Eben gelesen

  • Die Machtübernahme von Adolf Hitler und den Nazis zwang viele Musiker vor allem jüdischer Herkunft in die Emigration. Viele gelangte in die USA und siedelten sich nicht etwa in den kulturellen Zentren an der Ostküste an (dort war es schwierig Fuß zu fassen), sondern in Kalifornien, wo die Filmindustrie Arbeitsmöglichkeiten bot und das Leben auch billiger war. Von diesen Emigranten handelt das Buch, das ich gerade lese. Auf dem Cover unschwer zu erkennen: Otto Klemperer, Arnold Schönberg und Ernst Toch plus Prinz Hubertus zu Löwenstein (mit Zigarette)


    Dorothy Lamb Crawford

    A windfall of musicians


    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Peter Handke: Immer noch Sturm


    In den letzten Monaten habe ich mir eine Handke-Pause gegönnt, die ich heute (28. März 2022) mit „Immer noch Sturm“ beendet habe, und dieses Buch hat mir ganz hervorragend gefallen! Es ist formal gesehen eine Art Roman in fünf Kapiteln, in seiner Komposition allerdings eindeutig ein Drama (wie manche antike Dramen in fünf Akte gegliedert), die Handlung spielt im Südkärnten der späten Jahre des Zweiten Weltkriegs, als sich die slovenischen Partisanen gegen die deutsche Wehrmacht erhoben, grundsätzlich geht es aber hier um ein großes Friedensplädoyer (das wohl niemand gelesen hat, der Handke anlässlich der vollkommen verdienten Nobelpreisverleihung allerhand Unwahrheiten und Halbwahrheiten vorwarf), und zwar um Gerechtigkeit für BEIDE Seiten, indem weder die Diskurse der einen noch der anderen Seite unkritisch übernommen werden.


    Handke lässt in einer Art Traum die Mitglieder der Familie seiner Mutter vor dem Auge eines Ich-Erzählers (der wohl mit ihm selbst gleichzusetzen ist) erscheinen, wobei einiges den historischen Tatsachen massiv widerspricht (zwar starben zwei Brüder seiner Mutter im Krieg, die beiden übrigen Geschwister gingen jedoch nicht zu den Partisanen), was aber nicht stört: Schließlich handelt es sich um die Auseinandersetzung mit einem sehr dunklen und immer noch schwierigen Teil österreichischer Zeitgeschichte, durchgehend verbunden mit den indirekt gestellten Fragen, wie Frieden möglich ist und welchen Beitrag die Sprache dazu leisten kann (es gibt über das ganze Buch verstreut enorm viele zweisprachige Passagen deutsch-slovenisch oder slovenisch-deutsch).


    Der Stil des Buches ist wunderbar. Es zahlt sich aus, dieses Buch zu lesen und, vor allem, es genau zu lesen: Jeder Satz ist ein Genuss, Handke ist ein erstklassiger Literat; seine Bildung zeigt sich exemplarisch an der Passage „zuerst die Hunnen, dann die Türken, und jetzt die Schwaben, diese drei. Die schlimmsten aber sind die Deutschen!“ (Seite 110), der meiner Meinung nach zweifelsfrei eine Umdeutung von Korinther 1,13,13: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ ist. Die Passage auf Seite 118 über Personen, die den Krieg befördern „Diese Reißteufel sprechen unsere Sprache, sie kommen aus unserem Volk, und sind dabei die Henkersknechte des Herrenvolks, das sich so vornehm im Hintergrund halten und die Hände im Nichtwissen waschen kann, wie überall in Europa, von der Ukraine bis Oradour.“ hat vor einem Monat erschreckende Aktualität gewonnen.


    Dringende Leseempfehlung für alle, die Handke kennenlernen (oder es mit ihm nochmals versuchen) wollen: Dieses gerade einmal 165 in großer Schrift bedruckte Seiten umfassende Buch ist in seinen Charakteristika „Handke-typisch“, gleichwohl besitzt es dank der erzählten Episoden aus dem Krieg oder dem harten ländlichen Leben spannende Handlungsmomente (von denen mehrere zehn Jahre später in der – ebenfalls großartigen – Nobelpreisrede wieder auftauchten, schon allein daher ist anzunehmen, dass „Immer noch Sturm“ ein für Handke persönlich wichtiges Werk ist) und ist (auch aufgrund seiner Kürze) recht leicht zu lesen. Wem dieses Buch aber aufgrund des Schreibstils nicht gefällt, der wird vermutlich auch am umfangreicheren Handke, der schwerer zugänglich ist, Gefallen finden.


