Austausch über Höreindrücke von Sängerjubilaren

  • In diesem Thread können Höreindrücke zu einer ausgewählten, frei zugänglichen Aufnahme eines Sängerjubilars (m/w/d, also von jemandem, der aktuell gerade Geburtstag oder Todestag hat) ausgetauscht werden.


    Teilnehmen kann jeder, der bereit ist, eine konkrete Aufnahme frisch anzuhören und seine Eindrücke dazu niederzuschreiben - und sich eben nicht auf die Erinnerung seiner Höreindrücke von vor 30 Jahren verlässt, sondern wirklich bereit ist, noch einmal frisch nachzuhören.


    Außerdem muss man irgendwie akzeptieren, dass subjektive Höreindrücke auch mit Geschmacksfragen zu tun haben und man argumentativ selten jemanden für eine Aufnahme begeistern kann, dem diese akustisch nicht gefällt. Man wird sich also nicht immer einigen können, was auch gar nicht nötig ist.

    Man kann sich nämlich dennoch über diese unterschiedlichen Wahrnehmungen austauschen, ohne dass der Eine objektiv Recht hat und der Andere objektiv Unrecht. Beide haben für sich subjektiv Recht und alle anderen können für sich entscheiden, welchen der unterschiedlichen Urteile sie eher zuneigen. Daher sind Argumente als Begründung von Werturteilen natürlich absolut wünschenswert, weil sie der vertretenen Meinung mehr Gewicht verleihen - es wird einfach nachvollziehbarer, wie man zu einem bestimmten Urteil gelangt.


    Und jetzt schaue ich gleich mal in den neuen Beitrag im "Historischen Kalender" und picke jemanden raus. :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

    Einmal editiert, zuletzt von stimmenliebhaber () aus folgendem Grund: ein fehlendes Leerzeichen ergänzt

  • Für heute bringe ich den dänischen Tenor Poul Elming mit Siegmunds Schwert-Monolog aus dem 1. Akt von Wagners "Walküre" ein - in diesem auf Youtube verfügbaren Live-Mitschitt vom 8.10.1993 aus der Wiener Staatsoper, das Vorspiel zu dieser "Arie" beginnt bei etwa 34:50, der Gesang setzt etwa eine Minute später ein:


    Externer Inhalt www.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ich habe den dänischen Tenor Poul Elming mehrfach live erlebt, häufig als Parsifal und Siegmund (er war 1991 überhaupt mein allererster Live-Siegmund), auch als Erik und Lohengrin. Da mein Wagner-Tenor-Ideal eher ein anderer anderer dänischer Tenor war, den ich nicht live erlebt habe, gehörte Elming seinerzeit nicht zu meinen live erlebten Lieblingssängern. Was höre ich aber nun jetzt, ca. 30 Jahre später?


    Ich höre eine klangschöne, aber irgendwie doch auch recht kleine Stimme, gerade dann, wenn man, wie ich, bei dieser Rolle Melchior oder Suthaus im Ohr hat. Und so bricht mit dem Einsatz "Ein Schwert verhieß mir der Vater" auch nichts herein, keine Verzweiflung, keine Existenzialität. Den Wackler auf "Vater" würde ich verzeihen, aber etwas mehr "Heldenkraft" dürfte es beim Einsatz "Ein Schwert" für meinen Geschmack schon sein.

    Danach steigert er sich gut zu den überzeugenden "Wälse-Rufen, die mir in der Länge auch völlig angemessen erscheinen (hier ist länger nicht immer besser), auch die Steigerung danach nimmt er überzeugend. Mit seiner Textverständlichkeit bin ich durchaus zufrieden.

    Die tiefen Töne bei "Was gleist" und "Ist es der Blick" muss man etwas ahnen - erstaunlich, dass er da nicht mehr Substanz hat, schließlich kam er wie Melchior vom Bariton-Fach. Die lyrischen Passagen liegen Elming meines Erachtens dennoch besser als der Ausbruch zu Beginn.

