Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Einen schönen guten Morgen!


    Wie immer am Samstag ist es da - dieses Gefühl der freudigen Erwartung der Bekanntgabe des nächsten Quartetts. Morgen wird Gurnemanz es uns mitteilen!


    Quasimodo wäre eigentlich in zwei Wochen dran, will sich aber zunächst mal hinten anstellen.


    Damit folgen in dieser (zweiten) Runde:

    • Scherzo
    • putto
    • maticus
    • MB
    • Pizzicato
    • Quasimodo

    Die nächste Runde begönne dann wiederum mit

    • Wieland
    • Rosamunde
    • Knulp
    • Abendroth
    • andréjo
    • Felix Meritis
    • Braccio
    • AlexanderK
    • Gurnemanz

    Ich hoffe sehr, niemanden versehentlich ausgelassen zu haben ...


    Hier nochmal die herzliche Einladung an alle Forianer*innen, in diesem Thread mitzuschreiben, auch wenn sie nicht auf "der Liste" stehen!


    Ich wünsche weiterhin gutes Hören und Diskutieren und erst mal ein wunderbares Wochenende mit viel bester Musik!


    Viele Grüße

    MB

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Wie immer am Samstag ist es da - dieses Gefühl der freudigen Erwartung der Bekanntgabe des nächsten Quartetts. Morgen wird Gurnemanz es uns mitteilen!

    Wenn niemand protestiert, könnte ich heute schon aktiv werden: Heute abend bin ich weg und auch morgen erst wieder am Nachmittag richtig präsent. Ein kleiner Text ist bereits fertig und könnte eingestellt werden.


    Soll ich? Oder besser bis morgen nachmittag warten?


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz


    Wissen Sie denn nicht, daß die Menschen manchmal nicht auf der Höhe ihrer Werke sind?
    Jean-Paul Sartre


    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.

    Helmut Lachenmann

  • Soll ich?

    Wegen meiner ... wirkte sozusagen spannungslösend ... Grins1 ...weitere Stimmen?


    Hier kam das Beste zum Schluss:


    Franz Schubert: Quartettsatz c-Moll D.703 ("Streichquartett Nr. 12")


    artemis quartet



    Für meine Begriffe gelingt den Artemisianer*innen das Kunststück, die Kontraste voll auszuspielen und dennoch das ganze Stück unter einem Hut zu behalten. Wahnsinnsaufnahme. Ganz anders als die nostalgisch-verklärte Aufnahme des ABQ.


    Das wäre nun meine Lieblingsaufnahme ... dicht aber immerhin vor Quartetto Italiano (1949), Hagen Quartett und den Auryns.


    Das artemis quartet spendiert auch das Fragment des zweiten Satzes.


    Danke nochmal an AlexanderK für die Wahl dieses Werkes! Auch so ein Mauerblümchen, das vermeintlich als Füller auf der CD dabei ist.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Also dann, liebe Streichquartett-lockere-Austauschler/innen, ich lege los. Mein Vorschlag:


    Franz Schubert: Streichquartett Nr. 13 a-Moll D.804


    Diese Entscheidung mag verblüffen, denn Schuberts Quartettsatz steht ja immer noch zur Diskussion. Aber meinen Vorschlag habe ich bereits ernsthaft erwogen, bevor ich von Alexanders Vorschlag wußte. Und Franz Schubert ist ein Meister, für dessen Musik sicher nicht nur für mich gilt: Verweile doch! du bist so schön! ;)


    Auf Schubert bin ich in den letzten Wochen über einen kleinen Umweg wieder gekommen: Die Beethoven-Aufnahmen des Artemis-Quartetts habe ich erst kürzlich kennengelernt und bin seither recht angetan davon! Bekanntlich hat dieses Quartett auch von Schubert einiges eingespielt, neben dem Streichquintett auch den Quartettsatz und die letzten drei Streichquartette - in meinen Ohren allesamt großartige Aufnahmen (ebenfalls neu für mich), die meine Schubert-Begeisterung wieder frisch angefacht haben.


    Nun gibt es zu den letzten beiden Quartetten (d-Moll D.810 und G-Dur D.887) bereits eigene Threads mit recht ausführlichen Besprechungen, nicht aber zum a-Moll-Quartett. Ich gebe zu, daß mir D.810 und D.887 noch ein klein wenig näher stehen als D.804 - vielleicht weil sie mir in der Gesamtanlage mehr in sich geschlossen, im Aufbau logischer erscheinen, auch und gerade zum Schluß hin. Das Finale von D.804 (Allegro moderato) erscheint mir ein wenig zu munter-verspielt, zu unvermittelt, im Kontrast zu den mehr melancholischen Stimmungen vor allem des 1. und 3. Satzes (Allegro ma non troppo bzw. Menuetto Allegretto).


