Hinauswurf von Lorenz Nasturica-Herschcowici als Konzertmeister der Münchner Philharmoniker

  • Der rumänische Geiger Lorenz Nasturica-Herschcowici übersiedelte nach dem Musikstudium in seiner Geburtsstadt Bukarest zunächst nach Israel und arbeitete dort in verschiedenen israelischen Orchestern. 1992 wurde er von Sergiu Celibidache für die Münchner Philharmoniker gewonnen. 30 Jahre lang, von 1992 bis 2022, war er Konzertmeister dieses Orchesters und trat während dieser Zeit auch als Solist unter Dirigenten wie Sergiu Celibidache, Christian Thielemann, Lorin Maazel und Zubin Mehta auf.


    Nach dem Tod von Sergiu Celibidache 1996 gründete er das Trio Celibidache, mit dem er zahlreiche Tourneen im In- und Ausland unternahm. Im Jahr 2000 wurde er 1. Geiger des Berliner Philharmonischen Oktetts. Bei zahlreichen Ensembles der Berliner Philharmoniker, wie z.B. den Philharmonischen Virtuosen Berlin, dem Sextett der Berliner Philharmoniker sowie der Sinfonietta Berlin, ist er Mitglied und wirkt als Konzertmeister und Solist mit. Außerdem gründete er 2012 das Oktett Philharmoniker-Berlin-München-Wien, bestehend aus Konzertmeistern der Philharmoniker jener drei Städte.


    Im Jahr 2012 erhielt er eine Professur am Senzoku Gakuen College of Music in Tokyo.


    Seit 2013 (!) leitet Lorenz Nasturica-Herschcowici zudem das Stradivari-Ensemble des Mariinsky Theaters St. Petersburg, wo er als Dirigent und Solist tätig ist. Ebenso ist er Erster Gastkonzertmeister des Orchesters des Mariinsky Theaters, dessen Chefdirigent bekanntlich Valery Gergiev ist.


    All die von mir genannten Nebentätigkeiten von Nasturica-Herschcowici sind auf der Homepage der Münchner Philharmoniker aufgeführt:

    Nasturica-Herschcowici hat also beileibe kein Geheimnis daraus gemacht, dass er verschiedene Nebentätigkeiten - u.a. auch seit 2013 beim Mariinsky Theater - ausübt. Er hat diese Nebentätigkeiten ordnungsgemäß angezeigt und sich genehmigen lassen. Allseits - auch von der Stadt München - wird betont, dass ihm arbeitsrechtlich nicht der geringste Vorwurf zu machen ist. Er hat sich juristisch vollkommen korrekt verhalten.


    Die Stadt München hat nunmehr den Vertrag mit Nasturica-Herschcowici zum 31. August 2022 wegen seiner Nebentätigkeit beim Mariinsky Theater beendet. Er hat nämlich entsprechend seiner vertraglichen Verpflichtungen Termine in St. Petersburg wahrgenommen und an einer Tournee des Mariinsky-Orchesters durch Russland als Geiger teilgenommen. Obwohl dies arbeitsrechtlich erlaubt war, stelle sich die "ethische" Frage, so das Kulturreferat der Stadt München. Man beeilte sich natürlich zu betonen, die Trennung sei "einvernehmlich geschehen".


    Hier ein Artikel von BR-Klassik vor der Tour mit dem Orchester des Mariinsky Theaters

    Erneut Ärger bei den Münchner Philharmonikern: Konzertmeister tourt mit Gergiev | BR-Klassik
    Wegen seiner Haltung gegenüber Russland und seiner Freundschaft zu Putin haben sich die Münchner Philharmoniker von ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev im März…
    www.br-klassik.de

    und hier ein Artikel nach der Trennung

    Nach Russland-Tourneen mit Gergiev: Konzertmeister verlässt Münchner Philharmoniker | BR-Klassik
    Erst im März trennten sich die Münchner Philharmoniker von ihrem Chefdirigenten, dem Putin-Freund Valery Gergiev. Nun muss auch Konzertmeister Lorenz…
    www.br-klassik.de

