Rolf Liebermann - Der Theatermensch

  • 'Das war in der Ära XY...'


    Die großen, oftmals legendären Intendanten und nun auch immer häufiger Intendantinnen, die ein Haus, ein Renommée, eine Ausrichtung geprägt haben oder noch prägen, diese Ein-Mann-/Eine Frau-Herrscher/innen, die Vater- oder Mutterfiguren, all die, ohne die es in der Oper oder im Theater eben auch nicht geht, auch sie sollten hier in diesem Bereich vorkommen.


    Rolf Liebermann (Zürich 1910 - Paris 1999), Komponist, Intendant, Weltbürger


    Liebermann wurde in eine großbürgerliche, schweizer Familie hineingeboren, aus der auch u.a. Max Liebermann und Walter Rathenau stammten. Nach einem Jura-Studium in Zürich wandte er sich schon früh der Musik zu, wurde Schüler und Assistent bei Hermann Scherchen und studierte dann ab 1940 Komposition bei Vladimir Vogel. Nach dem Krieg kam er dann in Berührung mit dem Rundfunk, zunächst in der Schweiz, später dann ab 1957 auch in Deutschland als Leiter der Abteilung Musik beim NDR in Hamburg, wo er maßgeblich an der Einrichtung von NDR 3 beteiligt war, dem Klassik- und Kultursender.


    Zwei Jahre später wurde ihm dann die Intendanz der Hamburgischen Staatsoper angetragen, die er, Fuchs, der er war, erst annahm, als Bürgermeister Brauer ihm zusicherte, dass die Oper stets eine Mark mehr an Subventionen erhalten würde als München und Berlin. An der Hamburgischen Staatsoper war er dann zunächst für 14 Jahre Intendant. In dieser Zeit machte er das Haus international berühmt und gleichzeitig zu einer der Stätten zeitgenössischen Musiktheaters. 24 Auftragswerke wurden während seiner Amtszeit in Hamburg uraufgeführt, nicht unbedingt immer unter vollster Begeisterung des Hamburger Publikums. Dazu gab es immer wieder besondere Theaterabende mit internationalen Stars und auch die Wagner-Aufführung waren oftmals bestens besetzt. Domingo, Freni, Corelli, Mödl, Nilsson, Schock, Wunderlich, Beirer, Rothenberger, Silja - die Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen. Das Star-System hatte sich aber im Opernalltag noch nicht richtig durchgesetzt, so dass der musikalische Alltag größtenteils durch das Hausensemble bestritten wurde, was aber durchaus hochkarätig war. (Beckmann, Blankenheim, Grundheber, Hoppe, Pilarczyk, Saunders, Sotin, Krause u.a.)


    Ein visuelles Vermächtnis seiner Intendantenzeit stellen übrigens verschiedene Opernfilme dar, damals etwas ziemlich Neuartiges, die in Zusammenarbeit mit dem NDR entstanden und bei denen aber nur zwei jeweils UA-Werke (Penderecki, Menotti) dokumentieren.


    1973 (bis 1980) ging Liebermann dann als Chef der Grand Operá nach Paris, wo er sich zunächst, nach eigener Aussage, heftigste Kämpfe mit der dortigen Bürokratie lieferte. Jeder Bleistift musste aufwendig beantragt werden. Letztlich konnte er aber einerseits diese Kämpfe gewinnen und andererseits die daniederliegende Pariser Opper zu erneuter Größe führen. Denn auch dort dachte er immer groß. So war als Beispiel seine erste Premiere 'Le Nozze di Figaro' im alten königlichen Theater von Versailles unter der Regie von Strehler aufgeführt und mit Solti - Janowitz, Bacquier, van Dam, Freni, van Stade besetzt. Wenn schon - denn schon möchte man sagen.


    Auch aus dieser Zeit gibt es ein visuelles Zeugnis, allerdings nicht auf einer Inszenierung beruhend, nämlich den 'Don Giovanni' in der Regie von Joseph Losey und dem Dirigat von Lorin Maazel.


