Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • #6 hat für mich, besonders jenseits des langsamen Satzes etwas von einer intellektuellen Übung. Alles irgendwie anders machen als erwartet, raffiniert, aber eben etwas trocken.

    Das ist wohl etwas, das generell bei Haydn Thema ist. Haydn IST ein extrem zerebraler und konzeptioneller Komponist, es entscheidet halt die persönliche Grenze/Vorliebe ab wann es für einen dann "artifiziell" wird. Ich kann die Einschätzung von Dir schon nachvollziehen, aber da ich vor allem die Mittelsätze so hervorragend finde, und auch ästhetisch erfolgreich, funktioniert das Quartett für mich trotzdem sehr gut. Den ersten Satz mag ich auch eher am wenigsten, auch wenn wiederholtes Hören hilft.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Eventuell müssen sich manche Hörer erst daran gewöhnen, dass die 1. Violine nicht ständig zu hoch spielt...

    :megalol:

    Das ist ja fast ein Kaufargument ... erinnert mich daran, dass Harnoncourt mal sagte, dass ein perfekt gestimmter Steinway für ihn schräg klingt.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Also hier muss ich Buchbergers mal in Schutz nehmen. Sie spielen so ohne Vibrato als wären sie HIP, und unter diesem Umstand geht die Intonation fast nicht besser.

    Eventuell müssen sich manche Hörer erst daran gewöhnen, dass die 1. Violine nicht ständig zu hoch spielt...

    Möglicherweise spielen sie auch teilweise auf Darmsaiten, dem (famosen) Klang nach könnte ich mir das vorstellen.

    Ich habe von dem Ensemble noch nicht viel gehört, kann daher nichts zur Gesamteinspielung sagen, traue ihnen aber einen absoluten Top-Platz zu.

    Ich hatte mal die Gesamteinspielung mit dem Buchberger Quartett (fiel leider einer radikalen Reduzierung meines CD-Bestandes aus minimalistischem Antrieb zum Opfer). Sie vermochte mich von allen mir damals bekannten Einspielungen der Haydnschen Quartette am meisten zu überzeugen. Ich empfand ihre Interpretation als überaus HIP-nah. Live durfte ich das Ensemble in der Frankfurter Festeburgkirche damals auch erleben.

  • #6 hat für mich, besonders jenseits des langsamen Satzes etwas von einer intellektuellen Übung. Alles irgendwie anders machen als erwartet, raffiniert, aber eben etwas trocken.

    Das ist wohl etwas, das generell bei Haydn Thema ist. Haydn IST ein extrem zerebraler und konzeptioneller Komponist, es entscheidet halt die persönliche Grenze/Vorliebe ab wann es für einen dann "artifiziell" wird. Ich kann die Einschätzung von Dir schon nachvollziehen, aber da ich vor allem die Mittelsätze so hervorragend finde, und auch ästhetisch erfolgreich, funktioniert das Quartett für mich trotzdem sehr gut. Den ersten Satz mag ich auch eher am wenigsten, auch wenn wiederholtes Hören hilft.

    Oder selten und dann wie neu wiederhören... Ich habe das Stück gerade mit dem Alban-Berg-Quartett gehört und bin geneigt, alles, was ich oben geschrieben habe, zurückzunehmen. :versteck1: Ich fand den Kopfsatz witzig und überraschend. Es ist halt eine ähnlich tour de force wie im berühmten "Paukenschlag"-Satz: Aus einem banal scheinenden Thema Unerwartetes rauskitzeln.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Deine Antwort freut mich natürlich, werter Khampan. Morgen werde ich nachhören. Die Buchberger-Integrale habe ich mittlerweile einmal komplett gehört - nur weniges öfters - und der Gesamteindruck ist allenthalben passabel - in der Tat manchmal schroff hippig oder pseudo-hippig. Und hin und wieder fällt halt auch mir eine nicht hundertprozentige Intonation auf. :)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Chiaroscuro Quartett

    Nur op 76/6. Die anderen habe ich nicht angehört.

    In den schnellen Sätzen etwas gezirpt und gesäuselt. Allerdings gab es einige sehr gelungene Momente, bei denen ich erstaunt und bewundernd aufgehorcht habe. Der langsame Satz ist mir zu steril. Meins ist es insgesamt nicht.

    Aber alles technisch sehr fein. Kann man nichts sagen. Auch sehr musikalisch phrasiert und so weiter.

  • Doric Quartett

    Nur op 76/6. Die anderen habe ich nicht angehört.

    Sehr gut gespielt! Wirklich bemerkenswert. Hat Glanz, Variation, Leben, Stimmung.

    Nur leider für mich etwas zu affektiert. Es wird für meinen Geschmack in vieler Hinsicht übertrieben.