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

    Einmal editiert, zuletzt von music lover ()

  • Wie man diesen Rauswurf eines jahrzehntelangen verdienten Konzertmeisters auch bewerten kann, zeigt dieser Artikel von Verena Nees:


    Konzertmeister vom Münchner rot-grünen Stadtrat wegen „Russland-Nähe“ entlassen
    In der irrwitzigen Hysterie gegen russische Künstler, die mit der Kündigung von Lorenz Nasturica-Herschcovici in München einen neuen Höhepunkt erreicht, geht…
    www.wsws.org


    Wobei ich ausdrücklich betonen möchte, dass ich die dortige Unterstellung, der Hinauswurf von Lorenz Nasturica-Herschcowici sei (auch) antisemitisch motiviert ("auch antisemitische Untertöne"), für kompletten Unfug halte. Musikalisch ist die Autorin auch keineswegs sattelfest - so soll ihrer Meinung nach Niccolò Paganini "an der Schwelle zum 19. Jahrhundert" gewirkt haben, obwohl seine Lebensdaten 1782-1840 waren, womit Paganinis erwachsene Jahre nun wirklich mittendrin im 19. Jahrhundert waren. Relativ ahnungslos wird auch von Teodor Currentzis als einem "jungen" Dirigenten gesprochen - dabei ist er schon 50 Jahre alt. Die übrigen Äußerungen von ihr stelle ich gern in diesem Forum zur Diskussion.

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    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

    2 Mal editiert, zuletzt von music lover ()

  • Die übrigen Äußerungen von ihr stelle ich gern in diesem Forum zur Diskussion.

    Aber hoffentlich nicht die Behauptungen, die dort im vorletzten und drittletzten Absatz aufgestellt werden! Ansonsten wären wir sofort wieder in einer tagespolitischen Diskussion, die hier nichts verloren hat. Zum konkreten Fall scheint die Verfasserin ohnehin nicht mehr zu wissen als das, was man aus den beiden Quellen von br-klassik.de erfahren kann.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Aber hoffentlich nicht die Behauptungen, die dort im vorletzten und drittletzten Absatz aufgestellt werden! Ansonsten wären wir sofort wieder in einer tagespolitischen Diskussion, die hier nichts verloren hat.

    Okay. Man blende also die "tagespolitischen" Fragen gern in der Diskussion aus. Aber dass in diesem Forum überhaupt keine Diskussion darüber stattfindet, dass der seit 30 Jahren im Amt befindliche, hoch angesehene Konzertmeister eines der bedeutendsten deutschen Orchester einfach so aus dem Amt geschasst wird, weil er im Rahmen einer genehmigten (!) Nebentätigkeit im Ausland musiziert hat - und er hat wohlgemerkt nichts anderes getan als dort zu musizieren (!!) - kann ja wohl nicht das Anliegen dieses Forums sein.

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    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • Dieser unsägliche Artikel desavouiert sich schon allein durch diesen Satz:


    Zitat

    Längst wird deutlich, dass die russische Invasion von der NATO unter Führung der USA und ebenso Deutschlands als Vehikel benutzt wird, um einen massiven Krieg gegen Russland anzuzetteln. Die ukrainische Bevölkerung, die 1941 zu den ersten Opfern des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion gehörte, dient in diesem Krieg als Kanonenfutter.


    Da gibt es nichts zu diskutieren.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Aber dass in diesem Forum überhaupt keine Diskussion darüber stattfindet, dass der seit 30 Jahren im Amt befindliche, hoch angesehene Konzertmeister eines der bedeutendsten deutschen Orchester einfach so aus dem Amt geschasst wird, weil er im Rahmen einer genehmigten (!) Nebentätigkeit im Ausland musiziert hat - und er hat wohlgemerkt nichts anderes getan als dort zu musizieren (!!) - kann ja wohl nicht das Anliegen dieses Forums sein.

