Austausch über Höreindrücke von Sängerjubilaren

  • zu Hermann Prey:


    Ich habe die vorhergehenden Kommentare nun auch nicht gelesen, von daher kann es durchaus zu Wiederholungen kommen.


    Prey war nie einer meiner Lieblingssänger, weder im Lied noch in der Oper, ich habe mir nie eine Platte seinetwegen zugelegt, habe auch, glaube ich, nur die Weihnachtsplatte, die er mit Wunderlich gemacht hat. Und auch die 'Müllerin' ist ein Zyklus, den ich selten höre, viel zu wenig kenne, der mich, warum auch immer, nie so richtig angesprochen hat. Von daher weiß ich gar nicht, welchen Part das Lied im Gesamtzusammenhang spielt. Von daher völlig unbelastet. Grins1


    Schöne Aufnahme, schöner Gesang - aber zum 'Fan' macht es mich nicht. Es ist wohl die Herangehensweise, diese sehr natürliche Liedbehandlung, die ich bei Wunderlich mag, weil ich Wunderlich liebe, die mich aber nicht dazu bringt, in den Liedgesang einzusteigen. Ich muss gestehen, da bin ich durch FiDi und Schwarzkopf versaut.


    Prey macht es eigentlich wunderbar, schönes Legato, einige kleine Verzierungen könnten vielleicht deutlicher herausgearbeitet sein, aber insgesamt ein flüssiger, runder, auch immer vorwärtsstrebender Vortrag. Nur die Stimmung in der das alles gesungen wird, ist mir zu vordergründig. Da hätte ich gerne FiDi mit seinen Wortakzentuierungen, den Farbwechseln usw.


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

  • Anja Harteros wird heute 50! Herzlichen Glückwunsch!


    Nach ihrem Studium war sie zunächst Ensemblemitglied der Bonner Oper, wo ich sie vermutlich mit der einen oder andern Wurzen gehört habe. Dort konnte ich im März 1999 aber auch ihr Rollendebut als Mimi erleben, das ihr die Aufmerksamkeit größerer Häuser einbrachte. Als sie die Rolle elf Jahre später in Köln sang, war sie bereits ein Weltstar der Oper geworden. Ich hätte daher für diesen Beitrag gerne "Mi chiamano Mimì" ausgewählt, das ließ sich bei Youtube aber leider nicht finden.


    Zweimal noch habe ich sie danach live erlebt, zunächst mit ihrem Debut als Troubadour-Leonora in der Premiere einer Reihe von konzertanten Aufführungen der Kölner Oper in der Kölner Philharmonie im Februar 2011. (In Bonn hatte sie seinerzeit noch die Inez gesungen.) Ich fand sie da sehr, sehr gut, nicht ganz so sehr in der ersten Arie, wo sie mit den Fiorituren der Cabaletta leichte Probleme hatte, aber enorm gut bei "D'amor sull'ali rosée" - meine Referenz in dieser Rolle ist Maria Callas, da kam sie doch immerhin in Sichtweite! ;) Die Dame neben mir registrierte meinen begeisterten Applaus und frug mich mit strenger Miene, was mir denn so gut gefallen habe. Was genau ich da gesagt habe, weiß ich nicht mehr, die Dame nickte aber wohlwollend dazu, bei gleichbleibend strenger Miene. Es stellte sich heraus, dass es sich um Harteros' Gesangslehrerin handelte - zum Glück hatte ich die Callas nicht erwähnt ...


    Zuletzt sah und hörte ich sie dann im Januar 2020 in der Deutschen Oper Berlin als Madeleine in Giordanos "Andrea Chénier". Deren Arie "La mamma morta" habe ich auch für heute ausgesucht in einer Produktion der Bayerischen Staatsoper von 2017 unter Omer Meir Welber (Achtung: Video!):


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    Meine Eindrück dazu habe ich mir schon niedergeschrieben, aber jetzt seid ihr erstmal dran!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Dann fange ich mal an.


    Ich habe die Harteros (Glückwünsche auch von mir) bislang nur als Arabella mal gesehen und entweder hatte sie einen schlechten Tag oder ich - jedenfalls klappte es nicht mit uns beiden. :)


    Und hier wird es leider wieder nicht so richtig etwas, was aber für mich schlichtweg daran liegt, dass ich ihre Stimme für den Verismo für nicht so richtig geeignet halte. Sie ist mir zu kühl, ich vermisse v.a. Wärme und Fülle.


