Hinauswurf von Lorenz Nasturica-Herschcowici als Konzertmeister der Münchner Philharmoniker

  • Selbstverständlich darf der Hinweis aus "das Geld der Steuerzahler" nicht fehlen.

    Hallo Philbert! Diese Aussage verstehe ich ehrlich gesagt nicht, denn die Information, dass "der Steuerzahler" offenkundig eine Million Euro einem -- wie es den Anschein hat -- "Putin-Fan" zahlt, ist doch bemerkenswert. Ich frage mich, ob es das wert war: Mit dieser Summe hätte man zahlreiche -- wie ich meine, wertvollere -- künstlerische und nicht-künstlerische Ausgaben tätigen können.

    Aber diese Thematik ist insgesamt zu komplex, als dass ich sie durchschauen kann.

  • Die Birne ist geschält! Wozu viel darüber diskutieren? Jeder bekam, was er wollte. Lorenz Nasturica-Herschcowici seine Reise und Arbeit zu und bei Gergiev. München die einvernehmliche Entlassung. Lorenz Nasturica-Herschcowici vielleicht zu viel Geld. Entscheidungen sind die Wege. Wer blickt schon in Menschen und ihre Ansichten und Ethiken hinein. Jeder meinte das Richtige zu tun. Welcher Weg falsch war, zeigt die Geschichte.

  • Einvernehmliche Entlassungen mit - teils saftiger - Abfindung sind in der jetzigen Arbeitswelt aus den unterschiedlichsten Gründen gang und gäbe.

    Die Höhe der Abfindung wird in der Regel in Zusammenarbeit mit Rechtsanwälten festgestellt und ich nehme an, hier wurde nicht anders vorgegangen. Die Rechtsanwälte der Stadt München wussten vermutlich, was sie tun.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Es geht hier u.a. darum, dass ein Musiker der Münchner Philharmoniker dem Ukraine-Solidaritätskonzert der Münchner Orchester ferngeblieben und kurz danach, am 12. März, mit Gergiew in Moskau aufgetreten ist

    So so, er ist also dem Benefizkonzert am 8. März in der Isarphilharmonie von Anne-Sophie Mutter sowie einem Orchester, das aus verschiedenen Musikern der Münchner Philharmoniker, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Bayerische Staatsorchesters zusammengestellt worden ist, "ferngeblieben".


    Die entscheidende Frage lautet: War Nasturica-Herschcowici denn für das Konzert am 8. März eingeteilt? Hatte er also dort zu spielen, aber tat es einfach nicht? Dann wäre er "ferngeblieben" und hätte ein arbeitsrechtliches Fehlverhalten an den Tag gelegt, welches arbeitsrechtliche Schritte gerechtfertigt hätte.


    Da aber völlig unstreitig ist, dass es keinerlei arbeitsrechtliches Fehlverhalten von ihm gab, folgt daraus zwingend, dass er an diesem Tag überhaupt nicht zu spielen hatte. Ebensowenig wie zwei Drittel der anderen Mitglieder dieser drei Orchester, denn schließlich hat man kein 400 Mann-Orchester auf die Bühne gesetzt, sondern eine Auswahl getroffen.


    Ein Musterbeispiel, wie man durch Sprache ("er ist ferngeblieben"; in irgendeinem Presseartikel habe ich auch "er glänzte durch Abwesenheit" gelesen) einen Menschen, der sich völlig korrekt verhalten hat, etwas ans Zeug flicken kann.

  • einen Menschen, der sich völlig korrekt verhalten hat

    Ist das dein Ernst? Du kennst den Unterschied zwischen Moral und Recht. Dass sein Verhalten rechtlich nicht zu beanstanden war, macht es moralisch nicht integer. Keiner von uns kennt Interna. Anzunehmen ist jedoch, dass die Thematik einschließlich der Folgen bereits vor der Reise hinlänglich zwischen allen Beteiligten besprochen worden ist. Dieser Musiker ist dann trotzdem gereist, hat Kohlhaas-artig sein Recht in Anspruch genommen, wohl wissend, was kommt und am Ende die Hand aufgehalten. Moralisch niederträchtig.

