Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

Vom 7. Juni bis 14. Juni 2024, 17:00 Uhr, findet die 14. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme hier zu registrieren.
  • Das Trio (hier „Alternativo“ genannt, warum?) gibt sich selten simpel, unbegleitete Dur-Tonleitern aufwärts und abwärts.

    dazu ein paar Gedanken meinerseits:

    - mit einem unbegleiteten Hauptthema startet bereits das Set op. 76, und das tut auch nicht unbedingt so als sei es ein besonders raffiniertes Thema.

    - raffiniert ist auch bei dem Tonleiter-Trio, was daraus entsteht. Haydn lässt kaum einen Trick aus, von Offbeat bis zur gleichzeitigen Gegenbewegung.

    - die Fülle der Einfälle ist schon äußerlich daran zu erkennen, dass Haydn hier nicht wie sonst (fast?) immer mit zwei wiederholten Teilen (AABB) arbeitet, sondern immer weiter mit dem simplen Thema seinen Schabernack treibt.

    - ich bin absoluter Fan von Tonleiter-Themen, wüsste aber nichts vergleichbares. La Gamme von Marais geht in die Richtung, und meine Lieblingstonleiter ist die Schluss-Apotheose des Nussknacker von Tschaikowsky. Wollte ich nur mal loswerden...

    Zum Gesamtaufbau des Werks denke ich auch, dass der 1. Satz ein bewusstes Understatement darstellt. Zudem das einzige der 6 Quartette op. 76, das mit einem Variationssatz beginnt, was ja sonst eher für den 2. Satz typisch ist.

    Der 2. Satz hat natürlich auch Elemente eines Variationssatzes, aber die Gesamtanlage ist nun doch etwas ganz eigenes. Unter anderem keine einzige Wiederholung im ganzen Satz, es passiert unglaublich viel und auf dichtem Raum.

    Nur mit dem 4. Satz kann ich nicht so viel anfangen. Hab aber noch nicht alle Aufnahmen angehört, vielleicht kommt mir die Erleuchtung noch.

  • Heute morgen mit den Tátrais.

    Wieder ging mir durch den Kopf, was ich beim Hören der Tátrai-Totale dachte: Die hatten alles Recht der Welt, die erste GA vorzulegen. Umwerfend gut, sehr engagiertes Spiel.

    Der Kopfsatz gefiel mir, anders als gestern mit den Budapestern, ganz ausgezeichnet, was meine Überlegeung, der Kopfsatz sei zurückhaltend, um den zweiten Satz noch stärker strahlen zu lassen, relativiert.

    - raffiniert ist auch bei dem Tonleiter-Trio, was daraus entsteht. Haydn lässt kaum einen Trick aus, von Offbeat bis zur gleichzeitigen Gegenbewegung.

    Auch das klingt bei den Tátrais in der Tat raffiniert und nicht nach Czerny.

    Zum Gesamtaufbau des Werks denke ich auch, dass der 1. Satz ein bewusstes Understatement darstellt.

    S. o.

    Zudem das einzige der 6 Quartette op. 76, das mit einem Variationssatz beginnt, was ja sonst eher für den 2. Satz typisch ist.

    Ja, spannend ... aber es gab doch noch mehr Streichquartette, die mit einem Variationssatz eröffnen ... nicht Mozarts Haydn-Quartette ... wo war das?

    Äh, ja, Fazit: Mit den Tátrais ist das Es-Dur-Quartett ein herrliches Werk. Bin auf die nächsten Aufnahmen gespannt - Amadeus und Kodály.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Der Kopfsatz gefiel mir, anders als gestern mit den Budapestern, ganz ausgezeichnet, was meine Überlegeung, der Kopfsatz sei zurückhaltend, um den zweiten Satz noch stärker strahlen zu lassen, relativiert.

    Ich fand das eigentlich ganz treffend gestern, denn verglichen mit den Kopfsätzen der anderen Quartette aus op. 76 wirkt der aus Nr. 6 doch wirklich zunächst mal wie ein gerupftes Huhn. Ehrlich gesagt war es ja eben diese Sperrigkeit, weshalb ich mich für das Es-Dur entschieden habe.

