Kulturelle Aneignung

  • Wieder so etwas, was mich an den Auswüchsen einer geforderten politischen Korrektheit Unbehagen empfinden lässt.


    Fridays for Future lädt Musikerin Ronja Maltzahn wegen Dreadlocks von Demo aus
    Die weiße Sängerin Ronja Maltzahn sollte bei einer Demo von Fridays for Future auftreten. Doch weil sie Dreadlocks trägt, wurde sie von der…
    www.spiegel.de


    Jetzt, eine Woche später dazu ein Interview mit einem Sozialwissenschaftler.


    (S+) Kulturelle Aneignung: Ist es in Ordnung, wenn weiße Menschen Dreadlocks tragen?
    Sozialwissenschaftler Lars Distelhorst spricht über Ausbeutung und rassistische Praktiken – und sagt: »›Black Pride‹ ist kein Feld, auf dem sich weiße Menschen…
    www.spiegel.de

    Zitat

    Distelhorst: Natürlich können sich weiße Menschen die Haare verfilzen. Das hat auch in europäischen Gefilden Tradition, das gab es schon im Mittelalter. Aber weiße Menschen tragen keine Dreadlocks. Wir sollten aufhören, diese Frisur so zu nennen. Denn dann dockt man an einen Diskurs an, der nicht unserer ist. »Black Pride« ist kein Feld, auf dem sich weiße Menschen tummeln sollten.

    Insgesamt finde ich die Argumentation von Distelhorst in dem Interview (leider nur als S+) schwach, und eigentlich, wenn man diese Unterscheidung der Kulturen so strickt sieht, auch schon fast wieder rassistisch, und wenn, dann sogar noch mehr als die weißen Menschen, die sich Dreadlocks machen (oder wie immer man die Haarpracht dann auch nennen will).


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Es ist schon paradox. Dreadlocks gehörten ja eigentlich seit den Neunzigern in der alternativen Festival-Szene zum guten Ton. In den Nuller-Jahren schaffte es die Frisur auch endlich auf die Opernbühne. Aber den Valencia-Ring von 2007 kann man fortan den Jugendlichen wohl nur noch mit vorhergehender Trigger-Warnung zumuten, wenn überhaupt.


    Also Vorsicht, wenn Siegmund, Sieglinde oder Siegfried die Bühne betreten:

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  • Die Geschichte der Frisur, die heute Dreadlocks heißt, zeigt übrigens auch, dass die These, dass dieses urafrikanisches Kulturgut sei, eigentlich nicht zu halten ist:


    Frisuren zur Abwehr von Säbelangriffen
    Elke Wittich: Dreadlocks, so what? Kleine Geschichte einer umstrittenen Frisur
    jungle.world


    Ansonsten finde ich ein derart statisches Kulturverständnis, mit welchem die critial-Whiteness-Fraktion den stramm rechten Identitären gar nicht mal so unähnlich sind, recht gruselig. Auch wenn ich den Hintergrund dieser Positionen (Weiße, die sich von schwarzen Musiker_innen inspirieren ließen, wurden als Erfinder_innen gefeiert und gut bezahlt) natürlich sehe. Aber die Antwort ist dennoch falsch.

  • Zu dem Thema noch dies:


    Was ist kulturelle Aneignung?


    Diese Thema "Kulturelle Aneignung" ist bei Weitem nicht einfach aufzudröseln. Im obigen Artikel von Jens Kastner wird das auch angesprochen.

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • Ich bin dafür, diesen Stil kulturneutral auf deutsch "wursthaarig" zu nennen. Und da es bei den meisten Leuten sch... aussieht, bin ich auch für fast jede, gleich wie absurde Begründung zu haben, die Menschen davon abhält, sich die Haare so zu gestalten... ;) Völlig egal, ob Ötzi, Hammurabi, Bob Marley oder wer auch immer als erstes Wursthaare getragen hat.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Es gibt keine "kulturelle Aneignung". Punkt.


    Das könnt ihr jetzt gerne wieder löschen. Ändert aber nichts am intellektuellen und kulturellen Niedergang der sogenannten "westlichen Welt".