    Elming kann durchaus phrasieren und Legato singen, ohne dabei den Text zu vernachlässigen. "Tief" und "Glut" liegen ihm auch wieder zu tief, aber insgesamt finde ich ihn auf seine Art durchaus überzeugend, wenn man akzeptiert, dass er eher ein lyrischer Jugendlicher als ein schwerer Heldentenor, also eher ein Vogt-Vorläufer als ein Melchior-Nachfolger ist.

    Ich kann Elmings hier erbrachte Live-Leistung akzeptieren, obgleich ich mir ein schwereres Stimm-Kaliber wünschen würde (zwei historische Sänger habe ich schon genannt).


    Soweit mein Kurz-Eindruck zu später Stunde. Ich hätte lieber mit einer Studioaufnahme gestartet, aber die Sänger der 1990er hatten diese Möglichkeit nicht mehr in dem Maße wie noch ihre Vorgängergeneration. Und mit einer Sängerin, die ich nicht mehr live erlebt habe, wollte ich diese neue Rubrik nicht starten.

    Nun werde ich interessiert verfolgen, ob sich andere zu Elmings Wiener Schwertmonolog äußern und/oder vielleicht lieber etwas zu einer Jubilarin des Tages schreiben wollen.


    Eine Auswahl weiterer Sängerjubilare des Tages findet sich hier:


    :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Interessant, sich einmal wieder mit Poul Elming auseinanderzusetzen, scheint er mir doch im Bewusstsein der Opern-Afficionados ziemlich untergegangen zu sein, ähnlich wie z.B. Gary Lakes.


    Ich habe Elming nur einmal in seiner Hochzeit erlebt, im Mai 1991 in Berlin in eben dieser Rolle. Eineinhalb Jahre nach dem Mauerfall die erste Opernvorstellung in Berlin, eine Walküre mit Gwyneth Jones, vorher keine Grenzkontrollen - man saß in der Vorstellung und war eh happy. Und da lief dann als Siegmund ein Typ wie Elming über die Bühne, optisch schon sehr passend. Die Höhe war kurz, das wurde schon angemerkt, aber ansonsten war man halt gnädig, weil so viel so toll war. :)


    Aber wenn ich jetzt die Audio-Aufnahme höre, stellt sich ein anderer Eindruck dar. Kein schönes Timbre, was natürlich Geschmackssache ist, eine sehr schlanke Stimme, nicht sehr voluminös, die Tiefe nicht mehr sehr ausgeprägt, unstete Tongebung, nicht sehr obertonreich, eher deklamierend als singend. Gerade in der lyrischen Passage nach den 'Wälse-Rufen' fehlt es an Bindung der Gesangslinie. Mecker, Mecker, Mecker. ;) Aber glücklich werde ich mit diesem Singen wirklich nicht. Und ich kann es gut verstehen, dass er seine Zeit hatte, aber kaum Spuren hinterlassen hat.


    :wink:Wolfram

    "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." (Samuel Beckett)

  • Eine wenig baritonal eingefärbte Stimme, ein "echter" Tenor also. Ziemlich gute Diktion. Wo die Stimme in die tieferen Lagen muss, hat er leichte Probleme, die Stimme trägt nicht so gut, fällt volumenmäßig ab, und da wird er auch schlechter textverständlich. Keinerlei Mühe in der höheren Lage (der Siegmund muss aber auch nur bis zum As), die Wälse-Rufe nicht so extrem langgezogen (oder Runnicles ließ ihn nicht), was mir entgegenkommt. Interessanterweise kommt dabei die zweite Silbe (Wäl-se), die auf einem Ton der tieferen Lage liegt, sehr gut 'rüber; hier achtet er womöglich besser auf sein leichtes Problem in der Tiefe. Gesangsdarstellerisch insgesamt ein wenig unbeteiligt; herunterbuchstabiert wäre zu hart, aber er stellt die produzierten Töne zu wenig in den Dienst des Textes. Siegmunds innere Aufregung bei "was wütend das Herz mit nagt" etwa geht an ihm völlig vorbei. Im zweiten Teil der "Arie" kriegt er das besser hin, etwa bei "den Scheitel umgliss mir der wonnige Glanz...", wo man den innigen Gedanken an Sieglinde spüren kann.