  • Ich habe das Stück gerade mit dem Alban-Berg-Quartett gehört und bin geneigt, alles, was ich oben geschrieben habe, zurückzunehmen. :versteck1: Ich fand den Kopfsatz witzig und überraschend. Es ist halt eine ähnlich tour de force wie im berühmten "Paukenschlag"-Satz: Aus einem banal scheinenden Thema Unerwartetes rauskitzeln.

    Auch hier die Alban Bergs.

    Im ersten Satz das Fugato - gut, aber auch kein Kracher, gesittet, doch danach war das Thema ein anderes, wie aufgeweckt. Vielleicht war das bei den anderen Aufnahmen auch so, habe ich dort aber nicht so wahrgenommen. Den Vergleich mit dem "Paukenschlag" finde ich daher passend.

    Ansonsten feinsinniges Spiel. Man weiß, was sich gehört. Schön spritzig im Menuetto, das Finale demgegenüber zurückgenommen, mit LIebe zum Detail.

    Insgesamt hat mir die Aufnahme Lust gemacht, das ganze Opus 76 mit dem ABQ zu hören.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Hier heute am Morgen Buchberger

    Im Gegensatz zum Kollegen Wolfgang habe ich die Box bislang nur auszugsweise gehört, war aber meiner Erinnerung nach immer mit den Ergebnissen zufrieden. So auch bei op. 76/6. Lebendige Darstellung.

    Von den gehörten haben mir bislang Tátrai, Doric, Buchberger und Angeles (nicht Aeolian, die habe ich neulich verwechselt) besonders gut gefallen. Chiaroscuro liegt mir von den Tempovorstellungen, ansonsten fand ich sie aber zu - "gesäuselt" finde ich ganz treffend. Gestern probierte ich noch das Orlando Quartett, fand es aber doch ein wenig zu gepflegt.

    Erfreulich, dass mir das Quartett mit jedem Hören mehr zusagt, eigentlich unabhängig von den Ausführenden.

    Mauerblümchen hatte weiter oben die Frage in den Raum gestellt, warum das Trio hier wohl "Alternativo" genannt werde. Gibt's da inzwischen eine Erklärung? Ich hätte Alternativo ja eher als Rekurrieren auf barocke Formen aufgefasst. Nun ist aber gerade dieses Menuett vom Charakter doch wirklich eher ein Scherzo. Na ja, vielleicht hat es ja auch nichts zu bedeuten.

  • Mauerblümchen hatte weiter oben die Frage in den Raum gestellt, warum das Trio hier wohl "Alternativo" genannt werde. Gibt's da inzwischen eine Erklärung?

    Ich hatte mich mit meinen bescheidenen Möglichkeiten an die Lösung der Frage gewagt:

    Warum "Alternativo"? Ich kann nur mutmaßen, aber die Skalen sind ja nur die Parallele der aufsteigenden punktierten Viertel aus dem ersten Teil. Sie gehen auch stets über eine Oktave wie im ersten Teil. Eine alternative Ausarbeitung desselben Gedankens also.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich hatte mich mit meinen bescheidenen Möglichkeiten an die Lösung der Frage gewagt:

    :versteck1: Das habe ich überlesen. Mea culpa. Klingt ja sehr plausibel. Eine Alternative im konkreten musikalischen Sinne und gleichzeitig eine Anspielung auf die barocke Bezeichnung.

  • Mea culpa.

    Na, na. Ist ja kein katholischer Gottesdienst hier! Grins1

    Ja, an die Barockzeit dachte ich natürlich auch bei dem Titel. Bei Bachs Solos für Violine gibt es in der ersten Partita auch Doubles, die dasselbe Thema in alternativer, virtuoserer Form durcharbeiten.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Heute die Harnoncourt-Gespielen:

    Das fand ich sehr geistreich! Das Fugato im Kopfsatz erscheint nicht als Aufwecker, sondern eher als heitere Fortführung der Variationen mit anderen Mitteln, nicht als Binnenhöhepunkt. Fand ich schlüssig. Menuetto und Finale schön spritzig ohne zu überdrehen.

    Hm. Diese Aufnahme steht bei mir zusammen mit den Tátrais gerade vorne ... Buchberger ist notiert. Auryn und Doric sind für morgen geplant.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich habe das Stück gerade mit dem Alban-Berg-Quartett gehört und bin geneigt, alles, was ich oben geschrieben habe, zurückzunehmen. :versteck1: Ich fand den Kopfsatz witzig und überraschend. Es ist halt eine ähnlich tour de force wie im berühmten "Paukenschlag"-Satz: Aus einem banal scheinenden Thema Unerwartetes rauskitzeln.

    Auch hier die Alban Bergs.

    Im ersten Satz das Fugato - gut, aber auch kein Kracher, gesittet, doch danach war das Thema ein anderes, wie aufgeweckt. Vielleicht war das bei den anderen Aufnahmen auch so, habe ich dort aber nicht so wahrgenommen. Den Vergleich mit dem "Paukenschlag" finde ich daher passend.

