Kulturelle Aneignung

  • "Schützen" bedeutete auf kulturellem Gebiet bis gestern hauptsächlich, "nicht kaputt machen" (wie die Buddha-Statuen), "nicht verbieten" (wie häufig Sprachen von regionalen Minderheiten), nicht aber das Verbot des Nachmachens.

    Irgendwie scheint mir da eine fragwürdige Übertragung vorzuliegen, von dem "geistigen Eigentum", das vor Plagiat zu schützen ist, auf etwas, das eigentlich immer als Gemeingut verstanden wurde, bei dem jedenfalls überhaupt nicht klar ist, inwiefern das Original oder sein "Besitzer" (wenn denn jemand ein höheres Recht auf einen Musik- oder Kleidungsstil haben kann) leidet, wenn man es kopiert.

    Wenn jemand ein Buch kopiert, kann der Autor weniger davon verkaufen.

    Aber wenn A die gleiche Frisur oder Kleidung trägt wie B, aber keiner damit irgendwie Geld verdient (wie ein Modeschöpfer) und A dem B nicht die Kleidung geklaut, sondern eben selber nachgeschneidert hat, ist schwer zu sehen, inwiefern B geschädigt worden sein sollte. Sollte B nicht froh über seinen Trendsetter-Einfluss sein?

    Wenn die gesellschaftliche Situation so ist, dass A dem B seine Kleidung/Frisur/Musik dann verbieten kann, nachdem A sie nachgeahmt hat, dann könnte man von ungerechter Aneignung sprechen. Die Ungerechtigkeit besteht dann aber nicht in dem Kopieren, sondern in einem mutmaßlich ungerechtfertigten Machtgefälle zwischen A und B und einem ziemlich sicher ungerechten Verbot gegen B. Ich will nicht ausschließen, dass es historisch solche Situationen gegeben haben mag. Dann war aber das, was als "kulturelle Aneigung" bezeichnet wird, wohl das geringste Problem des B oder seiner Gruppe...

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ich glaube, bei der 'kulturellen Aneignung' geht es doch v.a. darum, dass Ausdrucksmittel einstmals oder immer noch unterdrückter Minderheiten ihnen von ihren damaligen/heutigen Beherrschern 'entwendet' und nun einem anderen, oftmals rein modischem Zweck oder einem, der hauptsächlich der Unterhaltung dient, verändert werden. Dabei geht dann der ursprüngliche Gehalt, der oftmals Auflehnung, Widerstand etc. beinhaltete, vollständig verloren. Wichtig ist aber, dass immer ein soziales Gefälle zwischen 'Aneignern' und Unterdrückten besteht.


    Wenn das so stimmt, kann ich den Gedankengang sogar nachvollziehen, halte ihn aber in einer immer stärker zusammenwachsenden Welt nicht mehr für praktikabel. Und auch nicht für anstrebenswert. Weiter oben in diesem Thread wurde schon darauf hingewiesen, dass die 'Aneignung' kultureller Güter auch Wertschätzung ausdrücken kann, der Verbreitung dient, Entwicklungen bewusster machen kann usw. Aber v.a. ändert sich die Welt. Was einst galt, muss heute nicht mehr von Bedeutung sein. Wenn man Rasta-Locken immer noch als ein No-Go für Weiße betrachtet, wenn weiße Künstler keine Pop-Musik mehr machen dürften, zementiert man damit auch einen Zustand, indem man behauptet, dass die Verhältnisse, die einst zu diesen kulturellen Ausdrucksformen führten, immer noch gelten. Es gibt, als Beispiel, auch heute noch kolonialistische Ausbeutung und Unterdrückung in Afrika, aber sie sieht anders aus. Und es ist fraglich, ob die Afrikaner von heute (sorry für die Verallgemeinerung) immer noch zu den selben Ausdrucksmitteln greifen würden. Dinge, die irgendwann einmal eine bestimmte Bedeutung hatten, verlieren diese im Laufe der Zeit, anderes tritt an deren Stelle und Früheres gewinnt eine neue Bedeutung. Das ist völlig normal und gilt für alle Kulturen und für alle Zeiten. Die Konservierung von Bedeutungen führt eher zu Trennungen und zu 'Schubladendenken'.


    Wo auch will man ansetzen? Irgendwann hat quasi jedes Volk mal unterdrückt oder wurde unterdrückt. Beschränken wir 'kulturelle Aneignung' nun z.B. auf die letzten 200 Jahre? Oder ist es der europäische Kolonialismus für den es besonders gilt? Zählen dazu vielleicht auch ausgebeutete Kulturen, die gar nicht mehr existieren, müssen nun also altägyptische Deko-Nippessachen wie entsprechende Katzenfiguren, Götterstatuen, Tut-anch-amun-Masken und was sich sonst noch so in Wohnzimmern tummelt, entfernt werden? Wo enden wir eigentlich, wenn wir das einmal konsequent zu Ende denken? Muss alles entfernt werden, was jemals durch Ausbeutung und Unterdrückung zu uns gelangt ist und dessen ursprünglichen Sinn wir verfremdet haben? Sollen nur Kulturleistungen erlaubt sein, die ein Volk, eine Nation, eigen und ohne Unterdrückung selber entwickelt hat?


    Manchmal dämmert bei mir so eine Erinnerung an eine bestimmte Epoche unserer Geschichte herauf, wo wir so etwas Ähnliches schon einmal hatten. Aus anderen Gründen natürlich, aber das Verbannen eines internationalen kulturellen Austausches (egal, aus welchen Gründen) kann doch nur zu mehr Nationalismus führen. Das kann doch wohl nicht gewollt sein.


    :wink:Wolfram

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