    Ich kenne Elming bisher, glaube ich, nur aus der Aufnahme des Barenboim/Kupfer-Rings, der mal im TV lief (besitze die Aufnahme nicht), also auch nur in dieser einen Rolle. Habe ihn von da recht gut in Erinnerung, besser als in dieser Aufnahme. Schlecht ist das allemal nicht (für einen Sänger der aktuellen Epoche, zu denen ich ihn noch zählen würde), aber vom Hocker reißt es mich auch nicht gerade.


    ***


    Hier noch ein Link, der direkt zum Schwertmonolog führt:


    Externer Inhalt www.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Habe Eure Einlassungen absichtlich erst gelesen, nachdem ich meinen obigen Beitrag geschrieben hatte.


    Dass auch Elming vom Bariton her kam, wundert mich tatsächlich, habe auch ein wenig an Vogt gedacht, den ich allerdings klangschöner finde (wenn man sich seine Schnappatmung wegdenken kann). Die Stelle nach den Wälse-Rufen hörst Du, Stimmenliebhaber, offenbar anders; gerade da finde ich ihn viel zu unbeteiligt. Für den Siegmund würde auch ich mir ein "schwereres Stimmkaliber" wünschen oder doch wenigstens einen Sänger, der die Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit der Rolle mehr 'rüberbringt.


    Hat Elming auch Siegfried gesungen? Vom Stimmtyp her würde er mir da womöglich besser gefallen. Kann mir allerdings vorstellen, das Schmelz- und Schmiedelied für ihn eine Nummer zu groß gewesen wären.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • kenne Elming bisher, glaube ich, nur aus der Aufnahme des Barenboim/Kupfer-Rings

    Das findet sich auch in der Tube:


    Externer Inhalt youtu.be
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.


    Und das ist viel, viel besser! Die Probleme in der Tiefe sind weiterhin da, aber jetzt höre ich einen Sänger, der jedem Wort mit sängerischen Mitteln eine Bedeutung gibt. Eine leichte baritonale Einfärbung ist hier unverkennbar (womöglich ist der Wiener Mitschnitt auch in den tiefen Frequenzen beschnitten) und für mich sehr zur Rolle passend. Und eben diese tiefe Lebensverzweiflung des Siegmund, die weit über die momentane Lage hinausgeht und seine Persönlichkeit ausmacht ("des Wehes waltet ich nur") läßt Elming hier den Hörer in jedem Ton spüren. Das finde ich jetzt beim Wiedehören sogar noch viel besser als in der Erinnerung.


    Vielleicht mögt ihr das im Vergleich auch mal hören.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Aber glücklich werde ich mit diesem Singen wirklich nicht.

    Ich wollte in meiner ersten "Höranalyse" nicht zu unhöflich werden, deshalb habe ich versucht, so höflich und gnädig wie möglich zu formulieren, er hat ja immerhin heute Geburtstag, aber dieses Fazit von dir teile ich (leider) voll und ganz.


    im Mai 1991 in Berlin

    Das war meine allererste Live-"Walküre". unvergessen bleiben mir vor allem die Proteste gegen den Dirigenten Christof Prick. (Betrifft aber nicht die jetzt eingestellte Wiener Vorstellung.)

    aber vom Hocker reißt es mich auch nicht gerade.

    Auch dieses Fazit teile ich.

    Hier noch ein Link, der direkt zum Schwertmonolog führt:

    Danke!

    Die Stelle nach den Wälse-Rufen hörst Du, Stimmenliebhaber, offenbar anders; gerade da finde ich ihn viel zu unbeteiligt.

    Es gibt Tenöre, die sich mit langen Wälse-Rufen dermaßen verausgaben, dass sie die anschließende Steigerung gar nicht mehr packen oder sich durchschummeln. Das singt Elmin souverän - womit noch nichts über Beteiligung ausgesagt ist, zumindest war meinerseits diesbezüglich nicht der Focus drauf. Vielleicht kann man Siegmund in der Szene, bevor Sieglinde wieder reinkommt, auch als kleine Häuflein Elend sehen. Da wäre er zumindeste näher dran als am Heldenstrahlemann. ;)

    Hat Elming auch Siegfried gesungen? Vom Stimmtyp her würde er mir da womöglich besser gefallen. Kann mir allerdings vorstellen, das Schmelz- und Schmiedelied für ihn eine Nummer zu groß gewesen wären.

