Shakespeare - Pericles, Prince of Tyre

  • Eine 'schimmelige alte Geschichte', eine 'aus Resten zusammengekochte Armeleutesuppe', wie Schriftstellerkollege Ben Johnson den 'Pericles' nannte, ist dieses Stück also. Aber das kann natürlich nicht sein, stammt es doch von Shakespeare. Oder nicht? Oder nur teilweise? Was daran ist authentischer Barde, was nicht?


    Vermutlich, mit drei Fragezeichen, 1607 entstanden, wird es ohne Autorennennung 1608 in das 'Stationer's Register' eingetragen, Vorbereitung für eine Publikation, die dann aber nicht erfolgt. Das ändert sich 1609, als ein anderer Verleger es unter dem Namen Shakespeares veröffentlicht, allerdings als ein heute sogenannter 'bad quarto', weil der Text dermaßen viele Unstimmigkeiten aufweist, dass man als Quelle ein Gedächtnisprotokoll vermutet. In der großen Sammlung aller verfügbaren Shakespeare Werke von 1623, dem 'First Folio' taucht es dann wiederum nicht auf, so dass der einzig überlieferte Text eben der 'bad quarto' von 1609 ist, was bedeutet, dass 'Pericles' vielleicht das Stück von allen ist, dessen Textfassung am korruptesten ist und bei dem die Frage der (alleinigen) Autorenschaft überhaupt nicht geklärt ist.


    Allgemein wird heute eine Ko-Autorenschaft (mit George Wilkins) angenommen, wobei dabei die besseren Teile gerne dann Shakespeare zugerechnet werden. Wirklich geklärt ist, wie so oft bei Shakespeare, also wieder einmal gar nichts. Fakt ist nur, dass uns ein Text vorliegt, der irgendwie mit ihm zu tun hat.


    Die Geschichte des 'Pericles', der nichts mit dem bekannten hellenistischen Politiker zu tun hat, sondern auf Erzählungen rund um Apollonius von Tyrus zurückgeht, ist seit der griechischen Antike bekannt und wurde immer wieder bearbeitet. Shakespeare scheint v.a. auf die Fassungen durch John Gower, einem mittelalterlichen Erzähler und auf Laurence Twines, einem Zeitgenossen, zurückgegriffen zu haben.


    Worum geht es nun? Gute Frage und nicht ganz leicht zu beantworten. Natürlich um Pericles und einen nicht ganz unwichtigen Abschnitt seines Lebens. Das ist aber dermaßen ereignisreich, dass ein einheitlicher Handlungsstrang kaum auszumachen ist. Es beginnt am Hofe in Antioch, an dem Pericles an einem Wettstreit um die Königstochter teilnimmt (Rätsel lösen oder Tod), bei dem er erkennt, dass Prinzessin und König eine inzestuöse Beziehung zueinander pflegen. Auch wenn er das Rätsel löst, zieht er es vor, aus dem Königreich zu fliehen, wobei er seinen ersten Schiffbruch erleidet. Zu Hause angekommen, fürchtet er weiterhin einen Racheakt des Königs von Antioch und flieht weiter nach Tarsus, wo er das dort herrschende Ehepaar vor einer Hungersnot bewahrt und sie sich zu Freunden macht. Die Reise geht dann weiter, allerdings unterbrochen von einem erneuten Schiffbruch. Nun landet Pericles in Pentapolis, nimmt am dortigen Wettkampf um die Königstochter teil, erringt sie (Thaisa) und ihre Liebe und beide machen sich zusammen auf den Heimweg. Leider wieder einmal per Schiff. An Bord wird die gemeinsame Tochter geboren, die Mutter aber stirbt. Ihr Leichnam wird in einem Sarg dem Meer übergeben, wird aber in Ephesus an Land gespült. Dort stellt man fest, dass Thaisa nur scheintot ist und man erweckt sie wieder zum Leben. Währenddessen fürchtet Pericles um das Leben seiner Tochter Marina und übergibt sie in Tarsus seinen Freunden von damals.


    Nun vergehen etliche Jahre. Pericles herrscht als König in Tyrus, Thaisa hat sich dem Dienst an der Göttin Artemis (Diana) gewidmet und Marina wächst unter dem zunehmend eifersüchtiger werdenden Auge ihrer Stiefmutter auf. Diese beschließt, da Marina immer mehr zu einer mögliche Konkurrenten ihrer eigenen Tochter wird, sie umzubringen. Der gedungene Mörder wird durch das Auftauchen von Piraten an der Tat gehindert. Diese verkaufen Marina an ein Bordell in Mytilene, wo sie aber durch ihre tugendsame Beredsamkeit jeden Kunden bekehrt, was natürlich nicht im Sinne ihrer Besitzer ist. Sie landet deshalb als Dienerin in einem ehrenhaften Haus. Pericles hat in der Zwischenzeit in Tarsus erfahren, dass seine Tochter gestorben sei und verfällt in eine schwere Depression. Zufälligerweise gelangt er nach Mytilene. Der dortige Gouverneur empfiehlt seinen Begleitern als 'Medizin' Marina, die ihn wohl wieder zum Sprechen bringen könne. Das gelingt auch und beide erkennen nun, dass sie Vater und Tochter sind. Aber damit nicht genug. Im Traum erscheint ihm Diana, die ihm aufträgt nach Ephesus zu reisen. In ihrem berühmten Tempel findet nun Pericles seine totgeglaubte Frau Thaisa wieder und einem Happy End steht nichts im Wege.