    Ich bin übrigens ziemlich dankbar, in dem Teil der Welt zu leben, deren Überlegenheit u.a. auf "kultureller Aneignung" beruht.


    Es war schon immer so, dass die Besseren gewinnen. Die Besseren sind deswegen besser, weil sie sich von, was sie vorfinden, das Beste heraussuchen und es weiterentwickeln. Daher die Überlegenheit des "Westens". Wenn der "Westen" damit aufhört, werden andere die Lücke füllen. Ist dann aber nicht mein Problem, so lange lebe ich nicht mehr.


    Meine Generation wird sich also weiterhin der "kulturellen Aneignung" befleißigen. Aber ihr könnt locker bleiben: In spätestens 30 Jahren ist Schluss damit...

  • Das ist Unfug.


    Kulturelle Aneignung existiert immer dann, wenn Betroffene sich "angeeignet" fühlen. Da hat kein Ecclitio zu sagen das gäbe es nicht. Es ist eine übergriffige Äußerung, die nichts will als sich jeder eigentlichen Nachdenklichkeit von vornherein zu entziehen. In eine Wagenburg


    Allerdings, unbenommen:

    Ich bin nicht dafür, emotionale Betroffenheiten zum allgemeinen Gesetz zu machen, zu verabsolutieren und davor in die Knie zu gehen (wie es im Transbereich häufiger geschieht in letzter Zeit), und klar gibt es Betroffenheiten die nur aus dem Bedürfnis sich entwickeln sich betroffen zu fühlen. Und das überreichlich. Es existiert ein Betroffenheitsnarzißmus der sich selbst genügt, und ich mag das auch nicht.



    Was aber nicht heißt, daß dieser ganze Bereich von vornherein inexistent sei.


    Aus dem oben verlinkten Text sollte man (frau Grins1 ) sich doch über einige Sätze mal vertiefte Gedanken machen. Wie


    "Weiße – oder allgemeiner: Angehörige der sogenannten Dominanzkultur – haben sich kulturelle Ausdrucksformen angeeignet und davon profitiert. Allerdings mussten sie dabei nicht die Geschichte von Sklaverei und sogenannter Rassentrennung durchleben."


    Das ist ja nicht falsch.


    Falsch und dumm ist nur die Vergröberung, nun Leute mit bestimmten Frisuren von Events auszuladen, bei denen ganz andere Themen vorangetrieben hätten werden sollen. Da hat Friday for Future sich als engstirnig und dämlich geoutet. Und der eigenen Sache geschadet.


    Aber ist eben ein Unterschied, ob man Auswüchse ablehnt oder die ganze Denkrichtung als solche. Es geht um Diffenenzierung. Dazu gehört dann aber, eigene emotionale Befindlichkeiten mal zu hinterfragen - auf beiden Seiten.

    Ist schwer, weiß ich.



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Kulturelle Aneignung existiert immer dann, wenn Betroffene sich "angeeignet" fühlen.

    kann erweitert werden u.a. auf antike Kultur bzw. was davon überig ist/ tradiert wurde....

    "Weiße – oder allgemeiner: Angehörige der sogenannten Dominanzkultur – haben sich kulturelle Ausdrucksformen angeeignet und davon profitiert. Allerdings mussten sie dabei nicht die Geschichte von Sklaverei und sogenannter Rassentrennung durchleben."


    Das ist ja nicht falsch

    So isses...

    Oll-Griechisch/Latein bzw. Antike sich reinziehn bzw. Übersetzungen davon in BRD-Speech kommt gleichfalls als kulturelle Aneignung rüber..

    .. jemand wie Platon konnte seine Dialoge bloß verzapfen, weil er körperlich nicht malochen musste; körperliche Schufterei war ihm verhasst. Im Altertum gab es dafür vor allem Sklaven => Platon & Co profitierten davon .... ..dass Platon andererseits Sklaven keinesfalls für bescheuert oder blöde hielt, kommt in seinem Dialog Menon rüber...


    Tourismusgeschäft profitiert vom Kolosseum (Rom), dass von Sklaven gebaut wurde ....