    HANDKE, Peter: Immer noch Sturm. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.

  • Unterhaltend kann vieles sein . Für mich ist es etwa das erneute Lesen von Yakuza ( oder : Der Yakuza in der Neuausgabe ) . Leonard Schrader hat einen (auch verfimten) Roman geschrieben , der in der Yakuza ( das sind die oft voll-tapezierten japanische Gangster , in etwa mit den Mafiosi zu vergleichen ) Szene spielt . Mit Schwert und Feuerwaffen wird Blut ins Strömen gebracht , man lernt aber auch viel über Lebensart und Ethos der Japaner . Hier braucht man keine 250 Seiten , um herauszufinden , wer der Täter war - hier weiß man es schon vorher . Action packed - und besser als der Film , wie ich meine .


     


    Und dann gibt es da noch eine Manga-Serie , die bei Carlsen erscheint und einen (Ex)Yakuza zum Helden hat : Yakuza goes Hausmann . Gibt schon einige Bände , und ist schon sehr populär . Nicht zu Unrecht , wie ich meine .

    Unbedingt ansehen :

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    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Japanisches habe ich zuletzt auch (übersetzt natürlich) gelesen:

    Ein ruhiges, aber eindringliches Buch. Es geht um Identität, den Ausbruch aus der eigenen, das Annehmen einer anderen Identität; und der japanische Rassismus gegen Koreaner wird gleich mitverhandelt.

    Für mich kein „Stiller“, aber ein sehr lesenswertes Buch, das mich immer wieder überrascht hat, und mir Japan nähergebracht hat.


    Und dann aktuell unter anderem dies hier

    Ich mag Krausser einfach sehr. Und ich will mich gar nicht damit überfordern, die Handlung erzählen zu wollen (so weit sie mir bislang bekannt ist). Aber man liegt mE nicht falsch, wenn man sagt, dass es ein Buch über die Liebe ist.

  • Interessiert mich beides sehr.


    Den Krausser kenne ich nicht bislang. Aber in der ZEIT war eine Besprechung - nein, eine Hymne geradezu - zu obigem Roman. Seitdem hab ich ihn auf dem Schirm. Aber wo beginnen? Gleich beim neuesten? Oder "Melodien"? Das sieht spannend aus. Gibt

    es hier Krausserkenner die einen Tip haben?


    Den Hirano habe ich eben bestellt, meine Japanliebe ließ mir keine Wahl :)


    Danke für die Anregung, Ekke



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Gern!


    Bin weit davon entfernt, Krausser-Experte zu sein. Aber ich lese ihn gern (und habe festgestellt, dass mir glücklicherweise noch einige seiner Bücher fehlen).


    Bei Musikinteressierten kann es nahe liegen, „Melodien“ (sein Durchbruch, denke ich; den er noch mal überarbeitet hat) oder „Die kleinen Gärten des Maestro Puccini“ (Mix aus Biographie und Roman samt Entschlüsselung einer zuvor unbekannten Geliebten) oder „Alles ist gut“ (über einen Komponisten, der versucht, im modernen Opernbetrieb zu reüssieren - Krausser ist selbst auch Komponist) zu lesen.

    Ansonsten (aber auch in den genannte Büchern) sind Liebe und Verführung immer wieder wichtige Themen. „Der große Bargarozy“ wurde beispielsweise verfilmt (mit Til Schweiger, naja - dafür aber mit Corinna Harfouch in der anderen Hauptrolle).

    Vielleicht ist generell etwas Kürzeres wie „Kartongeschichte“ ein guter Einstieg, zudem es eben die immer wiederkehrenden Themen behandelt. Und das in erstaunlichem Tempo. Es ist immer eine Freude, Krausser beim Denken und seinen Einfälle zu folgen.

    Wiederum anders, aber für mich sehr wichtig, die Tagebücher und Autobiographisches. Deshalb kann ich „Substanz“ (Best-of der Tagebücher) und „Deutschlandreisen“ (vermischte Texte) dringend empfehlen.

  • Tja,....