    Nie im Leben hätte er Siegfried singen können. Parsifal und siegmund lagen ihm sehr gut, aber schon Lohengrin und Erik machten ihn zu schaffen.


    Danke für Eure Beiträge! :clap: :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Für heute bringe ich den dänischen Tenor Poul Elming mit Siegmunds Schwert-Monolog aus dem 1. Akt von Wagners "Walküre" ein - in diesem auf Youtube verfügbaren Live-Mitschitt vom 8.10.1993 aus der Wiener Staatsoper, das Vorspiel zu dieser "Arie" beginnt bei etwa 34:50, der Gesang setzt etwa eine Minute später ein:

    Vielen Dank, lieber Stimmenliebhaber, für die schnelle Umsetzung deines Plans und die Eröffnung dieses Themas! :wink:


    Um nicht schon mit euren Eindrücken hineinzugehen, höre ich an dieser Stelle des Threads, an der das Tonbeispiel kommt, direkt erst einmal auf zu lesen und höre mir Poul Elming an - ein Sänger, den ich nicht gut kenne und mit dem nicht nicht viel verbinde. Das einzige, was ich über ihn weiß, ist, dass er Däne war und in den frühen bis mittleren 1990er Jahren einige Jahre große Rollen in Bayreuth gesungen hat, in einer Zeit, die viele Rezensenten als die vokal düstersten Jahre Bayreuths ansehen und aus der es viele Klagen über das niedrige sängerische Niveau gibt. In Barenboims/Heiner Müllers "Tristan" aus Bayreuth ist Elming 1995 in kleinen Rollen zu sehen, ansonsten verbinde ich mit ihm den Siegmung in Barenboims Bayreuther Ring-Aufnahme. Die muss auch irgendwann in der ersten Hälfte der 1990er entstanden sein, ich hatte die "Walküre" vor vielen Jahren mal aus der Stadtbibliothek ausgeliehen, kann dazu aber nichts mehr sagen, sie hat keinen bleibenden Eindrock hinterlassen.


    Nun also Elming auch als Siegmund - war das seine Paraderolle, oder verbinde nur ich ihn vor allem mit ihr? - aber nicht aus Bayreuth, sondern aus Wien, auch in den frühen 1990ern: Ich bin gespannt!

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Erster Eindruck: Eine durchaus attraktive, jugendliche Stimme, aber nicht ganz sicher geführt, schon in der ersten Phrase gibt es kleine Wackler.


    Die Stimme erinnert mich mit ihrem hellen, trompetenhaften Klang ein bisschen an Klaus Florian Vogt, der jetzt gerade als Siegmund erfolgreich ist. Elming als stimmlicher Vorfahre von Vogt. Ich mag´s!


    Mit der Zeit wird er auch sicherer, die Wackler werden weniger, aber korrekter Rhythmus ist und bleibt offenbar nicht Elmings Sache. Die Wälse-Rufe gelingen ihm sehr schön, die Stimme klingt zwar leicht und hell, hat aber die notwendige Kraft (auch das wie bei Vogt), ab dieser Stelle nimmt auch die Intensität in der Gestaltung zu. "Nächtiges Dunkel deckte mein Aug´" gelingt ihm sehr schön, mit breitem Legato - aber kann man diese Stelle wirklich versemmeln? Das ist schon so komponiert, dass es eigentlich unkaputtbar ist.

    Schöne, sichere tiefe Lage bei den letzten Phrasen. Doch, ich muss sagen, je länger ich zugehört habe, desto besser gefiel mir das, was Elming da macht.


    Tja, was ist mein Fazit von meinem Eindruck? Irgendwie durchwachsen: Die Stimme hat einen sehr eigenen, jugendlichen Klang, der mich anspricht. Aber irgendwie ist mir das alles zu offen, zu undifferenziert, zu geheimnislos gesungen, manchmal auch zu unsicher. Das ist nichts, was ich jetzt an den Noten belegen könnte, da macht Elming von seinen Problemen mit dem korrekten Rythmus abgesehen eigentlich alles ganz in Ordnung, es ist ein Gefühl, das Gefühl, dass es mich nicht richtig packt beim Hören. Also: Ein brauchbarer, vielleicht sogar ein guter Siegmund, mit dem man einen schönen Opernabend verleben kann - aber keiner, der die Generationen überdauern wird.


