Operntelegramm Saison 2022/2023

  • Wiener Volksoper - Rossini, La Cenerentola (2.September 2022; Wiederaufnahme)

    Im Rahmen der Wiener Festwochen 1973 gastierte die Mailänder Scala mit Rossinis "La Cenerentola" im Theater an der Wien. Für die damals jüngeren Besucher (zu denen ich zählte) war es die erste Begegnung mit diesem Werk, in der Staatsoper stand diese Oper davor zuletzt 1965 am Spielplan, und für die meisten Besucher war es auch die erste Begegnung mit der legendären Produktion von Jean-Pierre Ponnelle. Vor nunmehr 25 Jahren inszenierte Achim Freyer "La Cenerentola" an der Wiener Volksoper und auch diese Produktion stand schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr am Spielplan; angeblich wegen einer Neuproduktion an der Staatsoper im Jänner 2013. Die Gerüchtebörse sprach auch davon, dass die Ausstattung von Maria-Elena Amos einer Skartierung zum Opfergefallen ist.

    Umso verwunderlicher war daher die Ankündigung der (zu diesem Zeitpunkt noch designierten) neuen Direktorin der Volksoper Lotte de Beer "La Cenerentola" in eben jener Inszenierung von Achim Freyer und mit den damaligen Bühnenbildern und Kostümen wieder auf den Spielplan zu setzen. Ob bei der gestrigen Wiederaufnahme tatsächlich die alte Ausstattung zum Einsatz kam oder ob nachgebaut und nachgenäht worden ist, ich weiß es nicht und es ist auch nur bedingt relevant.

    Tatsache ist, dass nach der durchaus zwiespältigen Eröffnungspremiere von "Die Dubarry" am Vortag bereits die erste Wiederaufnahme und zweite Vorstellung der neuen Direktion zu einem bejubelten Erfolg wurde.

    Einfach ist das Bühnenbild, das mit wenigen Veränderungen die jeweilige Szene auf die Bühne stellt; bunt und typengerecht sind die Personen kostümiert; häufig witzig ist die Personenführung, allein ein von 12 (!) Statisten dargestelltes Pferd fordert Lachstürme. Da hat sich Dorike van Genderen zweifellos detailgetreu an das originale Regiebuch gehalten. Was diese Wiederaufnahme aber besonders interessant machte, ist die Tatsache, dass bis auf die Sängerin der Clorinda alle Solistinnen und Solisten und auch der Dirigent an diesem Abend ihre Hausdebuts hatten.

    Timothy Fallon ist optisch vielleicht nicht der Traumprinz aus dem Bilderbuch, er ist weder groß noch schlank, dafür ist er höhen- und koloratursicher gleichermaßen; im Laufe der Saison wird er auch in anderen Partien zu hören sein. Sein Kammerdienere Dandini liegt bei Modestas Sedlevicius in besten Händen mit Misha Kiria steht als Don Magnifico eine beinahe optimale Besetzung zur Verfügung. Aaron Pendleton zeigt als Alidoro einen schönen Bass. Die beiden bösen Schwestern werden von Lauren Urquhart (Clorinda, die einzige schon bisher an der Volksoper engagierte Sängerin) und Stephanie Maitland (Tisbe) gleichermaßen überzeugend gespielt und gesungen. Wallis Giunta, sie soll eine der Stützen des neuen Ensembles werden, hat die Cenerentola schon in verschiedenen Produktionen gesungen und liefert an diesem Abend ein überzeugendes Hausdebut ab. Mit Carlo Goldstein steht einer der drei neuen Pricipal Guest Conductors am Pult und vor dem Volksopernorchester.

    War also alles eitle Wonne ? Die Antwort ist ein klares Jein. Die kleineren oder da und dort auch etwas größeren Schwächen der Aufführung überzubewerten wäre schlimmste Beckmesserei. Es sei daher nur ganz am Rande erwähnt, dass das Orchester zu Beginn des Abends etwas derb klang, dass Wallis Giunta in der Höhe zu einer gewissen Schärfe neigt, oder dass Aaron Pendleton für diese Rolle die auch erforderliche stimmliche Flexibilität fehlt. Das mag durchaus der einem Hausdebut geschuldeten Nervosität zugerechnet werden und darf daher auch nicht überbewertet werden.