    Doch das kann sein. Nämlich dann, wenn Du diesen Artikel als Grundlage für eine Diskusiion einstellst und Dir dessen Behauptungen auch noch zu eigen machst. Mit Ausnahme des Antsemitismus-Vorwurfs. Aber daß Du einen Artikel auch noch ernst nimmst, der so etwas in die Welt setzt, verstehe ich wahrlich nicht.


    und er hat wohlgemerkt nichts anderes getan als dort zu musizieren

    ....und zwar mit Valery Gergiev.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Hintergründe der Trennung beleuchtet dieser Artikel:


    Die teure Trennung vom Teufelsgeiger
    Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici hat die Münchner Philharmoniker verlassen. Angeblich war die Trennung „einvernehmlich“, also teuer./ Foto: PIxabay
    www.achgut.com


    Da die Stadt München arbeitsrechtlich nicht das Geringste gegen Lorenz Nasturica-Herschcowici in der Hand hatte, man aber gleichwohl eine Trennung herbeiführen wollte, ist klar, dass das nur im Wege eines Aufhebungsvertrages - gegen eine Abfindung - juristisch möglich war. Angeblich (Quellen nennt dieser Artikel nicht) hat die Nasturica-Herschcowici-Seite 1 Million Euro gefordert. Und sie war natürlich in allerbester Verhandlungsposition, wenn es um eine "einvernehmliche" Trennung ging, weil die Gegenseite bei einer fristlosen Kündigung kläglich gescheitert wäre.


    Dir dessen Behauptungen auch noch zu eigen machst

    Ich habe mir nichts zu eigen gemacht. Selbstverständlich zettelt die NATO keinen "massiven Krieg gegen Russland" an. Um solche Politisierungen in einem Artikel einer sozialistischen Website geht es mir überhaupt nicht. Es geht mir darum, wie mit Musikern - zumal mit einem verdienten Musiker, der 30 Jahre lang das Musikleben einer Stadt geprägt hat - umgegangen wird. Und es wundert mich, dass diese Frage offenbar nur wenig Interesse in einem Forum wie unserem findet. Ich habe erst heute von dieser Nachricht, die zwei Wochen alt ist, erfahren. Warum hat nicht längst jemand vor mir dieses Thema in unserem Forum aufgebracht?

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • Zu den Hintergründen kann ich nicht Stellung beziehen.

    Es geht mir darum, wie mit Musikern - zumal mit einem verdienten Musiker, der 30 Jahre lang das Musikleben einer Stadt geprägt hat - umgegangen wird.

    Ich kenne die Situation, wie gesagt, nicht, aber eine Million Euro Abfindung für einen mittlerweile 60jährigen Musiker (der also wenige Jahre vor der Pensionierung) steht, klingen doch nicht schlecht. Ich weiß zwar nicht, wie viel er im Orchester verdient hat, aber eine Million dividiert durch noch verbleibende fünf Berufsjahre ergibt 200 000 Euro pro Jahr, also vierzehnmal im Jahr ein Monatsgehalt von 14 285 Euro, das ist doch ein Betrag, von dem viele nur träumen können. Und weil er, wie Du sagst, 30 Jahre lang dort tätig war, braucht er sich wohl um seine Pension keine Sorgen machen.

    Aber wie gesagt, ich bewerte den menschlichen Aspekt bzw. die Hintergründe nicht, weil ich sie nicht kenne

    Was wäre eigentlich gewesen, wenn der Geiger auf eine "einvernehmliche Trennung" verzichtet hätte? Eine Kündigung "einfach so" wäre ja nicht möglich gewesen.


    Und es wundert mich, dass diese Frage offenbar nur wenig Interesse in einem Forum wie unserem findet.

    Mich nicht, denn mehrere interessante Schreiber haben dem Forum in letzter (und in nicht ganz letzter) Zeit den Rücken gekehrt, und ich habe leider den Eindruck, dass "man" damit zufrieden ist (ICH bin das NICHT).