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

    Einmal editiert, zuletzt von Amfortas09 ()

  • Unsere ganze Kultur beruht auf "kultureller Aneignung".


    Wenn wir in einem "Kulturforum" über "kulturelle Aneignung" diskutieren, könne wir den Laden wirklich dicht machen.


    Übrigens waren die Nazis total gegen "kulturelle Aneignung". Warum wohl...


    Zufälligerweise habe ich gerade ein lustiges Video gesehen, in dem beschrieben wird, wie "kulturelle Aneignung" korrekt vonstatten zu gehen hat:

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    Solche Videos müsste man zukünftig also verbieten.

  • Wenn man zur korrekten Verwendung des Begriffs einmal den Wikipedia-Artikel zu Rate zieht, so liest man dort als Einleitung: "Mit dem Begriff Kulturelle Aneignung (englisch cultural appropriation) wird die Übernahme eines Bestandteils einer Kultur von Trägern einer anderen Kultur oder Identität bezeichnet. Die ethische Dimension kultureller Aneignung wird in der Regel nur dann kritisiert, wenn die Träger der angeeigneten Kultur einer Minderheit angehören, die als sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligt gilt. Die Kultur wird aus Sicht der Kritiker durch ihre historischen Unterdrücker ihrem Kontext entrissen. Die Verwendung des Begriffs der Kulturellen Aneignung wird wiederum als Identitätspolitik kritisiert".


    Das bedeutet: Kulturelle Aneigung = Mehrheit übernimmt von benachteiligter Minderheit

    Das bedeutet nicht: Kulturelle Aneignung = Jede Beschäftigung mit Elementen einer anderen Kultur.


    Kulturelle Aneignung – Wikipedia

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Mit der "kulturellen Aneignung" ist das so eine Sache.


    Es gibt sicherlich Phänomene, dass eine mächtige Mehrheitskultur sich bei der Kultur einer unterdrückten Minderheit bedient hat, ohne dass dies generell immer klar war. Ein Beispiel hierfür wäre der Einfluss des traditionellen Blues und Soul auf die weiße Populärmusik ca. seit den 1950er Jahren. Die entsprechenden Musiker haben sich häufig sehr offen zu diesen Einflüssen bekannt, so z. B. die Beatles. Das ist aber beileibe nicht immer angekommen. David Bowie kritisierte in den 1980er Jahren MTV, weil sie so wenig schwarze Künstler spielen, und hat dabei die Bedeutung dieser Musiker für seine eigene Prägung betont. Daryl Hall (von Hall and Oates) bezeichnete es vor ca. zehn Jahren bei der Aufnahme in die Rock 'n' Roll Hall of Fame als "fucked up", dass dort keine schwarzen Künstler aus Philadelphia berücksichtigt worden sind. Er hat sich ebenfalls immer klar zu dieser Prägung bekannt.


    Ich halte es aber für überaus gefährlich, aus solchen (sehr berechtigten) kritischen Reflexionen abzuleiten, dass eine Art von "kultureller Reinheit" gegenüber Minderheiten-Kulturen gelten müsse, weil alles andere eine Form der Ausbeutung wäre. Hierzu möchte ich Jan Fleischhauer anführen (dem ich ansonsten auch häufig genug nicht zustimme): eine solche "Reinheit" wäre ja geradezu der feuchte Traum eines jeden AfD-lers.


    Neben diesem drohenden kulturellen Reinheitsfimmel sehe ich aber noch ein anderes Problem mit diesem Konzept. Nehmen wir mal an, ich möchte etwas kreieren, wofür ich mich bei einer Minderheiten-Kultur "bedienen" müsste. Wen frage ich denn dafür um Erlaubnis? Es gibt doch wohl keine Zentralstelle für Minderheiten-Kulturen, bei der ich nachfragen könnte, ob ich in meiner Komposition ein Blues-Schema verwenden darf (und falls ja, unter welchen Randbedingungen).