    1985 (bis 1988) kam Liebermann noch einmal als eine Art Retter in der Not nach der kurzen, unglücklichen Intendanz von Kurt Horres nach Hamburg zurück. Und wieder begann er seine Zeit mit 'Le Nozze', inszeniert von Peter Ustinov und in toto besetzt mit jungen, damals unbekannten Kräften, die vorher von Elisabeth Schwarzkopf 'trainiert' worden waren. Sie sollten den Kern eines neuen Hamburger Ensembles bilden, was aber letztlich scheiterte. Die Zeiten hatten sich geändert. Liebermann konnte aufgrund langfristiger Verträge und Planungen kaum eigene Vorstellungen realisieren. Erst in der letzten Spielzeit zeigte sich noch einmal, zu was er als Intendant fähig gewesen war. Es gab 'Don Pasquale' in einer witzig-charmanten, in den fünfziger Jahren angesiedelten Inszenierung, leicht, locker, unbeschwert. Mit einem Wort beste Unterhaltung. Dann einen immens aufwendigen 'Don Giovanni', inszeniert von Marelli. Da hatte er dann zu 'Groß' gedacht, denn die Auf- und Abbauten dauerten gut 24 Stunden, was zu stark kritisierten Schließtagen führte. Trotzdem war die Inszenierung überwältigend. Ein Riesenskandal war dann der 'Tristan' in der Regie von Ruth Berghaus, wobei 'Riesenskandal' noch untertrieben ist. 'Man sollte Frau Berghaus erschießen!' war z.B. die erste Reaktion nach dem Liebestod, das allerdings schon in der B-Premiere. Der 'Riesenskandal' wird heute übrigens immer noch gezeigt und ich persönlich kann mir keinen besseren Tristan vorstellen. Den Abschluss seiner Intendanz bildete dann ein kombiniertes Jazz-Klassik-Ballett-Mulltimedia-Spektakel 'Cosmopolitan Greetings' in der Hamburger Kampnagelfabrik in Zusammenarbeit mit Allen Ginsberg, George Gruntz und Robert Wilson, u.a. mit Dee Dee Bridgewater, Carolyn Carson, Don Cherry, Herb Geller. Unvergessen! Wie gesagt - Liebermann dachte immer groß, wenn man ihn denn ließ.


    Liebermann war Weltbürger, was sich u.a. an seinen unglaublichen Kontakten zu unterschiedlichsten Personen von weltweiter Bedeutung ausdrückt. (Die Anekdote um den 80. Geburtstag von Stravinsky, der in Hamburg gefeiert wurde und die auch Jacqueline Kennedy beinhaltet, ist ja bekannt und irgendwie sehr typisch.) Die Frage, wer für welche Position bei einer Inszenierung am besten geeignet wäre, beantwortete er von daher nicht heimisch oder national, sondern sofort international. Wobei er natürlich nicht nur auf die ganz großen Namen/Stars setzte, sondern auf das, was er für das jeweils Beste hielt. Aber er pflegte diese Kontakte auch. Hamburg hat sicherlich nicht die höchsten Gagen bezahlt, trotzdem kamen bestimmte 'Sängerstars' immer wieder, weil sie sich dort heimisch fühlten. Das persönliche Abholen vom Flughafen, die ständige Ansprechbarkeit, das Kümmern. Dazu kamen sein unglaublicher Charme, seine Weltgewandtheit, seine Überzeugungskraft.


    Sein 'Kümmern' beschränkte sich aber nicht nur auf die 'Stars'. Natürlich wurden Premieren mit allen Beteiligten, inklusive des Hauspersonals, der Techniker, Handwerker und Arbeiter auf der großen Bühne gefeiert, Betriebsausflüge fanden gemeinsam mit allen statt, eine Tradition, die unter späteren Intendanten sehr schnell aufgegeben wurde. Und er saß zuverlässig jede Vorstellung auf seinem Stammplatz 1. Reihe links, Platz vier, weil er davon überzeugt war, dass sich jeder auf und hinter der Bühne doppelt anstrengen würde, wenn der Chef präsent wäre.


    Natürlich gibt es auch Gerüchte, die von anderen Dingen erzählen. Gehört habe ich so manche Geschichte, da aber keine vollständig bestätigt wurde, will ich lieber davon schweigen.


    Natürlich war Liebermann kein unfehlbarerer Heiliger, er war hingegen eine dieser klassischen Vaterfiguren als Intendant mit allen Vor- und Nachteilen. Aber er hat immerhin mindestens die Hamburgische Staatsoper zu einem weltweit anerkannten und bewunderten Institut gemacht, ein Ruf, der von seinen Nachfolgern (nach Everding) relativ schnell wieder verspielt wurde.


    :wink:Wieland

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