Die langen Schatten der Vergangenheit: das Oderbruch (IV)

  • Das Oderbruch - ein unter den frühen Preußenkönigen trockengelegtes Gebiet westlich und östlich der Oder, begrenzt jeweils von Höhenzügen auf beiden Seiten. Weite Felder, gerade Straßen, wie mit dem Lineal gezogen, kleine Dörfer, Kleinstädte, Ruhe, Einsamkeit, auch viel Trostlosigkeit - auf beiden Seiten.


    Und auch eine Landschaft, die von Gutshäusern und Schlössern geprägt wurde, von mittelalterlichen Kirchen, einfachen Gehöften, Kätnerhäusern. Und von den Preußen. Und von Kriegen und Verwüstungen.


    Hardenberg, der preußische Reformer, hatte hier sein Anwesen, Schinkel hier gebaut, ebenso Stüler, Lenné und Pückler-Muskau Gärten angelegt, Rauch Skulpturen hinterlassen. Die Fink von Finkensteins waren hier, die Marwitz, die Ziethens und haufenweise andere alte preußische Adelsgeschlechter. Und es gab den Siebenjährigen Krieg (Kunersdorf) und die Befreiungskriege und dann v.a. den Zweiten Weltkrieg. Und die DDR, was manchen historischen Stätten auch nicht bekam.


    Im Zentrum liegt Seelow, ein beschaulicher Ort mit Schinkelkirche, vielbefahrenem Kreisverkehr und sehr vielen Neubauten. Denn bei Seelow sind die bekannten Seelower Höhen. Ein Mahnmal gibt es noch für die gefallenen Sowjetsoldaten. Ein Mahnmal und Gräber. Viele Gräber, viel zu viele, wie überall im Oderbruch. Erinnerung an die letzte Entscheidungsschlacht des II. WK auf europäischen Boden, als 1 Million Rotarmisten gegen rund 120.000 deutsche Soldaten den Durchbruch in Richtung Berlin erkämpften. Wochenlang tobten Kämpfe im Oderbruch, vier Tage im April 1945 allein wurden die Seelower Höhen umkämpft. Zehntausende mussten noch ihr Leben lassen, Dörfer und Städte dabei in Schutt und Asche gelegt.


    Westlich davon das kleine Dorf Reitwein, Besitztum der Fink von Finkensteins. Die Stüler-Kirche hat bis heute nur ihren Turm wieder bekommen, das Schloss wurde 1962 abgerissen. Im ehemaligen Schlosspark ein weiteres sowjetisches Mahnmal, nebst der fast obligatorischen Kriegsgräberstätte. Und im Wald der ehemalige Bunker Marschall Schukows, der von dort die Kämpfe beobachtete. Und die Verletzungen in den Seelen und Köpfen der Dorfbewohner bis heute. Einsilbigkeit, wenn man sie darauf ansprach, ein Schatten, der immer noch auf dem Dorf lastet. Dazu addiert das Gefühl von Abgehängtsein. Die Fähre über die Oder, die nach 1990 nicht wieder eingerichtet wurde, das fehlende Handy-Netz, die Stromausfällle bei Regen, von nicht vorhandenen Geschäften ganz zu schweigen. Und wie bei so vielen Dörfer dort der nicht mehr existierende andere Dorfteil jenseits der Oder. Eine ganz seltsame Atmosphäre war überall zu spüren.


    Ein paar Kilometer weiter Richtung Osten Küstrin oder Kostrzyn, wie die Stadt heute heißt. Kommt man von Süden dorthin in die Stadt der 'Katte-Tragödie', sieht man linkerhand ein flaches Festungstor aus Ziegeln gebaut. Dann fährt man im Halbkreis um eine Parkanlage, links gelegen, während sich rechts der übliche Polenmarkt befindet. Nach kurzer Zeit kommt man zu früheren Grenzanlagen, seit den neunziger Jahren leerstehend, bevor man dann wieder die Oder in Richtung Deutschland überquert. Was man kaum ahnt, ist, dass diese Parkanlage einst die Altstadt Küstrins war, das Schloss beherbergte, an dessen einer Ecke Katte enthauptet und Friedrich II. gezwungen wurde, das anzusehen, die Stadtkirche zu finden war, der Marktplatz, der Hafen und all die Gebäude, die diese Kleinstadt zu einem, wie man sagt, Kleinod unter den preußischen Städten machte. Nicht ein einziges Haus ist, wenigstens als Ruine, erhalten geblieben. Alles hat der letzte Krieg und der verzweifelte Kampf gegen den Nationalsozialismus zerstört. Zu sehen ist nur noch die neue Stadt Kostrzyn, die sich gesichts- und planlos am Rande dieses 'Parks' entwickelt hat. Mietskasernen, Polenmarkt, Lidl und Rossmann.


    Fährt man übrigens weiter nach Tamsel, heute Dabroszyn, findet man das Schloss derer von Wreech und von Schwerin, trotz jahrelanger Bemühungen weiterhin nur notdürftig gesichert und nicht zugänglich, anders als der Schlosspark, als englischer Garten angelegt, mit schönen Skulpturen angereichert. Verwahrlost zwar, aber weiterhin vorhanden. Ein kleiner Einkaufsladen ist dort, die alten Häuser, so weit es geht, gepflegt, Vorgärten, bei denen sich ein Hinschauen lohnt.


    Es ist viel versucht worden im (deutschen) Oderbruch, was Restaurierung historischer Gebäude angeht. Und es ist viel liegengelassen worden, was die Menschen angeht. II. Weltkrieg und DDR und auch Gesamtdeutschland - hier kann man die langen Schatten überall sehr spüren. So vieles so trostlos. Eine geplagte Landschaft, eine geplagte Bevölkerung, die nun auch noch mit dem Fischsterben umgehen muss, mit einer Katastrophe, die kaum jemanden dort nicht betrifft.


    :wink:Wolfram

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