Shakespeare - The Life and Death of King John

  • Wer ist nicht mit ihm aufgewachsen, mit dem Fiesling, der Robin Hood und seinem Bruder Richard Löwenherz das Leben so schwer macht? Und wer hat nicht irgendwann davon gehört, vielleicht in der Schule, dass er es war, der die Magna Charta unterzeichnen musste und damit langfristig eine Wendung in der englischen Politik einleitete. Dieser König Johann, der Johan Ohneland, einer der (vielen) schwachen König auf dem Thron Britanniens.


    Auch ihm hat Shakespeare ein Stück gewidmet, aber entgegen des Bekanntheitsgrades seines Titelhelden ist dieses Werk, nach einem Popularitätsschub in der viktorianischen Ära, nie so richtig ein Renner auf den Theaterbühnen geworden. Und selbst bei Wikipedia findet man außer der Inhaltsangabe - nichts.


    Das Entstehungsdatum ist einmal mehr unklar. Angenommen wird die Zeit zwischen 1594 und 1596, unter anderem, weil der Tod Hamnets 1596, des Sohnes von William Shakespeare, in dem Stück (möglicherweise) reflektiert wird. Fest steht aber immerhin, dass es 1623 im 'First Folio' abgedruckt wurde und das erstmalig, eine vorhergehende Druckfassung in den Quarto-Ausgaben gab es demnach nicht.


    Anders als der Titel vermuten lässt, wird nicht das gesamte Leben King Johns auf die Bühne gebracht, die 'Magna Charta' findet nicht statt und keine Bange, Robin Hood tritt auch nicht auf. Shakespeare beschränkt sich einmal mehr auf die Auseinandersetzungen mit den Franzosen um die dortigen englischen Besitztümer und auf die Frage des Thronanspruchs.


    King John wird zu Beginn des Stücks vom französischen König als nicht legitimer Herrscher herausgefordert, denn in Frankreich lebt Constance, die Ehefrau des älteren, bereits verstorbenen Bruders von John und ihr gemeinsamer Sohn Arthur. Dieser Herausforderung zu begegnen, geht John nach Frankreich und nun entspinnt sich ein bei Shakespeare geradezu üblicher Streit um die Herrschaft. Bündnisse entstehen und werden wieder aufgelöst, Kriege werden geführt mit unterschiedlichem Erfolg, die englischen Lords wechseln geradezu ständig die Seiten. Neu dagegen ist die Einmischung des Papstes, das selbstbewusste Auftreten der Bürger von Angers, die geschickt versuchen, ihre Stadt zu retten und fast neu die versuchte Ermordung eines Kindes durch John, hier die des Thronanwärters Arthur. Am Ende stirbt John, vergiftet durch einen Mönch, Engländer und Franzosen schließen Frieden, wiederum durch päpstliche Einmischung und Johns Sohn, Heinrich, kann als dritter seines Namens den Thron besteigen.


    Thema des Stücks ist sicherlich, hier erst einmal kurz angerissen, die Legitimation und die Frage, wer man eigentlich ist. John ist König, aber ist er es mit Recht? Denn Arthur ist auch ein Thronanwärter, aber ist er es mit Recht? Gespiegelt wird diese Frage durch das Auftreten eines unehelichen, also illegitimen Sohns von Richard Löwenherz, hier allgemein der 'Bastard' genannt, der zunächst um das Erbe seines vermeintlichen Vaters kämpft, dann aber die bedeutenderen Erfolgschancen als Bastard vorzieht. John, Arthur, der Bastard - alle drei beginnen das Spiel von einer unsicheren Position heraus, entwickeln sich aber im Laufe des Stücks.


    Flankiert werden alle drei von ihren Müttern. Nun ist das Verhältnis Mutter - Sohn bei Shakespeare ja durchaus immer wieder belastet (z.B. Coriolanus, Hamlet, Richard III.) und auch hier spielt er verschiedene Varianten durch. Und auch wenn sie teilweise nur kurz auftreten oder recht früh versterben - ihr Schatten liegt permanent auf den Dreien.


    'King John' ist ein Stück der langen Reden, auch wenn es keine bekannten 'Soliloquies' (vielleicht gerade noch mit Ausnahme des Monolog der Constance) gibt und in diesen langen Textpassagen entwickeln sich dann die Figuren. Sie verändern sich, zeigen neue Seiten ihres Wesens und das entsprechend der Unsicherheit ihrer Position im Leben.