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Mein Eindruck ist, dass diese ganze Geschichte mit der "Kulturellen Aneignung" eigentlich ein verhältnismäßig kleines, marginales Phänomen ist, das einfach überdurchschnittliche, eigentlich unangemessene Aufmerksamkeitbekommt. Ja, es gibt diese Theoretiker, die im verlinkten Wikipedia-Artikel genannt werden, und ihre Theorien, es gibt auch in Deutschland hier und da immer wieder einmal Organisationen, die aus diesen Theorien konkrete Forderungen ableiten.

    Aber nüchtern betrachtet: Welche Bedeutung hat das in unserem Alltag? Welche Bedeutung hat es, wenn eine Hannoveraner Ortsgruppe einer Protestorganisation einen bescheuerten Post absetzt? Hätten wir ohne die modernen sozialen Medien überhaupt etwas mitbekommen davon (und unser Internetforum ist ja auch eines dieser sozialen Medien)? Wird in zwei Wochen noch ein Hahn krähen nach dieser Provinz-Sau, die da durchs Dorf getrieben worden ist?

    Ich meine, es ist ein Randphänomen, das einfach nur deswegen so große Aufmerksamkeit bekommt, weil es manchmal so absurde Blüten treibt und man sich so gut daran abarbeiten kann. Dementsprechend sind die Anlässe meistens klein, aber die Empörungswellen groß: Wie viel Zustimmung habt ihr zu dieser Hannoveraner Provinzposse gelesen und wie viel Ablehnung? Wer hat denn ernsthaft diese bekloppte Mail verteidigen wollen? Aber im Wettern dagegen waren alle groß, völlig unabhängig vom politischen Standpunkt.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Mein Eindruck ist, dass diese ganze Geschichte mit der "Kulturellen Aneignung" eigentlich ein verhältnismäßig kleines, marginales Phänomen ist, das einfach überdurchschnittliche, eigentlich unangemessene Aufmerksamkeitbekommt. Ja, es gibt diese Theoretiker, die im verlinkten Wikipedia-Artikel genannt werden, und ihre Theorien, es gibt auch in Deutschland hier und da immer wieder einmal Organisationen, die aus diesen Theorien konkrete Forderungen ableiten.

    Aber nüchtern betrachtet: Welche Bedeutung hat das in unserem Alltag? Welche Bedeutung hat es, wenn eine Hannoveraner Ortsgruppe einer Protestorganisation einen bescheuerten Post absetzt? Hätten wir ohne die modernen sozialen Medien überhaupt etwas mitbekommen davon (und unser Internetforum ist ja auch eines dieser sozialen Medien)? Wird in zwei Wochen noch ein Hahn krähen nach dieser Provinz-Sau, die da durchs Dorf getrieben worden ist?

    Ich meine, es ist ein Randphänomen, das einfach nur deswegen so große Aufmerksamkeit bekommt, weil es manchmal so absurde Blüten treibt und man sich so gut daran abarbeiten kann. Dementsprechend sind die Anlässe meistens klein, aber die Empörungswellen groß: Wie viel Zustimmung habt ihr zu dieser Hannoveraner Provinzposse gelesen und wie viel Ablehnung? Wer hat denn ernsthaft diese bekloppte Mail verteidigen wollen? Aber im Wettern dagegen waren alle groß, völlig unabhängig vom politischen Standpunkt.


    Welche Bedeutung diese Episode hat oder haben wird, muss man abwarten. Vielleicht bleibt sie eine unbedeutende Fußnote, vielleicht greift diese Ideenwelt auch weiter um sich. Die Trigger-Warnings und Safe Spaces an US-amerikanischen Universitäten haben vermutlich auch nicht als breite kulturelle Welle, sondern wohl eher mit einzelnen anekdotischen Ereignissen begonnen, die sich dann zunehmend verdichtet haben.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Aber nüchtern betrachtet: Welche Bedeutung hat das in unserem Alltag? Welche Bedeutung hat es, wenn eine Hannoveraner Ortsgruppe einer Protestorganisation einen bescheuerten Post absetzt?

    Immerhin wird die Aufmerksamkeit abgelenkt vom eigentlichen Ziel Klimaschutz, und allen, denen die ganze Richtung eh nicht passt, wunderbar Munition geliefert. Finde ich schon schade bzw strategisch extrem unklug.

