John FIELD (1782-1837): Virtuose, Romantiker, Epikuräer

  • Dem mitteleuropäischen Publikum ist sein Name wenig vertraut, und es spricht für unser Capriccio-Forum, daß es hier einige leidenschaftliche Verehrer dieses Meisters gibt (denen ich mich hiemit anschließe). Immerhin war der geborene Ire einer der beliebtesten Musikkünstler seiner Zeit. Als wichtigster Schüler Muzio Clementis begleitete er seinen Lehrer 1802 zuerst nach Paris und Wien und schließlich nach Rußland, das zu seinem Lebensmittelpunkt wurde. Nachdem er sich 1803 von Clementi getrennt hatte, erfuhr er eine steile Karriere als Klaviervirtuose, wurde zu einer europäischen Berühmtheit und ging in die Musikgeschichte ein als Vater des Nocturne. Er hatte diese Gattung nicht erfunden, aber populär gemacht. Seine Kompositionen reichen von ohrenschmeichlerischen und liedhaft-träumerischen Schöpfungen bis zu höchst anspruchsvollen Konzerten. Leider führte er ein ausschweifendes Leben - man nannte ihn nicht grundlos "Drunken John" - und starb relativ früh in Moskau.

    Seine Musik scheint sich allmählich wieder dem einstigen Bekanntheitsgrad zu nähern, völlig zu recht, denn sie demonstriert wie wenige, daß scheinbare Einfachheit und subtiles Raffinement oft eng benachbart sind. Ich kann mir vorstellen, wie sich zu seinen Lebzeiten begabte Amateurspieler auf viele seiner Stücke gestürzt haben. Freilich möchte ich nicht wissen, wie das dann geklungen hat. Inzwischen gibt es verschiedene hochgepriesene Einspielungen. Zum Einstieg sehr gut geeignet ist zum Beispiel die 6er-Box von Naxos mit Benjamin Frith am Klavier und der Northern Sinfonia unter David Haslam. Ein vorzügliches Heilmittel, wenn man wie ich vor kurzem coronabedingt am Sofa dahingrantelt. Aber Achtung, Field könnte wie eine Droge wirken...


    NAXOS 2018 (1999) aufgenommen 1996

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    Homo sum, ergo inscius.

    2 Mal editiert, zuletzt von Waldi ()

  • Bekannt ist mir John Field durchaus, eben als "Vater des Nocturne" und daher auch für Chopin wegweisend. Aber sonderlich vertraut bin ich mit seiner Musik nicht.


    Immerhin findet sich bei mir eine recht hörenswerte Aufnahme zweier Klavierkonzerte, die ich mal wieder anhören könnte:


    Klavierkonzert Nr. 2 As-Dur

    1. Allegro moderato, 2. Poco adagio, 3. Rondo: Moderato innocente; Fugato; Moderato

    Klavierkonzert Nr. 3 Es-Dur

    1. Allegro moderato, 2. Nocturene B-Dur: Andantino, 3. Rondo: Tempo di Polacca


    John O'Conor, Klavier, Scottish Chamber Orchestra, Ltg.: Sir Charles Mackerras


    Beide Konzerte wurden 1816 veröffentlicht; wahrscheinlich waren sie ein paar Jahre zuvor entstanden, so das Booklet. Insgesamt hat er 7 Klavierkonzerte komponiert.


    :wink:


    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Dank an Waldi vor allem und an Gurnemanzen!


    Es sind die Klavier-Nocturnes und -Konzerte, die sein Schaffen charakterisieren. Nicht ausschließlich, aber hochgradig und seine Bedeutung bestimmend. Auf jeden Fall kommt er ebenso prägnant vom Klavier wie Chopin.


    Hier die Integrale der Konzerte, die ich mir zugelegt habe. Benjamin Frith und John O`Conor kenne ich aber auch mit einzelnen Konzerten von CD oder Rundfunkmitschnitt.



    Das zweite Konzert in As spricht mich am stärksten an; möglich, dass es auch am häufigsten gespielt wird.


    Von den Nocturnes mag ich das folgende mit Abstand am meisten. Vielleicht könnt Ihr das sogar ein wenig nachempfinden. Die anderen erscheinen mir nicht ganz so unverwechselbar - aber zweifellos hat John Field hierbei ein Genre mitbegründet. Weißt Du mehr, Waldi, als Du oben geschrieben hast?


    Das C-Dur-Nocturne - welche Zählnummer auch immer - finde ich erlesen stimmungsvoll und raffiniert. Ein wenig klimpern kann ich's, aber man sollte die Verzierungen und deren sinnvolle Einbindung in die Phrase nicht unterschätzen.


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    NB1: Bezüglich Zuordnung und Zählung ist bei den Nocturnes Vorsicht geboten. Verwirrung droht!


    NB2: Alkoholiker war er? Das hört man der Musik nicht an. Oder noch weniger als bei Mussorgski. Immer das Gleiche! :evil:


    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Notturni - etwa in Form von Ständchen - sind eine Kreation des 18.Jahrhunderts. Field entwickelte die Form speziell für Klavier weiter, was durch die englische Bauweise ermöglicht wurde, die ein langes Ausschwingen der Töne ermöglichte. Insofern war seine enge Verbindung zu Clementi, der sich mit fortschreitendem Alter immer mehr auf die Erzeugung und den Vertrieb von Klavieren verlegte, wohl von entscheidender Bedeutung.

    Vor einem halben Jahrhundert erschien eine Field-Monographie von Patrick Piggott, die ich aber nicht kenne. Vermutlich ist dort mehr zu finden als in den diversen Lexika.

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    Homo sum, ergo inscius.

  • Field entwickelte die Form speziell für Klavier weiter [...]