    Ich oute mich gern als Eberhofer Fan, genauer Birkenberger Fan, denn was Simon Schwarz aus dieser Rolle macht ist schon ganz große Klasse.

    Wenn er bei Oma Eberhofer neugierig in die Kochtöpfe schaut, diese freudige Erwartung im Blick: Köstlich.

    Was liegt also näher als den neuesten Film Gugelhupfgeschwader zu schauen, um dann das zugehörige Buch zu kaufen.

    Inhaltlich geht manches auseinander, es gibt keinen Jackpott Gewinn, keinen Tarantino Show-Down am Ende und der Flötzinger ist ne völlig "arme Sau".

    Als Krimi ist die Geschichte stimmig erzählt, viel stimmiger als der Film.

    Aber dann das

    Eine bemüht schnoddrige Sprache, so als wäre ich bei RTL oder VOX gelandet. Das konnte ich noch ertragen, aber dann sind da ein paar Szenen, wo ich dachte "Geht es noch?"

    Da wird über die neuen Bewohner des Dorfes, die aus der Großstadt kommen übelst hergezogen, Sie entpuppen sich als "Veganer" und "Korinthenkacker" und "Rassisten, " die das ländliche Leben empfindlich stören. (Einzig bei deren Nachwuchs scheint Hoffnung zu keimen, der Paul ist mit einem zugezogenen Kind namens Ansgar in der Kita, man scheint sich anzufreunden)

    Das mögen dann diejenigen lesen, die ihre Vorurteile gegenüber Städtern, die aufs Dorf ziehen, bestens bedient wissen wollen.

    (Juli Zeh macht das besser, noch besser und Jahre vorher Thomas Kapielski)


    So wird im Roman "das hohe Lied der Dorfgemeinschaft" angestimmt.

    Flötz hat Geburtstag und keiner geht hin. Doch der Eberhofer schafft es, das binnen Kurzen ne Feier zustande kommt.

    (Anders als im Film!!)

    Und der sich fast totsaufende Flötzinger bekommt am Ende ne Chance, weil er sich wieder in die Gemeinschaft einfügt und die Gisela (Frau vom Simmerl) schafft Kontakt zu Mary, die den Flötzinger verlassen hat.

    Dann leuchtet dann am bayrisch weiß-blauen Himmel die heile Welt.

    Naja, wer es mag.


    Da lobe ich mir das Anarchische der Filme, auch wenn es mittlerweile etwas abgenudelt ist.

    Gruß wieder aus Kiel


    PS. Mein Berliner Herbergsvater ist vor 2 Jahren mit Frau aufs Land in ne Kleinstadt gezogen. Er ist voll "integriert" und musste nicht mal in die Feuerwehr oder in den Schützenverein. Es geht auch anders.

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

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  • Mal eine Anfrage.


    Hat hier jemand mal Nabokov gelesen?

    Vielleicht gar Ada oder das Verlangen? Aber auch Lolita oder Pnin?


    Ich liebäugle damit, bin aber unentschlossen. Auch Berichte übers Scheitern (" laß das bloß bleiben") sind ebenso hochwillkommen wie begeisterte Leseerfahrungen....



    Danke schonmal im Voraus


    :)

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    (Shunryu Suzuki)

  • Hat hier jemand mal Nabokov gelesen?

    Ich habe nur ein Buch geschafft - Pale Fire . Das war etwa Ende der 70er , und im Original nicht einfach für mich , da die Verflechtungen und Kommentierungen der Handlung im ungewöhnlichen Aufbau eingearbeitet sind . Ein besonderes Buch , so mein Eindruck . Hat mich beschäftigt und beeindruckt . Aber : weder habe ich es wiedergelesen , noch weitere Romane von ihm . Ein solches Verhalten kann ich mir kaum erklären , aber jedenfalls hatten Nabokov und ich nur ein kürzeres , aber intensives Verhältnis . Aber das kann bei dir ja ganz anders ausgehen . Keine Ahnung , wie sich die Übersetzung Fahles Feuer liest . Aber bestimmt werden noch nützliche Empfehlungen kommen .

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  • Vladimir Nabokov und Joseph Conrad schrieben auf englisch/amerikanisch, obwohl es nicht ihre "Muttersprache" war. Daher sind sie im Original doch recht einfach lesbar, auch wenn der Inhalt komplex sein mag.