    Nun, darüber ließe sich munter streiten...


    Wunderschöne Musik ist es allemal, das ist klar, den spezifische Ton des reifen Schubert, eine Melange aus Melancholie und Lebenslust, meine ich hier deutlich herauszuhören. Wunderschön auch der 2. Satz (Andante), dessen Thema bekanntlich aus Schuberts Schauspielmusik zu Rosamunde (D.797) stammt, was dem ganzen Werk ja auch den Namen verliehen hat (vermutlich nicht vom Komponisten selbst?). Auch ein paar Jahre später taucht dieses Thema wieder auf, in abgewandelter Form, diesmal in einem Klavierwerk, nämlich im dritten Impromptu aus D.935.


    Zwei eigene Lieder soll Schubert außerdem noch zitiert haben, aber das ist mir nicht ganz klar: Gretchen am Spinnrade D.118, und Die Götter Griechenlands D.677.


    Weitere Informationen:

    Streichquartett a-Moll, D 804, op. 29 | Kammermusikführer - Villa Musica Rheinland-Pfalz


    Soweit zur Einführung. Ein angenehm sommerliches Wochenende allerseits!


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz


    Wissen Sie denn nicht, daß die Menschen manchmal nicht auf der Höhe ihrer Werke sind?
    Jean-Paul Sartre


    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.

    Helmut Lachenmann

  • Danke nochmal an AlexanderK für die Wahl dieses Werkes! Auch so ein Mauerblümchen, das vermeintlich als Füller auf der CD dabei ist.

    Danke auch nochmals sehr herzlich für die freundliche Annahme und die interessanten Denkannstöße zum Werk. Werde heute noch einmal meine Lieblingsaufnahme hören und freue mich auch schon sehr auf das Quartett der nächsten Woche.



    Edit: Also die Schubert CDs noch nicht wieder einschlichten, juhu... :top:

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Franz Schubert: Streichquartett Nr. 13 a-Moll D.804

    Somit haben wir den ersten Fall einer direkten Sukzession! Ich hatte ja schon bei Dvorak gehofft ... :versteck1:

    Ich gebe zu, daß mir D.810 und D.887 noch ein klein wenig näher stehen als D.804

    Da sagst Du was ... während D.887 und D.810 sozusagen nur zu ganz besonderen Tagen erklingen und für mich in der ganzen Quartettliteratur wenig gleich Erfüllendes und Bereicherndes haben, war mein Zugang zum "Rosamunde"-Quartett immer recht schwierig ... nun gibt es die Chance, das zu ändern.


    Also vielen Dank für die Wahl! Da hätte ich den D.703-Stapel ja gar nicht wegräumen müssen ... Grins1

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Wunderschön auch der 2. Satz (Andante), dessen Thema bekanntlich aus Schuberts Schauspielmusik zu Rosamunde (D.797) stammt, was dem ganzen Werk ja auch den Namen verliehen hat (vermutlich nicht vom Komponisten selbst?).

    Der Beiname "Rosamunde" fürs a-moll Quartett D804 ist relativ neueren Datums.

    Als die ABQ Aufnahme zusammen mit D810 auf LP erschien, war dieser als Der Tod und das Mädchen benannt aber D804 war namenlos (wie bei allen Aufnahmen, die damals existierten).

    Dabei weiß man gar nicht, ob Schubert fürs Quartett ein Rosamunde-Thema benutzt hat oder umgekehrt. Das Manuskript des Quartetts ist verschollen, deshalb weiß man nicht, wie lange Schubert daran gearbeitet hat. Die Uraufführung durchs Schuppanzigh-Quartett fand am 14.03.1824 statt. Rosamunde wurde am 20.12.1823 uraufgeführt.


    Die Götter Griechenlands D.677 wird offenkundig am Anfang des dritten Satzes zitiert, etwas versteckt anderswo ...

