Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Heute ist Samstag. Morgen, am Sonntag, freuen wir uns auf Wielands Wahl eines neuen Streichquartetts der Woche. Dann folgen in dieser Reihenfolge:

    • Amethyst
    • Knulp
    • Abendroth
    • andréjo
    • Felix Meritis
    • Braccio
    • AlexanderK

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • So, noch ein letztes Mal Mendelssohn op. 44,1.

    Diesmal mit dem seinerzeit noch jungen Pacifica Quartet. Auch hier gibt es für mich nichts zu meckern.

    Und jetzt...

    Wieland ist bei Streichquartetten alles zuzutrauen

    Na, so schlimm wird es nicht werden. Ferneyhough und Lachenmann müssen noch ein wenig warten. ;)

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • So, die erste Woche ist um und man kann wohl sagen, dass der Vorschlag von MB hier mit 123 Beiträgen in der ersten Woche einen guten Start hingelegt hat. :clap:

    Heute geht es nun in die zweite Runde und dafür habe ich ein Werk ausgewählt, mit dem ich lange gehadert habe, dass mir lange verschlossen blieb. Da ich aber die symphonischen Werke des Komponisten sehr schätze und in der einschlägigen Literatur immer von einem Meisterwerk die Rede war, habe ich es immer mal wieder versucht und so langsam erschliesst es sich mir. Ich habe noch lange nicht alle Geheimnisse gelüftet, aber vielleicht bringt ja die Woche mich wieder etwas weiter.

    Es handelt sich um das Streichquartett op. 56 von Jean Sibelius mit dem geheimnisvollen Titel: Voces Intimae.

    Es ist nicht sein einziges Werk in diesem Genre, drei weitere schrieb er als ganz junger Mann, aber diese sind noch stark der Tradition verhaftet und nicht als typische Sibelius Werke erkennbar. Aber anhören kann man sie gelegentlich durchaus.

    Das op. 56 wurde 1909 zwischen der 3. und 4. Symphonie komponiert, einer Zeit, in der Sibelius gesundheitliche Probleme hatte (Tumorerkrankung) und wohl auch psychisch instabil war. Das Werk ist 5-sätzig und es gibt bereits einen nicht allzu langen thread dazu, der aber schon ein paar Jahre zurückliegt. Die Einleitung von Tichy stellt das Werk im Detail vor.

    Tichy
    30. August 2019 um 14:09

    Die Meisten werden mindestens eine Aufnahme in der Sammlung haben, ansonsten gibt es mehrere auf YouTube, eine auch mit den Noten unterlegt und vom Casal Quartett gespielt.

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    Ich habe im Vorfeld schon einmal zwei bedeutende Einspielungen gehört, die sehr unterschiedlich sind, schon alleine die Spielzeiten unterscheiden sich um gut 20%. Eine historische vom Griller Quartet (36 min) und eine neuere vom Tetzlaff Quartett (30 min). Die Griller Quartet Aufnahme scheint derzeit vergriffen zu sein, aber man kann sie bei den einschlägigen Quellen downloaden/streamen. Dabei sollte man unbedingt auf die Decca-Version zurückgreifen und nicht auf die BnF-Version, die von LP mit erheblichem Störgeräusch überspielt wurde.

       

    Und nun die Ohren auf und hingehört, ich bin gespannt, wie ihr das Werk beurteilt und versteht.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Spannende Wahl! Ich kenne das Werk natürlich und habe es auch in der Sammlung, konnte aber auch noch nicht tiefer eindringen. Das wäre jetzt die Chance. Die 4. Symphonie fand ich beim ersten Hören schon toll - hier ist es offensichtlich anders....

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Danke für die Wahl! Ich gebe zu, dass zwar die Sinfonien und etliche andere Werke des Finnen bei mir ziemlich vorne in der Gunst stehen, aber die "Voces intimae" mich bisher kaum erreicht haben. Eine gute Chance, einen neuen Brückenbau zu versuchen, fein!

    So, die erste Woche ist um und man kann wohl sagen, dass der Vorschlag von MB hier mit 123 Beiträgen in der ersten Woche einen guten Start hingelegt hat.

    Erstens ist der Vorschlag nicht von mir, sondern aus TC importiert, und zweitens wäre der Thread ohne Deinen Impuls nicht entstanden ... ;)

    ... ich meine, dass es zurzeit einige Gründe gibt, dass wir uns verstärkt um die Kernthemen des Forums kümmern. Darum freut mich Eure Teilnahme doppelt! :clap:

    [EDIT]Und DANKE fürs Pflegen der Liste im Eröffnungsbeitrag![/EDIT]

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Hier das Quartett der Woche.

    Jean Sibelius: Streichquartett D-Moll op. 56 "Voces intimae"

    Griller Quartet

    Da tun sich Anknüpfungspunkte auf, aber es ist noch ein Weg zu gehen ... dass SIbelius offenbar individuelle Lösungen der Formprobleme fand, nimmt vor dem Hintergrund seiner Sinfonien - die "Voces intimae" entstanden zwischen Nr. 3 und Nr. 4 - nicht sonderlich Wunder ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Mich freut es ebenso! Ich kenne das Quartett kaum und finde eine einzige Aufnahme im Regal. Mit anderen Worten: Sicher schon gehört, aber ob öfter als einmal respektive angemessen aufmerksam - da bin ich mir keineswegs sicher. Insofern habe ich auch keine Meinung dazu. Nach Sibelius wird es klingen?

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Die Meisten werden mindestens eine Aufnahme in der Sammlung haben [...].