  • Was wäre eigentlich gewesen, wenn der Geiger auf eine "einvernehmliche Trennung" verzichtet hätte? Eine Kündigung "einfach so" wäre ja nicht möglich gewesen.

    Eine fristlose Kündigung war mangels irgendwelcher arbeitsrechtlich relevanter Verfehlungen des Konzertmeisters ausgeschlossen. Man hätte ihn also weiterbeschäftigen müssen. Sicherlich hat man ihm deutlich gemacht, dass das für ihn als persona non grata kein Zuckerschlecken werden würde. Also besser: "Take the money and run". Bezahlen darf das der Steuerzahler.


    mehrere interessante Schreiber haben dem Forum in letzter (und in nicht ganz letzter) Zeit den Rücken gekehrt

    Mich würde zu sehr interessieren, wie ein bestimmter Profimusiker, der vor nicht allzu langer noch in unserem Forum aktiv war, den Umgang der Stadt München mit seinem Berufskollegen Nasturica-Herschcowici beurteilt. Dich vielleicht auch, lieber sadko?

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • Eine fristlose Kündigung war mangels irgendwelcher arbeitsrechtlich relevanter Verfehlungen des Konzertmeisters ausgeschlossen. Man hätte ihn also weiterbeschäftigen müssen. Sicherlich hat man ihm deutlich gemacht, dass das für ihn als persona non grata kein Zuckerschlecken werden würde. Also besser: "Take the money and run". Bezahlen darf das der Steuerzahler.

    Das deckt sich mit meinem Wissensstand. Offensichtlich gab es Faktoren, die für ihn den Ausschlag gaben, auf "take the money and run" einzusteigen.


    Mich würde zu sehr interessieren, wie ein bestimmter Profimusiker, der vor nicht allzu langer noch in unserem Forum aktiv war, den Umgang der Stadt München mit seinem Berufskollegen Nasturica-Herschcowici beurteilt. Dich vielleicht auch, lieber sadko?

    Ja, mich interessieren generell alle qualitätsvollen Forenbeiträge!

  • Ich versuche das mal von meiner Seite aus zu sehen. Wenn ich einen Kollegen hätte, mit dem ich sehr lange bereits zusammen arbeite, und ihm würde so etwas passieren, wäre ich sicherlich ziemlich geschockt. In der Regel kennt man - wie auch in DIESEM Falle hier in München - die Nebentätigkeiten des Kollegen so einigermaßen, daher hätte ich bereits seit einiger Zeit für mich die Entscheidung treffen können, wegen seiner angeblichen Nähe zu einem bestimmten Regime (hier Putin) nicht mehr mit ihm zu spielen. Würde ich das auch wirklich tun?


    Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Mit vielen Kollegen spiele ich seit Jahren zusammen, daher wäre für mich grundsätzlich erst einmal sein Verhalten der Band, bzw. den Kollegen und mir gegenüber wichtig. Wenn es da keinerlei Grund zur Kritik geben würde, würde ich mit dem Kollegen selbstverständlich weiter spielen. Ob es dann mit den Veranstaltern Probleme geben würde, vermag ich nicht zu sagen.


    Auch wenn dieser Vergleich hinkt, würde ich mal aus der ganzen Corona-Zeit anbringen, dass sehr wohl Veranstalter darauf bestanden haben, dass man als Musiker geimpft ist. Es wurde gerade in den beiden ersten Jahren immer nachgefragt, weil man spätestens bei der Ankunft ja den Nachweis erbringen musste, wie der tatsächliche Stand ist.


    Sollten also Veranstalter danach fragen, warum denn Musiker XY, dem eine gewisse Nähe zum Regime Putin, oder eines anderen Vertreters einer problematischen Regierung nahe stehen würde, und man diesen Musiker nicht so gerne sehen würde, habe ich ein Problem. Dieses Problem lässt sich nicht wegschweigen oder wegdiskutieren.


