. Das Wissen, dass es sie nur gab, weil die erste Familie meines Großvaters ermordet worden war, hat sie zeitlebends sehr schwer belastet.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Sehe ich anders.

    Das glaube ich nicht. Du argumentierst gegen einen "Schlussstrich", aber es sollte klar geworden sein, dass ich den mit "abgeschlossene Epoche" nicht meine.

    Dazu auch eine Empfehlung zu einem IMO sehr eindrücklichen Buch:


    Lea Kirstein: Die zweite Generation. Autobiographische Reflexionen (2006)

    Danke für den Tipp.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Du argumentierst gegen einen "Schlussstrich", aber es sollte klar geworden sein, dass ich den mit "abgeschlossene Epoche" nicht meine.

    Nein, ich argumentiere dahingehend, dass der NS für bestimmte Menschen sehr gegenwärtig in ihrem alltäglichen Leben ist und es heute noch bestimmt. Siehe Beitrag #43 von Felix Meritis.


    Adieu

    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Nein, ich argumentiere dahingehend, dass der NS für bestimmte Menschen sehr gegenwärtig in ihrem alltäglichen Leben ist und es heute noch bestimmt.

    Habe ich das je bestritten? Die NS-Zeit ist sehr gegenwärtig, aber sie ist gleichzeitig im selben Sinne "abgeschlossen" wie der 2. Weltkrieg oder die Geschichte der DDR. Ich weiß nicht, was diese alberne Diskussion soll.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ok, wenn Du meinst, dass es albern ist: bitte sehr. Deine Meinung. Und die Meinungsfreiheit ist ja bekanntlich ein geschütztes Grundrecht. Ich werde hier nicht mit dir streiten. Denn das wäre tatsächlich albern. Und es wäre schade um den Thread.


    Adieu

    Algabal


    p.s.: doch noch eines dazu: es lohnt, mal den Briefwechsel zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer über die Historisierung des NS zu lesen. Ist irgendwann Ende der 1980er in den “Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte” erschienen. Hab jetzt grad keine Lust, die genaue Nummer rauszusuchen. Sollte aber leicht zu finden sein und ist sicherlich online zugänglich.

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

    7 Mal editiert, zuletzt von Algabal ()

  • Ok, wenn Du meinst, dass es albern ist: bitte sehr. Deine Meinung. Und die Meinungsfreiheit ist ja bekanntlich ein geschütztes Grundrecht. Ich werde hier nicht mit dir streiten. Denn das wäre tatsächlich albern. Und es wäre schade um den Thread.

    Das wäre es, deshalb nur noch kurz: Ich finde nicht albern, über die nach wie vor bestehende Bedeutung des Nationalsozialismus' zu diskutieren, sondern mir zu unterstellen, ich würde diese nicht sehen, weil ich das Wort "abgeschlossen" verwendet habe. Warum sollte mich das Thema denn sonst seit Jahrzehnten beschäftigen? Aber wenn ich z.B. sage "Die Geschichte der Sowjetunion endete am 21. Dezember 1991", dann behaupte ich damit ja auch nicht, dass alle Spuren und Nachwirkungen endgültig beseitigt sind.


    p.s.: doch noch eines dazu: es lohnt, mal den Briefwechsel zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer über die Historisierung des NS zu lesen. Ist irgendwann Ende der 1980er in den “Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte” erschienen. Hab jetzt grad keine Lust, die genaue Nummer rauszusuchen. Sollte aber leicht zu finden sein und ist sicherlich online zugänglich.

    Den habe ich sogar gelesen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde er irgendwann mal in der Süddeutschen besprochen, und ich habe mir das entsprechende Heft der VfZ daraufhin ausgeliehen.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ein Beispiel aus der Menge an persönlichen Beschreibungen der Zeit und ihrer Folgen hier:



    Der französische Psychoanalytiker beschreibt die Geschichte seiner jüdischen Familie, das Schweigen der Eltern und ihre Unfähigkeit über den ermordeten Bruder und seine Mutter, die erste Frau des Vaters, zu sprechen und wie dieser Versuch des Verdrängens ein ganzes Familienleben belastet und letztlich in Teilen auch zerstört.


    Unabhängig von einer literarischen Qualität empfinde ich das Buch als einerseits unendlich berührend und schmerzhaft, andererseits zeigt es aber, wie der Einbruch von Verfolgung und Deportation in einen normalen bürgerlichen Alltag schlagartig alles durcheinanderwirbelt und ein Gemenge von Schuldgefühl und Verdrängen auslöst, aus dem die Familie erst ganz am Ende langsam herausfinden kann.


    :wink:Wolfram

  • Die Schlaglichter, die Heinrich Mann 1933 in "Der Haß" wirft, sind alles andere als ein Versuch in Objektivität, aber mMn bemerkenswert. Hier nur ein paar wenige Beispiele.

    Das Kaiserreich beschreibt er als von seinen Anfängen an wesentlich auf den Krieg ausgerichtet und sieht das in den 1920er Jahren nachwirken.

    Am verbreitetsten, kommt ihm der Rassen-Nationalismus im Osten des Reiches vor, wo es die wenigsten Germanen-Nachkommen gibt.

    Für das Jahr 1932 schätzt er die Hitler-Bewegung als so zum Stillstand gekommen ein, dass es noch möglich gewesen wäre, sie zu Fall zu bringen.

    In der österreichischen Mentalität, geprägt durch die Herrschaft der Habsburger, sieht er den Spitzelstaat begründet, den es so in Deutschland zuvor nicht gegeben habe. Andererseits seien im Alpenstaat die Anschluss-Befürworter zu Zeiten der Weimarer Republik zahlreich gewesen, als es um das Hitler-Reich ging dann nicht mehr.


    Manns Einschätzungen der Zukunft bis die 40er Jahre und zum Marxismus haben sich großenteils nicht bestätigt. Einiges liest sich heute jedoch wieder beklemmend.

    "Die ursprüngliche Neigung des Menschen zur Zwietracht und Gewalt ist durch seine Geschichte nur verstärkt worden. Die Eroberung des Friedens wird noch lange das schwerste Unternehmen bleiben, und viel Kampf wird es kosten, eine versöhnliche Gesinnung durchzusetzen.

    Man muss immerfort aufpassen und handeln. Wer bloß zusieht, wartet vergebens, daß Frieden wird: es wird nur Krieg. Der Krieg kommt schon, wenn man einfach nichts gegen ihn tut. Nicht angreifen beweist nichts. Krieg ist eigentlich, sobald eine rücksichtslose nationalistische Herrschaft sich irgendwo einrichtet. Ein vom Gesetz des Stärkeren regiertes Land gerät von selbst in den Konflikt. Fälschlich glaubt man, erst nach den äußeren Kundgebungen eines Regimes sei zu beurteilen, wie wahrscheinlich durch seine Art der Krieg wird. Im Gegenteil! Sein Auftreten im Innern entscheidet."


    Viele Grüße


    "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
    Markus Lüpertz (http://www.focus.de, 17.4.2015)

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