    So, und jetzt höre ich die Stelle noch ein zweites Mal und lese dabei, wie eure Eindrücke bisher waren. :)

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wenn ich jetzt anfange, eure Eindrücke zu lesen, stelle ich fest, dass eigentlich alles, was ich zu Elmings Siegmund zu sagen habe, so schon geschrieben wurde:

    Ich höre eine klangschöne, aber irgendwie doch auch recht kleine Stimme, gerade dann, wenn man, wie ich, bei dieser Rolle Melchior oder Suthaus im Ohr hat. Und so bricht mit dem Einsatz "Ein Schwert verhieß mir der Vater" auch nichts herein, keine Verzweiflung, keine Existenzialität. Den Wackler auf "Vater" würde ich verzeihen, aber etwas mehr "Heldenkraft" dürfte es beim Einsatz "Ein Schwert" für meinen Geschmack schon sein.

    Danach steigert er sich gut zu den überzeugenden "Wälse-Rufen, die mir in der Länge auch völlig angemessen erscheinen (hier ist länger nicht immer besser), auch die Steigerung danach nimmt er überzeugend. Mit seiner Textverständlichkeit bin ich durchaus zufrieden.

    Ja, das entspricht bis ins Detail exakt meinem Eindruck beim Hören! Und selbst der Vergleich mit Vogt, der sich mir aufdrängte und den ich für eine originelle Beobachtung hielt, kam schon vor:

    Elming kann durchaus phrasieren und Legato singen, ohne dabei den Text zu vernachlässigen. "Tief" und "Glut" liegen ihm auch wieder zu tief, aber insgesamt finde ich ihn auf seine Art durchaus überzeugend, wenn man akzeptiert, dass er eher ein lyrischer Jugendlicher als ein schwerer Heldentenor, also eher ein Vogt-Vorläufer als ein Melchior-Nachfolger ist.

    Ich kann Elmings hier erbrachte Live-Leistung akzeptieren, obgleich ich mir ein schwereres Stimm-Kaliber wünschen würde (zwei historische Sänger habe ich schon genannt).

    Und auch Vogt ist heute ja umstritten in den schweren Wagner-Rolle. Manche sind von ihm fasziniert, manche schmähen ihn als nervige "Kindertrompete". Ich gehöre zu ersteren und finde, das Vogt aus einer ähnlichen Stimme wie Elming mehr macht, dass der Nachfolger den Vorläufer übertrifft. Mit dem Fazit von Stimmenliebhaber bin ich völlig einverstanden, es ist das, was ich auch versucht habe zu formulieren: Elming ist völlig in Ordnung, ein völlig akzeptabler Live-Siegmund - und ob man diese Art Stimme mag, das ist bei Elming wie bei Vogt Geschmackssache.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Dann genießen wir für den Moment einfach die große Einigkeit :) - die gewiss nicht in allen folgenden Fällen so bestehen bleiben wird. ;) :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Soweit mein Kurz-Eindruck zu später Stunde. Ich hätte lieber mit einer Studioaufnahme gestartet, aber die Sänger der 1990er hatten diese Möglichkeit nicht mehr in dem Maße wie noch ihre Vorgängergeneration.