    Ich las vor 47 Jahren "Lolita" und war nicht angetan, wahrscheinlich zu jung. Jens, der Hauptmieter unserer WG, hatte das Buch in seinem Bestand im Original.

    Ich empfehle daher für alle, die an amerikanischer Literatur interessiert sind, sich die notwendigen Bücher bei der "American Library" zu besorgen.

    Gut gemachte Bücher zu einem vernünftigen Preis, wenn man ggf. jemanden kennt, der einem die Bücher zusendet.

    Hier der Link. Eine Fundgrube.

    Library of America (loa.org)

    Gruß aus Kiel

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  • Emanuel Carrère hatte ich ja schon ein paarmal hier erwähnt. Nun hatte ich wieder einen vor mir, und er hat mich schon begeistert und er hat angesichts der absurden Vernichtungen, die Putin unter unser aller Augen in Mitteleuropa anrichtet, nochmal eine völlig neue Dringlichkeit.


    Dieser:


    Emmanuel Carrère, "Limonov".


    Ein kurzer Auszug aus der amazon-Ankündigung, um mir nicht auf dem Smartphone die Finger wund zu schreiben: "Eduard Limonow, eine der umstrittensten und widersprüchlichsten Figuren Russlands, lebt sein abenteuerliches Leben mit einer schwindelerregenden Intensität. Er hatte Sex mit Männern und Frauen, verführte Minderjährige, wurde Familienvater, lebte als hungerleidender und partyfeiernder Dandy in den USA und Paris, kämpfte als Freiwilliger in diversen Kriegen, tötete und saß im Gefängnis. Seine politische Haltung oszilliert zwischen extrem rechts und extrem links – immer in Opposition zum Establishment."


    Die Jugend des vollkommen durchgeknallten Protagonisten in Jugendbanden in einem verlorenen, schrottreifen Provinzstädtchen in der Ukraine, sein erbarmungsloses Scheitern in der exilrussischen Literaturszene in den USA (nachdem die Sowjetunion ihn rausgeschmissen hatte) - das ist erhellend wie grandios geschrieben. Sein weiterer, sich immer mehr radikalisierender Lebenslauf zwischen Suff, Radikalisierung, Sex und Untergang zieht sich etwas, bleibt aber lesbar. Carreres Eigenanteile sind auch interessant weil er ein interessanter Typ ist. Am Ende ein Einblick in die letzten 60 Jahre Osteuropa, nach denen man Duschen möchte und doch im Inneren nicht wieder sauber wird.


    Ein irgendwie ziemlich einzigartiges Ding, dies Buch, und verfinsternd und erhellend zugleich.



    :)

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    (Shunryu Suzuki)

  • Ja, noch einmal und noch einmal.

    Fritz J. Raddatz Tagebücher 2 Bände von 1982 bis 2012.

    Was da verhandelt wird, ist ein Teil der deutschen Kulturgeschichte.

    Ein großartiges Werk, siehe früher.

    Sprachlich einzigartig, er liebte den Genetiv!

    Sehr genau Arschlöcher benennend

    Und: Man denke an Svevo. "Ein Mann wird älter" oder "Zeno:" ein unbestechlicher genauer Blick auf die eigene Vergänglichkeit und das Älterwerden, sowie das langsame Gleiten in die Bedeutungslosigkeit, hier in den Verlust der Bedeutung, denn er war bis zum Lebensende eigentlich nicht aus dem "Geschäft".

    Aber auch solches. Grass hatte zwar drei Häuser, Behlendorf (ein entferntes Vor-dorf von Lübeck, was die Lübecker nicht hinderte, Grass einzugemeinden), Dänemark und Portugal, aber er trank "sechst klassigen Wein"

    So isses.

    Gruß aus Kiel

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  • Nabokov? Ja. Lolita. Ich fand es dann irgendwann unausweichlich, das zu lesen. Und habe es nicht bereut. Ich fand es modern; auf diese nette, unprätentiöse Weise. Eine freundliche, spielerische Sachlichkeit. Man fährt nicht durch Felder, die ausschweifend geschildert werden, sondern durch "durch Landwirtschaft". Die Augen eines Hundes sehen aus "wie Stiefmütterchen". Oder: "Ich unternahm eine wilde Verfolgungsjagd auf den Schatten ihrer Untreue; doch die Witterung, der ich folgte, war so schwach, dass sie von der Einbildung eines Verrückten nicht zu unterscheiden war."