    Mit dem anderen Quartett mit Variationen als erstem Satz meinst Du wahrscheinlich Haydns op. 55,2 in f-Moll.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ein variierendes Element spielt außer sowieso im Kopfsatz und als Aspekt in der Fantasia ja auch im Alternativo eine Rolle, oder? Das Tonleiterthema wird ja bei jedem neuen Durchgang anders begleitet oder umspielt.

  • Wobei das natürlich alles keine "Standardvariationen" sind. In Kenntnis so manchen Werks aus dem 19. Jahrhundert mutet es nicht so exotisch an, dass Variationen in einer Fuge münden (Beethoven, Brahms, etc..), aber ich denke der Kopfsatz aus op. 76,6 dürfte der Prototyp gewesen sein. Es entwickelt sich ja alles auf die Fuge hin. Ein bisschen kommt mir der Satz wie ein aufziehbares Spielzeug vor, das zunächst minutenlang aufgezogen wird und dann blitzschnell die kinetische Energie nach dem Loslassen abgibt. Die Fuge ist extrem kondensiert, beinhaltet Elemente aus den vorhergehenden Variationen und spult sich in Windeseile ab. Auch da hat mir ein Blick in die Noten sehr geholfen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • In Kenntnis so manchen Werks aus dem 19. Jahrhundert mutet es nicht so exotisch an, dass Variationen in einer Fuge münden (Beethoven, Brahms, etc..), aber ich denke der Kopfsatz aus op. 76,6 dürfte der Prototyp gewesen sein.

    Bach, Passacaglia? Grins1

    Aber auch in Mozarts Klaviersonate A-Dur KV 331 gab es Variationen im Kopfsatz, frelich ohne Fuge - die hat dann der Reger geschrieben ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Habe heute und gestern wiederholt Tatrai, Amadeus und Alban Berg Quartett mit dem op 76/6 angehört.

    Tatrai ist mir im ersten Satz zu introvertiert und eigentlich zu melancholisch, aber ich sehe ein, dass (oder sogar warum) man die Musik so verstehen möchte und sie so besser gefallen mag. Insgesamt spricht mir ihr (also Tatrais) Klang nicht besonders an, es fehlt mir ein gewisser Glanz, nach dem ich im klassischen Repertoire suche. Der 2.Satz ist mir zu geschleppt, er kommt nicht so recht in Gang und verliert den musikalischen Fluss. Ich habe das Gefühl die ersten beiden Sätze werden mit einer Stimmung belastet, welche etwas zu weit in die Romantik vorweggreift. Genau das mag natürlich gefallen und ist theoretisch gar nicht so abwegig. Aber mir wird es zu einseitig gefühlsschwanger in Richtung Melancholie, was mMn die beiden Sätze musikalisch nicht ausschöpft und für mich dann langweilig macht. Das Stück hat mMn mehr positiven Glanz und Präsenz, nicht durchgängig, aber mehr als es Tatrai darstellt.

    Die letzten beiden Sätze werden dann bei Tatrai zwar lebhafter und etwas extrovertierter (besonders im 4. Satz), bleiben aber im Klang etwas glanzlos. Ausserdem wird meine persönliche Toleranzschwelle für technische Schwächen (Intonation und bogentechnische Präzision) überschritten.

    Obwohl sicherlich nicht makellos, machen sich ABQ und Amadeus dennoch für dieses Quartett zu weitaus besseren Advokaten - mMn.

  • Ich habe das Gefühl die ersten beiden Sätze werden mit einer Stimmung belastet, welche etwas zu weit in die Romantik vorweggreift.

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Das Largo aus op. 76,5 hat die Anweisung cantabile e mesto (mesto, ital. traurig), sodass eine "belastete Stimmung" durchaus im emotionalen Bereich von op. 76 liegt. Im Grunde finde ich das Adagio aus dem 6. Quartett eher noch trauriger als das Largo aus dem 5. Daher halte ich die von Dir bemängelte Spielweise nicht für deplatziert.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ja, lieber Felix, deswegen sagte ich ja auch

    aber ich sehe ein, dass (oder sogar warum) man die Musik so verstehen möchte und sie so besser gefallen mag.