    Ich freue mich über die differenzierten Beiträge zu dem Thema hier, das ist nicht überall so. Eine bessere Illustration dessen, was die Kritiker der "kulturellen Aneignung" meinen, als sie Ecclitico geliefert hat:

    Es war schon immer so, dass die Besseren gewinnen. Die Besseren sind deswegen besser, weil sie sich von, was sie vorfinden, das Beste heraussuchen und es weiterentwickeln. Daher die Überlegenheit des "Westens".

    ist kaum denkbar.

    Aber es ist halt auch etwas dran: eine Zivilisation, die fremde Kulturen integrieren, sich Teile davon zu eigen machen kann, ist überlegen.

    Natürlich ist es ärgerlich, wenn weiße Jungs in den 60ern das Geschäft kapern, das vorher schwarze Jazzmusiker gemacht hatten.

    Aber als Künstler bin ich grundsätzlich natürlich extrem anfällig für kulturelle Inspirationen, Aneignungen aller Art - allerdings steckt im Wort "Aneignung" ja auch die Arbeit und Mühe, sich etwas fremdes tatsächlich "an zu eignen", also: zu lernen. Das wäre für mich schon ein Kriterium: bin ich bereit, mich auf die fremde Kulturtechnik einzulassen, oder nutze ich nur ein paar exotische Farbkleckse als modisches Accessoire? Darin könnte sich der Respekt vor der "fremden" Kultur zeigen. Das ist natürlich ein etwas schwerer zu evaluierender Maßstab als Hautfarbe und Herkunft...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Natürlich ist es ärgerlich, wenn weiße Jungs in den 60ern das Geschäft kapern, das vorher schwarze Jazzmusiker gemacht hatten.


    Es ist vor allem dann ärgerlich, wenn es seitens der Öffentlichkeit unreflektiert bleibt. Das Kuriose hierbei ist ja, dass die jungen Mädels, die bei den Beatles gekreischt haben, vermutlich weitgehend ignoriert haben, dass sie da eigentlich Black Music in einer weißen Liverpool-Version gehört haben. Die Älteren, die das abfällig als "N****musik" tituliert haben, haben es hingegen begriffen, sich aber abfällig in diese Richtung geäußert. Das ist schon eine sehr merkwürdige Konstellation gewesen...


    Aber als Künstler bin ich grundsätzlich natürlich extrem anfällig für kulturelle Inspirationen, Aneignungen aller Art - allerdings steckt im Wort "Aneignung" ja auch die Arbeit und Mühe, sich etwas fremdes tatsächlich "an zu eignen", also: zu lernen.


    Eben. In dem Vorgang der "Aneignung" steckt ja zunächst mal drin, dass man diese andere Kultur für so bedeutend hält, dass man Zeit und Mühe investieren möchte, sich mit ihr zu befassen und Dinge zu lernen.


    Es gibt dazu die Anekdote, wie Duran Duran ca. Mitte der 1980er Jahre unbedingt Funk lernen wollten und sich daher ausgiebig mit Prince etc. befasst haben. Irgendwann wussten sie dann, wo die Septime rein muss, und das Ergebnis war das "Notorious"-Album. In diesem Fall haben die weißen Jungs aber nicht das Geschäft des Originals gekapert. Grins1


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Die Beiträge zur Kulturellen Aneignung wurden in einen eigenen Thread verschoben.

    Die Moderation.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Es ist vor allem dann ärgerlich, wenn es seitens der Öffentlichkeit unreflektiert bleibt. Das Kuriose hierbei ist ja, dass die jungen Mädels, die bei den Beatles gekreischt haben, vermutlich weitgehend ignoriert haben, dass sie da eigentlich Black Music in einer weißen Liverpool-Version gehört haben. Die Älteren, die das abfällig als "N****musik" tituliert haben, haben es hingegen begriffen, sich aber abfällig in diese Richtung geäußert. Das ist schon eine sehr merkwürdige Konstellation gewesen...