  • Mo., 5. September 2022: WIEN (Staatsoper): Giacomo Puccini, La Bohème

    Eigentlich sollte hier ein Bericht der für heute geplanten Wiederaufnahme von Halévys „La Juive“ stehen – aufgrund der (ohnehin mindestens 10 Tage vor der ersten Vorstellung erfolgten!) Absage von Sopran und Tenor entschied sich Roščić, der den Saisonanfang offensichtlich mit „Stars“ begehen wollte, leider dafür, dieses Werk gänzlich abzusagen (ganz selbstverständlich hätte man mit dieser Vorlaufzeit ausreichend Einspringer gefunden!) und stattdessen die Mainstreamopern „La Bohème“ und „Carmen“ zu spielen – für die Wiener Staatsoper, der ich auch einen gewissen kulturellen Auftrag zuschreibe, eine Schande und Bankrotterklärung. Aber weil ich das neue Stehplatzsystem erkunden wollte, war ich heute trotzdem dort (zumal mir auch bei „La Bohème“ wurscht ist, ob ich schlecht steh, da kann man Erfahrung für wirklich wichtige Aufführungen sammeln). Dieses neue System (Nummerierung der Stehplätze) ist übrigens Mist, weil man jetzt GAR keinen Einfluss mehr darauf hat, ob sich als lästig bekannte Leute (Schnauf- oder Rotznasen, Raschler, Stinker, …) in der Nähe einfinden, und weil man jetzt nicht mehr sieht, wer in der Pause gegangen ist und mit wessen Platz man es sich dann verbessern könnte.


    Der Rodolfo des mir bis heute vollkommen unbekannten Vittorio Grigolo ist leider gewaltig danebengegangen: Mit seiner ohnehin nicht sonderlich glanzvollen Stimme war er erstens entsetzlich schlampig unterwegs (er schmierte die Töne sämtlich in einer unerträglichen Art und Weise an) und zweitens entsetzlich plakativ, denn wenn man „Che gelida manina“, das ja ein ehrliches Selbstbekenntnis eines eher schüchternen Dichters ist, in einer solch protzigen Weise (Spitzentöne penetrant betont) singt, bietet man kein adäquates Rollenportrait. Zudem verstehe ich nicht, wieso er in seinen vorletzten Worten („Che vuol dire, quell'andare e venire, quel guardarmi così“) so herumgebrüllt hat, um das finale „Mimì! Mimì!“ in Mimìs Kopfpolster statt in den Zuschauerraum zu singen… Sei’s drum, diesem Sänger will ich auf keiner Opernbühne mehr begegnen. Mehr Freude bereitete Anna Netrebko, bei der man zwar argumentieren kann, dass sie der Mimì bereits entwachsen ist, die aber trotzdem vor allem im dritten und vierten Bild eine sehr gute Leistung bot (im ersten Bild, in dem sie mir nicht wirklich gefiel, hat sicherlich auch Nervosität eine Rolle gespielt, schließlich erhielt sie einen Auftrittsapplaus, der dann von Buhrufen unterbrochen wurde, in die sich mehrere Bravorufe mischten, bis der Applaus durch Zischen beendet wurde – der Dirigent hat das einzig Richtige gemacht, nämlich beinhart weiterdirigiert, bis der etwa 15 Sekunden währende Bahö vorbei war); dennoch waren in den letzten Jahren von Maija Kovaļevska und Krassimira Stojanova bessere Mimì-Interpretationen in Wien zu hören. George Petean zeigte als Marcello im ersten und zweiten Bild eine sehr merkwürdige Stimme (vielleicht ebenfalls die Nervosität vor dem heutigen Abend?), steigerte sich aber nach der Pause stark. Sehr gut war Martin Häßler als Schaunard, wohingegen Günther Groissböck als Colline in den Ensembleszenen am ehesten dadurch auffiel, dass er dauernd irgendwelche Hektik verbreitete, und zu seinem Mantel-Abschied ist zu sagen, dass er zwar recht laut singen kann, aber nicht unbedingt schön. Gut war Nina Minasyan als Musetta (ihre dunkle Stimme passte zur ebenfalls dunklen Stimme Netrebkos), wobei ich von ihrem „Quando men vo“ wenig mitbekommen habe, weil genau da ein in meiner Nähe befindliches Kleinkind Wirbel machte. Ein Totalausfall war Marcus Pelz in den Rollen Benoît/Alcindor: Wenn man gesehen hat, wie witzig und stimmgewaltig Wolfgang Bankl diese Rollen gestaltet (auch der leider schon verstorbene Alfred Šramek war dafür eine sehr gute Besetzung!), kann man die Leistung von Pelz nur stark unter dem wünschenswerten Staatsopernniveau ansiedeln. Der beste Mann des heutigen Abends stand im Orchestergraben: Bertrand de Billy (der 2014 aufgrund eines Streits mit Dominique Meyer dem Haus vorerst den Rücken kehrte und glücklicherweise unter Roščić wieder zurückgekommen ist) leitete das heute sehr gut disponierte Staatsopernorchester bemerkenswert gut.