    Es ist ja durchaus sehr schön, sehr gepflegt gesungen, wobei ihr die schönen Phrasen, die sie von Beginn an spinnt, zunächst besser gelingen. Die Tongebung ist ausgeglichen, wobei sie ja auch alle Zeit der Welt hat, sich ganz auf die Linie zu konzentrieren. Dann zieht sie den emotionalen Ausdruck langsam an, legt mehr Stimme hinein und schon wird alles auch ein wenig unstet. Aber das ist vielleicht herumkritteln. Nur, wenn man die Arie so anlegt wie sie, dann kann das problematisch sein.


    Denn ich glaube, dass da einfach ein Missverständnis vorliegt. Natürlich gilt es auch im Verismo noch, schön zu singen, aber vor allem geht es um Ausdruck, Glut, Leidenschaft. Das ist kein Belcanto mehr, wo der runde Ton gefragt ist, hier muss man sich etwas trauen und auch aus sich herausgehen. Und das fehlt mir hier völlig. In die großen Bögen, die Aufschwünge muss halt Drama hineingepackt werden, nicht nur gepflegtes Singen.


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

  • Übrigens hoffe ich nicht, dass Stimmenliebhaber das, was ich in den Splittern gelesen habe, wirklich wahr macht.


    Verabschiede dich hier bitte nicht!!!


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

  • Da hören wir wohl ziemlich entgegengesetzt. "Kühl" finde ich die Stimme gar nicht, und "Ausdruck, Glut, Leidenschaft" gibt es für mich hier reichlich. Und den "urlo" im Verismo bitte, da wo er hingehört, und sparsam; denn das will auch gesungen sein!


    Ich schrieb gestern abend:


    Der Beginn etwas unstet, da gleitet auch ein Ton schon mal aus (auf "salvava"); dass sie da sehr deklamatorisch bleibt, ist in Ordnung. Dann der etwas ungeordnete Ausbruch ab "quando ad un tratto", recht veristisch, mithin passend. Ab "Così fui sol!" fängt sie dann die Gesangslinie ein, wunderbare Legati, perfekt verblendete Register, den etwas dunklen Stimmklang behält sie auch in der Vollhöhe unverändert bei (wunderbar das h" auf "fa della terra un ciel! _Ah!_"). Hie und da unschöne Vokalverfärbungen ("Ne' miei _o_cchi è il tuo c_ie_lo!"; oder sie hatte da einen Textaussetzer). Eine durchaus voluminöse, wenn auch nicht gerade riesige Stimme, damit einhergehend ein langsames Einschwingen der Stimme, das als leichtes Tremolo hörbar wird. (Kann sein, dass ich das live überhört habe, kann aber auch sein, dass das erst durch das Mikrofon hörbar wird und in einem großen Raum wie etwa der DOB vollkommen im Raum verschwindet). Wunderschöne Klangfärbungen (Aufhellungen, Verdunkelungen) an einschneidenden Stellen ("mia culla", "fui sola", "fame e miseria", am schönsten bei "e Bersi, buona e pura"), großartige Linienführung am Übergang der Musik in die Klimax ("Voce piena d'armonia e dice: 'Vivi ancora!"): da nimmt sie korrekt Atem vor "Vivi", und trotzdem klingt die ganze Phrase wie an einem Stück gesungen - so was finde ich schon meisterlich!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Übrigens hoffe ich nicht, dass Stimmenliebhaber das, was ich in den Splittern gelesen habe, wirklich wahr macht.


    Verabschiede dich hier bitte nicht!!!

    Das habe ich auf Deinen Hinweis gerade erst gelesen.

    Dazu:

    2.) Ich finde ja, daß ein 85. Geburtstag bei einem solch hohen Alter auch ein paar Monate danach noch aktuell ist. Wenn es genau der selbe Tag sein soll, dann schreibt man: "tagesaktuell". Denn wenn ich schon so scharf darauf bin, daß meine Vorgaben exakt auf's i-Tüpfelchen eingehalten werden, dann drücke ich mich aber bitte auch exakt aus.