    Das dürfte der entscheidende Punkt sein. Denn Nachtstücke gibt es nun wirklich auch bei Mozart ... daran habe ich, offen gestanden, nicht gedacht. :rolleyes:


    Mögliche Erklärung für meine Begriffsstutzigkeit: Sie heißen bei Mozart in der Tat Notturni, nicht Nocturnes. Leicht möglich, dass wir auch so der Fragestellung näherkommen ... respektive einer Antwort. ;) .


    Vielleicht eher ein Sprach- denn ein Sachproblem. Nichts gänzlich Neuartiges insofern.


    Deine Erklärung, Waldi, bezüglich der Klavier-Bauweise leuchtet unmittelbar ein. Gibt es im 18. Jahrhundert Nachtstücke (Notturni, andere Sprachen?) für Klavier? :/


    :wink:

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  • John O'Conor hat auch eine GA von Fields Konzerten eingespielt.

    Meine Favoritin bislang.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • John O'Conor hat auch eine GA von Fields Konzerten eingespielt.

    Vielleicht die hier, mit Janos Fürst und dem New Irish Chamber Orchestra:


    ?


    :wink:

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    Helmut Lachenmann

  • Gibt es im 18.Jahrhundert Nachtstücke für Klavier?

    :wink:

    Es gab jedenfalls Notturni bzw. Nocturnes (der Terminus wird etwa ab 1780 gebräuchlich) für Klavier und Singstimmen (etwa von Kozeluch), ob für Klavier solo kann ich nicht sagen, da müßtest Du einen Spezialisten befragen. Die meisten Notturni im 18.Jh. wurden für eine Kombination mehrerer Instrumente geschrieben, wobei die Grenzen zu anderen Gattungen wie Serenade usw. fließend waren.

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    Homo sum, ergo inscius.

  • 15 der Nocturnes von Field hat Bart van Oort auf einem Broadwood von 1823 eingespielt - formidabel .

    Es sei noch einmal auf die vorzügliche Biographie von Patrick Piggott (English composer, pianist and musicologist 1915-1990) hingewiesen :

    Life and Music of John Field , 1782-1837 : Creator of the Nocturne . Nur antiquarisch erhältlich , aber lohnenswert .


     

    Die Nocturnes sind auch in einer 4 CD Brililliant Box mit den Chopin Nocturnes und weiteren enthalten , für - bei den heutigen Preisen - einen Appel zu finden .

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"


  • Das sind auch meine Field-Nocturnes, andere kenne ich gar nicht in haptisch fassbarer Gestalt.


    Ganz vollständig ist die Sammlung nicht, das wusste ich. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob geklärt ist, was bei John Fields Nocturnes nun Vollständigkeit bedeutet.


    :) Wolfgang

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  • was bei John Fields Nocturnes nun Vollständigkeit bedeutet.

    Ich meine , 18 wäre so die Regel . Aber es gibt so viele Aufnahmen davon , da ist für jeden etwas dabei , solange man die Nocturnes nicht in der Art seines Nachfolgers erwartet .

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Patrick Piggott hat auch die GA der Klavierkonzerte mit John O'Conor betreut.

    Vom gleichen Pianisten gibt es auch die Nocturnes und die Sonaten.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Ich höre gerade die Nocturnes mit Elisabeth Joy Roe. Gefällt mir gut, habe aber (noch) keinen Vergleich.

    Schöne Grüße, Helli



    Immer cool bleiben.

  • Bekannt sind 17 Nocturnes. Nr.18 ("Midi") ist eigentlich ein Rondo.


    Inzwischen akustisch eingeschlürft:


    Naxos 2018 /2000)


    Enthält die Nocturnes Nr.10-18 und die Sonate op.1 Nr.3. Field sowohl als verträumter Romantiker wie als "clementish". Wieder hervorragend gespielt.

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    Homo sum, ergo inscius.

  • Benjamin Frith ist für mich gut, aber etwas unterkühlt.

    Vom zweiten und vom dritten Konzert - glaube ich . habe ich mal Einspielungen vom Rundfunk mitgeschnitten, die ich im Moment nicht hören kann. Das ist schon über dreißig Jahre her. Leicht möglich, dass mein Eindruck ähnlich war. Spielt Frith eigentlich auf einem modernen Flügel? Ich bin mir nicht mehr ganz sicher.


    Aber gut - Ihr bezieht Euch natürlich auf die Nocturnes, nicht auf die Konzerte, wie ich gerade sehe.


    :) Wolfgang


    EDIT: Es ist wohl ein moderner Flügel, wenn man bei jpc in die Klangproben hört. Und außerdem enthält die Naxos-Sammlung, auf die ich mich jetzt bezogen habe, 6 CDs mit den Konzerten und solistischer Klaviermusik. Waldi hat sie in seinem ersten Beitrag hier verlinkt.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • EDIT

    Mit Benjamin Frith habe ich die Solo-Klavierwerke und auch die Konzerte, hauptsächlich weil er dort das Original präsentiert, wo John O'Conor teilweise mit der Schere eingegriffen hat. Nicht zu Unrecht (so sehr ich Field mag).

    Alles, wie immer, IMHO.

    Einmal editiert, zuletzt von Philbert ()

  • Die Klaviersoli von Frith hören sich an wie auf einem modernen Steinway-Flügel gespielt (zumindest für meine Laien-Ohren). Die Konzerte nehme ich mir in nächster Zeit vor, wenn nichts dazwischen kommt.

    Interessant, daß Ihr Frith etwas unterkühlt empfindet. Kann ich bis jetzt eigentlich nicht finden (z.B. Nocturnes Nr.1 und 10 sind da besonders geeignete Belege). Vielleicht weil ab und zu doch etwas von clementischer Bravour durchschlägt?

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