    Zur Inszenierung von Franco Zeffirelli ist alles gesagt, wenn man den Namen des Regisseurs nennt (Premiere 1963): Ich hätte kein Problem damit, sie um 5 Euro auf Ebay zu verkaufen, hoffe aber gleichzeitig, dass sie uns noch lange erhalten bleibt, weil es viel sinnvoller wäre, Puccinis „Edgar“ nach Wien zu bringen als immer die ewig gleichen Opern neu zu inszenieren (das sei Roščić ins Stammbuch geschrieben!). Auf den Vergleich mit der Harry-Kupfer-Produktion der Wiener Volksoper, die ich mir dort bald anhören werde, bin ich schon gespannt.


    Fazit: 4 Euro, die ich bezahlt habe, war die Aufführung wert. Keinen Cent mehr.

  • Vor nunmehr 25 Jahren inszenierte Achim Freyer "La Cenerentola" an der Wiener Volksoper und auch diese Produktion stand schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr am Spielplan; angeblich wegen einer Neuproduktion an der Staatsoper im Jänner 2013.

    Genau das habe ich übrigens auch über die "Rusalka" gehört -- schade, dass die Staatsopern-Rusalka die (aus meiner Sicht viel bessere) Volksopern-Rusalka großteils aus dem Repertoire geschmissen hat (ok, 2018 ist sie kurz wiedergekommen).

    (Übrigens, die von Dir besprochene Vorstellung war am 4. Sept., nicht am 2.)

  • Der Rodolfo des mir bis heute vollkommen unbekannten Vittorio Grigolo ist leider gewaltig danebengegangen

    Danke, Sadko, für die umfängliche Beschreibung dieser Aufführung. Ohne drin gewesen zu sein, kann ich alles, was Du schreibst, gut nachempfinden.

    Grigolo ist mir kein Unbekannter mehr, aber nachdem ich ihn einmal live hatte (ich weiß gar nicht mehr, was das war, ich glaube "Tosca"), habe ich noch einmal einen Versuch bei einer Radioübertragung aus der Met gemacht, bin aber ziemlich schnell ausgestiegen. Wenn man ihn so im Interview hört, kommt er auch noch ziemlich arrogant rüber. Auf was bildet er sich eigentlich was ein? :P

  • Gerne!

    Zu Grigolo kann ich sonst nichts sagen (außer ein ziemlich kindisches Gehabe beim Schlussapplaus), ich habe noch kein Interview mit ihm gehört, habe allerdings auch keine große Lust, das zu ändern..


    Übrigens soll am 18. September auf ORF 3 eine Videoaufzeichnung dieser Bohème-Serie ausgestrahlt werden (siehe Pressemitteilung). Das nur zur Info, aber angesichts meines gestrigen Vorstellungseindrucks rate ich im Sinne einer gewinnbringend verbrachten Freizeit, sich diese Videoaufzeichnung nicht anzuschauen :D

  • Hmm...Grigolo mit "strahlendem Schmelz"?

    Eine tolle Stimme hat er ja...

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Eine tolle Stimme hat er ja...

    Da ist mir gestern das Gegenteil aufgefallen...


    @ Ira: Dass in den Zeitungskritiken fast nur Seltsames steht, wissen wir doch, ich würde diese nichtssagenden Texte nicht unbedingt verbreitern, so viel Ehre sollte man ihnen nicht verleihen ;)

  • Ich finde es halt immer wieder interessant, sie mit der eigenen Wahrnehmung zu vergleichen. Andrerseits: ob und wie es mir gefallen hat, weiß ich selber.... ;)

    Wäre es Dir lieber, wenn ich sie lösche? Ich könnte es verstehen, wenn Du sie nicht unter Deinem Bericht haben willst.