    Von Gretchen am Spinnrade D.118 kann man die Begleitung am Anfang des ersten Satzes mit etwas gutem Willen finden.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Dies schrieb ich, als ich einen Thread über D804 eröffnen wollte ... es ist Fragment geblieben ... ungeprüft eingestellt


    Nein, nicht „Quartett Rosamunde“ oder „Rosamundenquartett“! Es handelt sich dabei keineswegs um eine traditionelle Bezeichnung. D804 wurde nämlich erst in letzter Zeit so getauft (in der letzten Dekade des 20ten Jahrhunderts) und der Name hat sich aus Marketingsgründen verbreitet. Zwar hat Schubert das erste (und wichtigste) Thema des zweiten Satzes der Bühnenmusik zu Rosamunde, Fürstin von Zypern D797 entnommen, aber im Unterschied zum Forellenquintett, zur Wandererfantasie oder zum Quartett Der Tod und das Mädchen hat er keinen Variationensatz darüber komponiert. Und, obgleich der Bezug zu Rosamunde nicht unwichtig ist, ist er keineswegs der zentrale Referenzpunkt des Quartetts. Aber ein Quartett mit Namen läßt sich besser verkaufen als ein Quartett mit Tonartbezeichnung oder Deutsch-Nummer, umso mehr als der Name der einer weiblichen Märchenfigur ist. Dies wäre nur halb so schlimm, wenn nicht mehrere Ensembles bewußt oder nicht den Namen als sinntragend interpretiert hätten, was zu einer „Rosamundisierung“ der Interpretation dieses Quartetts geführt hat, im Sinne von Verniedlichung, Rundung der Kanten, Glättung der Kontraste. Noch einmal: Vor 1990 wußte keiner, daß das Streichquartett a-moll D804 den Namen „Rosamunde“ tragen würde, den Hans-Joachim Hinrichsen im Schubert Handbuch als „wenig sinnvoll“ bezeichnet.


    Die Umstände der Komposition wurden im Thread über das Quartett D810 beschrieben. Wie D810 ist D804 Teil der neuen Öffentlichkeitsstrategie Schuberts, die John Gingerich etwas restriktiv als „Schubert’s Beethoven Project“ darstellt. Immerhin war Schubert als freischaffender Komponist auf die größtmögliche Verbreitung seiner Werke angewiesen und mußte seinen Namen auch außerhalb Wiens als Komponist ernster Musik etablieren (was ihm in den ihm verbliebenen vier Jahren wenigstens in Ansätzen gelang: seine Instrumentalwerke wurden in Leipzig ausführlich rezensiert, er bekam Anfragen von Verlegern in Zürich, Mainz und Leipzig … ein gewisser Robert Schumann begeisterte sich für seine Klavier- und Kammermusik; nur wußten seine Wiener besten Freunde ihn post mortem als „Liederfürsten“ wieder einzuschränken).


    Das Manuskript von D804 ist gänzlich verschollen (von D810 haben sich wenigstens der erste Satz und ein Teil des zweiten erhalten), so daß man nichts über den Kompositionsprozeß erfahren kann. Man kann nicht mit Sicherheit sagen, wann Schubert mit der Komposition begann und inwieweit sich die Komposition des Quartetts und der Rosamunde-Bühnenmusik im Dezember 1823 eventuell überlagert haben. Das Quartett wurde schnell vom Schuppanzigh-Quartett uraufgeführt und bereits im September 1824 mit einer Widmung an Schuppanzigh herausgegeben.


    Bereits im ersten Satz merkt man, wie Schubert seine Ansprüche als Komponist ernster Musik und seine Wiedererkennungsmerkmale kombiniert. Der Satz beginnt nämlich liedhaft, mit zwei Takten Begleitung: rhythmische Pulsation in der linken Hand (Viola und Cello), arpeggierende Achtelbewegung in der rechten (zweite Violine), bevor die Melodie in der ersten Violine ansetzt. Solch einen Lied-Gestus wird er wieder in zweiten Sätzen (am bekanntesten im Andante des Es-Dur Trios D929) oder innerhalb von Sätzen (im Finale der G-Dur Sonate D894) anwenden, es ist das letzte Mal, daß er ein ganzes Werk damit anfängt (vergleichbar wäre der Beginn der Unvollendeten oder der unvollendeten Klaviersonate in fis-moll D571). Das Thema ist achttaktig, wird aber dann zweimal variiert, einmal auf 12, dann auf 10 Takte, wobei die zweite Variation in A-Dur ist, dann aber wieder zu a-moll zurückkommt. Diese zweite Variation steigert sich vom allgemeinen pp zu f, kommt aber zu p zurück.