    Merke: Erteile Nebentätigkeits-Zusagen nie ohne Widerrufsvorbehalt.

  • einen Menschen, der sich völlig korrekt verhalten hat

    Vielleicht rechtlich aber nicht moralisch. Und das wiegt m.E. viel schwerer.

    Denkst Du bei all dem, was Du da schreibst, auch nur einen Augenblick an den Überfall auf die Ukraine?

    Mit seinem Verhalten zeigt der Musiker, daß ihm seine Musikarbeit mit Gergiev zumindest wichtiger ist als das Verhalten Gergievs und damit natürlich auch Putins.

  • moralisch

    moralisch

    Wir reden hier immer noch über das Benefizkonzert am 8. März in der Isarphilharmonie, an dem Nasturica-Herschcowici nicht teilgenommen hat (nur hierzu hatte ich etwas in #24 geschrieben, worauf Ihr geantwortet habt)? Ja, ich finde es weder rechtlich noch moralisch zu beanstanden, dass ein Orchestermusiker bei einem Konzert, für das er überhauptlich nicht eingeteilt worden ist und bei dem er folglich nicht zu spielen hat, nicht auf der Bühne sitzt.

  • Ein anderer Aspekt.

    Hmm

    der Herr,- ich kenne ihn nicht und sein Name war mir ebenfalls unbekannt-, ist nun über 60.

    Damit ist er im Herbst seiner Karriere.

    Könnte es nicht sein, dass er diese Trennung provozierte, um dann seinen anderen Tätigkeiten, die vielleicht mehr Freude bringen, nachgehen zu können?


    In meiner beruflichen Zeit habe ich viele Situationen erlebt, wo

    Kolleginnen und Kollegen sich per Nebentätigkeit eine neue Existenz aufbauten und sich dann kündigen ließen(Abfindung), um etwas Starthilfe zu bekommen.


    Nur mal so als Idee.

    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • music lover, du weißt sehr gut, dass das verpasste Konzert nur ein Teil des Ganzen ist und nicht mal das wichtigste, sondern eher die Tatsache, dass er dazu ein paar Tage später mit Gergiev in Moskau auftritt und dann im Mai mit ihm durch Russland tourt.

    Er hat sich, nicht nur beiläufig, sondern eher demonstrativ, mit dem geschaßten Dirigenten seines Orchesters gezeigt, und zwar in einem Zusammenhang, der zu denken lässt, dass er sich vom Grund der Entlassung entsolidarisiert, was nicht so einfach zu schlucken ist, um sich vorsichtig zu äußern, wenn man den Grund kennt.

    Alles arbeitsrechtlich unbedenklich.

    Doc Stänkers Bemerkungen bringen auch ein interessantes Element, wenigstens über den Zusammenhang der Verhandlungen.

    Alles, wie immer, IMHO.

    Einmal editiert, zuletzt von Philbert ()

  • Ja, ich finde es weder rechtlich noch moralisch zu beanstanden, dass ein Orchestermusiker bei einem Konzert, für das er überhauptlich nicht eingeteilt worden ist und bei dem er folglich nicht zu spielen hat, nicht auf der Bühne sitzt.

    Da haben wir Dich wohl beide mißverstanden. Nachdem es aber in der Hauptsache um die Arbeit mit Gergiev ging, ist das vielleicht verständlich. Ich entschuldige mich aber natürlich trotzdem.

  • Merke: Erteile Nebentätigkeits-Zusagen nie ohne Widerrufsvorbehalt.

    Ich bin ja kein Jurist. Aber ich könnte mir vorstellen bzw. fände es sinnvoll, dass/wenn eine Nebentätigkeit auch im Nachhinein untersagt wird, wenn sie Interessen und Ansehen des Orchesters oder der Stadt München entgegensteht. Oder wie man das auch genauer formulieren will. Meines Wissen werden Nebentätigkeitszusagen auch nicht pauschal für unbegrenzt genehmigt, sondern bedürfen im Einzelfall einer Beantragung und daraus folgender Genehmigung. Aber das mag im Detail hier anders sein.


