Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Hmm, ich habe jetzt mal nur in op. 76,6 reingehört, aber das Finale ist ja absurd langsam gespielt, eher Allegretto als Allegro spiritoso. Auch das Menuett würde ich nicht als Presto einstufen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Zudem das einzige der 6 Quartette op. 76, das mit einem Variationssatz beginnt, was ja sonst eher für den 2. Satz typisch ist.

    Ja, spannend ... aber es gab doch noch mehr Streichquartette, die mit einem Variationssatz eröffnen ... nicht Mozarts Haydn-Quartette ... wo war das?

    Schon knapp 30 Jahre früher gab es das, nicht nur je einmal bei op. 9 und op. 17, sondern auch bei den allesversprechenden 6 Sonaten für Violine und Viola, um etwa 1770.

    Viele Grüße


    "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
    Markus Lüpertz (http://www.focus.de, 17.4.2015)

  • Schon knapp 30 Jahre früher gab es das, nicht nur je einmal bei op. 9 und op. 17, sondern auch bei den allesversprechenden 6 Sonaten für Violine und Viola, um etwa 1770.

    Vielen Dank! :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Das Quartett #6 aus op.2 (um 1760?) beginnt mit einem Variationensatz, bei den Klaviersonaten und besonders den Trios findet es sich auch bei späten Werken regelmäßig. In den Quartetten hat Haydn diese Variante ab op.20 mit der Ausnahme des op.55/2 bis op.76 nicht mehr verwendet.

    Ich habe allerdings den Kopfsatz von op.76/5 auch als freien Variationensatz betrachtet, jedenfalls beginnt er so, ist aber vielleicht ingesamt kaum in ein Schema zu pressen.

    Die Variationen am Beginn von 76/6 finde ich etwas trocken, das Quartett ist sehr originell, aber nicht mein Lieblingsstück.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • aber nicht mein Lieblingsstück.

    Meines auch nicht. Müsste ich ein Quartett als Favorit auswählen, wäre es wohl op. 76,5. Es ist aber wirklich sehr schwer selbst in diesem Set alleine einen Favoriten zu definieren. Alle sechs Quartette sind sehr stark.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Meines auch nicht. Müsste ich ein Quartett als Favorit auswählen, wäre es wohl op. 76,5. Es ist aber wirklich sehr schwer selbst in diesem Set alleine einen Favoriten zu definieren. Alle sechs Quartette sind sehr stark.

    Ja, die sind alle stark ... meine Favoriten liegen wohl bei den ersten vieren, vielleicht auf 2, 3 und 4, Das Vierte ist ohnehin ein ganz besonderes Werk ...

    Ich habe mir das Quartett der Woche mit den Takács-Mannen in originaler Besetzung gegönnt.

    Ziemlich süffiger Klang. Der Kopfsatz ist nicht so raffiniert wie bei den Tátrais, eher schlicht, wenn eben auch mit dem intensiven Ton. Aber im Fugato packen sie zu, auch ohne letzten Biss. Ok.

    Der Übergang vom ersten zum zweiten Satz ist für meinen Geschmack viel zu abrupt, da hätte der Produzent noch ein paar Sekunden spendieren können ...

    Wunderbar klangschön entfalten die Ungarn den zweiten Satz. Auch im Presto-Menuetto mühen sie sich nach Kräften, die Contenance zu wahren und es ja nicht zu fetzig geraten zu lassen.

    Erst das Finale tasten sich die Herren auf dem Wege der Tempoverschärfung an Grenzen der Behaglichkeit heran, ohne wirklich witzig zu werden. Es bleibt alles gerade noch schön.

    Insgesamt eine Aufnahme für Rotwein und Kaminfeuer. Behaglich, süffig, kuschelig, dem Wahren, Guten, Schönen, so soll es bleiben. Auf ihre Weise geradezu perfekt, die Ungarn haben ihre Ziele offenbar in bewundernswerter Weise erreicht. Vielleicht waren aber die Ziele falsch ... :versteck1:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich habe mir heute noch einmal die Dorics gegönnt. Vermutlich wird das mein Favorit knapp vor Tátrai bleiben. Finde die Aufnahme rundum gelungen, weder exaltiert-kontrastverschärft noch gar zu betulich. Von der Gesamtwirkung des Stücks hat die Zuneigung bei mir im Lauf der Tage deutlich zugenommen - wie erwartet. Am bemerkenswertesten bleibt für mich wahrscheinlich, wie schon mehrfach gesagt, mit welch sparsamen Mitteln Haydn hier auskommt und trotzdem, mich zumindest, überzeugt.

  • Neulich gab es die Diskussion irgendwo ... also, wenn es ein reiner Gefühlsschwall ist, dann gehört es geistig eher ins 19. Jhd.