    Ich mochte das sehr und habe es gern gelesen, und hatte dabei auch gar keine Schwierigkeiten, den Film dazu aus meinem Kopf zu verdrängen.


    Auf meinem immer absurder wachsenden Stapel ungelesener Bücher ist auch Carrère, "Yoga". Ich freue mich auch darauf, lese aber in meinen wacheren Momenten gerade "Gesichter" von Tove Ditlevsen und "Morgenstern" von Karl Ole Knausgård. Beide völlig unterschiedlich, aber auf ihre Weise beide groß. Und dann ist da auch noch das neue Buch von Norbert Scheuer, den ich außerordentlich schätze, "Mutabor", das natürlich auch wieder in Karl spielt.

  • Das ist interessant, denn von Nabokov kenne ich nichts (nichts Erzählendes), nur seine Vorlesungen zur russischen und zur europäischen Literatur. Auch den Film zu Lolita kenne ich nicht. Ist das ein guter Einstieg? Oder gleich Ada und damit auf den Gipfel? Oder was Kurzes, zunächst? Er steht bei mir auf der Liste, aber ich bin unsicher wo beginnen.


    "Yoga" kann ich empfehlen, wobei der erste Teil für jemanden wie mich, der über Meditation und derartige Retreats tonnenweise Bücher gelesen hat, ein bißchen redundant wirkte. Aber dann fand ich ihn sehr schön: Carrère schreibt über sich selbst, aber das funktioniert, weil er ein interessanter Mensch ist, der niemals irgendwas beschönigt. Respekt.



    Hier beste Unterhaltung, eine Atempause, und auch schon zum dritten Mal mittlerweile



    :)

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  • Nabokov steht bei mir auf der Liste, aber ich bin unsicher wo beginnen.

    viell. damit?

    Ein (erst posthum veröffentl.) Frühwerk, das Nabokov selbst für verschollen gehalten haben soll...

    -durchaus eine Art Vorgängerversion v. Lolita, (noch mit deutlich mehr 'Fallhöhe':

    er ist 'bloß' ein mieser, verlogener Schleimbeutel, sie noch ohne jede sexuelle Erfahrung!)

    -m. E. mit dem Schwachpunkt einer gar zu langatmig geratenen Einleitung, ansonsten

    dicht u. (jawoll ja) spannend... +hier zur Gänze (127min.)von Hanns Zischler hochkompetent gelesen!



    :wink:

    Alexa, was ist ein gerechter Lohn? 'Das weiß ich leider nicht!' Peter Kessen 'Disruptor Amazon'

    Das TV gibt mehr 'Unterhaltung' aus, als es hat - in der bürgerl. Gesetzgebung nennt man das 'betrügerischen Bankrott'

    Werner Schneyder

    Fleiß ist gefährlich Henning Venske 'Inventur'

    7 Mal editiert, zuletzt von wes.walldorff ()

  • Nachklapp zu Raddatz.

    Hochhuth hatte die Angewohnheit anzurufen und ohne Punkt, Komma und wahrscheinlich mit besonderer Atemtechnik minutenlang gleich nachdem Raddatz den Hörer abnahm, ihn vollzuquasseln und mit seiner Bedeutung zu beduschen. Das nahm Raddatz zum Anlass, Hochhuths Auftritt bei einer Geburtstagsfeier als "Wendriner Hochhuth" zu ironisieren und das Gespräch auf Berlinerisch im TB wieder zu geben.

    Frage ich mich also. Wer ist Wendriner?

    Gesucht gefunden.

    Tucholsky hat in der Zeit 1922 - 1930 16-mal einen Herrn Wendriner schwadronieren lassen

    Zitat von Jüdische Allgemeine

    bourgeois 16-mal ließ Kurt Tucholsky diese »erbarmungslose Nacktaufnahme der deutsch-jüdischen Bourgeoisie«, wie Gershom Scholem Wendriner einmal charakterisierte, bis 1930 auftreten. Mittelalt, dicklich, borniert, aber mit bildungsbürgerlichen Allüren, von Beruf selbstständiger Kaufmann, monologisierte Wendriner in diesen kleinen Vignetten über Geschäfte, Politik, Kindererziehung und seine kleinen Affären aus der Perspektive des jüdischen Spießers und in dessen von Tucholsky präzise beobachtetem Tonfall: um das Hochdeutsch der besseren Gesellschaft bemüht, aber immer wieder in Berliner Färbung abgleitend, in die sich aller angestrengter Assimilierung zum Trotz gelegentlich auch jiddische Rudimente einschleichen: »Für was ist er Arzt?«

    Köstliche kleine Monologe, heute wahrscheinlich als antisemitisch denunziert, ala "kann man nicht machen..."

