Kulturelle Aneignung

  • Alles klar, lieber Heino

    ich hatte Deinen Post, den Du vor 13 Minuten abgesendet hast, noch nicht gelesen.

    Einverstanden: Dann schicke ich noch zwei Smileys hinterher, von denen Du Dir eins aussuchen darfst, oder Du nimmst alle beide:


    :cincinbier: :cincinsekt:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Ich finde es eigentlich keine Kleinigkeit, dass wiederholt Musiker mit Dreadlocks wegen ihrer Frisur nicht auftreten durften. Das darf doch nicht wahr sein ...

    Andererseits wusste der schweizer Dreadlockträger nach eigener Aussage nichts von "cultural appropriation". Das ist auch eine Leistung für einen antidiskriminatorischen Reggaemusiker.

    Warum muss der sich mit jedem Quatsch, der gerade auf einer Uni "in" ist, beschäftigen?

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Ich finde es eigentlich keine Kleinigkeit, dass wiederholt Musiker mit Dreadlocks wegen ihrer Frisur nicht auftreten durften. Das darf doch nicht wahr sein ...

    Andererseits wusste der schweizer Dreadlockträger nach eigener Aussage nichts von "cultural appropriation". Das ist auch eine Leistung für einen antidiskriminatorischen Reggaemusiker.

    Warum muss der sich mit jedem Quatsch, der gerade auf einer Uni "in" ist, beschäftigen?

    Du hast in dieser Hinsicht etwas seltsame Vorstellungen, wenn Du glaubst, diese Diskussion fände nur an der Uni statt. Eher wurde sie in die Unis hineingetragen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Also komm, wenn Du in Österreich lebst, wirst Du das Thema "cultural appropriation" am ehesten auf der Uni kennenlernen.

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  • Schon, aber meine "Freunde" dort stammen fast alle aus der universiär-künstlerischen Bubble.

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  • Aber das Thema ist nicht nur dort aktuell. Natürlich wird es nicht am ehesten von denen diskutiert, die kaum über die Runden kommen oder handfeste Formen der Benachteiligung erleiden müssen. Vom ethnischen Aspekt völlig unabhängig finde ich bspw. das Tragen von abgewetzten Doc Martens und anderer "working class gear" in wohlbestallten Bürgerkreisen auch deplatziert. Die "Malocher" in Nordengland ziehen jedenfalls etwas anderes an, wenn sie die Wahl haben. Für mich ist das auch eine Art der "cultural appropriation", nur ergehen sich die Malocher nicht in elend langen Diskussionen und Reflexionen. Instinktiv lehnen sie das aber ab. Ich glaube, nichts lehnt die Arbeiterklasse tatsächlich mehr ab als linke Bürgerliche, v.a. die jungen Exemplare.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Dreadlocks sind bei uns seit Jahrzehnten üblich als Ausdruck einer toleranten antidiskriminierenden Lebenseinstellung.

    Und wie sich jetzt zeigt, stößt das eben bei denjenigen, die das als zentralen Teil ihrer Existenz und ihres Glaubens ansehen, nicht auf große Zustimmung.


    Man möge mich bitte korrigieren, wenn ich falschen Informationen auf den Leim gegangen sein sollte, aber meines Wissens haben sich weder in diesem aktuellen Fall noch in dem Fall mit der Dreadlock-tragenden Klimademo-Sängerin dunkelhäutige Menschen beschwert, sondern vor allem (vermeintlich) progressiv eingestellte Weiße.


    Dies wundert mich bei der ganzen Sache auch so. Ich würde es ja noch vollkommen verstehen, wenn Jamaikaner sich daran stören würden, dass Weiße ihnen ihre Kultur mopsen und dann damit mehr Aufsehen erregen als die Jamaikaner selbst, aber erstens einmal ist der berühmteste Reggae-Musiker aller Zeiten wohl immer noch der (dunkelhäutige) Bob Marley, und zweitens ist die Jamaikaner-Dichte in Bern vermutlich eher überschaubar.


    Soll heißen: hier führen Weiße eine Stellvertreter-Diskussion quasi im Namen unterdrückter Minderheiten, nur haben sie dafür kein Mandat. Wie wäre es denn, wenn man erstmal die Minderheiten selbst fragen würde, was sie davon halten, anstatt das für sie zu entscheiden? Ich finde dieses Verhalten gegenüber Minderheiten jedenfalls reichlich patronisierend. Sollte sich ein nennenswerter Anteil der jamaikanischen oder jamaikanisch-stämmigen Bevölkerung an den weißen Dreadlock-Reggae-Leuten stören, wäre ich dafür, dass die ihren Stil dringend nochmal überdenken sollten.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ich glaube, nichts lehnt die Arbeiterklasse tatsächlich mehr ab als linke Bürgerliche, v.a. die jungen Exemplare.