    Brutale ff-Akkorde leiten die dramatische Transition zum zweiten Subjekt ein, die von Trillern geprägt ist, während die Achtelbewegung sich verselbständigt, von Instrument zu Instrument wandert, bis sie in der ersten Violine heraufsteigt.


    Das zweite Subjekt ist in der Dur-Parallele C-Dur. Es ist genauso melodisch wie das erste, piano und mit der Vortragsbezeichnung dolce, wird aber im Duett zwischen den zwei Violinen dargestellt, während die Achtelbewegung von der Viola übernommen wird und das Cello das Baßfundament markiert. Die Triller der Transition sind hier in die melodische Linie integriert. Im Unterschied zum ersten Subjekt wird diese Melodie nur einmal präsentiert, auf 10 Takten. Es folgt sofort eine zweite dramatische Passage, wo die Dynamik zwischen f und p oder pp übergangslos wechselt, mit Trillern. Es wird pianissimo nach As-Dur moduliert, bevor a-moll forte zurückkommt.


    Die Durchführung fängt mit einer Wiederaufnahme des ersten Themas pianissimo eine Quart höher, das bald in Imitation zwischen erster Violine und Cello behandelt wird. Eine dissonante polyphone Sequenz folgt, die eine Klimax auf einem verminderten Septakkord fortissimo erreicht, der nicht aufgelöst wird, sondern durch Stille abgelöst wird, eine dieser Schubertschen Katastrophen. Nach zwei Viertelpausen setzt pianissimo die rhythmische Pulsion ein, diesmal auf Cello, Viola und zweiter Violine, und leitet eine chromatische Passage ein mit hauptsächlich fallenden Motiven, die zur Reprise führt. Dort setzt sich das Dur stärker durch; das zweite Thema wird wie erwartet in A-Dur gegeben und der Satz scheint in A-Dur zu enden, bis die Coda das Hauptthema zurückbringt und mit ihm das a-moll, das dann fortissimo behauptet wird.


    Formell und harmonisch bleibt Schubert hier im klassischen Rahmen: keine Dreitonartexposition, wie man es sonst oft von ihm kennt, harmonische Spannungen hauptsächlich in der Durchführung … In diesem Rahmen spricht er aber eine persönliche Sprache. Bereits am Anfang zeigt er sich als der bekannte Liederkomponist. Beide Themen sind lyrischen Charakters; er verarbeitet sie aber kontrapunktisch und entwickelt deren immanente Dramatik.

    Alles, wie immer, IMHO.

    Einmal editiert, zuletzt von Philbert ()

  • Ein weiteres Fragment:


    Zitat von Moritz von Schwind (nach der Uraufführung)

    Das Quartett von Schubert wurde aufgeführt, nach seiner Meinung etwas langsam, aber sehr rein und zart. Es ist im ganzen sehr weich, aber von der Art, daß einem Melodie bleibt wie von Liedern, ganz Empfindung und ganz ausgesprochen. Es erhielt viel Beifall, besonders der Menuett, der außerordentlich zart und natürlich ist…

    Nun, Rosamunde oder nicht?


    So schön der zweite Satz auch ist, der markanteste ist eben der dritte, das Menuett, wie schon nach der Uraufführung von Moritz von Schwind bemerkt wurde. Und das Menuett mit seinem prägnanten Rhythmus ist an das Lied Die Götter Griechenlands D677 von 1819 angelehnt. Vom sechzehnstrophigen Gedichts Schillers hat Schubert nur die zwölfte Strophe vertont:


    Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,

    Holdes Blütenalter der Natur!

    Ach, nur in dem Feenland der Lieder

    Lebt noch deine fabelhafte Spur.

    Ausgestorben trauert das Gefilde,

    Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,

    Ach, von jenem lebenwarmen Bilde

    Blieb der Schatten nur zurück.


    Das Lied ist in a-moll/A-Dur. Nicht nur hat Schubert eine Strophe aus Schillers Gedicht isoliert, er hat sie auch musikalisch umgearbeitet. Nachdem die ganze Strophe ertönt ist, bringt ein Da capo die ersten zwei Verse wieder. Dann wird „Kehre wieder, Holdes Blütenalter der Natur!“ wiederholt, dann wieder „Schöne Welt, wo bist du? Wo bist du?“. Der markante Rhythmus, der das Lied eröffnet, durchdringt und abschließt, ist von den Wörtern „schöne Welt“ diktiert. Dies ist die Zelle, die auch das Menuett eröffnet und bestimmt.


    Wo das Lied aber im elegischen Ton bleibt, drückt das Menuett echte Tragik aus. Das Trio bringt zwar in A-Dur eine Traumvision, das letzte Wort hat aber die Frage.