  • Nein nein, das ist natürlich ok, man soll ja seine Beiträge so gestalten, wie man will! Du brauchst natürlich nichts löschen!

    Und ja, stimmt, Du hast recht, ein Vergleich von Zeitungskritiken mit Foreneinträgen hat ja auch seine Vorteile. (für mich war es nur ungewohnt)

    Insofern: Alles ok :cincinbier:


    Nachtrag: Ich behalte mir allerdings vor, nicht alle eingestellten Links anzuklicken.

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  • Da ist mir gestern das Gegenteil aufgefallen...

    Dir ist aufgefallen, dass er "erstens entsetzlich schlampig unterwegs und zweitens entsetzlich plakativ" war. Und ich fürchte, das ist genau das Problem bei Vittorio Grigolo: Der Mann ist mit einer der schönsten Tenorstimmen seit langem begabt, ein wahres Gottesgeschenk, kann damit aber nicht umgehen, weil er wahnsinnig plakativ, unsensibel und selbstgefällig singt/auftritt - und das ist dann nicht immer schön und oft ziemlich geschmacklos.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Der Mann ist mit einer der schönsten Tenorstimmen seit langem begabt

    Ist das wirklich Dein Ernst?

    Er klingt, als hätte er eine Rasierklinge im Hals und was ich schon gar nicht vertrage: dieses ausufernde Tremolo. Ganz abgesehen von den Manierismen:


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    Da ist das hier eine ganz andere Liga:


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  • Dir ist aufgefallen, dass er "erstens entsetzlich schlampig unterwegs und zweitens entsetzlich plakativ" war. Und ich fürchte, das ist genau das Problem bei Vittorio Grigolo: Der Mann ist mit einer der schönsten Tenorstimmen seit langem begabt, ein wahres Gottesgeschenk, kann damit aber nicht umgehen, weil er wahnsinnig plakativ, unsensibel und selbstgefällig singt/auftritt - und das ist dann nicht immer schön und oft ziemlich geschmacklos.

    Dem zweiten Teil des Zitierten stimme ich vollkommen zu. Den ersten Teil sehe ich anders, ich finde die Stimme Grigolos überhaupt nicht schön (wie ich ja geschrieben habe), da besitzen meiner Meinung nach beispielsweise die heutigen Tenöre Benjamin Bernheim, Jörg Schneider, Juan Diego Flórez und auch Ramón Vargas deutlich schönere Stimmen.

  • Und vor allem Piotr Beczala. Nicht zu vergessen den Newcomer Jonathan Tetelman (s. Link). Ihn hörte ich kürzlich in einer Konzertübertragung in 3 Sat, da kann ich nur sagen: super!

  • Ja, Beczała schätze ich auch als sehr gut ein, vermutlich werde ich ihn übermorgen als José in Carmen hören und bin gespannt, wie er das macht! (als seine beste Rolle schätze ich den José ja nicht ein, aber ich lasse mich überraschen)


    Gestern war ich in der Volksoper (Bericht ist seit heute früh fertig und wird eingestellt, sobald es technisch geht, er ist nämlich etwas zu lang für die aktuelle Foreneinstellung, und ich mag ihn nicht trennen), heute geh ich wieder in die Staatsoper, und dann ist der Opernmarathon vorerst wieder beendet ;) :D

  • Di., 6. September 2022: WIEN (Volksoper): Johann Strauß Sohn, Die Fledermaus

    Die Fledermaus gehört geradezu zum Inventar der Volksoper und ist eines ihrer Aushängeschilder, und ich begrüße es ausdrücklich, dass die neue Direktion das offensichtlich fortzuführen gedenkt. Die gespielte Produktion von Robert Herzl und Pantelis Dessyllas hat schon mehrere Jahrzehnte (1993 war die Premiere, sofern meine Unterlagen stimmen) und über 500 Aufführungen auf dem Buckl, 2006 wurde sie von Heinz Zednik neueinstudiert, 2022 hätte das von Maria Happel geschehen sollen, aufgrund ihrer Absage wurde diese Aufgabe Carsten Süss übertragen, was auch der Hauptgrund meines gestrigen Besuches war (dementsprechend widme ich entgegen meiner Angewohnheit der Besprechung der Inszenierung viel Platz). Vorweg: Wie ich nach der Aufführung am U6-Bahnsteig feststellen durfte (ich glaube, dass die beiden Betreffenden, mit denen sich das kurze Gespräch ergab, hier mitlesen: Ich würde mich freuen, wenn Sie sich hier anmelden, ein Austausch wäre auch schriftlich gewinnbringend), gibt es zur Neueinstudierung unterschiedliche Meinungen („Des is ka Fledermaus!“), aber ich bin der Ansicht, dass die Neueinstudierung bestens gelungen ist. Dazu nun genauer:


    Erstens ist zu bemerken, dass manche Requisiten und Kostüme umgestellt bzw. leicht modifiziert wurden, so ist das früher in der Mitte des ersten Aktes befindliche Sofa ist weiter auf die Seite gewandert, und das Sofa des Orlofsky ziert jetzt ein Tigerfall (aus dem Programmheft, Seite 15: „Denn Ende des 19. Jahrhunderts war ein bürgerlichen Kreisen der Exotismus ein großes Thema“). Interessanter ist, dass manches in der Geschichte verändert wurde, was aus meine Sicht teils mehr, teils weniger gelungen ist. Auf die „Haben“-Seite gehört, dass Orlofsky offenbar homosexuell ist und ein Verhältnis mit seinem Kammerdiener Ivan hat: (Das Programmheft weiß dazu auf Seite 14: „er [kann] diese Zuneigung aufgrund gesellschaftlicher Konventionen tragischerweise nicht leben. Das gibt der Figur eine zweite Ebene: „Es langweilt uns alles“ ist für mich [Carsten Süss spricht, Anm.] auch ein Code dafür, dass Orlofsky seine eigentliche Persönlichkeit nicht zeigen, nicht leben kann.“) Ich halte das für eine sehr gute Idee, die sich während der Aufführung insofern zeigt, dass Orlofsky stets im Plural spricht und damit Ivan mitmeint (wobei die Pluralverwendung natürlich auch als pluralis maiestatis aufgefasst werden könnte, wenn man die anderen Indizien für die Homosexualität außer acht lässt), dass Orlofsky und Ivan einmal gut sichtbar Hand in Hand gehen, dass sie während der letzten Strophe von „Im Feuerstrom der Reben“ heftig miteinander schmusen und dass sie bei „Brüderlein und Schwesterlein“ aneinandergelehnt am Sofa sitzen. Ebenfalls sehr gut ist, dass sämtliche Witze über das Sprechproblem Blinds unterbleiben (statt „Diese Zulage hab ich dem Herrn Doktor Stotterbock zu verdanken“ heißt es jetzt „Diese Zulage hab ich dem Winkeladvokaten zu verdanken, den mir der Falke unterg‘schobn hat“, wodurch sich nebenbei zeigt, dass die Intrige Falkes lange und akribisch geplant war), dass Eisenstein und Falke am Ende des zweiten Aktes in unterschiedliche Richtungen nach dem Ball aufbrechen, dass die Uhr Eisensteins ein Geschenk Rosalindes zum Hochzeitstag war (was der Figur des Eisenstein eine weitere Bösartigkeitsfacette verleiht) und dass Ida eine Nachricht bekommt, beim Ballett einspringen zu müssen (was erklärt, warum sie gar nicht tanzen kann, bisher war das nämlich unklar); und überhaupt ist SEHR erfreulich, dass die Dialoge (bisher der Schwachpunkt der „Fledermaus“) in summa gekürzt wurden. In zwei Punkten ist die Neufassung der Dialoge allerdings misslungen: Erstens ist nicht durchdacht, dass Rosalinde im ersten Akt (noch während Eisenstein daheim ist) einen anonymen Brief (nämlich Falkes) bekommt mit der Information, ihren Mann heute abend am Ball sehen zu können, denn wenn man das konsequent durchdenkt, kann dann der Seitensprung mit Alfred sowieso nicht stattfinden – und genau daran leidet der erste Akt, denn die Komik besteht ja auch darin, dass sich Rosalinde auf eine aufregende Nacht mit Alfred freut, die dann wegen des unerwarteten Eintreffen Franks ins Wasser fällt: Wenn sie hingegen ohnehin vorhatte, auf den Ball zu gehen, entwertet das diese Pointe; und zweitens outet sich Eisenstein gegenüber Rosalinde als verwitwet, was nicht dazu passt, dass sie später bei seinem „und noch unverheiratet“ mit „Sie sind also doch verheiratet?“ einhakt, denn wenn er verwitwet wäre, wäre das kein Widerspruch zur Aussage, dass er zur Zeit des Schönbrunner Maskenballs noch unverheiratet war. Dennoch hat Süss die Inszenierung und das Libretto sehr genau angeschaut und beides (wie mit der diesmal glücklicherweise nicht gestrichenen Aussage Eisensteins, dass seine Frau hässlich sei) durchaus auch wieder aneinander angenähert.