    Dabei sind es ja die linken Bürgerlichen, die Blackfacing, Rastalocken, den Gebrauch des Wortes "Neger" und das generische Maskulinum verbieten wollen.

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  • Soll heißen: hier führen Weiße eine Stellvertreter-Diskussion quasi im Namen unterdrückter Minderheiten, nur haben sie dafür kein Mandat. Wie wäre es denn, wenn man erstmal die Minderheiten selbst fragen würde, was sie davon halten, anstatt das für sie zu entscheiden? Ich finde dieses Verhalten gegenüber Minderheiten jedenfalls reichlich patronisierend. Sollte sich ein nennenswerter Anteil der jamaikanischen oder jamaikanisch-stämmigen Bevölkerung an den weißen Dreadlock-Reggae-Leuten stören, wäre ich dafür, dass die ihren Stil dringend nochmal überdenken sollten.

    Also da kann ich 100% zustimmen. Das wäre in der Tat völlig inakzeptabel - und noch viel eher "approriation" als irgendeine Haartracht.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich glaube, nichts lehnt die Arbeiterklasse tatsächlich mehr ab als linke Bürgerliche, v.a. die jungen Exemplare.

    Dabei sind es ja die linken Bürgerlichen, die Blackfacing, Rastalocken, den Gebrauch des Wortes "Neger" und das generische Maskulinum verbieten wollen.

    Jetzt sind wir aber schon wieder am Mischen, oder? Ich sprach von Bürgerlichen - vs. Arbeitern, also Angehörigen derselben Kultur bzw. "Rasse". Und wenn man den Arbeitern zuhört, dann nervt sie die "social appropriation" eben genauso wie viele andere die "cultural appropriation".

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Was bei der Aneignungs-Diskussion m. E. übersehen wird, ist die letztliche Konsequenz, wenn man die Sache zuende denkt.


    Akzeptieren wir erstmal die Prämisse der Diskussion, also dass es unschicklich ist, sich bei Vorhandensein eines Machtgefälles als Mehrheit eine Minderheiten-Kultur ungefragt "anzueignen".


    Wen könnte man denn um Erlaubnis fragen, ob das in Ordnung ist? Angenommen, ich möchte eine Funk-Band gründen: welche Vertretung der afroamerikanischen Gemeinschaft müsste ich kontaktieren und um Zustimmung bitten?


    Derartige Mandatsträger, die die Aneignung gleichsam "absegnen", gibt es nicht. Also ist die logische Konsequenz, dass die Aneignung unterbleiben muss.


    Dass bedeutet aber, dass Mehrheitskulturen frei von vielen Fremdeinflüssen bleiben müssen, nämlich von all jenen, die von Minderheiten eingebracht werden. Die weiße Mehrheitskultur als unantastbarer Monolith - der feuchte Traum der AfDler wird Realität. Nur dass dieses Konstrukt in diesem Fall gar nicht von der AfD stammt, sondern aus einer vermeintlich progressiv eingestellten linken Ecke.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ich glaube, nichts lehnt die Arbeiterklasse tatsächlich mehr ab als linke Bürgerliche, v.a. die jungen Exemplare.

    Dabei sind es ja die linken Bürgerlichen, die Blackfacing, Rastalocken, den Gebrauch des Wortes "Neger" und das generische Maskulinum verbieten wollen.

    Jetzt sind wir aber schon wieder am Mischen, oder? Ich sprach von Bürgerlichen - vs. Arbeitern, also Angehörigen derselben Kultur bzw. "Rasse". Und wenn man den Arbeitern zuhört, dann nervt sie die "social appropriation" eben genauso wie viele andere die "cultural appropriation".

    Was ist "social appropriation"? Zerrissene Jeans als Mode? Ich dachte, das tragen hauptsächlich nicht unbedingt die Oberschichtler.

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  • Wen könnte man denn um Erlaubnis fragen, ob das in Ordnung ist? Angenommen, ich möchte eine Funk-Band gründen: welche Vertretung der afroamerikanischen Gemeinschaft müsste ich kontaktieren und um Zustimmung bitten?

    Ich finde, das sollte man v.a. sich selbst fragen, nachdem man sich die Ansichten des Gegenübers angehört und sie bewogen hat. Ich sehe diese ganzen Diskussionen über Kultur etc.. eher als Aufruf zur Reflexion. Ist das, was ich mache, wirklich ok so? Weshalb haben andere damit ein Problem? Hätte ich auch ein Problem damit, wäre ich an ihrer Stelle?

