Shakespeare - Richard II.

  • 'The music of the spheres', die Sehnsucht, das verzweifelte Verlangen danach - vielleicht das große Thema dieses Dramas.


    1595 möglicherweise in einer privaten Aufführung erstmals gespielt, 1597 gedruckt und öffentlich 1601 im Globe -Theater aufgeführt. Eine direkte Quelle war die 'Englische Chronik' oder richtig 'Chronicle of England, Scotland und Ireland' von Raphael Holinshed aus dem Jahre 1587, wobei gleichzeitig starke Bezüge zu Christopher Marlowe und seinem 'Edward II.' (dem historischen Urgroßvater von Richard II.) bestehen.


    Das Stück behandelt die letzten Lebensjahre Richards. Es beginnt mit einem Streit zwischen Henry Bolingbroke, seinem Vetter und späteren Henry IV. und Thomas Mowbray. Richard verbannt beide ohne das Ergebnis eines Zweikampfes abzuwarten. Während Henry im Exil ist, vergreift sich der König an den Besitztümern seines Onkels John of Gaunt, dem Vater des Verbannten. Dieser stirbt, was Henry dazu bringt, aus dem Exil zurückzukehren und gegen den König zu kämpfen. Richard muss sich ergeben, übergibt die Krone an Henry, wird in den Tower gebracht und dort ermordet.


    Das Stück gehört zu den Historien und beschreibt einmal mehr den (verdienten) Niedergang der Plantagenets, der Königsfamilie, die dann von den Tudors abgelöst wurde. Richard ist schwach, kann seine königlichen Aufgaben nicht erfüllen und bedient sich zudem am Vermögen seiner Untertanen, um ein hedonistisches Leben mit seinen Günstlingen führen zu können.


    Aber das ist nur die Handlungsebene. Von vielen Kritikern wird bemängelt, dass es wenig Tat und viel Gerede gibt, dass es eigentlich ein Stück zum Lesen und nicht zum Aufführen sei. Da mag es dran sein, das mag die Crux des Stückes sein, es ist aber auch der große Vorteil, es ist das, was es so unnachahmlich macht.


    Vielleicht ist es gar nicht verwunderlich, dass 'Richard II.' in Deutschland nie richtig populär wurde, anders als im Vereinigten Königreich oder in den USA. Denn es ist reine Poesie, was uns da entgegen scheint und was in der Übersetzung nicht so zum Leuchten kommen kann wie im Original. Richard in seinen Monologen (und es gibt einige davon) bezieht sich nicht nur, wie auch andere Personen im Stück, immer wieder auf Musik, auf eben die kosmische Ordnung, die 'music of the spheres', er spricht sie auch. Richards Rolle ist geprägt von einer lyrisch-musikalischen Qualität, die im Werk Shakespeares fast ihresgleichen sucht. Seine Rolle als König kann er nicht ausfüllen, die verrät er, in der scheitert er, denn Richard bewegt sich immer mehr in einer anderen Welt. Je mehr die Welt um ihn herum seine Idee von ihm als König bedrängt und gefährdet, je tiefer erforscht er sein eigenes Sein, seine Gefühle, seine Seelenzustände. Und das, was er dort findet, kann er nur in einer lyrisch-musikalischen Weise, kann er eigentlich nur als Gesang äußern. Vielleicht immer in der verzweifelten Hoffnung, den richtigen Klang zu finden, der ihn dann mit dieser kosmischen Ordnung verbinden wird.


    'Richard II.' hat ich immer begeistert, weil es dieses Gedicht von überwältigender formaler Schönheit ist, trotz der blutigen und oftmals widerwärtigen Handlung. Richard selber ist wahrlich kein Heiliger und es ist die Frage, ob er selber wirklich seine inneren Entdeckungen annehmen kann oder ob er nicht doch v.a. sich dem Selbstmitleid hingibt. Aber immerhin wagt er diesen Weg und seine lyrische Sprache, seine Gesänge geben uns einen Hinweis darauf, dass er sich dem annähert, zu dem er wohl gelangen möchte.