    :wink:Wolfram

  • Eine wirklich gute Hörfassung zum Kennenlernen gibt es auf YT:


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    Wohl die Arcangel-Produktion aus den 90iger Jahren mit mir jedenfalls durchgehend unbekannten (bis auf Eileen Atkins), aber sehr guten Sprechern.


    :wink:Wolfram

  • Als Einstimmung passt übrigens dieser Film, auch wenn er mit der Handlung des Theaterstücks nichts zu tun hat.



    Aber einigen Personen begegnet man wieder, tot oder noch lebend, und zudem zeigt es ein höchst unterhaltsames Weihnachtsfest der Familie Plantagenet, sozusagen Vorgänger der Ewings oder Wagners. ^^ Schauspielerische Höchstleistungen werden gleich mitgeliefert.


    :wink: Wolfram

  • Heute kam nun endlich die Verfilmung der BBC von 1984 an und einen ersten Abschnitt habe ich mir bereits angeschaut.



    Schon der I. Akt birgt Einiges, worüber man sich gut unterhalten kann, bemerkenswert fand ich dann aber den Aufbau und Verlauf des II. Aktes, der aus einer einzigen, überlangen Szene besteht.


    Philipp, der König von Frankreich belagert zusammen mit seinem Sohn Louis und dem Erzherzog von Österreich die französische Stadt Angers, die zur englischen Krone gehört. Dies tut er, um den durchaus legitimen Anspruch von Arthur, dem Neffen King Johns, auf den englischen Thron durchzusetzen. King John trifft mit seinem Heer nun auch vor der Stadt ein, beide Heerführer diskutieren und streiten vor den Toren der Stadt und verlangen Zutritt. Die Bürger Angers wollen den aber nur dem rechtmäßigen englischen König gewähren, wobei sie offenlassen, wen sie dafür halten, John oder Arthur. Den Streit darüber sollen nun die beiden verfeindeten Heere austragen, vor der Stadt, unter den Augen der Bürger und der Sieger soll dann Zugang erhalten. Die Schlacht endet unentschieden. Bis auf einen Haufen Toter ist man wieder bei Null. Der Bastard schlägt nun vor, die Heere sollten sich zeitweise verbünden, die Stadt einnehmen und danach dann erneut unter sich einen Sieger ausmachen. Bevor es dazu kommt, schlagen die Bürger vor, dass die Nichte Elinors, der streitbaren Mutter King Johns, den französischen Kronprinzen heiratet, die Heere sich dadurch verbinden und gemeinsam Angers besetzen dürfen. Dieser Vorschlag wird angenommen, alle Streitereien sind vergessen und Frankreich und England ziehen in Angers ein. Schlusston ist dann einer der wenigen Soliloquies des Stückes, ein langer Monolog des Bastards über die 'Commodity' der Politiker.


    Die ganze Szene wurde für den Film im Studio gedreht und die Künstlichkeit, die dadurch entsteht, passt wunderbar zu der fast absurden Szenerie.


    Oben, auf den Mauern der Stadt, die Bürger, unter ihnen die beiden adeligen Herrscher mit ihren Heeren, die von ihnen wie zwei Untergebene hin- und hergeschickt werden. Fast eine Schulszene. Der etwas hintertückscher Lehrer hat zwei streitende Schüler vor sich und rät ihnen, erst einmal die Sache unter sich zu bereinigen, danach könnten sie wiederkommen. Und die Schüler, sprich die Könige gehorchen, ziehen ab und versuchen, eine Lösung zu finden, können sich nicht einigen, also macht der Lehrer einen Versöhnungsvorschlag, der aber nur scheinbar alles bereinigt und die Schüler fallen darauf herein.


    Eigentlich kehrt Shakespeare hier alles um. Die Könige sind eindeutig die Dummen, die 'Commons', die Bürger, die bei ihm, mindestens in den Historien, nie viel zu vermelden haben, sind die Gewitzten und einzig der 'Bastard', üblicherweise eine Figur, der Shakespeare nie viel Sympathie entgegenbringt, kapiert die Zusammenhänge und äußerst sie offen und ehrlich, allerdings nur dem Publikum gegenüber.


