Musikstadt Zürich

  • Zürich ist klarer Weise nicht vergleichbar mit Wien oder Paris, aber dennoch wurde auch in der beschaulichen Limmatstadt Musikgeschichte geschrieben. Zürich verfügt über international anerkannte Institutionen, wie das Opernhaus und das Tonhallen Orchester. Wagner lebte hier. Brahms wurde hoch verehrt und hatte hier einen Illustren Freundeskreis. Auf Zürichs Friedhöfen findet man Musikgrössen wie Otto Klemperer, Erich Kleiber oder Géza Anda. Auch die Musikhochschule geniest einen guten Ruf. Das Musikwissenschaffentliche Institut der Universität wurde einst von Hindemith geleitet.


    In diesem Thread möchte ich zunächst drei Bücher vorstellen, die Aspekte der Musikstadt Zürich thematisieren. Zwei Sachbücher und einen Roman.


    Erfreulich wäre, wenn auch andere Forenmitglieder zukünftig in diesem Thread Wissenswertes über die Musikstadt Zürich niederschreiben.


    Ich könnte mir vorstellen, dass auch zu anderen Städten entsprechende Threads im Forum eröffnet werden. Im Idealfall würden sich virtuelle musikalische Stadtführer ergeben, die man vor oder währen einer Reise konsultieren könnte. Wie wäre es also mit z.B. Musikstadt Frankfurt, Musikstadt Bonn, oder auch Musikstadt Buxtehude Grins2 ?

  • Anlass für diesen Thread ist das Buch Musik in Zürich, dass letztes Jahr im Chronos-Verlag erschienen ist:


    In diesem Stadtführer wird die Musikgeschichte der Stadt vom Mittelalter bis in die Gegenwart von A bis Z beleuchtet. Mit seinem ausgiebigen Kartenmaterial im Anhang sind die zahlreichen musikgeschichtlich interessanten Orte leicht zu finden. Mit seiner reichen Bebilderung lädt es zum Kreuz-und-Qerlesen ein. Laut Vorwort dienten langjährige Forschungsprojekte am Musikwissenschaftlichen Institut als Grundlage für die Veröffentlichung dieses Werkes.

    Das Buch konzentriert sich klar auf die Klassische Musik. Pop und Jazz finden kaum Beachtung.

    Es wurde im Februar von Corinne Holtz in der NZZ besprochen. https://www.nzz.ch/feuilleton/…r-stadtfuehrer-ld.1669223

    Hier kann man einen Radiobeitrag des Mitherausgebers Bernhard Hangartner nachhören:

    Bernhard Hangartner über den Musik-Stadtführer „Musik in Zürich“
    Viele bedeutende Musikerinnen und Musiker haben Zeit ihres Lebens in Zürich verbracht. Dass Zürich nicht nur Wirkungsort einheimischer und schweizerischer…
    www.swr.de


    Für mich ist das Buch eine wahre Fundgrube. Für manche mag es etwas trocken daherkommen, nach guter alter Lexikon-Manier wird hier nüchtern, aber sprachlich anspruchsvoll beschrieben. Bücher die sich mehr mit dem aktiven Musikleben der Stadt beschäftigen dürfen dann gerne noch folgen.


    Hudebux

  • Erfreulich wäre, wenn auch andere Forenmitglieder zukünftig in diesem Thread Wissenswertes über die Musikstadt Zürich niederschreiben.

    Leider kann ich hier so gut wie nichts beitragen. In Zürich war ich insgesamt dreimal zu kurzen Besuchen, kenne die Stadt kaum. Immerhin erlebte ich einmal dort eine Aufführung der Carmen im Opernhaus, mit einer großartigen Agnes Baltsa in der Titelrolle, vor über 20 Jahren. Das fand ich sehr beeindruckend.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Mir fällt zu Zürich ein, dass nicht nur die im Eingangsposting bereits genannten Musikgrößen Erich Kleiber, Otto Klemperer und Géza Anda, sondern auch Volkmar Andreae und Othmar Schoeck dort gestorben sind.

  • Letztes Jahr ist ja auch Edita Gruberová hier gestorben. Ab 1986 war sie festes Ensemble-Mitglied des Opernhauses.


    Das Opernhaus veröffentlichte kurz nach ihrem Ableben einen Podcast, in dem Vesselina Kasarova sich an ihre Kollegin erinnert.



    Staffel 3, Folge 4
    Zwischenspiel – Ein Podcast aus dem Opernhaus Zürich mit Gesprächen und Begegnungen mit Künstler*innen, Musik und Hintergrundinformationen.
    www.opernhaus.ch

  • Hmm. Fast möchte man meinen: "Zürich, eine gute Stadt zu sterben." Das könnte man natürlich positiv wie negativ interpretieren...


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Die meisten kommen, um hier zu leben. Aber die Friedhöfe hier sind auch wirklich sehr schön.

  • Brahms kam nach Zürich mehrere Male, starb dann aber doch lieber in Wien. Dennoch hat er seine Spuren in der Stadt hinterlassen. Am Augenfälligsten ist sein Porträt im Komponistenolymp der Tonhalle.