    Aber kann man das aufführen? Es braucht natürlich, will man diese Ebene, diese 'music of the spheres' wirklich einen Publikum nahebringen, einen Schauspieler, der Verse singen kann, ohne dass sie gesungen klingen, dessen Timbre von außergewöhnlicher Schönheit ist, dessen Sprachrhythmus, Atembeherrschung, Betonung keinen Bruch in der Linie hervorrufen, der aber trotzdem die Ausdrucksfähigkeit besitzt, die emotionale Tiefe dieser Person 'über die Rampe zu bringen'. Es geht wohl immer besser, aber ich kenne niemanden, der das alles so sehr in sich vereinigt hat wie John Gielgud. Von ihm gibt es mehrere Versionen der großen Monologe, aber auch eine Gesamtaufnahme im Audioformat.


    'Richard II.', so gesprochen, offenbart die unendliche Schönheit der Sprache Shakespeares, die aber nie Selbstzweck ist, sondern immer der verzweifelte Versuch, die Einheit der kosmischen Ordnung zu erlangen.


    :wink:Wolfram

  • Hier die Gesamtaufnahme von 1960:


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    Als Appetizer zwei Reden aus seinem Programm 'Ages of Man':


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    :wink:Wolfram

  • die Einheit der kosmischen Ordnung zu erlangen

    Die "kosmischen Einheit" und die ihr als kreatives Prinzip zugrundeliegende Sphärenmusik ist in der elisabethanischen Epoche ja etwas, was als Grundgerüst alles Existierenden angenommen wird. Insofern ist es auch nichts, was im Grunde erlangt werden muss. Dass man sich nach der klaren Struktur dieses Grundgerüstets (Stichwort auch hier: Great Chain of Being) sehnen kann und das Gefühl hat, sie wiedererlangen muss ergibt sich aus den "Angriffen", der sich dieses Konzept der weltlichen und überweltlichen Ordnung kontinuierlich ausgesetzt sah. Unordnung und Ordnung: das ist bei Shakespeare und eben (auch) in Richard II. ein an allen Ecken des Misslingens durchschimmerndes Thema. Unordnung schafft den Wunsch nach Sturuktur, nach Ordnung; Struktur wiederum den nach Freiheit und Entwicklung. Zwei miteinander verbundene, in gegensätzliche Richtungen ziehende Kräfte walten hier allüberall.


    Was die Hintergründe der "music of the spheres" angeht, so habe ich diese vor geraumer Zeit kurz in einem anderen Faden in enormer Verknappung dargestellt. Ich bin jetzt mal faul und schreibe das nicht noch einmal neu, sondern zititere mich selbst, weil ich denke, das die besagten dürren Zeilen auch hier hin gehören.

    Ich kam damals im übrigen nicht via Richard II, sondern via Henry VIII dazu.

    Und schon wieder Pythagoras... ;)


    Zum Stück und einzelenen Szenen Textstellen mehr bei Gelegenheit oder aber als Kommentar zu anderen Posts - ich bin noch mit King John beschäftigt, denn da will ich noch etwas zu den Fragen von Politik, Ordnung, Herrschaft usw. verzapfen.


    Aber der Wolfram feuert hier ohne Hemmungen einen Shakespeare-Auftakt nach dem nächsten ab. Wie soll man da noch hinterherkommen... Grins1


    Herzlichen Dank auch für diesen Faden.


    :wink: Agravain

  • Aber der Wolfram feuert hier ohne Hemmungen einen Shakespeare-Auftakt nach dem nächsten ab. Wie soll man da noch hinterherkommen... Grins1


    Herzlichen Dank auch für diesen Faden.


    :wink: Agravain

    Ich finde das auch sehr anregend mit den Shakespeare-Fäden, wiewohl ich auch in diesem Fall eigentlich (noch) ganz Außenstehender bin. Aber ich kann immerhin berichten. dass ich vor 26 Jahren im Sommer 1996 bei den Salzburger Festspielen ein Gastspiel des RNT mit Richard II gesehen habe, in der Regie von Deborah Warner und mit einer weiblichen Besetzung des Protagonisten: Fiona Shaw als Richard II. Bollingbroke wurde von Richard Bremmer gespielt.

    Nun war es meine erste und bisher einzige Aufführung von R II (abgesehen von der Implementierung innerhalb von Schlachten!) und außerdem noch in Englisch, so dass ich zugegebenermaßen damals nicht viel vom Text/Inhalt verstanden habe. (Das war außerdem in einer Lebensphase von mir, wo ich ausschließlich spanische Literatur gelesen habe und nahe dran war Deutschland zu verlassen...).