    Dabei ist die Sache eigentlich klar. Arthur hat einen legitimen Anspruch auf den Thron, King John ist ein Usurpator, was er und seine Mutter auch ganz genau wissen. Aber Legitimität zählt bei allen nur, solange sie dem Eigennutz, der 'Commodity' dient. 'Commodity' ist aber auch für die Bürger das Entscheidende. Ihnen geht es um ihre Sicherheit und um ihre Stadt, was man ihnen ja nicht unbedingt verdenken kann. Aber ihre erste Forderung, dass nur der legitime englische König in die Stadt einziehen darf, werfen sie später ganz schnell über Bord. Philipp und John wird der Zugang erlaubt, während die rechte Arthurs nicht mehr interessieren.


    Eine Szene in der jeder jeden betrügt und austrickst, in der es um Legitimität geht, solange sie nützlich ist und verzweifelte Machtspielchen schließlich über alles siegen. Der Gewinner dabei ist aber v.a. der Lehrer, der endlich Ruhe in seiner Klasse hat, also der Bürger, der den Adel besiegt hat. Müsste es Shakespeare nicht erschauern lassen, so etwas hinzuschreiben?


    :wink:Wolfram

  • In "Shakespeare and the Moving Image" (Cambridge 1994) zeigt sich Michael Manheim in seiem Essay zu den Verfilmungen der History Plays dieser Produktion gegenüber im Prinzip wohlwollend. Speziell die Leistung der Darsteller wird äußert positiv bewertet. Doch mit Teilen der Regie (insbesondere mit der Bildlichkeit) von David Giles hadert er:


    "If intelligence in conception and the availability of good performers were the only measure, this King John should be among the best English histories on film. But the production overall tends to be sterile, and the reason is to be found in what Giles chooses to include visually. The production is much less rich in action than in costuming and décor. Giles includes no battle scenes whatsoever, though the absurdity of meaningless violent conflict is essential to what this play is about. At the very least the twice-defeated French should appear bloodied. [...] In Giles's King John, there is much lamentation, but any sense of real brutality and carnage is absent. And hence, too, the real point about the shifting ground of politics is lost." (S. 140)


    Leider bin ich in den letzten Tagen kaum zum Lesen oder Schreiben gekommen (so steht auch im A&C-Faden noch eine Replik aus), aber ich hoffe, dass ich am kommenden Wochenende Zeit finde, um diese Produktion zu sehen. Dann eine persönliche Einschätzung.


    :wink: Agravain

    Einmal editiert, zuletzt von Agravain ()

  • Ich bin heute auch nur ein Stück weitergekommen, kann von daher die gesamte Produktion nicht beurteilen, aber sie wird sich wohl von der Ausstattung her nicht mehr sehr ändern.


    Das Fehlen der Schlachtenszenen bedauere ich persönlich weniger, dass dadurch die absurde Sinnlosigkeit nicht deutlich wird, kann sein, habe ich aber noch nicht festgestellt. Allerdings wunderte ich mich schon über die blitzsauberen Königsgewänder nach der Schlacht, die beide Könige auch ohne jeglichen Waffenschmuck bestritten haben, wenn sie überhaupt mitgemacht haben. Das gilt dann allerdings für alle anderen auch, die weiterhin wie aus dem Ei gepellt aussehen. Das ist natürlich alles andere als glaubwürdig, unterstreicht für mich aber nur die Künstlichkeit des gesamten II. Aktes.


    :wink:Wolfram

  • Gesehen habe ich heute Akt III, Szene 1-3. Zentral in der 1. Szene ist die Exkommunikation King Johns durch einen Vertreter des Papstes und das 'Umkippen' des französischen Königs mit darauffolgender erneuter Schlacht.


    Der Streit mit Rom ist historisch, auch dass es dabei um eine Bischofswahl ging, sowie die erfolgte Exkommunikation. Interessant ist aber, was im Stück King John u.a. darauf antwortet:


    But as we, under heaven, are supreme head,

    So, under Him that great supremacy,

    Where we do reign, we will alone uphold,

    Without the assistance of a mortal hand:

    So tell the pope; all reverence set apart

    To him and his usurp'd authority.