    (Die Judenfeindlichkeit der Nazis bezeichnet Herr Wendriner noch 1930 als nicht schlimm, es beträfe ja nur die Ostjuden und die Nazis wollen einem ja nicht den Safe klauen, bei den Kommunisten sei man da nicht so sicher)

    Nun muss man nicht die 10-bändige TB Ausgabe von Tucholsky haben,- wer sie besitzt, die meisten Geschichten stehen in den Bänden 3 und 4-, sondern man kann die Miniaturen zusammen mit den wenigen "Lottchen" Monologen kaufen.


    Gruß aus Kiel

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    Einmal editiert, zuletzt von Doc Stänker ()

  • Ach ja, Goethe und der Frankfurter Hauptbahnhof…

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Im Anschluss an den Besuch des doch recht trostlosen Brecht-Hauses, eigentlich eher Weigel-Hauses, in Bukow habe ich mir neben den Bukower-Elegien dann wenigstens noch dieses Buch mitgenommen:



    Geist und Macht oder Künstlerutopien und Wirklichkeit, ein wahrlich spannendes und wohl auch dauerhaft relevantes Thema, hier eben geradezu exemplarisch dargelegt am Beispiel Brecht und DDR.


    Brecht und Weigel, A. Zweig und Seghers, Heym und Hermlin, Bloch und Mayer usw. - all die Künstler und Intellektuellen, die mit Idealismus aus der Katastrophe des Nazi-Terrors in einen vermeintlich besseren deutschen Staat sich begaben und dort auf stalinistische Sturköpfe trafen, die schlichte, brutale Realpolitik machten und mit künstlerischen und gedanklichen Freiheiten nichts am Hut hatten. Werner Hecht, langjähriger Mitarbeiter von Helene Weigel dröselt nun ganz genau unter Verwendung vieler bislang unbekannter Dokumente den Werdegang des widerborstigen Brecht in der DDR auf, seinen ständigen Kampf mit der Obrigkeit und durchaus auch mit sich selbst. Was für Verrenkungen dabei nötig waren, wenn man denn einmal für sich akzeptiert hatte, dass eine Partei über die eigene Arbeit das letzte Wort besaß. Und oftmals schon das erste.


    :wink:Wolfram

  • Danach dann schon fast folgerichtig, weil in weiten Teilen quasi eine Fortsetzung:



    Unter dem Einfluss des 'Tauwetters', das durch die Entstalinisierung, angestoßen von Chruschtschow, einsetzte und nach dem Mauerbau, der innenpolitisch in der DDR viel Druck wegnahm, versuchte Ulbricht eine gewisse 'Liberalisierung' der Wirtschaftspolitik durchzusetzen, was natürlich auf Gegenwind innerhalb der eigenen Partei stieß. Erich Honecker lief sich in diesen Jahren schon einmal warm.


    Aber auch in den Künsten sollten nun andere Freiheiten gelten, was sofort weidlich ausgenutzt wurde und was geradezu zu Panikreaktionen innerhalb des Politbüros (und auch bei Ulbricht) führte. Erich Honecker steigerte seine Temperatur dabei von warm auf heiß.