    Leider wird in der heutigen Zeit vieles überdiskutiert und vor allem auch dramatisch übertrieben. Viel zu früh wird mit dem Wort "Rassismus" umhergeworfen, wo man vor 10 oder 20 Jahren müde darüber gelächelt hätte. Ich möchte das hier nicht ausdiskutieren, doch diese Art der Panikmache kann nicht der richtige Weg sein. Nur, weil jemand eine andere Haltung hat, sofort auf diese Person loszugehen halte ich für demokratisch falsch.


    Natürlich sind das politische Themen, und leider kommt die Politik inzwischen vor der Kultur, also wird man lieber einen Konzertmeister opfern, und auch diese Abfindung zahlen, als weiter mit ihm zu spielen. Da kann alles, so wie offensichtlich hier auch, zuvor vollkommen in Ordnung gewesen sein, aber durch Putins angezettelten Krieg steht natürlich auch jeder "linientreue Mensch" nun unter scharfer Beobachtung und Kritik.


    Meines Erachtens wäre es Aufgabe des Konzertmeisters gewesen, diesen Termin in St.Petersburg zu canceln. Das hat er nicht getan.


    Auch in Deutschland nach 1945 gab es bekanntermaßen ein Berufsverbot für viele Musiker, die im Nazi-Deutschland aktiv waren. Teilweise mit Überzeugung (so etwa damals bei dem Solo-Trompeter der Wiener Philharmoniker), oder auch bei Mitläufern, weil sie sich dadurch Vorteile erhofften wie eben bei Herbert von Karajan oder auch Wilhelm Furtwängler, der nicht in der Partei war, aber für Regierungsmitglieder gespielt hat.


    Wer das Buch über das Leben von Josef Krips gelesen hat, wird darin einige Sätze lesen können, wie es damals zugegangen ist.


    Kann man das vergleichen? Im Grunde genommen schon. Bringt es aber den Musikern heute etwas? Jein. Letzten Endes muss jeder selbst verantworten, bei wem und für wen er/sie spielt, singt oder dirigiert. Ich selbst versuche so wenig als möglich für eine Partei Musik zu machen. Völlig ausgeschlossen ist, dass ich für die jeweilige Außenseite spielen würde. Da könnte die Summe noch so hoch ausfallen, das mache ich nicht und werde es auch niemals tun.


    Bevor also jemand darauf antwortet, sollte er/sie zunächst mal selbst gut nachdenken, wie man denn selbst in so einer Situation reagieren würde. Ob man das letzten Endes auch so tun wird, ist wieder eine andere Frage. Jede Situation ist anders und muss neu bewertet werden. Nicht jeder Musiker, der unter Gergiev spielt ist auch zugleich ein Sympathisant der Regierung in Moskau. Doch auch nicht jeder Musiker ist zugleich ein Wohltäter und verzichtet nach zwei Jahren der weitgehenden Inaktivität auf Einnahmen aus St.Petersburg, Peking oder Sao Paulo.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Maurice, ich danke Dir für den besten und differenziertesten Beitrag bisher in dieser Sache. Ich bin kein Musiker, mit dem Hineinversetzen ist es deshalb schwierig.


    Aber

    Meines Erachtens wäre es Aufgabe des Konzertmeisters gewesen, diesen Termin in St.Petersburg zu canceln. Das hat er nicht getan.

    Genau. Was er gemacht hat, ist ein politisches Statement. Und: ich gehe davon aus, daß er nicht dumm ist. Er hat genau gewußt, was er riskiert. Vor allem nachdem der Krieg eskaliert ist (Stichwort Butscha, Isjum).

    Ich halte den Hinauswurf deshalb für vollkommen richtig.

    aber eine Million Euro Abfindung für einen mittlerweile 60jährigen Musiker (der also wenige Jahre vor der Pensionierung) steht, klingen doch nicht schlecht.

    Das kann man so sagen. Wieviele junge, aufstrebende Musiker könnte man damit subventionieren.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Maurice, ich danke Dir für den besten und differenziertesten Beitrag bisher in dieser Sache. Ich bin kein Musiker, mit dem Hineinversetzen ist es deshalb schwierig.