    Oder zur Empfindsamkeit. ;)

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Kennt eigentlich jemand die Aufnahme mit dem Quatuor Mosaiques?

    Ich finde die Aufnahme durchaus gelungen, ich habe aber keinen Vergleich. Wie findet ihr diese Aufnahme (falls ihr sie kennt)?

  • Ich finde die Aufnahme durchaus gelungen, ich habe aber keinen Vergleich. Wie findet ihr diese Aufnahme (falls ihr sie kennt)?

    Ich habe weiter oben schon kurz etwas dazu gesagt. Ich persönlich mag es nicht, wie die Mosaiques Gesangslinien zerfasern und zersägen. Das klingt für mich unglaublich trocken und entzieht der Musik ihre Wirkung. Allerdings gilt das nur für langsame Sätze mit eben solchen Gesangslinien - der von op. 76,6 gehört leider dazu. Ansonsten kann ich mit den Mosaiques durchaus viel anfangen. Erst vorgestern habe ich mir ihre Aufnahme von Haydns op. 77 angehört, und die fand ich vortrefflich.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • ABQ und Mosaiques sind eventuell morgen dran. Heute das Kodály Quartet:

    Sehr brav, jedoch ziemlich makellos. Sozusagen perfekt ohne irgendwelche interpretatorischen Mätzchen. MMn prima zum Kennenlernen. Begeisterung darf man/frau eher nicht erwarten, schon gar nicht grundlegende neue Einsichten in das Werk.

    In den Penguin Guides der 1990er wurden diese CDs mit Sternchen und Rosetten nur so überhäuft.

    Freue mich auf ABQ, Mosaiques, Auryn und Doric. Schaun mer mal ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich hab nach wie vor ein Problem mit dem 4. Satz.

    Die meisten Aufnahmen bewegen sich bei der Spielzeit um 6:30 (bzw. 4:30 ohne die 2. Wiederholung), und da gefällt mir eigentlich keine so richtig. Auch nicht die etwas schnellere Version der Dorics (6:19).

    Wenn schon schneller, dann lieber etwas grundlegend aufregenderes, meinetwegen halsbrecherisches mit einem Tempo wie Chiaroscuro (6:02, wobei leider das halsbrecherische Element unterdrückt ist) oder Buchberger (6:05), wenn nicht gar Panocha (5:24).

    Seltsamerweise kann ich auch auf der langsameren Seite etwas mit extremen Positionen anfangen, vorausgesetzt es wird ein "spirituoso" durch geschärfte Artikulation o.ä. umgesetzt. Rudimentär beim Aeolian String Quartet zu hören (6:42, allerdings 2. Wiederholung böse kopiert; die Unsauberkeiten am Ende möchte ich eigentlich nicht zweimal hören müssen).

    Der freundlich-verbindliche Ansatz wie Auryn (6:40) ist jedenfalls nichts für mich.

  • Die Frage nach einem Lieblingswerk aus op. 76 würde ich für mich nach Satznummern differenzieren.

    1. Satz aus Nr. 4 (B-Dur)

    2. Satz aus Nr. 5 (gibt es etwas schöneres in Fis-Dur?)

    3. Satz aus Nr. 6 (Es-Dur)

    4. Satz aus Nr. 2 (d-Moll)

    :wink: Khampan

  • meinetwegen halsbrecherisches mit einem Tempo wie Chiaroscuro (6:02, wobei leider das halsbrecherische Element unterdrückt ist) oder Buchberger (6:05), wenn nicht gar Panocha (5:24).

    Über die Buchbergers wollte ich noch etwas schreiben, v.a. wegen des halsbrecherischen Finales. Unglaublich, was der Herr Professor da vorlegt. Überhaupt gefällt mir die Einspielung des Quartetts von den Buchbergers sehr gut, wenn ich auch im Adagio beizeiten Unsauberkeiten herauszuhören glaube (was den Interpreten zu Haydns Zeit wohl sicher noch viel eher unterlaufen ist).

    Die Frage nach einem Lieblingswerk aus op. 76 würde ich für mich nach Satznummern differenzieren.

    1. Satz aus Nr. 4 (B-Dur)

    2. Satz aus Nr. 5 (gibt es etwas schöneres in Fis-Dur?)

    3. Satz aus Nr. 6 (Es-Dur)

    4. Satz aus Nr. 2 (d-Moll)

    Interessantes Gedankenspiel! Beim zweiten Satz gehe ich konform, aber beim ersten Satz täte ich mir schwer. Ich mag die ersten Sätze aus Nr.1, 2, 3 und 4 gleichermaßen. Wenn als 3. Satz der Tanzsatz gemeint ist, dann auf jeden Fall das Hexenmenuett aus dem 2. Quartett. Und das Finale? Da nehme ich, glaube ich, das aus Nr. 5.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Wenn als 3. Satz der Tanzsatz gemeint ist, dann auf jeden Fall das Hexenmenuett aus dem 2. Quartett.