    Ich fand die Verkörperung durch Fiona Shaw aber äußerst eindrucksvoll. Das Bühnenbild war sehr asketisch, bzw. es gab eigentlich gar kein Bühnenbild im herkömmlichen Sinn, denn es gab nur eine längliche rechteckige Spielfläche, die auf beiden Seiten von steil ansteigenden Zuschauertribünen begrenzt wurde. Das ganze fand in den alten Salinen auf der Perner-Insel statt, wo damals noch nicht wie heute eine festinstallierte Bühne und Zuschauertribüne mit allen notwendigen technischen Möglichkeiten existierte, sondern wo immer alles speziell für die jeweilige Inszenierung (teilweise improvisiert) eingerichtet wurde. Da es ein Gastspiel des RNT war, muss alles so von London mitgebracht worden sein (und danach weiter nach Paris) und genauso aufgebaut worden sein wie bei den heimischen Aufführungen.


    Vor allem die Besetzung von Richard II mit einer Frau muss damals auf sehr extremes, und vor allem in England negatives Echo gestoßen sein, während die Aufführung in Paris umjubelt worden sein soll. Wie die Reaktion der Presse in Salzburg war, kann ich nicht mehr rekonstruieren, ich habe von damals keine Zeitungsausschnitte aufgehoben. Auf jeden Fall hat es mich persönlich äußerst positiv beeindruckt. Zu den englischen Verrissen, die mMn unter die Gürtellinie gehen, kann man hier ein paar Sätze lesen, bevor es kostenpflichtig wird: The King’s Many Bodies: Fiona Shaw’s Richard II (1995–96)

    Ich habe jetzt in der Tube zwei Interviews mit Fiona Shaw und auch Deborah Warner entdeckt, die über die Aufführungen und die Frage der Besetzung sprechen.


    Das Stück wurde dann nachträglich als Film aufgenommen, aber (leider - muss ich sagen) nicht von der Bühnenaufführung abgefilmt, sondern als eigenständiger Film hinterher produziert, der dabei auch gegenüber der Aufführung gekürzt ist, wie Warner im Interview zugibt. Da ich eigentlich kein Freund von verfilmten Theaterstücken bin, weiß ich noch nicht, ob ich mir die DVD zulegen soll, aber eigentlich reizt es mich schon, denn durch den Faden hier würde ich gerne das Ganze etwas rekapitulieren und jetzt auch besser verstehen. Daher an dieser Stelle die Frage, kennt Ihr diese Aufführung/Verfilmung ??



    An einer Stelle im Warner-Interview wird übrigens ein Film-Szenenbild gezeigt, das mich sehr an die Situation mit den gegenüberstehenden Zuschauertribünen erinnert. Man kann das bei der Stelle 1:09-1:16 min. sehen. So war es auch in Salzburg, wobei ich mich nicht mehr erinnere, ob die Bereiche ganz unten auch in der Art als Bühnenaufbau verwendet wurden und die Zuschauer erst weiter oben saßen. Allerdings weiß ich noch, dass mein Platz schon recht weit oben fast eine Vogelperspektive vermittelte.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Insofern ist es auch nichts, was im Grunde erlangt werden muss. Dass man sich nach der klaren Struktur dieses Grundgerüstets (Stichwort auch hier: Great Chain of Being) sehnen kann und das Gefühl hat, sie wiedererlangen muss ergibt sich aus den "Angriffen", der sich dieses Konzept der weltlichen und überweltlichen Ordnung kontinuierlich ausgesetzt sah. Unordnung und Ordnung:

    So habe ich das gemeint. Richard spürt gerade auch im letzten Monolog, dass er doch immer wieder aus dieser Ordnung geworfen wird bzw. geworfen wurde, dass die Anfechtungen seines Regierungsamtes, vor allem die Angriffe auf seine Position, die Harmonie zerstören. Inwieweit er vor dem letzten Monolog auch zu einer Einsicht über sein eigenes Fehlverhalten gelangt, sei einmal dahingestellt. Hier muss ein Schauspieler sehr aufpassen, sonst kann gerade die Übergabe der Krone sehr weinerlich werden und Richard zerfließt nur in Selbstmitleid.


    Danke nochmal für den eingefügten Text, der mir hier bei Capriccio leider entgangen ist. Sehr aufschlussreich!