    Danke für die netten Worte. Es kann auch im anderen Bereich, etwa dem Sport, passieren. Das spielt am Ende keine Rolle.


    Genau. Was er gemacht hat, ist ein politisches Statement. Und: ich gehe davon aus, daß er nicht dumm ist. Er hat genau gewußt, was er riskiert. Vor allem nachdem der Krieg eskaliert ist (Stichwort Butscha, Isjum).

    So sieht es aus.


    Ich halte den Hinauswurf deshalb für vollkommen richtig.

    Moralisch gesehen mag das richtig sein, rechtlich eben nicht. Genau deshalb erfolgt ja auch das große Diskutieren jetzt an unterschiedlichen Stellen.


    Das kann man so sagen. Wieviele junge, aufstrebende Musiker könnte man damit subventionieren.

    Ich habe Sadkos Beitrag nicht zitiert, aber ich gebe euch natürlich recht, dass hier wieder Gelder völlig sinnlos aus dem Fenster geworfen wurden. Im Gegenteil, nun kann der Geiger ein sorgenfreies Leben führen, weiterhin in St. Petersburg musizieren und seine Situation hat sich im Grunde verbessert, so blöde das klingen mag. Wer hat hier jetzt verloren und gewonnen? Hat nun der Moralist einen Sieg eingefahren, die Musik dagegen in München eine Niederlage? Gewinnt nicht dadurch auch irgendwie Putin und Gergiev, die nun weiter mit dem Geiger musizieren dürfen?


    Ich lasse das mal im Raum stehen. Denn, mit der Moral haben es hier im Lande auch nicht gerade alle Künstler oder gar Politiker. Die hat erstaunlicherweise noch niemand erwähnt bis jetzt. Oder sind manche Menschen "gleicher als gleich"?

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Ich lasse das mal im Raum stehen. Denn, mit der Moral haben es hier im Lande auch nicht gerade alle Künstler oder gar Politiker.

    Damit hast Du natürlich vollkommen recht. Das ist ein weites Feld.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Maurice, ich danke Dir für den besten und differenziertesten Beitrag bisher in dieser Sache. Ich bin kein Musiker, mit dem Hineinversetzen ist es deshalb schwierig.

    Da schließe ich mich an. Auch das:

    ich gebe euch natürlich recht, dass hier wieder Gelder völlig sinnlos aus dem Fenster geworfen wurden. Im Gegenteil, nun kann der Geiger ein sorgenfreies Leben führen, weiterhin in St. Petersburg musizieren und seine Situation hat sich im Grunde verbessert, so blöde das klingen mag. Wer hat hier jetzt verloren und gewonnen? Hat nun der Moralist einen Sieg eingefahren, die Musik dagegen in München eine Niederlage? Gewinnt nicht dadurch auch irgendwie Putin und Gergiev, die nun weiter mit dem Geiger musizieren dürfen?

    finde ich bedenkenswert.

  • Maurice, ich danke Dir für den besten und differenziertesten Beitrag bisher in dieser Sache. Ich bin kein Musiker, mit dem Hineinversetzen ist es deshalb schwierig.

    Da schließe ich mich an. Auch das:

    ich gebe euch natürlich recht, dass hier wieder Gelder völlig sinnlos aus dem Fenster geworfen wurden. Im Gegenteil, nun kann der Geiger ein sorgenfreies Leben führen, weiterhin in St. Petersburg musizieren und seine Situation hat sich im Grunde verbessert, so blöde das klingen mag. Wer hat hier jetzt verloren und gewonnen? Hat nun der Moralist einen Sieg eingefahren, die Musik dagegen in München eine Niederlage? Gewinnt nicht dadurch auch irgendwie Putin und Gergiev, die nun weiter mit dem Geiger musizieren dürfen?

    finde ich bedenkenswert.