    Da fiel mir dann doch sofort die Loslösung Englands von Rom unter Henry VIII. ein. Durch den 'Act of Supremacy' wurde Heinrich 'Supreme Head of the Church of England' und nahm dadurch die päpstliche Stelle als Oberhaupt in England ein.


    In der 3. Szene dieses Aktes erteilt King John dem Bastard folgenden Befehl:


    Cousin, away for England, haste before:

    And, ere our coming, see thou shake the bags

    of hoarding abbots; set at liberty

    Imprisoned angels: the fat ribs of peace

    Must by the hungry now be fed upon


    Was mich wiederum an die Klosterauflösung unter Henry VIII. erinnert. Nun hat sich schon der historische John am Kircheneigentum bereichert, aber bei den damaligen Theaterzuschauern wird es mit Sicherheit eher eine Erinnerung an die Zeit von Elisabeths Vater gegeben haben. Ich frage mich von daher, ob in der Figur des King John nicht auch eine Kritik an Henry VIII. steckt, etwas, was Shakespeare so natürlich nie offen auf die Bühne bringen konnte. Eines seiner späten Stücke, das sich mit diesem Tudorkönig befasst, ist in der Hinsicht ja mehr als zahm.


    Denn die Tudorkönige hatten eigentlich ähnliche Legitimitätsprobleme wie King John, was natürlich auch nicht offen behandelt werden durfte. Henry VII. war nur auf den Thron gelangt, weil er den rechtmäßigen König Richard III. in einer Schlacht besiegt hatte. Unangefochten war sein Thronanspruch dadurch wahrlich nicht.


    Natürlich ist das kein 1:1-Porträt, in keiner Weise, größtenteils gibt es keinerlei Parallelen. Aber dem Publikum mögen durchaus die Ohren geklungen haben bei diesen Anspielungen.


    :wink:Wolfram

  • Und selbst bei Wikipedia findet man außer der Inhaltsangabe - nichts.

    Ich bin zu King John völlig unbeleckt, aber ganz generell würde ich empfehlen in Sachen Shakespeare immer die englischen Wikipedia-Seiten aufzurufen, da steht wesentlich mehr als nur die Inhaltsangabe. Das hat mir z.B. als Einstieg für Antony & Cleopatra sehr geholfen und mein Interesse geweckt. Dank dem Tipp von Agravain besitze ich jetzt dieses Buch von Ulrich Suerbaum, das ebenfalls einen vorzüglichen Einstieg in die Dramen des Barden bietet:



    Die Quellenlage zu King John scheint verzwickt zu sein, denn es gab anscheinend ein zweites Stück mit dem Namen The troublesome Raigne of Iohn King of England, das bereits 1591 im Druck erschien. Es wird gestritten, ob Shakespeare davon abgeschrieben hat (zum Teil wörtlich!), oder ob es umgekehrt war und sein (besseres) Werk schon vor 1591 entstanden ist, was aber von vielen angezweifelt wird. Suerbaum schreibt dazu:

    Zitat

    Es ist auch klar, dass Shakespeares "King John" das mit Abstand bessere und sorgfältiger ausgearbeitete Drama ist. Dagegen lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, welcher Text der ursprüngliche und welcher der abgeleitete ist. Zwei Hypothesen sind mit fast gleicher Überzeugungskraft vorgetragen worden. Nach der einen war Shakespeare der Entlehnende, der ein Stück von fremder Hand gründlich überarbeitete. »The writing itself is all new, but Shakespeare must have kept the old book before him«, befand E.K. Chambers. Nach der anderen, die besonders E.A.J. Honigmann in seiner Arden-Ausgabe vertreten hat (1954), ist Shakespeares "King John" das Ursprungswerk und "The Troublesome Raigne" ein von einer rivalisierenden Theatergruppe produziertes Derivat. Diese Hypothese befreit Shakespeare vom Verdacht des Plagiats, macht aber eine für manche Kritiker nicht akzeptable sehr frühe Datierung von "King John" - vor 1591 - erforderlich.


    zitiert nach: Ulrich Suerbaum, Der Shakespeare-Führer, Reclam 2014, S. 259

    Inzwischen scheint sich die Meinung aber doch zugunsten der ersten Möglichkeit zu verfestigen. Die englische Wikipedia-Seite bemerkt dazu:

    The majority view, however, first advanced in a rebuttal of Honigmann's views by Kenneth Muir[16], holds that the Troublesome Reign antedates King John by a period of several years; and that the skilful plotting of the Troublesome Reign is neither unparalleled in the period, nor proof of Shakespeare's involvement[17].