    2.) Ich habe sehr wohl meine Eindrücke über die Stimme von Siegfried Vogel geschildert. Der youtube-Link war als Beleg dafür gedacht, den Hans Sachs hatte ich ja auch erwähnt.

    Daß das genauer sein muß, wußte ich nicht. Das gestaltet sich auch bei einem Einspieler von über einer Stunde als schwierig. Daß es kein Video sein sollte, wurde nachgeschoben, auch daß es eine Arie sein soll, über die man sich dann auslassen muß, kam erst später.


    Auf Gängelei lasse ich mich nicht ein. Da mir nun ohnehin die Lust auf diesen Thread vergangen ist, will ich stimmenliebhaber hier auch nicht weiter stören.

  • Ich finde ja, daß ein 85. Geburtstag bei einem solch hohen Alter auch ein paar Monate danach noch aktuell ist.

    Und wie wäre das bei einem 85. Geburtstag in niedrigerem Alter?

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ich finde ja, daß ein 85. Geburtstag bei einem solch hohen Alter auch ein paar Monate danach noch aktuell ist. Wenn es genau der selbe Tag sein soll, dann schreibt man: "tagesaktuell". Denn wenn ich schon so scharf darauf bin, daß meine Vorgaben exakt auf's i-Tüpfelchen eingehalten werden, dann drücke ich mich aber bitte auch exakt aus.

    stimmenliebhaber hat sich bereits im ersten Satz seines Eingangsbeitrags sehr klar ausgedrückt:

    In diesem Thread können Höreindrücke zu einer ausgewählten, frei zugänglichen Aufnahme eines Sängerjubilars (m/w/d, also von jemandem, der aktuell gerade Geburtstag oder Todestag hat) ausgetauscht werden. [Fettung von mir.]

    Ich finde, es ist schon aus Gründen der Fairneß geboten, sich an diese Vorgabe zu halten.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Es lag keineswegs in meinem Bestreben, unfair zu sein.

    Wenn es genau dieser Tag sein sollte, dann müßte es m.E. "tagesaktuell" heißen, "gerade" ist ein dehnbarer Begriff.

    Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, ich habe geschrieben, okay, ich habe verstanden. Dann hätte es eigentlich gut sein müssen.

    Was soll das Nachtarocken?

    Das habe ich deshalb auch nicht verstanden, weil ich weiß, daß er ein große Fan von Siegfried Vogel ist.

  • Auf Gängelei lasse ich mich nicht ein.

    Die "Gängelei" dieser Rubrik besteht darin, dass alle willkommen sind, die - wie im Startbeitrag geschrieben - bereit sind, konkrete Aufnahmen frisch zu hören und ihre Höreindrücke zu schildern. Darüber kann man sich dann wunderbar austauschen. Während alle anderen bislang Beteiligten in dieser Rubrik diese "Gängelei" auch klaglos über sich ergehen ließen, also diese Voraussetzung problemlos erfüllt haben, kann ich unter den zahlreichen Beiträgen der Userin "Ira" in dieser Rurbrik keinen einzigen finden, der frische Höreindrücke zu einem der konkret eingestellten Tonbeispiele schildert.

    Da mir nun ohnehin die Lust auf diesen Thread vergangen ist, will ich stimmenliebhaber hier auch nicht weiter stören.

    Sollte dies wirklich der letzte Beitrag der Userin "Ira" in dieser Rubrik gewesen sein, würde ich erwägen, in diese Rubrik zurückzukehren - "allein mir fehlt der Glaube."

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Anja Harteros wird heute 50! Herzlichen Glückwunsch!

    Ich möchte es wirklich nicht versäumen, einer der interessantesten Sopranistinnen der letzten 25 Jahre sehr herzlich zu ihrem runden Geburtstag zu gratulieren, das hat sie wahrlich verdient. Ich habe ihr in den letzten 13 Jahren wirklich einige Live-Sternstunden der Oper zu verdanken.

    Leider ging ihre Frühzeit ziemlich an mir vorbei - dass das bei dir anders war, darum beneide ich, lieber "Quasimodo", denn in Partien wie Violetta oder Mimì, die sie nach 2000 ja häufig sang, hätte ich sie zu gerne erlebt, aber es war mir leider nicht vergönnt.