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Anders als Maurice bin ich kein Musiker, deshalb möchte ich mal ein Beispiel bilden, das meiner eigenen Berufswelt näher kommt.


    Jemand dient mir Ende 2021 eine Gastprofessur an der Universität Kaliningrad an. Ich soll dort im März 2022 vier Gastvorlesungen zum Thema "Das Recht der Vereinten Nationen" halten. Ich sage zu, zeige meinem Arbeitgeber diese geplante Nebentätigkeit an und dieser genehmigt sie.


    Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Am 2. März 2022 steht meine erste Vorlesung in Kaliningrad an.


    Möglichkeit 1: Ich sage meine gesamten Vorlesungen in Kaliningrad ab. Mit solch einem Land will ich nichts zu tun haben!


    Möglichkeit 2: Ich bin der Auffassung, dass der Angriff auf die Ukraine nichts mit meiner vertraglichen Verpflichtung gegenüber der Universität Kalininigrad zu tun hat, fahre dort hin und halte ganz normal meine Vorlesung.


    Möglichkeit 3: Ich fahre hin, um meine Studenten nicht im Stich zu lassen, ändere aber das Thema meiner Vorlesung und spreche mit den Studenten über das Thema "Der russische Überfall auf die Ukraine aus völkerrechtlicher Sicht".


    Wie würde ich mich verhalten? Für Knulp wäre die Sache klar: Möglichkeit 1! Alles andere wäre

    Moralisch niederträchtig


    Ich hingegen würde für mich auf jeden Fall die Möglichkeit 2 ausschließen. Bei der Wahl zwischen Möglichkeit 1 und Möglichkeit 3 würde ich deutlich mit der Möglichkeit 3 sympathisieren, insoweit aber eine Risikoabschätzung vornehmen. Komme ich zu dem Ergebnis, dass unter meinen Studenten schon kein KGB-Agent sitzen wird, werde ich nach der Vorlesung schon noch rechtzeitig zum Flughafen kommen und ungeschoren wieder nach Deutschland zurückfliegen können. Und dann habe ich etwas Gutes getan. Habe ich aber deutliche Hinweise darauf, dass ich nach einer solchen Vorlesung vermutlich einkassiert und fünf Jahre in Russland eingekerkert werde, bliebe mir nur Möglichkeit 1. Obwohl ich diese als feige empfinde. Frauen im Iran schneiden sich aus Protest gegen die Mullahs öffentlich die Haare ab und riskieren dabei ihr Leben, während ich noch nicht mal den Mut aufbringe, meine Meinung im geschützten Rahmen einer Vorlesung zu äußern und mit jungen Menschen über ein aktuelles Thema zu sprechen.


    Wie ist die Entscheidung, die ich treffe, "moralisch" zu bewerten? Für mich persönlich ist die Möglichkeit 3 moralisch am höchsten stehend, denn sie erfordert Zivilcourage. Die Möglichkeiten 1 und 2 sind demgegenüber völlig gefahrlos.


    Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass das jeder für sich selbst zu entscheiden hat. Wer bin ich, dass ich mich moralisch über andere Menschen erhebe? Nasturica-Herschcowici hat sich ersichtlich für die Möglichkeit 2 entschieden. Das ist seine persönliche Gewissensfrage gewesen, mich geht seine Entscheidung nichts an. Und ein Grund, seine Entlassung aus seinem Hauptamt zu fordern, ist dieses Verhalten schon gar nicht, wenn denn diese Nebentätigkeit in Russland ausdrücklich seinem Arbeitgeber angezeigt und von diesem genehmigt worden ist.

  • In so einem Fall könntest Du aber sicher sein, dass das Auditorium wenigstens verwanzt ist.