    Zitat nach: https://en.wikipedia.org/wiki/King_John_(play)

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Denn die Tudorkönige hatten eigentlich ähnliche Legitimitätsprobleme wie King John, was natürlich auch nicht offen behandelt werden durfte. Henry VII. war nur auf den Thron gelangt, weil er den rechtmäßigen König Richard III. in einer Schlacht besiegt hatte. Unangefochten war sein Thronanspruch dadurch wahrlich nicht.

    Auch wenn ich nicht die Zeit habe hier wie bei A & C in das Thema tief einzusteigen, vielleicht ein weiterer Hinweis auf Suerbaums Shakespeare-Führer. Er bekräftigt darin Deine Sicht der Dinge, stellt aber zudem heraus, dass ein anderes wichtiges Element die Definition der nationalen Identität und die Festigung des Nationalbewusstseins ist (S. 260). Dies geschieht vor allem durch Abgrenzung von anderen: die Engländer behaupten sich gegenüber den Franzosen und zeigen sich letztlich überlegen, und sie sagen sich erstmals vom Papst los.

    Suerbaum schreibt (S. 260): ... so dass der Bastard am Schluss des Stücks die Unbesiegbarkeit eines mit sich selbst einigen England als Maxime der Geschichte verkünden kann: »This England never did, nor never shall, / Lie at the proud foot of a conqueror, / But when it first did help to wound itself« (V,7,112-114)

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • aber ganz generell würde ich empfehlen in Sachen Shakespeare immer die englischen Wikipedia-Seiten aufzurufen

    Ja, sollte ich wirklich regelmäßig machen. ;)

    Dank dem Tipp von Agravain besitze ich jetzt dieses Buch von Ulrich Suerbaum, das ebenfalls einen vorzüglichen Einstieg in die Dramen des Barden bietet:

    Darüber bin ich auch gestolpert und fragte mich, ob es sich lohnt. Tut es offensichtlich, also werde ich es mir vormerken.

    Definition der nationalen Identität und die Festigung des Nationalbewusstseins ist

    Inwieweit Shakespeare hier dem historischen King John etwas zuschreibt, was erst später wirklich einsetzte, kann ich nicht beurteilen. Für die Shakespeare-Zeit gilt das sicherlich und im Rückgriff auf King John stellt er noch einmal dar, was Henry VIII. erreicht hat und auch Elizabeth.


    In der IV. Szene des III. Aktes sagt King Philip:


    So, by a roaring tempest on the flood,

    A whole armado of convicted sail

    Is scattered and disjoin'd from fellowship.


    Na, wenn das keine Beschreibung der Ereignisse von 1588 ist? ;) Loslösung von Rom, Standhalten gegen Frankreich (und Spanien), England als eine Nation - all das, was unter den Tudors erreicht wurde, hier als ein Beginn King John zugeschrieben. Allerdings suchte er sich dafür einen König aus, der nicht gerade zu den legendären Glanzpunkten englischer Geschichte zählte und hier sich ja als Muttersöhnchen und versuchter Kindsmörder entpuppt. Schon irgendwie komisch.


    :wink:Wolfram

  •  

    The Life and Death of King John. 1984. Regie: David Giles [2:35:00]


    Leornard Rossiter (King John), William Whymper (Chatillon), Mary Morris (Queen Elinor), Robert Brown (Earl of Pembroke), John Castle (Earl of Salisbury), John Flint (Lord Bigot), Hubert de Burgh (John Thaw), Philip the Bastard (George Costigan), Robert Faulconbridge (Edward Hibbert), Lady Faulconbridge (Phyllida Law), James Guerney (Mike Lewin), King Philip of France (Charles Kay), Lewis the Dauphin (Jonathan Coy), Arthur Duke of Britaine (Luc Owen), Prince Henry (Rusty Livingstone), Lymoges Duke auf Austria (Gorden Kaye), Constance (Clair Bloom), Melun (John Moreno), French Herald (Ian Barritt), Blanche (Janet Maw), English Herald (Carl Oatley), Citizen of Angiers (Clifford Parrish), Cardinal Pandulph (Richard Wordsworth), First Executioner (Ian Brimble), Peter of Pomfret (Alan Collins), English Messenger (Ronaly Chenery), French Messenger (Tim Brown)