    Bei mir ist es die hier:

    Es spielt das finnische Tempera Quartet. Sehr schöne Aufnahme, demnächst vielleicht ein paar Anmerkungen dazu.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Erste Begegnung mit Sibelius Voces Intimae nun also mit dem Vertavo Quartett aus Norwegen. Eine Aufnahme erschienen in 2020 - ohne das Werk nach einem Hören zu kennen, meine ich aber sagen zu können, dass diese Aufnahme ensembletechnisch, instrumentaltechnisch und klanglich und sehr gut und hörenswert ist. Ich frage mich, ob gewisse Passagen in den letzten beiden Sätzen etwas ruppiger dargestellt werden könnten? Aber, wie gesagt, dafür kenne ich das Quartett im Moment noch nicht gut genug. Es sollen also nur erste Eindrücke sein, die ich schreibe. Diese Aufnahme hinterlässt eher den Eindruck von Zerbrechlichkeit und Flüchtigkeit. Auch etwas Fragmentartiges.

  • Ich habe mir nun die verlinkte Aufnahme vom Casal Quartett angehört. Das ist natürlich ein wirklich sperriges Stück, und man muss akzeptieren, dass es nicht nach Sibelius klingt (zumindest meistens). Der zweite und letzte Satz sind motorisch mitreißend und "problemlos" zu hören. Der erste Satz gefällt mir jetzt allerdings viel besser als früher. Diese sich in Sekundenschritten hinaufwindende Figur und das praktische Fehlen einer Tonart erinnert mich schon ziemlich an Bartók. Die Sätze drei und vier bleiben mir eher fremd.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich habe mir gerade die vermutlich (???) erste Aufnahme des Quartetts angehört. Sie ist vom 8. August 1933 und vom Budapest String Quartet (Roisman, A. Schneider, Ipolyi, M. Schneider).

    Die Jungs sind sehr flott unterwegs, was aber möglicherweise auch mit den zeitlichen Limitierungen der Shellacs zu tun hat. Klanglich ist die 90 Jahre alte Aufnahme erstaunlich gut, die vom Griller Quartet von 1949 klingt IMO nicht besser. Ich habe natürlich nicht die Shellacs, aber eine fast perfekt erhaltene EMI LP von 1978 mit den Überspielungen. Biddulph hat eine CD davon herausgebracht.

    Jean Sibelius, Budapest String Quartet - Chamber Music (Vinyl, UK, 1978) Zu verkaufen | Discogs

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Zitat von andréjo

    Nach Sibelius wird es klingen?

    [...] Das ist natürlich ein wirklich sperriges Stück, und man muss akzeptieren, dass es nicht nach Sibelius klingt (zumindest meistens) [...]

    Jetzt wird's interessant. ;) :) Denn das Fragezeichen habe ich schon eher rhetorisch gemeint.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Deine Frage hatte ich wohl überlesen! Es handelt sich also um eine nicht intendierte Beantwortung Deiner Frage - welcher Natur auch immer sie denn sei ;) ...

    Alles klar! Übrigens nehme ich dann lieber auch den ersten Smiley hinter interessant zurück. Denn interessant wird es ja wirklich. Fazit: Internet-Kommunikation ohne Smiley ist schwierig. Internet-Kommunikation mit Smiley ist schwierig. :huh:

    Ich will mir jetzt natürlich große Mühe geben, Sibelius immer wieder herauszuhören. Aber erst morgen oder übermorgen. Heute gehe ich noch in ein anderes Konzert und schreibe dann was fürs Lokalblatt.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Der Anfang des 2. Satzes erinnert mich an den Anfang des letzten der 5. Sinfonie. Kenne ich so nur von Sibelius. Oder?

    Und der Anfang des letzten Satzes des Quartetts hat was vom Anfang der 3.Sinfonie.

    Ich kenne die Sibelius Sinfonien eigentlich nicht, ausser der 5, die ich mal gespielt habe....lang ist es her. Und die anderen habe ich wohl mal hier und da gehört. Mein Eindruck bei diesem Quartett aber, dass es schon nach Sibelius klingt.

    Wie ist es mit dem 3. Satz der 3. Sinfonie? Ich finde da durchaus Ähnlichkeiten mit dem letzten oder auch 4. Satz des Quartetts. Dieses Fragmentartige und die Anklänge an Volksmusik? Gut, Volksmusik gibt es auch bei anderen Komponisten, aber wie Sibelius es macht.....

  • Bernard Fournier widmet dem Quartett in seiner (frz. geschriebenen) "Geschichte des Streichquartetts" 13 Seiten. (Der 2. Band - von 1870 bis zum Interbellum - zählt 1275 Seiten!). Sein Versuch, das Stück im Gesamtwerk von Sibelius zu situieren, ist vielleicht interessant im Hinblick auf die Frage, ob das Stück "nach Sibelius klingt".

    Zitat

    "Ist es ein Zufall, dass Sibelius, nachdem er das Genre lange aufgegeben hatte, zu einem Zeitpunkt zu ihm zurückkehrt, zu dem er, gerade an einem Rachenkrebs operiert, eine Periode durchquert, in der er zweifelt, welchen ästhetischen Weg er einschlagen will? Diese Schaffenskrise, die ihn zu seiner 4. Symphonie führen wird, die sich radikal von seiner romantisch-nationalistischen Periode und dem für die 3. Symphonie charakteristischen Klassizismus unterscheidet, findet ihren persönlichsten Ausdruck im Quartett op 56 und insbesondere in seinem merkwürdigen ("etrange") Adagio." (S. 233)

    In dem Buch findet sich auch der Hinweis, Sibelius habe die Worte "Voces Intimae" unter eine bestimmte Stelle der Partitur geschrieben (gemeint ist seine Taschenpartitur des Werks), nämlich unter die Takte 21/22 des Adagios. Es handelt sich um die auffälligen, quasi stillstehende Akkorde im ppp.

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