    Passend zu diesem Problem, stieß ich bei Wikipedia darauf, dass sich der Hard-Rock-Schlagzeuger Cozy Powell (der eigentlich Colin Flooks hieß) nach dem Jazz-Drummer Cozy Cole benannte.


    Die Information findet man nur im Artikel über Cole aber nicht in jenem über Powell. :cursing:

  • Das wäre für mich schon ein Kriterium: bin ich bereit, mich auf die fremde Kulturtechnik einzulassen, oder nutze ich nur ein paar exotische Farbkleckse als modisches Accessoire?

    Bachs Mucke ist/war offen für exotische Einflüsse aus Italien/Frankreich/England.... Brandenburgische Konzerte z.B. Nr. 5, Kunst der Fuge .. und.. und.. und.. .. wie wären seine Notenquälereien ausgefallen, falls er Gelegenheit gehabt hätte, Mucke aus nah-und/oder fernöstlichen Areal sich reinzuziehn.. ... ja, ja okay, okay, okay bleibt letztlich irgendwie spekulativ...

    Freischütz kommt alles andere als treu-teutsch rüber, weil gespickt mit Elementen aus Italien (Agathe-Arie) und Opéra Comique (Dialog-Form) ......

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Aha, und ich dachte immer, dass der "Freischütz" bezüglich seiner Dialoge in der deutschen Singspieltradition etwa von Mozarts "Entführung" und "Zauberflöte" stehen würde. (Dass die Opéra comique auch die Dialogform verwendet, ist mir zwar bekannt, dass sich Weber aber eher an den Franzosen orientierte als an Mozart oder auch Beethoven, ist neu für mich.)

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ein schwieriges Thema.


    Wenn die "falschen" Menschen Rastazöpfe auf ihrem Haupt oder fremdländische Tatoos auf ihrer Haut, oder nicht einheimische Trachten an ihrem Körper tragen, finde ich die diesbezügliche Monierung im Rahmen einer durch einschlägige Engstirner*innen postulierten "political correctness" nur einfach peinlich und kleinkariert, trotz allem legitimen Minderheitenschutz.


    Es ist ja doch wohl für sensible Geister sonnenklar, dass alle Menschen primär Kinder der Gaia sind und erst sekundär (aber auch!) Träger*innen regionaler kultureller Eigenheiten.


    Zugegeben - auch wenn ich verstehe, dass die kulturellen Alleinstellungsmerkmale (einer Gruppe oder einer Interessensgemeinschaft) grundsätzlich schützenswert sind - so bin ich doch der Meinung, dass der kreative Output der Menschheit ein (kollektiv als Geschenk) erworbenes Gut ist, das nicht individuell "patentiert" werden kann und darf.


    Das Bedürfnis nach einem Urheberschutz des "geistigen Eigentums" ist in unserer egoistisch strukturierten Gesellschaft wohl verständlich und legitim, aber letztlich ist es halt doch ziemlich kleinkariert, weil es letztlich gar kein geistiges "Eigentum" gibt: Der Geist gehört uns nicht! Alles gehört der Schöpferin.


    (Ich meine damit selbstredend nicht die Datenkraken Meta, Alphabet und Konsorten!)


    Der kreative Geist drückt sich zwar kulturell individuell aus, nährt sich aber mE aus einer einzigen Quelle, welche ich (traditionell christlich bewegt) als "Schöpfungskraft" zu nennen versucht bin: ich referiere dabei auf ein universales Agens, welches mit natürlichen und artifiziellen Kunstwerken (in individuelle Form gegossen durch Mutter Natur oder durch humanoide "Genies") das benevolente Kollektiv inspiriert, nährt und es bereichert.


    Der Output von Bach und Beethoven ist nicht nur (aber auch) deutsches Kulturgut, sondern er dient auch grundsätzlich der kulturell erbaulichen Bereicherung der ganzen Menschheit, jedenfalls insofern diese bestrebt ist, das empfangene Kulturgut treuhänderisch zu hegen und zu pflegen.


    Soweit mein aktueller Senf zur Kulturwurst.


    Auffährtlicher Gruss aus Bern vom Walter

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