    An der Decke über dem Publikum sind gemalt: Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven, Wagner und eben Brahms.

    https://www.tonhalle-orchester.ch/site/assets/files/222823/tas_komponistenhimmel-c-stuecker_josef.800x0-is-pid233397.jpg

    Er steht etwas versteckt in der Ecke. Seine Sonderrolle in diesem illustren Kreis beruht aber darauf, dass er bei der Einweihung der "neuen" Tonhalle 1895 der einzig abgebildete Komponist war, der damals noch lebte. Er war sogar als Star der Eröffnung anwesend. Zusammen mit Friedrich Hegar dirigierte er das Eröffnungskonzert. Dies war sein letzter Aufenthalt in Zürich. Dreissig Jahre zuvor, 1865, gab er sein erstes Konzert in der Limmatstadt. Er verbrachte mehrere Sommer in Zürich und hatte einen festen Freundeskreis hier.

    Wer sich für das Musikleben in Zürich am Ende des 19. Jahrhunderts interessiert, dem empfehle ich die Lektüre dieses Romans:



    Die Brahmskommode von Kaspar Wolfensberger zeichnet genau die Zeit zwischen 1865 und 1895 nach. Der Autor hat einen familiären Bezug zu dieser Geschichte, lebte er doch in seiner Jugend im Brahmshaus in Alt-Nidelbad, also in dem Haus, in dem Brahms im Sommer 1874 wohnte, und in dem es noch eine Kommode (eigentlich ein Sekretär) mit persönlichen Gegenständen von Brahms gab. Wolfensberger hatte die Kommode wohl schon vergessen, als er sie unverhofft von seinem Onkel (?) erbte. In der Kommode befinden sich Porträts, alter Tabak, Bücher mit Widmungen, teilweise verfasst von Brahms Freunden in Zürich.

    Ausgehend von diesem Material entwickelt Wolfensberger seinen Roman, der für Zürcher Klassikfans Pflichtlektüre sein sollte. Neben Musikgeschichte bietet der Roman auch Kulturgeschichte der Zeit und sogar Medizingeschichte. Brahms machte in Zürich Bekanntschaft mit dem Chirurgen und Naturforscher Prof. Theodor Billroth. So beginnt der Roman auch mit einem Kaiserschnitt an der Uniklinik. Billroth gehörte zu dem privaten Musikkreis, in dem Brahms musizierte. Beide lebten später in Wien. Brahms gab offenbar häufig Billroth seine Kompositionen vor der Veröffentlichung zu lesen.

  • Gestern war in Zürich die Premiere von Wagners "Rheingold" in der Neuinszenierung von Andreas Homoki. Unter https://www.opernhaus.ch/home/…-neuer-ring-fuer-zuerich/ gibt es Informationen zum neuen "Ring", darunter auch ein Interview, das Dramaturg Werner Hintze mit dem Regisseur geführt hat.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Diesen Roman hast Du vergessen zu erwähnen, lieber Hudebux. Ich habe ihn verschlungen...



    Er zeigt die Musikstadt Zürich mal aus einer anderen Perspektive, nämlich von hinten. Neben dem Züricher Pianisten Nico Kaufmann lernen wir einen ungleich bekannteren ukrainischen Pianisten kennen, der gern aus den Zwängen seines Lebens als Schwiegersohn eines Stardirigenten an die Limmat floh...

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • Ja, von dem Buch hatte ich schon mal gehört. Und es tatsächlich wieder vergessen.

    Danke für diesen Tipp und, dass Du thematisch das Feld von hinten erschliesst.


    In dem Musikstadtführer aus Beitrag 2 ist Nico Kaufmann immerhin etwas über eine Seite gewidmet. In Zürich verkehrte er auch bei den Manns in den 30ern. Er komponierte auch. Sein musikalischer Nachlass befindet sich in der Zentralbibliothek, der übrige biographische Nachlass wird im Schwulenarchiv Schweiz aufbewahrt. Die Stiftung Nico Kaufmann richtet jährlich ein Stipendium für junge Schweizer Musiker aus.


    Stiftung Nico Kaufmann - Stadt Zürich

  • Sein musikalischer Nachlass befindet sich in der Zentralbibliothek, der übrige biographische Nachlass wird im Schwulenarchiv Schweiz aufbewahrt.

    Dort fand sich wohl auch sein Briefwechsel mit Horowitz, auf dessen grundlage Lea Singer ihren Roman verfasst hat.

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • In dem Musikstadtführer aus Beitrag 2 ist Nico Kaufmann immerhin etwas über eine Seite gewidmet. In Zürich verkehrte er auch bei den Manns in den 30ern.

    Mir ist Nico Kaufmann bisher überhaupt nicht bekannt gewesen. Er war wohl sehr gut mit den Mann-Kindern während derer Schweizer Exilzeit in Küsnacht befreundet. Da ich die kompletten Thomas-Mann-Tagebücher besitze, kann ich hier zwei Zitate nennen, wo man sieht, dass er auch auf den Vater großen Eindruck machte:

    ("Medi" war der Rufname der jüngsten Tochter Elisabeth)

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

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