    Gunnar Decker liefert nun eine ausführliche Darstellung dieser Jahre, des kurzen Sommers in der DDR, in dem er das manchmal nur sanfte Spiel mit Freiheiten anhand der nennenswerten Bereiche der damaligen Gesellschaft aufzeigt. Der größte Teil des Buches beschäftigt sich dabei mit der Kultur und ihrem oftmals verzweifelten Versuch, eine Wirklichkeit jenseits der offiziellen darstellen zu dürfen. Also ein weiteres 'Spiel' von Geist und Macht. Auch das ist wieder spannend zu lesen, weil es so vieles noch einmal deutlich macht, über die DDR, über ihr (zwangläufiges) Scheitern, über Abhängigkeiten, über Naivität und verzweifeltem Glaubenwollen, über das Verhältnis von Spießerseelen und großen Geistern und deren Scheitern, über Duckmäusertum und Zivilcourage, über den Rang von Kultur in einer Diktatur (und den in einer freiheitlichen Gesellschaft), über den verwalteten Menschen und sein Aufbegehren. Da ist viel Kafka in dieser Zeit in der DDR zu finden, nur nicht in den Buchhandlungen, denn dort wollte man ihn, verständlicherweise, lieber nicht sehen.


    Wie gesagt, das ist alles sehr aufschlussreich und hochinteressant, wenn auch manchmal ein wenig redundant, was aber auch daran liegt, dass sich die Abwehrmechanismen der Politbürospießer halt immer wiederholten.


    Dezember 1965 endete dann diese kurze Aufbruchsphase mit dem XI. Plenum der SED, auf der der überhitzte Honecker endgültig explodierte und mit einem aggressiven Rundumschlag nicht nur die Künstler endgültig in ihre engen, vorgeschriebenen Schranken verwies, sondern auch den Sturz Ulbrichts einleitete.


    :wink:Wolfram



  • Goethe und der Frankfurter Hauptbahnhof

    Ja, wegen dieses Irrtums, er fiel auf eine Glosse der NZZ rein, machten sich alle über ihn her, die noch eine Rechnung mit ihm offen hatten.

    Endlich konnte man ihm, den arroganten Besserwisser, der stilistisch alle anderen um Längen schlug und gebildet war,- Raddatz hatte ordentlich promoviert und bei Hans Mayer habilitiert, also keine Titel ehrenhalber erhalten, wie so andere-, am Zeug flicken.


    Seine Biografie war damals schon lang.

    Cheflektor bei "Volk und Welt"

    Stellv. Chef beim Rowohlt Verlag.

    In diesen beiden Positionen entdeckte und förderte er diverse Autorinnen und Autoren (Kempowski, Jelinek, Schneider Heym, Baldwin, Susan Sontag, Updike und viele andere)

    Er gab Tucholsky heraus. 10 Bände.

    Und dann wurde er Chef vom ZEIT Feuilleton.

    Da machte man sich nicht nur Freunde.


    Er war ein Pfau, immer elegant gekleidet, Hemden natürlich von Turnbull and Asser, der zudem schnöselig auf Manieren achtete ,- Messerbänkchen am Tisch, bei Champagner ging unter Ruinart nix, das Catering kam von Kruizenga. Die Kosten seiner Redaktionskonferenzen waren entsprechend hoch, die Gräfin Dönhoff konnte das nicht leiden und der Ex-Kanzler sowieso nicht, der trank ja nur Cola. Wie also den Störenfried loswerden? Nun gab es die Gelegenheit.

    Der deutsche Spießer stimmte mit Wohlbehagen ins Bashing ein, zumal Raddatz ja auch noch schwul war. Igitt.

    Bei uns heißt er seitdem übrigens "Fritz Joethe Raddatz," von Eckhart Henscheid verliehen.


    Was macht es da, dass er bis 2011, also noch 27 weitere Jahre, regelmäßig für die ZEIT schrieb, hohe Honorare kassierte, dass er nun frei war, auch für andere Zeitungen zu schreiben und etliche längere Sachen in Buchform. Joachim Kaiser schrieb ihm "Schreib doch endlich mal was Schlechtes, ich versinke ja sonst in Depression"

    Doch dazu später mehr.

    Hier nur ein Tagebucheintrag vom 23.12.2007, wo er wegen der Lektüre der Goethe/Eckermann Gespräche einige Bonmots abtippte und dazu notierte.

    Zitat von Fritz J. Raddatz

    Das muntere und vergnügliche Spiel muß aufgegeben werden- mein Rücken macht diese viele Tipperei nicht mehr mit, bzw. ich muß ihn reservieren für regelrechte Arbeit und nicht Schmerzen intensivieren durch Abtippen von Zitaten. Schade, denn Goethes Erwähnung der Eisenbahn (!!!) hätte ich noch gerne notiert

    Gruß aus Kiel


    Hier kann man ihn live sehen.

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    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

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