    Aber der Wolfram feuert hier ohne Hemmungen einen Shakespeare-Auftakt nach dem nächsten ab. Wie soll man da noch hinterherkommen... Grins1

    Na, die Dinger verfaulen ja nicht, wir haben also ganz viel Zeit. ^^


    :wink:Wolfram

  • Daher an dieser Stelle die Frage, kennt Ihr diese Aufführung/Verfilmung ??

    Leider nein. Ich habe erst gestern gelesen, dass es überhaupt eine Verfilmung mit Fiona Shaw gibt.

    Interessant deine Erinnerungen an damals zu lesen. Ich mag eigentlich die Idee, bestimmte Männerrollen bei Shakespeare mit Frauen zu besetzen (oder wie bei einer RSC-Inszenierung der 'Widerspenstigen', wo der als Mann gekleidete Petrucchio die Texte von Kate spricht und umgekehrt), aber ob es hier bei Richard Sinn macht - da bin ich mir noch nicht sicher. Richard trägt ja eh starke weibliche Anteile in sich, was bei der Besetzung 'nur' mit einer Frau verloren geht. Aber letztlich müsste ich mir das mal anschauen.


    Und das werde ich auch, irgendwann, denn gerade bestellt. Allerdings können sie mir noch kein Zustellungsdatum nennen. Schlecht2


    Es gibt übrigens eine deutsche Version auf DVD (über den Weg gelaufen ist sie mir noch nicht), nämlich Peymann mit Michael Maertens als Richard.


    :wink:Wolfram

  • Die "kosmischen Einheit" und die ihr als kreatives Prinzip zugrundeliegende Sphärenmusik ist in der elisabethanischen Epoche ja etwas, was als Grundgerüst alles Existierenden angenommen wird.

    Ich hoffe, es ist nicht totally OT, wenn ich dazu aus dem aktuellen Stück rausspringe und an die kurze Szene der Soldaten in Antony and Cleopatra denke:


    [Music of the hautboys is under the stage]

    2. soldier: Hark!

    1. soldier: Music i’th’air.

    3. soldier: Under the earth.

    4. soldier: It signs well, does it not?

    3. soldier: No.

    1. soldier: Peace, I say! What should this mean.

    2. soldier: 'Tis the god Hercules, whom Antony loved,

    Now leaves him.

    (IV,3,15-22)


    Der eine Soldat glaubt zwar, dass die Musik von oben aus der Luft kommt und Gutes verheißt, dem widerspricht aber der andere, der es richtig erkennt. Dieser kleine "Streit" zeigt, dass da keine "kosmische Einheit" mit Sphärenmusik beschworen wird, sondern sich Antonys Untergang ankündigt...

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Dieser kleine "Streit" zeigt, dass da keine "kosmische Einheit" mit Sphärenmusik beschworen wird, sondern sich Antonys Untergang ankündigt...

    Nun, muss es ja auch nicht. Es wäre ein Missverständnis, dass jedwede auf der Bühne und in der Szene erklingende Musik grundsätzlich mit der Musik der Sphären gleichzusetzen wäre.


    Tatsächlich wird es sprachlich recht deutlich, wann sich Shakespeare mit diesem Konzept auseinander setzt, und wann nicht. Hier eher nicht. Doch davon ab: auch der Untergang Antonys gehört ins Konzept von Ordnung und Unordnung. Sein Untergang ist Teil der Wiederherstellung der „Weltenordnung“, der Wiederherstellung der - wenn man so will - „kosmischen“ Balance.


    Ohnedies wird der Themenkomplex Musik von Shakespeare auf mannigfache Art und Weise aufgefächert. Dazu - schon wieder - ein Buchtipp:



    :wink: Agravain

  • Nun, muss es ja auch nicht. Es wäre ein Missverständnis, dass jedwede auf der Bühne und in der Szene erklingende Musik grundsätzlich mit der Musik der Sphären gleichzusetzen wäre.


    Tatsächlich wird es sprachlich recht deutlich, wann sich Shakespeare mit diesem Konzept auseinander setzt, und wann nicht. Hier eher nicht. Doch davon ab: auch der Untergang Antonys gehört ins Konzept von Ordnung und Unordnung. Sein Untergang ist Teil der Wiederherstellung der „Weltenordnung“, der Wiederherstellung der - wenn man so will - „kosmischen“ Balance.

    ich hatte das nicht als Widerspruch zu Deinen Erläuterungen gemeint, sondern eher als Bestätigung. Sicher geht es da nicht tiefschürfend um Sphärenmusik, aber die Szene ist insgesamt in dem Stück irgendwie eigentümlich, wo ja sonst keine übernatürlichen Dinge passieren (abgesehen von den Weissagungen). Und der Gegensatz von “Music i’th‘air“ zu „under the earth“ ist doch auffällig.