    Das erste Mal erlebte ich sie in der Premiere des Kriegenburg-"Otello" (2009?) an der DOB und war wirklich begeistert. Der 4. Akt war ein Traum! Danach versuchte ich sie mitzunehmen, wann immer es ging - leider ging es seltener als geplant, denn ihre Absage-Quote ist wirklich ungewöhnlich hoch (im Berlin sagte sie u.a. eine extra für sie angesetzte konzertante Ariadne, drei jahre später die Marschallin und zuletzt die Kundry ab). Nach dieser tollen Desdemona nutzte ich die Gelegenheit, sie in München als Elsa zu erleben (2009 oder 2010 muss das gewesen sein) und war ebenfalls begeistert. Die Berliner Premierenserie von "Don Carlos" (2011 oder 2012) sagte sie leider ab, aber in späteren DOB-Serien erlebte ich sie insgesamt 3x in dieser Rolle und die Elisabetta wurde zu meiner Lieblingsrolle von ihr. Im Sommer 2013 erlebte ich die damit auch in Salzburg, also komme ich auf 4 Live-Elisabettas. Zuvor hörte ich sie 2012 in Berlin auch als konzertante "Trovatore"-Leonora, später auch als Amelia im "Maskenball" - Verdi und Harteros, das passte für mich perfekt. Eine Wiederbegegnung als Elsa 2015 war dann nicht mehr ganz so glücklich wie die Münchner Erstbegegnung, auch bei ihrer Berliner Tosca (nach mehreren Absagen klappte es irgendwann endlich) war ich nicht voll zufrieden. Bestimmt habe ich noch die eine oder andere Live-Begegnung mit ihr vergessen, ein Konzert mit Schlusszene der "Capriccio"-Gräfin war, glaube ich, auch mal dabei.

    Zuletzt sah und hörte ich sie dann im Januar 2020 in der Deutschen Oper Berlin als Madeleine in Giordanos "Andrea Chénier".

    Das war auch meine letzte Live-Begegnung mit ihr. Nun muss sich leider gestehen, dass das nicht meine Leib- und Magen-Oper ist. Ich war Mitte der Neunziger einmal in der DOB-Premierenserie, aber der Funkte sprang nicht wirklich über. Dann ging ich 2011 wegen Licitra noch einmal rein, flüchtete aber nach dem ersten Akt und wollte diese Oper eigentlich nie wieder sehen. Die Ansetzung von Anja Harteros war für mich im Januar 2020 der Grund, meinen Entschluss zu revidieren und doch ein drittes Mal reinzugehen. Vorbereitet hatte ich mich mit dem Ansehen der Verfilmung mit Casapietra, Corelli und Cappuccilli. Ich hatte dann Dank Harteros und des Tenors einen schönen Abend in der DOB, aber so voll und ganz begeistert mich diese Oper nach wie vor nicht, tut mur leid. Abgesehen von Puccini, den ich für den zweitbedeutendsten italienischen Opernkomponisten nach Verdi halte, und den beiden genialen Erstlingen von Mascagni und Leoncavallo tue ich mich mit der italienischen Oper nach Verdi (und seinen beiden späten Geniestreichen "Otello" und "Falstaff") leider etwas schwer. Ich fühle mich daher auch nicht wirklich kompetent, zur ausgewählten Arie (die für mich irgendwie gar keine Arie ist, auch keine Nummer, in der man wirklich zeigen kann, ob man gut singen kann oder nicht) noch etwas Sinnnvolles beizutragen, was die diesbezüglichen Beiträge von "Quasimodo" und "Wolfram" wirklich noch bereichern könnte.


    Selbstverständlich habe ich mir das Video nach Einstellung durch "Quasimodo" sofort angesehen und angehört, habe auch gelesen, was einerseits "Quasimodo" als auch andererseits "Wolfram" dazu geschrieben haben und kann vieles nachvollziehen. Meine unmaßgebliche Meinung dazu ist irgendwo in der Mitte zwischen beiden anzusiedeln. Aber eines ist klar: Als ich sie kurz nach Mitternacht hörte und sah, gefiel sie mir wesentlich besser als heute Abend, wo ich sie 2x bewusst nur hörte, ihr aber beim Singen nicht zusah. So sehr sie mich mit Verdi bei zahlreichen Live-Auftritten auch begeistert hat, ist es sicherlich nicht despektierlich zu sagen, dass ihre Erscheinung für ihre Karriere ganz sicher nicht hinderlich, sondern eher förderlich war. Und wenn ich sie als Maddalena nur höre, habe ich nicht das Gefühl, dass sie für diese Rolle und dieses Verismo-Fach gleichermaßen geeignet ist, wie es die Italienerinnen Tebaldi und Casapietra waren. Da kann ich dann viel von Wolframs kritischen Einwänden verstehen.