    Das ist aber nicht der einzige Bezug zum Lied. Der Anfang des ersten Themas des ersten Satzes wiederholt die Frage „wo bist du?“ und diese Frage ist im ersten Satz fast obsessiv. Auf andere Lieder wird auch angespielt. Die Achtelbewegung in der Begleitung am Anfang weist Ähnlichkeiten mit der Begleitung von Gretchen am Spinnrade auf, einem Lied, dessen Refrain „Meine Ruh‘ ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr“ Schubert buchstäblich in seinem Brief von März 1824 an Kupelwieser zitiert und auf sich bezieht. Die rhythmische Pulsation hingegen erinnert an das Lied Der Zwerg D774, auch in a-moll.


    Die ganze romantische Literatur ist von der Sehnsucht nach einem vergangenen Goldenen Zeitalter geprägt und von dessen Wiedererreichbarkeit im Traum. Paradise lost, sozusagen, aber dies impliziert auch die Vertreibung aus dem Paradies. Dieses Thema ist auch zentral im wichtigsten literarischen Werk Schuberts, der Erzählung, die später Mein Traum betitelt wurde und die vom Juli 1822 datiert ist. In dieser Erzählung ist auch vom Wandern die Rede. Dieses Thema hat auch 1823-1824 persönlich und gesellschaftlich-politisch mit Schubert zu tun. Die Restauration-Atmosphäre des Vormärz, verschärft nach den Karlsbäder Beschlüssen von 1819 und Metternichs Verfolgungen nach den revolutionären Bewegungen von 1820 (damals auch wurde man schnell des ‚Terrorismus‘ bezichtigt, wenn man sich nicht fügen wollte). Wie der 1820 festgenommene Freund Schuberts Johann Senn rückblickend 1849 schrieb:


    Die deutschen Befreiungskriege 1813-1815 hatten auch in Österreich eine bedeutende geistige Erhebung zurückgelassen […]. Aber ach, welche Enttäuschung! Das nur noch Verheißene wurde vorenthalten, das schon Gegebene zurückgenommen oder verkümmert, das Vertrauen hintergangen. Die Städte wurden zum Kerker, die Menschen zu Gefangenen. Aus war es mit dem beschaulichen Götterleben, und üblich blieb nur die Klage, die Resignation, die männliche Fassung im Hinblick auf die denn doch unausbleibliche schönere Zukunft.


    Wenn wir zurück auf den zweiten Satz schauen, kommt die Frage, woher das Rosamunde-Thema eigentlich stammt. Es ist das Thema des Entr’actes zwischen dem dritten und dem vierten Akt des Stückes. Anfang des vierten Aktes ist Rosamunde zurück auf der Insel, wo sie eine glückliche Kindheit erlebt hat, in einer Art Schäferidylle. Man kennt bekanntlich den zeitlichen Zusammenhang zwischen Rosamunde und das a-moll Quartett nicht, aber es ist verlockend zu denken, daß dieses Thema eine Art Beschreibung oder Beschwörung des Goldenen Zeitalters ist. Paradiesische Vision, sozusagen. Interessant ist auch die Tatsache, daß der daktylische Rhythmus in diesem Thema präsent ist, das Schubertsche Zeichen des Wanderns und daß dieser Rhythmus im durchführungsähnlichen Teil der Reprise an Bedeutung gewinnt.

    Die Ideenwelt des Quartetts kreist um die Themen Goldenes Zeitalter, Vertreibung aus dem Paradies, Exil und Wanderschaft. Es ist ein Seitenaspekt von der Rosamunde-Bühnenmusik, ist aber stärker mit Liedern wie Die Götter Griechenlands verbunden.

    Alles, wie immer, IMHO.

    Einmal editiert, zuletzt von Philbert ()

  • Franz Schubert: Streichquartett Nr. 13 a-Moll D.804

    Das freut mich, lieber Gurnemanz.


    Nachtrag: ich werde gleich die ABQ-Aufnahmen vom Shop abholen. Dann habe ich für Nr. 13 das ABQ und das Artemis. Ich werde aber erst einmal noch die Nr. 12 hören, das (noch?) akutelle SQdW.


    PPS. Nicht nur der ABQ-Schubert war heute da, sondern auch (endlich) die schöne neue CD von Yulianna Awdejewa. :sofa1:


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Auch von mir besten Dank an Gurnemanz für diese stimmige Idee!