    Wer nun glaubt, dass das eine verquere Geschichte ist, hat vollkommen recht. Einerseits gibt es Szenen, die durchaus mit Tabuthemen handeln, andererseits strotzt alles von historischen, räumlichen, dramaturgischen Absurditäten. Aber genau darum geht es!


    'Pericles' ist die erste der sogenannten 'Romanzen', die Shakespeare geschrieben hat und zu denen mindestens noch 'A Winter's Tale', 'Cymbeline' und 'The Tempest' gezählt werden. Damit betrat er literarisches Neuland, da er diese Gattung erstmalig und durchaus erfolgreich auf die Bühne brachte.


    'Romanzen' sind eigentlich Theater pur. Die antike Einheit von Handlung, Zeit und Raum zählt nicht mehr. Alles wird zusammengebracht, neu kombiniert, Reibungen scheinen erwünscht, Widersprüche und Unglaubwürdigkeiten dienen der dramatischen Intensität. Romanzen gehen nicht gradlinig vor. Sie mischen Märchen und Drama, Komödien und Tragödien, sie stellen nebeneinander, nicht hintereinander. Fast immer gibt es Reisen, Schiffbrüche, Vater-Tochter-Beziehungen, Wiederbegegnungen und auch 'Auferstehung von den Toten', diese dann stets verbunden mit 'music of the spheres'. Eine Metapher wird nicht mehr gesagt, sie wird auf der Bühne ausgespielt. Wenn im 'Otello' die Eifersucht noch ein 'green-eyed monster' ist, so würde dieses in der Romanze prompt erscheinen. Menschen agieren nicht mehr unbedingt psychologisch begründet, sie handeln einfach. Weniger das 'warum' interessiert, sondern das Ergebnis dieser Aktion. Alles ist möglich in einer Romanze, wie auch im wirklichen Leben. Nichts wird mehr zugedeckt, es passiert eben und der Zuschauer fragt sich: 'Warum?'. Wie im wirklichen Leben.


    Vielleicht gibt es aber doch noch einen nicht unwesentlichen Unterschied zum Leben wie auch zu dem, was Theater vorher ausmachte. 'Macbeth' führte z.B. zwangsläufig in ein Desaster, 'Otello' auch. In einer Tragödie stirbt man halt, die Bösen, wie auch oft die Guten. Warum muss Desdemona sterben, warum auch Romeo oder Julia, Ophelia, Cordelia und warum all die anderen Unschuldigen? Weil es in einer Tragödie so ist. In einer Romanze gibt es immer die Chance auf ein Weiterleben, wie seltsam uns die Lösung auch erscheinen mag. Es gibt die Hoffnung, den Traum des Happy Ends trotz allem. Es ist nichts so ausweglos, als dass es nicht doch noch ein kleines Türchen irgendwo gibt, einen kleinen Hoffnungsschimmer, eine Befriedigung unseres Sehnens nach 'es wird doch noch alles gut'.


    All das findet sich im 'Pericles', so unfertig er auch noch ist, so holperig alles (noch) daherkommt. Das ist kein Meisterwerk, das ist ein Anfang, eine Übung, ein Versuch. Aber es ist auch eine Art Steinbruch von spannenden, irren, kontroversen Themen. Und es gibt dazwischen auch besten Shakespeare, z.B. in der Wiederbegegnung von Marina und Pericles.


    :wink:Wolfram

  • Da es nach langem Dornröschenschlaf erst in den letzten Jahrzehnten wieder häufiger aufgeführt wurde, gibt es kaum visuelle Beispiele. Eines der wenigen Dokumente ist wohl zur Zeit nicht verfügbar, die BBC-Produktion aus des 70iger/80iger Jahren. (*)



    Und auch dieser Film (in Anlehnung) scheint nicht erhältlich zu sein:



    Beide kenne ich nicht, kann nichts dazu sagen. Auf YT ist sind immerhin Mitschnitte zu hören. Einmal die Argo-Produktion mit Sir John Gielgud als 'Gower'


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    und auch eine mit Paul Scofield und Judi Dench.


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    :wink:Wolfram


    (*) Falsch, wie ich gerade gemerkt habe. Da schwamm noch ein Exemplar im Urwaldfluss und ich habe es sofort herausgefischt.

  • Was bei den Hörspielfassungen zwangsläufig und logischerweise wegfällt, ist die sogenannte 'dumb show', sind die Pantomimen, die das Geschehen und v.a. die zeitlichen Zwischenräume näher erklären. Denen voraus geht jeweils ein länger Monolog von 'Gower', der hier die Rolle des 'Chorus' einnimmt. Gower ist, wie erwähnt, ja der Autor einer der Hauptquellen des gesamten Stücks. Shakespeare lässt ihn nun als reale Person auftreten, bewahrt aber dabei, es handelt sich schließlich um einen Schriftsteller des Mittelalters, einen simplen, altertümlichen Sprachstil. Es ist klar, wir sind in der Vergangenheit, im antiken Griechenland. Aber warum tauchen dann Zitate in spanisch auf? Es bleibt eben ein Spiel, ein Mosaik, das aus allem zusammengesetzt wird, was Leben und Fantasie hergibt.


    :wink:Wolfram

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