    Ich habe das Gefühl die ersten beiden Sätze werden mit einer Stimmung belastet, welche etwas zu weit in die Romantik vorweggreift. Genau das mag natürlich gefallen und ist theoretisch gar nicht so abwegig.

  • Mir ging es aber weniger um die persönliche Rezeption, sondern mehr um die Absicht des Komponisten, welche eine emotionale Darbietung mMn "authorisiert". (Disclaimer: ich will natürlich keine Diskussion über künstlerische Freiheit vom Zaun brechen! =O )

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Neulich gab es die Diskussion irgendwo ... also, wenn es ein reiner Gefühlsschwall ist, dann gehört es geistig eher ins 19. Jhd.

    Wenn es eher so ist, dass der/die Hörende zur Traurigkeit überredet wird, also mit rhetorischen Mitteln, dann ist es eher Affekt und 17./18. Jahrhundert.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Mir ging es aber weniger um die persönliche Rezeption, sondern mehr um die Absicht des Komponisten, welche eine emotionale Darbietung mMn "authorisiert". (Disclaimer: ich will natürlich keine Diskussion über künstlerische Freiheit vom Zaun brechen! =O )

    Mir ging und geht es auch immer um die Absicht des Komponisten, natürlich nur soweit ich diese objektiv bestimmen kann. Deswegen sagte ich:

    Aber mir wird es zu einseitig gefühlsschwanger in Richtung Melancholie, was mMn die beiden Sätze musikalisch nicht ausschöpft und für mich dann langweilig macht. Das Stück hat mMn mehr positiven Glanz und Präsenz, nicht durchgängig, aber mehr als es Tatrai darstellt.

    Und steht bei op 76/6 was von traurig? Stehen sie in Dur oder in Moll?

    Im 1. Satz (Allegretto- Allego?) gibt es bestimmte Elemente, welche auf eine positivere Sichtweise als die von Tatrai hinweisen könnten (muss ja deswegen nicht direkt jubilieren), nämlich Triller (in einem schnellen Satz eines klassischen Werks), Sforzati und Staccati. Ausserdem gibt es einen bezeichnenden punktierten Rhythmus - etwas Overtürenartig, finde ich. Sieht für mich eher nach Präsenz als nach Melancholie aus.

    Im 2.Satz finde ich bei Tatrai das Schleppen unangebrachter als die Melancholie.

    Ausserdem finde ich sollte man einen Unterschied machen in der interpretatorischen Darstellung von Melancholie in der Klassik zur Romantik. Meiner Meinung nach eben gezügelter in der Klassik.

    Aber mein Hauptpunkt sollte eigentlich sein, dass mir die Stimmung bei Tatrai zu einseitig für die ersten beiden Sätze ist, egal welche Stimmung. Bei ABQ und Amadeus finde ich mehr Interesse.

  • Und steht bei op 76/6 was von traurig? Stehen sie in Dur oder in Moll?

    Nein, da steht nichts, aber die Tonart macht es jedenfalls nicht aus, denn das Largo aus 76,5 ist auch in Dur. In einem Begleittext wird vermutet, dass Haydn in diesem Satz auf Purcells Fantasies rekurriert. Das wäre definitiv möglich, da Haydn wohl mit der Musik Purcells bekannt gemacht wurde. Purcell wiederum empfinde ich als veritablen Trauerkloß.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Also hier läuft gerade die Aufnahme mit den Amadeus-Mannen - eines von meheren möglichen Covern:

    Mit diesem Cover steht diese Aufnahme bei mir im Regal. Meine ersten Streichquartett-CDs, etwa 1989. Ach ja ...

    ... mit dem Ton von Norbert Brainin werde ich nicht mehr warm in diesem Leben. Obs der Ton als solcher ist, die Intonation (lieber zu hoch als falsch) oder das Vibrato - weiß nicht. Vielleicht etwas von alledem.