    :wink: leverkuehn

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Auf die „To-watch-Liste“ für die kommende Woche kommt auf jeden Fall dies.

    Da bin ich mal sehr gespannt, wie du die Verfilmung findest. Ich habe sie nur einmal gesehen, damals, als die BBC-Verfilmungen im deutschen Fernsehen liefen und hatte eine Meinung dazu. Mehr dazu aber später. ;)


    :wink:Wolfram

  • und hatte eine Meinung dazu.

    Das wirkt irgendwie darkly foreboding. :/

    Na, ich bin in jedem Fall gespannt und werde berichten.

    Ich habe über die Jahre ja doch - Du wirst das Phänomen kennen - doch einen Haufen Verfilmungen zusammengetragen. Ein paar der BBC-Verfilmungen habe ich ebenfalls vor vielen Jahren im Fernsehen gesehen (darunter Horderns großartigen Lear), aber um die DVD-Gesamtbox bin ich lange herumgeschlichen. Jetzt musste ich sie meinem Hort hinzufügen. Konsequenz: Ich werde Euch fürderhin ohnedies mit meinen Eindrücken zu den einzelnen Inszenierungen belästigen. Grins1


    :wink: Agravain

  • Hallo,

    wie man das Stück gut aufführen kann, hat vor einigen Jahren das Berliner Ensemble mit einem herausragenden Michael Maertens in der Titelrolle gezeigt. Sprachlich eine Meisterleistung, ein erstklassiges Ensemble.

    Schöne Grüße

    wegan

  • Es gibt übrigens eine deutsche Version auf DVD (über den Weg gelaufen ist sie mir noch nicht), nämlich Peymann mit Michael Maertens als Richard.

    Sie wurde ja dokumentiert, aber, wie gesagt, bin ich leider noch nicht über sie gestolpert.


    :wink:Wolfram

  • Ich habe mir die Warner/Shaw-Produktion nun für schlappe 8 £ als Download besorgt, will aber zuerst den Text in der NCS-Ausgabe lesen, auf die ich noch warte.


    Ich habe bei JSTOR noch einige seriöse Artikel gefunden, die insgesamt eine durchaus positive Einschätzung und Analyse der Aufführung zeigen.

    Die Boulevard-Presse war damals anscheinend schon vor der Premiere 1995 richtig am Dreckschleudern. Dabei wurde auch über das pikante Detail, dass Fiona Shaw Irin ist, sehr gelästert.


    Übrigens wird in den Artikeln mehrfach erwähnt, dass bei den Aufführungen in dem kleinen Cottesloe Theatre die Rolle des Henry Bolingbroke von David Threlfall gespielt wurde, der dann bei der nachträglichen Verfilmung aber nicht zur Verfügung stand, so dass dann Richard Bremmer den Bolingbroke übernahm.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Die Boulevard-Presse war damals anscheinend schon vor der Premiere 1995 richtig am Dreckschleudern. Dabei wurde auch über das pikante Detail, dass Fiona Shaw Irin ist, sehr gelästert.

    Interessant, wie die Entwicklung weitergegangen ist. Unter Michelle Terry gab/gibt es im Globe Theatre geradezu eine Quotenregelung. Alle Stücke sollten/sollen dabei mit gleichviel Frauen und Männern besetzt sein, egal es ob das Stück hergibt oder nicht. Und auch bei der RSC ist man nun bei der Rollenverteilung diesbezüglich sehr freigiebig. Keine Ahnung, was die Boulevardpresse zur Zeit davon hält, aber solch einen 'Sturm' wird es wohl nicht mehr geben.


    Aber was den Aufschrei hinsichtlich der irischen Herkunft angeht, war es damals wohl 'sheer hypocrisy'. Ich wüsste nicht, dass man Kenneth Branagh bei seinem Henry V. deswegen getadelt hätte und der ist national für die Briten ja richtig aufgeladen. ^^


    :wink:Wolfram

  • Ich sah heute eine weitere Verfilmung einer Theaterinszenierung von Richard II. und dabei fiel mir noch einmal eine der Schlüsselszenen des Werks auf.