    Auf dem Programmzettel heißt es: „Dialogfassung von Carsten Süss, Text Frosch von Sigrid Hauser“, und die Neugestaltung des Frosch gehört zu den ebenfalls ganz großen Pluspunkten dieser Neueinstudierung. Bisher habe ich Gerhard Ernst, Heinz Holecek, Helmuth Lohner, Robert Meyer, Peter Simonischek und Rudolf Wasserlof als Frosch gehört, und alle diese gestalteten besser oder schlechter einen sehr derben, versoffenen Zausel. Sigrid Hauser geht einen anderen Weg, und zwar in erster Linie dadurch, dass Frosch NICHT betrunken ist (Seite 14 des Programmhefts weiß dazu: „ein Charakter, der nüchtern und korrekt ist und die Vorgänge auf der Bühne ebenso beobachtet und kommentiert. Das kreiert zum schwer alkoholisierten Rest [Frank ist den ganzen dritten Akt stark betrunken, Anm.] einen schönen Kontrast.“), gleichzeitig wurden manche besonders dummen Witze (leider der Blödsinn mit „Blaue Eiche, Gelbe Buche, Rosalinde“ nicht) oder Gesten (wie das mehrfache Aufheben des hinuntergefallenen Hutes) entsorgt, teils durch neue ersetzt, insgesamt wurde die Rolle auf ein deutlich höheres Niveau gehoben. Thematisiert wird ebenfalls die erstmalige Darstellung des Volksopernfrosches von einer Frau (ich habe in der gestrigen Aufführung gelernt, dass Frösche ihr Geschlecht bei Bedarf ändern können, das stimmt und wusste ich tatsächlich nicht), und es wird auch gleich erzählt, wie „Frau Frosch“ im Gefängnis gelandet ist, nämlich habe sie aufgrund der Pandemie „beim Schmid“ (gemeint ist der ÖVP-nahe Manager Thomas Schmid) um einen Posten angesucht, der sei aber ins Gefängnis gekommen, und Frosch gleich mit dazu. Der männliche Vorgänger (gemeint ist Robert Meyer) sei jetzt „in der Josefstadt“ „beim Föttinger“ tätig (was stimmt, ab 13. Okt. ist Meyer dort in „Der Wald“ Alexander Ostrowskis zu sehen), von ihm habe Frau Frosch die Schnapsflasche mitbekommen (Frosch selbst trinkt ja, wie gesagt, keinen Alkohol und äußert sich mehrfach abfällig über denselben, wie in „Herr Direktor, do is ana draußen, der is no ongsoffena wia Sie“). Insgesamt ist zu sagen, dass die Rolle auf ein deutlich höheres Niveau gehoben wurde, ohne ihren Charakter zu verlieren, es gab Anspielungen über häufige Ministerwechsel, auf den Bundespräsidenten (eine hochrangige Persönlichkeit, die ins Ausland Zigaretten holen ist und sich daher nicht in Zelle 13 befindet) und auch mehrere Anspielungen auf die Rolle des Frosch selbst („Ich hab g‘schafft, was dem Schenk und dem Lohner nicht gelungen ist: Die Damen haben sich von mir baden lassen!“).