    Richtig traumatisch war für mich, als ich einen Audiomitschnitt der Münchner "Tristan"-Premiere mit Harteros und Kaufmann hörte. Ich bin kein großer Fan des Timbres von Kaufmann, habe aber großen Respekt vor seiner erbrachten Leistung als Tristan - doch was ich da von ihr hörte, hat mich wirklich erschreckt, und ich bin mir alles andere als sicher, ob sie sich mit diesem Rollendebüt wirklich einen Gefallen getan hat.

    Für ihre Zukunft wünsche ich ihr alles Gute, fürchte aber, dass sie ihre besten Jahre als Sängerin hinter sich haben könnte - was nach einem tollen ca. Vierteljahrhundert nun wirklich keine Schande wäre. Gerne hätte ich mich über eine Studioaufnahme einer Verdi-Arie von ihr ausgetauscht, aber sie soll das Aufnahmestudio ja beinahe so sehr scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Dennoch bin ich glücklich und dankbar, dass ich sie in den letzten 13 Jahren in zweistelliger Zahl live erleben durfte. :wink:


    Tut mir leid, wenn ich bei dieser "Arie"/Rolle/Oper nicht viel Kompetentes beitragen konnte, daran ändert auch 3x hören nichts. Live hat sie mir ih ihrer Rolle und mit dieser Arie gut gefallen, die Begeisterung vieler im Saal habe ich - leider - trotzdem nicht im diesem Maße nachempfinden können.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Das könnte übrigens aus dieser Berliner Desdemona sein, die mich damals so begeistert hat (vielleicht ist es auch nicht aus der Premiere, sondern aus einer Reprise, ich weiß es nicht genau):


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    Ich bin auch heute beim Hören noch sehr zufrieden und glücklich mit ihrem Lied von der Weide. Die Stimme spricht in allen Lagen problemlos an, ist im Timbre sicherlich nicht nur lieblich, sondern hat auch etwas Herbes, ein leichtes Vibrato trägt auch bei ihr nicht nur den Klang, sondern auch viel Emotionalität. Ich rechne ihr auch hoch an, dass sie die Tiefe nicht brustet, wie es so viele andere tun. Das macht sie sehr mädchenhaft, ihre Stimme passt hier für meinen Geschmack auch ganz wunderbar zum von Verdi in dieser Szene so fantastisch eingesetzten solistischen Holz (bzw. den Holzblasinstrumenten). Der Ausdruck ist für meinen Geschmack auch voll da, die Szene, welche das Lied von der Weide kurz unterbricht, ist sogar ziemlich "veristisch" genommen, nicht schön, aber wahr. Aber in den Gesangslinien des Liedes von der Weide blüht die Höhe ohne Druck ganz wunderbar auf, sie klingt trotz der gewissen Herbheit ihres Timbres und einiger etwas verfärbter Vokal lyrisch und mädchenhaft. Toll auch der Ausbruch bei der Verabschiedung Emilias, volle, aber völlig unforcierte Höhe, das muss man erst einmal so singen! Leider fehlt bei diesem Video das anschließende Gebet, dessen Abschluss bei ihr auch ganz wunderbar (mit Höhenpiano) war.


    Nachdem ich bei "La mamma morta" eine akzeptable Höranalyse weitestgehend schuldig bleiben musste, hoffe ich, dies in weit vertrauterem Terrain nun einigermaßen nachgeholt zu haben. :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Na, da nutze ich jetzt mal die Gelegenheit, das heutige Jubiläum zu nutzen. (Ich bin mir nicht sicher, ob die Desdemona noch besprochen werden sollte.)