    Akt II, 1. Szene in der sich Richard an dem Erbe seines Cousin Bolingbroke, Duke of Hereford bereichern will, was seinen Onkel Edmund zu folgenden Sätzen veranlasst:


    If you do wrongfully seize Herford's rights,

    Call in the letters patents that he hath

    By his attorneys-general to sue

    His livery, and deny his off'red homage,

    You pluck a thousand dangers on your head,

    You lose a thousand well-disposed hearts,

    And prick my tender patience to those thoughts

    Wich honour and allegiance cannot think.


    Der König begeht hier zwei fundamentale Fehler. Er nimmt einem Untertan das, was dessen angestammtes Recht ist und gleichzeitig greift er damit in seine natürliche Rechtsnachfolge ein. Im Verständnis des Mittelalters war es die Aufgabe des Königs seine Untertanen zu beschützen und ihnen Sicherheit zu geben. Diese Pflicht der Monarchie dem Volk gegenüber verletzt Richard mit dem Entwenden des Erbes. Worauf kann nun der 'normale' Mensch aus dem Volk noch bauen, wenn der 'head of state' selber seine Grundsätze verletzt.


    Zudem gab es in dem nach Haushalten organisierten englischen Leben, angefangen von der Familie über den Landadel, der Kirche bis hin zum königlichen Haushalt und dem des Staates, bestimmte feste Regeln, die nicht gebrochen werden durften. Dazu gehörte u.a. die natürliche Erbfolge mit allen Privilegien und Pflichten und auch dieses Recht bricht der König, in dem er Bolingbroke seines Erbes beraubt.


    Beides fällt und davor warnt Edmund ihn, auf den König selber zurück. Denn wenn auch das Erbfolgerecht nicht mehr unantastbar ist, was hindert die Untertanen daran, sich einen anderen König zu erwählen, was dann ja auch in der Historie (und im Stück) geschehen ist. Das Parlament setzte Richard ab und wählte Bolingbroke als Henry IV. zu seinem Nachfolger.


    Aufgabe des Königs war es also, einerseits die direkte Sicherheit der Untertanen zu gewährleisten, andererseits aber auch durch die konstante Beibehaltung und Verteidigung der Staatsidee (die in der Realität meistens natürlich nur eine Theorie war) allen ein Vorbild zu sein.


    Interessant hier sind dann vielleicht die Parallelen zur heutigen Zeit und wie stark dieses Denken eigentlich immer noch eine der Grundlagen der englischen Monarchie ist. Der König ist zunächst einmal dem Parlament verpflichtet, das ihn absetzen könnte, wenn er seine Pflichten nicht erfüllt. Diese Verpflichtung gilt aber auch dem 'Untertan' gegenüber, dem er heute nun durch Konstanz, Überparteilichkeit und Vorbild das Funktionieren der Staatsidee garantiert. Der Bürger erschafft sich mit Hilfe des Parlaments seine Gesetze, nach denen er leben möchte und der Monarch garantiert durch seine Person und seinen Lebenswandel ihre Zeitlosigkeit und Beibehaltung solange dies der 'Untertan' möchte. Er fungiert quasi als eine Art Fleisch gewordener Verfassung, die es schriftlich fixiert in Großbritannien ja nicht gibt. Nur darf er, wie Richard es getan hat, nicht in das Leben der Bürger direkt eingreifen, politische Neutralität ist also oberstes Gebot. Bei Nichtbefolgung würde ihm zweifelsohne nicht mehr das Schicksal Richards drohen, aber die Monarchie verlöre ihre Daseinsberechtigung.


    Das sind schon Traditionslinien in England Grins1 .


    Die gehen übrigens noch weiter. Westminster Hall, in der die Queen zur Zeit aufgebahrt ist, gehört zum Areal des Parlaments, ihre Dachkonstruktion aber wurde von Richard II. erbaut. Was das Parlament aber nicht daran hinderte, ihn trotzdem genau an diesem Ort abzusetzen. Ein Ort also, an dem die oft schwierige Verbindung zwischen Parlament und seinem Souverän ganz deutlich wird.


    :wink:Wolfram

  • Auch fand dort ja der Prozess gegen Charles I. statt

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

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