    Von Sanktionen halte ich hier nichts, im Gegenteil. Viele Diskussionen, die sich um solche Themen drehen, entgleisen meiner Meinung nach, weil die Diskutanten sich bedroht fühlen. Dies v.a. deshalb, weil Kritik in unserer Lebenserfahrung oft oder meist mit Sanktionen verbunden ist. Und Sanktionen, vulgo Strafen, mag keiner.

    Nein, es sollte sich um Diskussionen auf Augenhöhe handeln.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Was ist "social appropriation"? Zerrissene Jeans als Mode? Ich dachte, das tragen hauptsächlich nicht unbedingt die Oberschichtler.

    Oberschichtler gibt es sehr wenige. Aber junge Mittelständler, die Doc Martens tragen oder Formen des "sleazy chic" nutzen, gab und gibt es Legion. Jedenfalls in Wien - und wie ich vermute in allen Städten des deutschsprachigen Raums.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Wen könnte man denn um Erlaubnis fragen, ob das in Ordnung ist? Angenommen, ich möchte eine Funk-Band gründen: welche Vertretung der afroamerikanischen Gemeinschaft müsste ich kontaktieren und um Zustimmung bitten?

    Ich finde, das sollte man v.a. sich selbst fragen, nachdem man sich die Ansichten des Gegenübers angehört und sie bewogen hat. Ich sehe diese ganzen Diskussionen über Kultur etc.. eher als Aufruf zur Reflexion. Ist das, was ich mache, wirklich ok so? Weshalb haben andere damit ein Problem? Hätte ich auch ein Problem damit, wäre ich an ihrer Stelle?


    Dem kann ich durchaus zustimmen - die Diskussion um "kulturelle Aneignung" nicht so sehr mit dem Ziel einer Grenzziehung oder Setzung einer neuen sozialen Norm, sondern als Ansporn, eigenes Verhalten zu reflektieren und mit anderen zu sprechen.


    Das hieße dann aber auch, dass eine automatische Empörung ("Wieso trägt der Dreadlocks?") zurückzuweisen wäre. Aus dem Umstand, dass ein Weißer Regaae spielt und Dreadlocks trägt, kann ich nämlich keinerlei Information ableiten, mit wievielen Jamaikanern der zuvor schon gesprochen hat. Vielleicht hat er ja sogar mehrere Jahre dort gelebt und ist mit vielen Jamaikanern befreundet? Woher will ich das denn wissen, wenn ich ihn nur sehe aber dann meinserseits nicht mit ihm spreche?


    LG :wink:

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  • Aha. Keine Ahnung zu "Doc Martens" und "sleazy chic" lese ich zum ersten Mal.

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  • Aus dem Umstand, dass ein Weißer Regaae spielt und Dreadlocks trägt, kann ich nämlich keinerlei Information ableiten, mit wievielen Jamaikanern der zuvor schon gesprochen hat. Vielleicht hat er ja sogar mehrere Jahre dort gelebt und ist mit vielen Jamaikanern befreundet? Woher will ich das denn wissen, wenn ich ihn nur sehe aber dann meinserseits nicht mit ihm spreche?

    Absolut einverstanden. Das ist natürlich Vorurteil pur.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Das hieße dann aber auch, dass eine automatische Empörung ("Wieso trägt der Dreadlocks?") zurückzuweisen wäre. Aus dem Umstand, dass ein Weißer Regaae spielt und Dreadlocks trägt, kann ich nämlich keinerlei Information ableiten, mit wievielen Jamaikanern der zuvor schon gesprochen hat. Vielleicht hat er ja sogar mehrere Jahre dort gelebt und ist mit vielen Jamaikanern befreundet? Woher will ich das denn wissen, wenn ich ihn nur sehe aber dann meinserseits nicht mit ihm spreche?


    LG :wink:

    Also die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Dreadlocks trägt, um sich über <weißnichtwiemandienennendarf> lustig zu machen, ist wohl so ca. 0.

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  • Der liebe Heino hat nicht zu unrecht moniert, dass ich detailliertere Beweise schuldig bleiben würde.


    Nun, es ist tricky: in der Tat war ich ziemlich erregt ob dem Konzertabbruch aus besagten fadenscheinigen Gründen - (ich war übrigens nicht dabei) - und hatte somit das dringende Bedürfnis, hier in diesem passenden Faden etwas darüber zu berichten.


    Zu allem, was ich dazu geschrieben habe, stehe ich voll und ganz.


    Gleichzeitig war mir bewusst, dass die Entwicklung für alle Parteien wohl eher peinlich ist, weswegen ich den konkreten Topos nicht weiter ausbreiten (und somit keine weiteren Links übermitteln) wollte.


    Sowohl das Cüpli-Stösschen wie auch

    das Bier-Wöhlchen von Gurnemanz nehme ich dankend an und erwidere beide sehr gerne.


    Gruss aus Bern vom Walter

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