    Ansonsten feinsinniges Spiel. Man weiß, was sich gehört. Schön spritzig im Menuetto, das Finale demgegenüber zurückgenommen, mit LIebe zum Detail.

    Ich habe hier nur diese CD (mit den namenlosen Werken), war von der, als ich sie vor einem Jahr oder so neu hatte, eigentlich etwas enttäuscht gewesen, irgendwie professionell und etwas "cool", teils mir auch etwas zu schnell (in #5). Ich habe gestern #5 auch nicht gehört, aber von #6 war ich wirklich angetan und vermute, dass das Ensemble zumindest ein bißchen dazu beigetragen hat.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Hab's jetzt ein paar mal gehört (Amadeus, Buchberger, Tokyo, Angeles) und mich inzwischen an es gewöhnt, auch wenn ich manche Lobeshymnen in den Begleitheften nicht ganz nachvollziehen kann. Aber mit jedem erneuten Hören freunde ich mich ein bisschen mehr damit an. Das ist ja das Gute am "Quartett der Woche", dass wir uns ein bisschen mehr mit Werken auseinandersetzen, die wie anders vielleicht kaum oder gar nie kennenlernen würden. Auch eine Gelegenheit für mich wieder mehr zu der Angeles Haydn Box zu greifen, die voll "konkurrenzfähig" ist. (Die Haydn Quartette sind anscheinend die einzigen Aufnahmen, dieses Ensembles, das sich leider (aus Kostengründen) aufgelöst hat.)

  • Ging mir bei Hindemith so. Habe die Box der Dänen nach Kauf wohl zweimal am Stück durchgehört, da fallen die einzelnen Perlen eben als solche in der Masse nicht auf. - Ebenso ist ja Nr. 6 vielleicht auch nicht DER Blickfang in op. 76, lohnt (für mich) aber die Einzelbetrachtung sehr.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Mit der Einspielung des Auryn-Quartetts bin ich schon mal zufrieden. Zufrieden noch ohne einen aktuellen Vergleich. Das Werk ist, alles in allem, schön - wenn ich das so plump sagen darf -, es gibt unter Haydns Quartetten auch nicht so schöne ...

    Ich kann viele Stellungnahmen hier nachvollziehen. Ob es sich so leicht beantworten lässt, inwieweit Haydn'scher Humor vor allem die Tonleiterspielereien beeinflusst? In meinem Reclam-Führer und in den Booklets zu Auryn und zu Buchberger - die - Letztere - ich mir später oder morgen anhören will - werden dazu keine Überlegungen angestellt. Mir scheint wesentlich, dass sich vergleichbare kompositorische Prinzipien im Kopfsatz, im Finalsatz und auch im Menuett, das ja eher ein Scherzo darstellt, finden und damit für die große Linie sorgen. Das wäre ein durchaus romantisches Konzept, zumindest aber ein hochklassisches. Romantisch wiederum in seiner harmonischen Radikalität ist der langsame Satz ohnehin, selbst wenn er den melodischen Basis-Schlichtheiten in den anderen Sätzen entgegenläuft. Romantisch ist das Phänomen, dass im H-Dur-Satz zunächst auf eine Tonartenfixierung ganz verzichtet wird. Und in gewisser Weise romantisch scheint mir auch die Tatsache, dass eine greifbare und diesen Namen verdienende Melodik kaum zu erkennen ist, nicht einmal bei dem kurzen, aber dann genial abgewandelten Motiv des zweiten Satzes. Und der Variationen-Satz gleich zu Beginn ist gewiss als strukturelles Faktum originell, steht aber in Opus 76 nicht allein, und die großen Überraschungen bei der Gestaltung der vier Variationen sehe ich nicht so sehr.

    Mozart erweist sich immer wieder als Vorromantiker, seine harmonischen Rückungen stehen dafür und natürlich seine Moll-Sätze oder -Passagen. Die Haydn'sche Romantik ist insofern eine andere.

    So weit ein paar Überlegungen, über die man gerne streiten darf, sollten sie dahingehend bereits ein Angebot darstellen. ;)

    :) Wolfgang

    EDIT: In seinem Eröffnungsbeitrag hat Felix Meritis Dinge gesagt, die ich hier wiederhole. Andere später. ... Isch schwör, dass ich mich nicht an alle diese Dinge erinnert habe ... vielleicht an einzelne ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Möglicherweise spielen sie auch teilweise auf Darmsaiten, dem (famosen) Klang nach könnte ich mir das vorstellen.

    Die Rede war vom Buchberger-Quartett und es ist in der Tat so, dass nur die Viola ein modernes Instrument ist (von 1990). Die anderen stammen aus dem 18. Jahrhundert, vor der Entstehungszeit unseres Haydn-Quartettes. Darf ich einen Zusammenhang zu Darmsaiten herstellen? (Sollte das eine dumme Frage sein, muss und werde ich damit leben, aber mich für die Antwort auf jeden Fall bedanken.)

    :cincinbier: Wolfgang

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