    Dass dieser "Einwand" kommt, habe ich mir gedacht. Irgendwie liegt mir das nicht, zu artifiziell. Auch die Quintenkonstruktion des Kopfsatzes... vielleicht hab ich diese Sätze einfach nur zu oft gehört.

    Als Gesamtwerk könnte ich mich nicht zwischen Nr. 1, 4 und 5 entscheiden.

    Jedenfalls ist das ganze Opus 76 ne ziemliche Luxus-Edition :)

  • Meine Favoriten aus dem Opus 76 sind #4 und #5.

    #6 ist eines der Stücke, von denen ich immer meine, ich sollte sie lieber mögen als ich es tue.

    (Das könnte u.a. daran liegen, dass man über das Stück Kommentare gelesen hat, bevor man es jemals hören konnte.. oder eben auch an der Nachbarschaft höher geschätzter Werke, oder dass man einfach nicht schnallt, was nun das Besondere sein soll.)

    Ich werde es angesichts dieser Diskussion mal wieder anhören.

    Was bei Haydn für mich vielleicht generell gewöhnungsbedürftig ist, ist, dass es zwar schon Werke gibt, die eine "Einheit" aufweisen (nicht nur musikalisch, sondern zumindest ansatzweise poetisch-narrativ) neben solchen stehen, bei denen ich diese Einheit kaum wahrnehmen kann. Das korreliert zwar nicht direkt damit, wie gern ich ein Stück mag, so finde ich etwas die Mischung in 76/5 genauso "wild", der transzendente langsame Satz pass irgendwie nicht zu den sehr volkstümlich-handfesten Sätzen 3+4 und der seltsam oszillierende Kopfsatz auch nicht, aber ich liebe das Stück sehr. #6 hat für mich, besonders jenseits des langsamen Satzes etwas von einer intellektuellen Übung. Alles irgendwie anders machen als erwartet, raffiniert, aber eben etwas trocken.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Bei mir findet sich von Opus 76 nur Buchberger (Gesamtaufnahme) und Auryn (alle 76er). Heute oder morgen will ich mir das Werk 6 anhören, dann auch über die Tube mit Noten. Haydn wird meinerseits zu selten gehört, das weiß ich schon - mit den Profis dahier kann ich augenblicks nicht konkurrieren bezüglich geistreicher Beobachtungen und Vergleiche, lese sie aber gerne, da überdies viel Originelles zur Sprache kommt..

    Eine Gesamtausgabe in HIP schwebt mir noch vor - da gehen ja die Meinungen auch ein wenig auseinander (und ich möchte nicht jeden Preis dafür bezahlen). Mal schauen.

    Ein-, zweimal habe ich das Quartett sicher schon gehört mit den beiden obigen Formationen. Leider kann ich mich allerdings nicht sonderlich an irgendetwas erinnern. Buchberger sind, wenn denn typisch, nicht so sehr an perfekter Intonation interessiert, eher schon an ruchlosem Zugriff. Und bei Auryn könnte es umgekehrt sein. Beides wurde ja oben bereits angedeutet. ;) :)

    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Überhaupt gefällt mir die Einspielung des Quartetts von den Buchbergers sehr gut, wenn ich auch im Adagio beizeiten Unsauberkeiten herauszuhören glaube

    Buchberger sind, wenn denn typisch, nicht so sehr an perfekter Intonation interessiert, eher schon an ruchlosem Zugriff.

    Also hier muss ich Buchbergers mal in Schutz nehmen. Sie spielen so ohne Vibrato als wären sie HIP, und unter diesem Umstand geht die Intonation fast nicht besser.

    Eventuell müssen sich manche Hörer erst daran gewöhnen, dass die 1. Violine nicht ständig zu hoch spielt...

    Möglicherweise spielen sie auch teilweise auf Darmsaiten, dem (famosen) Klang nach könnte ich mir das vorstellen.

    Ich habe von dem Ensemble noch nicht viel gehört, kann daher nichts zur Gesamteinspielung sagen, traue ihnen aber einen absoluten Top-Platz zu.

  • Ich habe von dem Ensemble noch nicht viel gehört, kann daher nichts zur Gesamteinspielung sagen, traue ihnen aber einen absoluten Top-Platz zu.

    Ja, kann ich für mich bestätigen. Eigentlich gefällt mir ihre Version von op. 76,6 am besten.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

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