    Diese Produktion des eher seltenen gespielten King John gefällt mir persönlich gut. Zentraler Grund dafür ist weniger die Inszenierung, sondern die insgesamt hervorragende Leistung des Ensembles. Besonders freut es mich, Leonard Rossiter in der Hauptrolle zu sehen, der im Bewusstsein der TV-geprägten Öffentlichkeit eher als Komiker einsortiert ist. Tatsächlich war der Mann – auch, wenn man manch einer seiner darstellerischen Eigenarten vielleicht nicht immer überzeugend finden mag, ein ernsthafter Schauspieler und die Darbietung hier ist ein schöner Beweis dafür. Seine Anlage des für seine Position mehr oder minder ungeeigneten Regenten finde ich überzeugend. Wunderbar changiert seine Charakterzeichnung zwischen dem Fiesen, Auffahrenden, aber auch Unsicheren, Linkischen, Naiven und doch Bauerschlauen dieser Figur. Auch wie er ihn zum Ende hin zunehmend orientierungslos, schwach, inkompetent und schließlich ein bisschen irre zeichnet (schon fast gruselig seine letzten Worte: „Within me is a hell“ – „[…] all this thou seest is but a clod / And module of confounded royalty.“).


    Ausgesprochen eindrücklich finde ich auch George Costigan als Bastard. Der Bastard (!) ist in das eigentliche Gegenstück zu King John und den anderen Hofschranzen (mit Ausnahme von Constance). Im Grunde ist er mir sogar sympathisch. Schnellentschlossen, risikofreudig, stolz, praktisch veranlagt, patriotisch, mutig, aber – wenn er will – auch kontemplativ und ernsthaft. Nicht vergessen werden darf aber, dass er auch auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist und nicht grundsätzlich aufbegehrt, wenn ihm ein Befehl seines Monarchen unsinnig erscheint. Insgesamt ist er eine schillernde Figur, die George Costigan eben genau so, nämlich mit viel Verve, mit Leichtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit Humor und Verständnis auf die Bühne bringt. Ich kannte Costigan bislang als einen „trusty“ Nebendarsteller in britischen TV-Produktionen (von der Brett’schen Sherlock Holmes-Serie bis zu Midsomer Murders). Wie herausragend er auch Shakespeare spielen kann, kann man hier erleben.


    Um es kurz zu machen: auch alle anderen Darsteller*innen können mich überzeugen (nun, die beiden Kinder möchte ich da einmal außen vor lassen). Sehr gelungen finde ich beispielsweise Richard Wordsworths Cardinal Pandulph, als kalkulierenden, kalten, manipulativen Kirchenmann und Boten seines stark interessengesteuerten Papstes Innozenz III. Claire Bloom ist wundervoll als an der Politik verzweifelnde Constance und auch Charles Kaye als König Philip, an Schwäche King John im Grunde ebenbürtig, und „Inspector Morse“ John Thaw in der Rolle des Hubert sind schlicht sehenswert.