    Endlich zum Musikalischen. Vorausschicken muss ich, dass mich (aufgrund einiger besonders gut hörbarer Zischlaute) zwischendurch die Vermutung beschlich, dass mit Mikrophonen verstärkt wurde, aber das kann ich nicht bestätigen, möchte daher der Volksoper nichts unterstellen und hoffe, dass ich mich täusche. Carsten Süss war als Eisenstein so wie immer (für sein in der „Fledermaus“ störendes Bundesdeutsch kann er nichts), seine freundlich gesagt „in die Jahre gekommene“ und höhen-unsichere Stimme stört hier weniger als beispielsweise in der Rolle des Tassilo in „Gräfin Mariza“, dennoch ist zu bemerken, dass 2014 dem einem ebenfalls mit keiner intakten Stimme ausgestatten Michael Roider durch große Musikalität ein deutlich besseres Portrait des Eisenstein gelang. Recht erfreulich klang Ursula Pfitzner als Rosalinde, leider mischten sich manche schlampig gesungene Töne in die ansonsten gute Gesamtleistung (warum die Volksoper in dieser Rolle überhaupt irgendwen anderen singen lässt als Ulrike Steinsky, ist nicht einsichtig). Leider sang auch die junge (27 Jahre) Hausdebütantin Hedwig Ritter als Adele manche Koloraturen unsauber, sonst wäre sie eine tolle Adele. Über die – ebenfalls – Hausdebütanten David Kerber (Alfred) und Annelie Sophie Müller (Orlofsky) kann ich mir noch kein Urteil bilden, Kerber (erst 23 Jahre alt!) sang gut, wenn auch stilistisch polternd und ungeschliffen (und möglichweise seine Stimme eine Nummer zu klein für die Volksoper, da bin ich mir aber nicht sicher), was aber auch Absicht gewesen sein könnte; Müller war gut, aber leider zu wortundeutlich. Eine wahre Freude war Daniel Schmutzhard als Falke, seine helle, höhensichere und technisch ausgezeichnet geführte Stimme war meiner Ansicht nach der eindeutig musikalische Höhepunkt des gestrigen Abends. Völlig unzureichend und fehlbesetzt war (wie ich schon im Mai des heurigen Jahres feststellte) Marco Di Sapia als Frank, gut Karl-Michael Ebner als Blind. Das Orchester unter Alexander Joel (der eher schnelle Tempi wählte) gefiel mir besonders gut; ich habe gemerkt, dass für die gestrige Neueinstudierung geprobt wurde und sich keine Routine einschlich. Zum Chor ist zu sagen, dass er sehr gut war, abgesehen davon, dass sich ganz am Ende Verwirrung breit machte, weil zuletzt manche Sänger „Der Eisenstein wird eingesperrt“ sangen (wie bisher üblich), aber die meisten „Die Majestät wird anerkannt“ (wie es im Libretto steht), wobei ich mir hier nicht sicher bin, es könnte auch sein, dass alle Chorsänger das gleiche sangen und mir nur die Irritation ob des anderen Textes einen Streich spielte, ich kann es jetzt nicht mehr überprüfen.


    In der Reihe „Kuriosa“ sollte erwähnt werden, dass um 19:04 ein Mann vor den Vorhang trat und verkündete, dass aufgrund eines Problems mit einem der beiden Kartendrucker der Abendkassa noch nicht alle Personen im Saal wären und man daher noch zwei Minuten warte, Beginn war dann um 19:13 (statt um 19:00) – und weil sowieso zahlreiche Plätze frei waren, hätte die Volksoper (bei einem ohnehin langen Stück!) pragmatisch handeln sollen und die bei der Abendkassa Wartenden einfach ohne Karte hineingehen lassen und dafür pünktlich starten. Und weiters war ich verwundert, einen in der zweiten Pause im Orchestergraben sitzenden Oboisten „Immer nur Lächeln… doch wie’s da drin aussieht, geht niemand was an“ üben zu hören, das ist das falsche Stück.


    Fazit: Insgesamt ist diese „Fledermaus“-Neueinstudierung sehr gelungen, weil das peinliche Otto-Schenk-angehauchte-Niveau auf ein höheres gehoben wurde. Und wenn sich Carsten Süss jetzt ganz aufs Inszenieren verlegt und dafür das Singen sein lässt (auf Seite 11 des Programmhefts: „Ich führe seit einigen Jahren neben meiner Tätigkeit als Sänger auch Regie“), werden ihm die Herzen des Publikums endgültig zufliegen.

  • Eine sehr detaillierte Beschreibung, danke!

    Sieht so aus, als wurde da am Text einiges verändert.

    Das mit der Beziehung von Orlofsky und Ivan finde ich jedenfalls besser als es bei uns in der früheren Leander Haußmann Inszenierung war: da hat am Schluß Orlofsky den Ivan erschossen. Warum, hat sich nicht errklärt. Da wurde jetzt aber viel bereinigt und es heißt jetzt im Programm: Inszenierung nach Leander Haußmann.

    Einmal editiert, zuletzt von ira ()

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