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    Kennengelernt habe ich di Stefano zunächst einmal durch die Zusammenarbeit mit Callas, selber erlebt habe ich ihn noch zweimal in den späten 80iger/frühen 90iger Jahren. Da war die Stimme zu einem aufgescheuerten Bariton geworden und nur in ganz wenigen Momenten schien noch einmal die Ahnung einstiger Schönheit durch.


    Ich muss gestehen, ich liebe diese Stimme, bin aber nicht taub. :)


    Die Arie aus der 'Favorita' habe ich auch seit Jahren nicht mehr gehört, nun endlich einmal wieder. Aber legt ihr man erstmal los. :)


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

  • (Ich bin mir nicht sicher, ob die Desdemona noch besprochen werden sollte.)

    Lieber Wolfram,


    zunächst einmal hoffe ich, dass du sie gehört hast und meine zu deiner völlig unterschiedliche Rezeptionsgeschichte so ein wenig besser nachvollziehen kann. Deinen in Klammern gesetzten Satz interpretiere ich so, dass du da auch nicht so schrecklich viel Gutes schreiben könntest. Ist das richtig?

    Ein gewisses Problem dieser Rubrik besteht an der Kopplung des Autschaus von Höreindrücken mit aktuellen Jubilaren. Das sind einerseits schöne Anlässe um diese Sänger frisch zu hören und sich darüber auszutauschen, anererseits macht es auch ein wenig befangen: Wer will schon am 50. Geburtstag einer verdienten Sängerin diese stark kritisieren? Dann gibt es für die anderen Fälle auch noch den Spruch, dass man nichts Schlechtes über Tote sagen soll - ein Dilemma!


    Die Favorita-Arie von de Stefano habe ich bereits 1x gehört und bin hin- und hergerissen. Wenn ich dazu noch etwas schreibe, dann später. :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Das müßte die "Favorita" von 1949 aus Mexico unter dem Dirigat von Cellini sein (ob dieser es war, ist allerdings umstritten). Bei der Aufnahmequalität sind da sicher einige Abstriche zu machen. Aus diesen Jahren gibt es von Pippo bessere Aufnahmen (wenngleich nicht diese Arie), seine Vorzüge kommen hier nicht so zur Geltung. Für mich bietet er hier Belcanto pur, der schmerzliche Ausdruck geht völlig in der vokalen Schönheit auf. Das entspricht selbstverständlich nicht dem heutigen Geschmack, bleibt für mich persönlich aber eine - historische - Möglichkeit, die ich im Prinzip sehr genieße. Auch das leicht Manierierte läuft dem nicht zuwider. Einer solchen Stimme gesteht man manches zu, was man bei anderen Sängern wahrscheinlich kritisieren würde. Ich rede hier nur von di Stefanos besten Jahren, als er ein richtiger Jahrhundert-Tenor war,, denn was er am Ende seiner Karriere bot (ich denke an seinen grauenhaften Herzog in der "Nacht in Venedig") muß man hier ausklammern.

    ______________________


    Homo sum, ergo inscius.

  • Bei der di-Stefano-Aufnahme muss man natürlich erst einmal Konzessionen machen was die Aufnahmetechnik und auch was das Orchester angeht. Aber die Stimme selbst ist gut eingefangen, sehr präsent und direkt, und diese Stimme ist die wahrscheinlich schönste italienische Tenorstimme, die je aufgenommen worden ist. Diesen jungen di-Stefano zu hören, das ist einfach Baden in unfassbarer Schönheit.

    Aber ich finde, es ist nicht nur das. Wenn ich die Arie aufmerksam höre, dann höre ich auch, dass di Stefano durchaus sorgfältig gestaltet, Phrasen sehr musikalisch formt, Spannung erzeugt, auf Höhepunkte hin führt. An diesen Höhepunkten der Phrasen, an den Spitzentönen übertreibt er es für meinen Geschmack dann aber oft mit dem Forte, das wird dann zu laut, aber auch zu offen, wirkt forciert und nicht mehr harmonisch in die vorher so sorgfältig gestaltete Phrase eingebunden.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Deinen in Klammern gesetzten Satz interpretiere ich so, dass du da auch nicht so schrecklich viel Gutes schreiben könntest. Ist das richtig?

    Zu meiner eigenen Überraschung täuscht du dich da. 8o Wir können uns gerne darüber noch mal austauschen.