    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Das Finale von D.804 (Allegro moderato) erscheint mir ein wenig zu munter-verspielt, zu unvermittelt, im Kontrast zu den mehr melancholischen Stimmungen vor allem des 1. und 3. Satzes (Allegro ma non troppo bzw. Menuetto Allegretto).

    Habe soeben das Quartett mit den Artemisianern gehört.

    Da passt der vierte Satz sehr gut zum Rest. Es ist eben allegro moderato, was bei Schubert etwas wie "besonnen" bedeutet. Nicht frei von dramatischen Momenten, alles andere als oberflächlich.

    Etwas wie ein Einblick in die "paradiesische Vision ", von der man weiß, dass die unerreichbar ist.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Vor ein paar Tagen hatte ich ja Schuberts Nr. 12 schonmal (zum ersten mal) mit dem Melos-Q auf yt. Heute noch dreimal gehört: ABQ -- Melos-Q -- ABQ.



    (ABQ, 5/1997)


    Ich finde ABQ ein klein wenig spannender, es ist auch mit 9:01 deutlich schneller unterwegs als das Melos mit 10:03. Es ist für mich nett anzuhören, aber ergreift mich ansonsten auch nicht sonderlich, plätschert mir insgesamt zu sehr dahin. Aber ich kenne jetzt ja nur diese beiden Einspielungen.


    maticus

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  • 10'03" scheint tatsächlich, ein bisschen ruhig zu sein. Es ist immerhin allegro assai.

    Die Modiglianis sind mit 08'53" dabei, ohne gehetzt zu wirken (sehr schön die Phrasierung des kantablen Themas). Aber spannend genug.

    Meine erste Begegnung mit D703 fand vor 45 Jahren statt. Gekoppelt mit D810. Quartetto Italiano.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Nun das neue: Franz Schubert Streichquartett Nr. 13 a-Moll D 804.


    Ich habe vor einiger Zeit das Quartett so zwei- bis viermal gehört, mit dem Artemis-Q, und gefiel mir auf Anhieb sehr, ohne dass ich jetzt noch Detailerinnerungen auf meiner Mattscheibe habe.


    Heute:


          


    12:22 --- 12:29

    6:37 --- 7:19

    7:29 --- 9:07

    7:08 --- 7:06


    Gefallen beide sehr gut. Es gibt Unterschiede, die ich jetzt erstmal kaum benennen kann. Der für mich zunächst auffälligste: der "Rosamunde"-Satz wird vom ABQ deutlich schneller gespielt, und das gefällt mir sehr. Das Artemis ist das süßlicher, dicker, insgesamt auch schön. Aber beim ABQ finde ich die fein ziselierte 2. Stimme (2. Violine/Viola?) sehr aufregend; beim Artemis nehme ich die so kaum wahr.


    Im Finale: es gibt zweimal eine leicht zupackende, rhythmische Passage. Woher "kommt" die? Ist das auch aus "Rosamunde"? (Habe die Musik dazu lange nicht mehr gehört.) Jedenfalls kommt mir das irgendwie sehr bekannt vor, unabhängig davon, dass ich das Quartett ja bereits gehört hatte.


    maticus

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  • Die Ideenwelt des Quartetts kreist um die Themen Goldenes Zeitalter, Vertreibung aus dem Paradies, Exil und Wanderschaft.

    Danke für Deine "Fragmente". Äußerst informativ.


    Bislang hat mich der starke stimmungsmäßige Kontrast zwischen den beiden Quartetten D. 804 und 810 immer gewundert. Letztlich beschäftigen sich aber beide mit unterschiedlichen existentiellen Themen und ergänzen sich damit hervorragend.

  • Hier lief die alte Aufnahme des Budapest Quartet von 1953, herausgegeben von Biddulph. Klingt etwas beengt (Aufnahme im Studio der Library of Congress), aber mir gefällt‘s trotzdem sehr gut. Konnte leider keine Angebote bei unseren Händlern finden, daher nur der Link zu discogs


    Spielzeiten:

    1. Allegro ma non troppo: 13:43

    2. Andante: 7:04

    3. Menuetto. Allegretto: 7:42

    4. Allegro moderato: 7:01

    -----------------------------------------------------------------------------------------------
    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Der deutliche Unterschied in der Länge beim dritten Satz mit Artemis kommt daher, dass sie bei der Wiederkehr des Menuetts (nach dem Trio) die Wiederholungen ausspielen.

    Alles, wie immer, IMHO.

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