    Obwohl sicherlich nicht makellos, machen sich ABQ und Amadeus dennoch für dieses Quartett zu weitaus besseren Advokaten - mMn.

    Liebe Rosamunde, da kann ich nicht ganz mitgehen ... ich finde die Aufnahme des Amadeus-Quartetts recht pauschal, undifferenziert und gar nicht mitreißend. Nicht mal aus dem Fugato im Kopfsatz schlagen die irgendwelche Funken - und scheinen sich nicht einmal darum zu bemühen. Auch im Finale werden brav die Noten referiert - und viel mehr gibt's nicht. "Sie gaben sich überwiegend Mühe, den Anforderungen gerecht zu werden" wäre mMn schon sehr wohlwollend ... 4/10 im MBR (Mauerblümchen-Ranking). Tatrai habe ich mit 8/10 notiert. Vielleicht liegt's ja an meiner Tagesform ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich schätze Alina Ibragimova als Solistin sehr, aber mit den Bemühungen ihres HIP-Ensembles Chiaroscuro kann ich mich auch bei Haydn 76.6 nicht recht anfreunden. Ist wohl Geschmacksache.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Ist HIP generell das Problem oder diese Truppe?

    Ich denke HIP generell. Oder die Darmsaiten. Bei Doric höre ich ja auch gewisse HIP Tendenzen, da stört es mich aber überhaupt nicht.

    Denkbar weit entfernt von HIP ist die nächste Aufnahme, die ich gehört habe. 76.6 trifft man ja selten außerhalb von GA des opus 76 an. Hier aber doch einmal in einer Rundfunkaufnahme aus Chicago mit dem Fine Arts Quartet (die das Werk auch für die Schallplatte eingespielt haben). Eine mit gewissen Einschränkungen durchaus hörenswerte Lesart. Vielleicht nichts für Intonationssensible und Wiederholungsfanatiker.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Ich denke HIP generell. Oder die Darmsaiten.

    Ich vermute, dass es die Darmsaiten sind, da dies den Klang doch sehr verändert. Das Klangbild ist dann viel weicher. Allerdings ist HIP ohne Darmsaiten auch riskant, wie mMn eben das Doric zuweilen zeigt. Deren Aufnahme von op. 64 hat mir ja gar nicht gefallen. Ohne Vibrato auf Stahl, das klingt schnell humorlos und starr. Bei op. 76 und op. 20 habe ich das Problem allerdings nicht mit dem Doric. Seltsam...

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • So jetzt noch op. 76.6 in einer berechtigt legendären Einspielung, möglicherweise der ersten überhaupt.

    Der in Vilnius geborene Geiger Alexander (Sasha) Schneider war zweimal Mitglied des Budapest String Quartet (1932-44 und 1955-67), jeweils an der 2. Position. Die Mehrzahl der Kritiker fand das etwas ungewöhnlich, da er in ihren Augen verglichen mit dem Primarius Roisman der intonationssicherere und musikalisch interessantere Geiger war. In den Interimszeit hat Sasha Schneider dann für eine Projekt der New Yorker Haydn Society - der Aufnahme aller Haydn-Quartette - ein eigenes Quartett ins Leben gerufen, das neben ihm noch Isidore Cohen (später bei Juilliard), Karen Tuttle und Madeline Foley/Herman Busch als Mitstreiter hatte. Der Society ging nach ca. der Hälfte der Strecke die finanzielle Luft aus, so dass die GA nie fertig wurde. Aber das was da war, u.a. das komplette op 76, erlangte schnell Legendenstatus zumal die Aufnahmen (1951-1954) jahrezehntelang nicht verfügbar waren, bis sie vor 9 Jahren bei music & arts erschienen sind. Das Booklet enthält einen Essay von Tully Potter.

    Ja, beseelter geht es wohl kaum. Übrigens sitzt hier Hermann Busch am Cello.

    P.S. Die ursprünglichen Langspielplatten hatten alle ein ähnliches Cover wie die gezeigte Box. Vier davon habe ich mal günstig ergattern können. Alle zu bekommen dürfte eine vierstellige Summe erfordern.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

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