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

  • Na, das freut mich doch zu hören bzw. zu lesen. :)


    Heute Abend werde ich mir noch einmal in Ruhe die Favorita-Arie von di Stefano ein zweites und vielleicht auch drittes Mal anhören und habe mir vorgenommen, auch etwas drüber zu schreiben, auch wenn "Favorita" ebenso wenig zu meinen "Top-100"-Opern gehört wie "Andrea Chenier". :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

    Einmal editiert, zuletzt von stimmenliebhaber ()

  • Eigentlich wollte ich eure Posts nicht lesen, ist aber nun doch passiert, macht aber in diesem Fall auch nichts.


    In der Tat wohl eine der schönsten Tenorstimmen, die man in Aufnahmen hören kann und diese Schönheit des Stimmklangs ist es auch immer wieder, die mich v.a. bei di Stefano begeistert.


    1949 war bei ihm noch ein recht sicheres Jahr, was seine Gesangstechnik anging. Auch die zwei, drei Jahre danach, aber dann ging ja schon recht schnell der 'Verfall' los. Was mir nun beim Wiederhören aufgefallen ist, sind 'Macken', die sich später verstärkten, aber eigentlich schon von Beginn an vorhanden waren, selbst 1944 in Lausanne.


    Den Beginn finde ich sehr schön, di Stefano setzt sofort ausdrucksmäßig eine 'Duftmarke', was er wohl auch nur konnte. Leidenschaft und Emotionalität sind aus seinem Singen nicht wegzudenken, nur 1949 konnte er eben auch noch wirklich gepflegt Belcanto singen.


    Sehr schön bei etwa 1 Minute das Piano, eh eine seiner großen Stärken. Ab 1:35 (Spirto gentil) gelingt ihm eine wunderbare Steigerung, schönes Legato, das kurze eingebaute Piano modelliert die Phrase noch mal besonders. Der nächste Abschnitt auch wieder schön gebunden, weich und ausdrucksvoll gesungen. Der kleine Schluchzer bei 2:48 gehört sich nicht, war aber damals in Belcanto-Partie noch häufiger anzutreffen. Bei 2:50 dann schön auch die absteigende Bindung in die Mittellage hinein. Ab 3:00 geht er dann ja langsam dramatisch nach oben und da kommt die Stimme langsam unter Druck, der Gesang wird offener - sein Lieblingsproblem. Das Diminuendo auf dem Spitzenton zum Piano hin - großartig, das sollte er später im Jahr in New York im Faust noch grandioser zeigen.


    Traumhaft dann das erneute 'Spirto gentil' im Piano mit dem schnellen Wechsel zum Forte. Dann baut er Phrasen zum nächsten Spitzenton wieder sehr elegant und weich auf. Der Spitzenton, kurzes Nachhaken, ist dann aber schon einer, der im Kern sein späteres Problem in sich trägt. Noch ist er klangschön, man spürt aber schon das 'Stemmen', um über das Register zu kommen.


    Um Nuancen deutlicher wird es dann noch bei 4:39, wobei das anschließende Piano vor dem leichten Crescendo auf dem Schlusston wieder bester di Stefano ist.


    Durch die Bank, das wurde ja schon gesagt, wunderbar phrasiert, instinktiv werden die dramatischen Möglichkeiten der Arie in den Steigerungen, auch in den Zurücknahmen der Stimme erkannt und voll ausgekostet. Der Ton ist rund, wird in der Mitte getroffen und nicht irgendwo 'angekratzt', die Diktion ist hervorragend und alles ist mit wirklicher persönlicher Anteilnahme gesungen.


    Aber mindestens die Tendenz zum offenen Singen ist da, Einiges, meist zu Beginn der Arie verblendet er noch, aber sobald es dramatischer wird und in die Höhe geht, ist es da. Und genau das ist es auch, was mir heute die großen Duette mit Callas in den Belcanto-Opern wirklich verleidet. Während sie stilistisch einwandfrei singt, ist er später weit davon entfernt.


    Ich habe eine Live-Aufnahme der 'Favorita' mit Pavarotti aus New York, dem so etwas natürlich nicht passiert. Aber - di Stefano dagegen brennt in seinem Singen, da ist jeder Ton auch Emotion.


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

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