    Elming hat den Siegmund sogar in einer Studioaufnahme gesungen, habe ich inzwischen gesehen: 1991 war euer Liveeindruck in Berlin, im gleichen Jahr ist auch die Bayreuther Aufnahme unter Barenboim entstanden, 1992 wurde Elming zu einer Studioaufnahme der "Walküre" herangezogen. Es war der nach der Hälfte abgebrochene von der Decca produzierte "Ring" mit dem Cleveland Orchestra unter Christoph von Dohnányi, in der "Walküre" singen neben Elming Alessandra Marc als Sieglinde und Alfred Muff als Hunding. 1993 ist dann der Wiener Mitschnitt entstanden, über den wir hier heute Morgen gesprochen haben - und dann war Elming nach meinem Eindruck auch irgendwie schon wieder "weg vom Fenster". Für mich (geboren 1989) ist er damit - halten zu Gnaden, Quasimodo - auch irgendwie kein Sänger der aktuellen Epoche. :versteck1:

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • 1992 wurde Elming zu einer Studioaufnahme der "Walküre" herangezogen. Es war der nach der Hälfte abgebrochene von der Decca produzierte "Ring" mit dem Cleveland Orchestra unter Christoph von Dohnányi

    Du lieber Himmel, ja! Die steht hier sogar im Regal! Ich hatte sie völlig vergessen! Gabriele Schnaut war Brünnhilde, Robert Hale Wotan und Anja Silja die Fricka!

    Für mich (geboren 1989) ist er damit - halten zu Gnaden, Quasimodo - auch irgendwie kein Sänger der aktuellen Epoche.

    Geduld, du Knabe! Dünk ich dich alt, so sollst du Achtung mir bieten!


    Aber du hast recht! Wobei wir uns fragen müssten, was im Kunstgesang eine "Epoche" ausmacht. Vielleicht mal an anderem Ort.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Was bei mir aus dem Lautsprecher kam, war doch von etwas beschränkter Tonqualität, sodaß ich mir schwer tue, Elmings Stimme zu beurteilen. Mich hat ein bißchen überrascht, daß er vom Bariton her kommt, denn in der Tiefe klang es nicht so gut wie in den höheren Lagen. Eine recht schöne Stimme an sich, aber nicht allzu nuancenreich. Ein guter Siegmund, ja, aber nichts irgendwie Sensationelles. Wobei ich auch finde, daß er im Verlauf eher besser wurde. Hätten wir heute mehr Wagner-Tenöre wie ihn, wäre ich eigentlich froh.

    ______________________


    Homo sum, ergo inscius.

  • Lieber "Waldi"!


    Was bei mir aus dem Lautsprecher kam, war doch von etwas beschränkter Tonqualität, sodaß ich mir schwer tue, Elmings Stimme zu beurteilen.

    "Quasimodo" hat ja in Beitrag 7 eine Alternativaufnahme aus Bayreuth eingestellt, die ich mir heute am späten Abend noch in ruhe anhören möchte, zumindest den Monolog. wäre das auch eine Hör-Alternative für dich?

    Mich hat ein bißchen überrascht, daß er vom Bariton her kommt, denn in der Tiefe klang es nicht so gut wie in den höheren Lagen.

    Das ist bei Frauen, die von Mezzo oder gar Alt ins Sopran-Fach gehen, auch häufig so, dass sie in dem Maße, die sie an Höhe gewinnen, plötzlich auch an Tiefe verlieren. aber Elming kam wirklich aus dem Bariton-Fach, auch wenn man es ncht glaubt: Es gibt einen "Lohengrin"-Mitschnitt aus Kopenhagen von 1988, da singt Elming (neben Büchner als Lohengrin) noch den Heerrufer:


    Externer Inhalt www.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.


    :wink:

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Da kann ich mich nur anschließen!!! Nun ist die Bayreuther Aufnahme sichtlich eine professionelle, während der Wiener Mitschnitt offenbar ein privater war, bei dem das Aufnahmegerät sich auch in einiger Distanz zu den Sängern befand. Insofern ist Wien 1993 also nicht aus "Schuld" des Sängers kein guter Beleg für Elmings Qualitäten.

    ______________________


    Homo sum, ergo inscius.

  • Ich finde live immer weit aussagekräftiger als Studio. Und ob Bayreuth 1992 wirklich live ist oder nicht doch die im Studio produzierte Tonspur zur professionellen Videoaufzeichnung des Kupfer-"Rings" muss ich heute Abend mal sehen.

    Aber ob jemand Tiefe hat oder nicht und ob er (wie hier bei "Vater") wackelt oder nicht, das alles merkt man nur live, im Studio kann man das alles schön kaschieren und so lange neu aufnehmen, bis es passt.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!