    Durchaus. Ich auch.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor Ludwig Wiesengrund)

  • Valery Gergiev pflegte schon immer die Zusammenarbeit mit "seinen" Orchestern (sei es als Chef- oder Gastdirigent) zu stärken, indem er deren Konzertmeister einlud, mit seinem Mariinsky-Orchester zu arbeiten, ob nun als Leiter der 1. Violinen oder als Dirigent. Er tat es mit Igor Gruppman (Rotterdamer Philharmoniker), Roman Simuvic (London Symphony Orchestra), Rainer Honeck (Wiener Philharmoniker) und später mir Lorenz Nasturica-Herschkowici von den Münchner Philharmonikern. Letzterer war darüber hinaus außerordentlich erfolgreich als Dirigent des sog. Stradivarius-Ensembles, also der Elite-Streicher des Mariinsky-Orchesters, das er in Konzerten in St. Petersburg sowie auf Tourneen leitete.


    Arbeitsrechtlich war offensichtlich nichts gegen seine von ihm nie verschwiegene Nebentätigkeit einzuwenden. Aber LNH, von dem weder eine Nähe zu Putin noch eine Unterstützung von dessen Politik bekannt ist, ist für Münchens Lokalpolitiker also allein durch seine Zusammenarbeit mit dem geschassten ehemaligen Chefdirigenten des Orchesters untragbar geworden. Dass LNH sich diese "einvernehmliche" Trennung hat vergolden lassen, kann ich ihm nicht verdenken, hat er sich doch arbeitsrechtlich nichts zuschulden kommen lassen. Oder sollte jeder Künstler, der seit 2014 oder seit Beginn des Ukraine-Krieges mit Gergiev zusammen gearbeitet hat, vom Kulturbetrieb im Westen ausgeschlossen werden?


    Dann müssten gerechterweise alle Mariinsky-Sänger, die derzeit im Westen gastieren, mit Aufttittsverbot belegt werden. Weder von LNH noch von ihnen ist eine Unterstützung Putins bekannt. Warum also mit LNH strenger zu Gericht gehen?


    Beste Grüße aus Mikkeli, wo LNH erfolgreich im Rahmen des Gergiev-Festivals gearbeitet hat.


    Sune

  • Der Vergleich hinkt - und die Verwendung von Worten wie "Auftrittsverbot" ist bezeichnend, wie auch der Ton in den von music lover verlinkten Artikeln.

    Es geht hier u.a. darum, dass ein Musiker der Münchner Philharmoniker dem Ukraine-Solidaritätskonzert der Münchner Orchester ferngeblieben und kurz danach, am 12. März, mit Gergiew in Moskau aufgetreten ist (und dies aus eigener Entscheidung, nicht aufgrund eines Einstellungsvertrags wir bei Marinskij-Künstlern). Er soll auch mit ihm im Mai durch Russland getourt sein, wenn man dem glauben darf:


    Erneut Ärger bei den Münchner Philharmonikern: Konzertmeister tourt mit Gergiev | BR-Klassik
    Wegen seiner Haltung gegenüber Russland und seiner Freundschaft zu Putin haben sich die Münchner Philharmoniker von ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev im März…
    www.br-klassik.de

    Arbeitsrechtlich in Ordnung, aber, wie schon gesagt, ein politisches Statement, auf das man reagieren kann/darf/muss.

    Selbstverständlich darf der Hinweis aus "das Geld der Steuerzahler" nicht fehlen.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Das Wort "Nazi-Keule" wird gern von der rechtsextremen Szene benutzt.

    Jetzt bemerkt man ein Phänomen, das ich als "Retour-Keule" bezeichnen würde.

    Ungeliebte Entscheidungen oder Beschlüsse werden mit Nazi-Symbolen in Verbindung gebracht oder mit Wörtern des NS-Vokabulars bezeichnet, um sie zu diskreditieren (idealtypisch in den von ml verlinkten Artikeln, kennt man auch aus den Corona-Demos).

    Semiologisch interessant. Es fehlt uns ein Umberto Eco, um es zu analysieren.

    Alles, wie immer, IMHO.

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