    Man könnte auch davon ausgehen, dass Du - bewusst oder eher nicht- durch eine Art Unbedenklichkeitsprüfung gegangen wärst, damit man Dich in Kaliningrad auftreten lässt ...

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Habe ich aber deutliche Hinweise darauf, dass ich nach einer solchen Vorlesung vermutlich einkassiert und fünf Jahre in Russland eingekerkert werde, bliebe mir nur Möglichkeit 1.

    Du wirst keine Hinweise haben, schon gar keine "deutlichen", aber einkassiert wirst Du trotzdem.


    Vor allem wenn Du das Thema so benennst:

    "Der russische Überfall auf die Ukraine aus völkerrechtlicher Sicht".

    Das ist eine "Spezialoperation" und kein "Überfall".


    Ich empfehle mal dieses Forum:


    "https://www.politik-forum.eu/index.php"


    Und davon diesen Thread:


    "Russland greift die Ukraine an":


    "https://www.politik-forum.eu"/viewtopic.php?p=5270170&sid=189db8bd96a3b89d53f9a915b2516798#p5270170"

  • Ich bin immer wieder verblüfft, welche Illusionen sich immer noch manche über den russischen Staat machen! Option 3 bedeutet mehrjährige Lagerhaft, verbunden mit körperlicher Misshandlung und einer hohen Chance für eine TBC Infektion und erlittene Vergewaltigungen.


    Als Wissenschaftler stellt sich mir das Problem der Kooperation mit Kollegen aus gewissen Staaten regelmäßig. Meine Sicht: Kooperation auf individueller Ebene: ja. Kooperation auf institutioneller Ebene (z.B. auch Gastprofessur): nein. Ich will mit dem russischen, chinesischen, iranischen oder saudi-arabischen Staat nichts zu tun haben.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Vor allem wenn Du das Thema so benennst:

    "Der russische Überfall auf die Ukraine aus völkerrechtlicher Sicht".

    Das ist eine "Spezialoperation" und kein "Überfall".

    Okay. Dann von mir aus "Spezialoperation" oder auch ganz allgemein "Aktuelle völkerrechtliche Probleme im Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine". Dieser Titel ist ja nun völlig unverfänglich.


    Mein Posting #33 möchte ich - nach einigem Nachdenken beim Spazierengehen, weil es mich nämlich wirklich interessiert, wie ich mich in solch einer fiktiven Situation verhalten würde - noch wie folgt ergänzen:


    Auf jeden Fall hätte ich in eine solche Entscheidungsfindung meinen Arbeitgeber einbezogen. Ich hätte meinen direkten Vorgesetzten und meine übergeordnete Vorgesetzte um ihre Meinung gefragt. Wenn von ihnen dann gekommen wäre "Wir können Dich nicht daran hindern, aber wir bitten Dich eindringlich, nicht nach Russland zu fahren", dann wäre ich hier geblieben. Hätten beide hingegen gesagt "Das ist allein Deine Entscheidung. Wir tragen das mit, wofür Du Dich entscheidest", wäre ich in meiner Entscheidung frei gewesen und kann machen, was ich will. Dann will ich aber hinterher auch keine Vorwürfe meines Arbeitgebers hören (und bei meinem Arbeitgeber würde ich sie auch nicht hören).


    An einer solchen vertrauensvollen Abstimmung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber scheint es offenbar im Falle von Nasturica-Herschcowici und den Münchner Philharmonikern gefehlt zu haben.

    2 Mal editiert, zuletzt von music lover ()

  • Ich habe bereits erwähnt, der Fall Nasturica-Herschcowici hat auch eine besondere Seite:

    Er hat sich, nicht nur beiläufig, sondern eher demonstrativ, mit dem geschaßten Dirigenten seines Orchesters gezeigt, und zwar in einem Zusammenhang, der zu denken lässt, dass er sich vom Grund der Entlassung entsolidarisiert, was nicht so einfach zu schlucken ist, um sich vorsichtig zu äußern, wenn man den Grund kennt.

    Alles, wie immer, IMHO.

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