    Gern möchte ich noch ein paar dürre Worte zu der Kritik Michael Manheim (s. #6) verlieren. Mich stört es gar nicht, dass David Giles keine blutigen Schlachtszenen einbaut. Tatsächlich weiß man nicht, ob solche für dieses Stück vorgesehen waren. Sicher, zu Beginn von III.3 finden wir die Szenenanweisung „Alarums, excursions, retreat.“ Dies deutet zwar darauf hin, dass ein bewaffneter Konflikt gezeigt wurde, wie der aber im Einzelnen aussah, kann nicht so einfach nachvollzogen werden (vgl. hierzu Robert J. Fusillos Promotionsschrift: The Staging of Battle Senes on the Shakesperean Stage. Birmingham 1966). Tatsächlich finde ich es auch konsequent, dass sich Giles einer „realistischen“ Darstellung verweigert, denn schließlich ist nichts an der Inszenierung eben „realistisch“. David Giles wählt einen stilisierenden Ansatz. Nehmen wir beispielsweise die Szenerie des zweiten Aktes. Über Angiers strahlt der Himmel blau und hängt voll mit royalen Fleur-de-Lys. Meteorologisch ungewöhnlich. Betrachtet man sich dann, wie die Stadt Angier dargestellt ist, und wirft auch einen Blick auf die Kostüme – insbesondere der beiden Regenten, - so wird es nach meiner Ansicht eigentlich ganz unmittelbar deutlich, dass der Regisseur hier nicht wirklich auf eine realitätsnahe Bildlichkeit abhebt. Vielmehr erinnern die klobig gemalten „Steine“ der Stadtmauer an Darstellungen, wie man sie in gotischer Buchmalerei findet, beispielsweise in der Weltchronik des Rudolf von Ems oder in den Grandes Chroniques de France. Man achte auch auf die Herrscherkronen, auch diese scheinen ihre Vorbilder in diesem Kontext zu haben. Auch Olivier hat das gemacht, und zwar in Henry V (1944), wo er die Southampton-Szenen vor dem Hintergrund eines Bühnenbildes à la Très Riches Heures des Duc de Berry inszeniert. Vielleicht ist das hier ja auch eine Reminiszenz an diesen Kunstgriff Oliviers, die den schwachen John mit dem starken Henry verbinden soll. Who knows? Dass durch die Abwesenheit blutigen Schlachtens hier Dimensionen des Textes verloren gehen, empfinde ich so nicht.


    Insgesamt kann ich sagen, dass ich die Inszenierung mit Vergnügen gesehen habe.


    :wink: Agravain

    Einmal editiert, zuletzt von Agravain ()

  • Ich bin leider immer noch nicht ganz durch, aber grundsätzlich sehe ich das ebenso.


    Mit dem Philip fremdel ich ein wenig, die Constance habe ich mir ganz anders vorgestellt, was aber die Interpretation durch Claire Bloom umso interessanter macht. Rossiter ist mir manchmal zu schnarrend böse in der Stimme, was durchaus passt, sich aber auch abnutzen kann. Dann hat er aber Momente (z.B. wenn er Hubert zum Mord an Arthur verpflichtet), die sind schlichtweg großartig. Ebenso die wie eine böse Kröte in der Ecke hockende und bei Bedarf hereinplatzende Elinor. Beide, Mutter wie Sohn, ergeben ein dann grandios fürchterliches Duo.

    Der Bastard wird wirklich sehr gut von George Costigan gespielt, er hat aber auch eine wirklich dankbare Partie. Für Harold Bloom ist er sogar ein Vorläufer Hamlets oder Falstaffs.

    Um ihn mal zu zitieren:


    ...diesem Bastard Faulconbridge, der eine unverwechselbare eigene individuelle Sprache spricht, der Heroismus mit komischer Intensität vereint und der eine wirkliche Psyche, ein Innenleben, besitzt.


    ...teilt er doch mit Falstaff und Hamlet die Eigenschaft, zu groß für das Stück, in dem er lebt, zu sein...


    Die Größe des Bastards macht ihn nicht Falstaff oder Hamlet ebenbürtig, aber sie ist authentisch genug, um alle übrigen Personen in 'König Johann' wie Zwerge aussehen zu lassen.


    (zitiert nach: Harold Bloom: Shakespeare - Die Erfindung des Menschlichen, BV 2001)


    Und ich finde, er hat einen Punkt. Der Bastard ist die Figur, die am vielfältigsten und individuellsten gestaltet ist, der nichts Schlabonenhaftes mehr hat und von daher auch entsprechend dargestellt werden muss. Und Costigan erfüllt das, weil er von Beginn an, wenn er noch wie ein charmanter Tunichtgut auftritt, den Zuschauer immer wieder überrascht und das absolut überzeugend.


    Ich habe ja schon geschrieben, dass ich an der Inszenierung, so weit ich sie kenne, nichts auszusetzen habe, weil ich grundsätzlich Künstlichkeit in vielen Stücken, gerade auch den Historien bevorzuge und weil sie hier, ich denke an den II. Akt, wirklich Sinn macht. Ich denke, die Abstraktion, die hier bevorzugt wird, ist wohl auch dem Budget der BBC zu verdanken, aber wenn es so ist, hat der Regisseur aus der Not absolut eine Tugend gemacht.


    :wink:Wolfram

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