Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Für die nächste Woche habe ich ausgesucht:

    Ludwig van Beethoven: Streichquartett F-Dur op. 59 Nr. 1

    Seit dem ersten Hören ist dieses eines meiner liebsten Quartette Zum einen wegen des Kopfsatzes und seiner spannenden Durchführung. Zum anderen wegen der Neuartigkeit dieser Werkgruppe, deren Werke in ihren äußeren und inneren Dimensionen die Werke aus op. 18 deutlich übertreffen.

    Manches Lesenswertes findet man in der Einführung von Bernd Zwielicht: Beethoven: Streichquartette op. 59

    Ich wünsche gutes Hören!

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    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Werter MB, besten Dank! Auch für mich ist dieses Beethoven-Quartett eines der liebsten. Allein schon diese so schlichte wie nach vorne drängende Melodie als Hauptthema im Kopfsatz hat mich schon lange gepackt!

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Eine sehr schöne Wahl, besten Dank, lieber MB! Aus dem Thread zu op. 59/1-3, den Du erwähnst, zitiere ich mal, was ich selbst dort vor über einem Jahrzehnt geschrieben habe, das paßt wohl auch hier ganz gut (mittlerweile sind mir allerdings auch op. 59/2 und op. 59/3 ganz gut vertraut und ich schätze die nicht minder):

    Anekdotisches von einem Beethoven-Hörer

    Von den drei Werken ist mir op. 59/1 am ehesten vertraut. Das erste Mal begegnete es, genauer: der Beginn des dritten Satzes, mir in den 1970ern in einer Theateraufführung in Stuttgart: Goethes Iphigenie, Regisseur: Claus Peymann. Ich glaube, die Darstellerin der Iphigenie hatte einen Plattenspieler und legte immer wieder dieses Adagio molto e mesto auf, eine Aufnahme mit dem Melos-Quartett. Hintergrund: Adorno, so wurde das damals erklärt, muß über ebendiese Musik geäußert haben, daß sie die wahre Humanität in ganz besonderer Weise zum Ausdruck bringe (hat Adorno natürlich viel knuffiger und vor allem dialektischer formuliert; auch Goethe hat über sein Werk mal irgendetwas von "verteufelter Humanität" gesagt).

    Das bedeutet, ich verdanke meine erste Bekanntschaft mit diesem - zugegeben großartigem - Werk einem Regietheater-Einfall. Soweit ich mich erinnere, einem gelungenen.

    :tee:

    PS: Das habe ich eben dazu gefunden: "http://www.zeit.de/1977/48/der-sc…-menschlichkeit". Dort auch das Adorno-Zitat: "In der Kunst der Epoche hat sie [die Humanität der Iphigenie] ihre Stätte in der großen Musik, in Beethovens Leonorenarie und in Augenblicken mancher Adagiosätze wie dem des ersten Rasumowsky-Quartetts, beredt über alle Worte hinaus."

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Danke für die Wahl dieses großartigen Stücks! Leider bin ich derzeit sehr eingespannt und komme viel weniger zum Hören, als ich mir das wünsche.

    Heute Morgen dennoch ein erster Durchgang mit dem Artemis Quartett:

    Wie schon bei op. 95 fiel mir auf, dass ich op. 59/1 nicht so gut kenne, wie ich nach der Häufigkeit des Hörens in der Vergangenheit erwartet hätte. Zumal bei den Binnensätzen bin ich formal noch nicht durchgestiegen. Der zweite Satz hat motivisch zwar Scherzocharakter, ist aber formal keines, scheint eher auch eine Sonatenform zu haben. Wie ich sehe, wurde darauf im Thread zu op. 59/1 bereits als Besonderheit hingewiesen. Ist der dritte eine Art Variationssatz?

    Ganz bemerkenswert ist jedenfalls auch der Kopfsatz. Die Spielzeit, die durch die Komposition ohne Expo-Wiederholung "eingespart" wird, gleicht die Durchführung mehr als aus. Sehr komplex, sehr lang, sehr spannend.

    Das Quartett finde ich auch im Vergleich zu Beethovens Orchesterwerken dieser Zeit ungleich experimenteller.

  • Habe gestern die Aufnahme des Miro Quartetts gehört, die ich sehr empfehlen kann:

    Bezüglich der Komposition: Am meisten gestaunt habe ich über den langsamen Satz: Wie kunstvoll und detailreich er ausgearbeitet ist, und dabei doch nie den roten Faden verliert. Ganz große Kunst.

  • Das Quartett finde ich auch im Vergleich zu Beethovens Orchesterwerken dieser Zeit ungleich experimenteller.

    In der Tat! Gerade die Sonatenform im 1. Satz erscheint mir ausgearbeiteter als in den Symphonien, mehr: Wie kann es weitergehen? Kann es überhaupt weitergehen? Und das mit einer großen Gelassenheit, als ob es leicht wäre. So etwa höre ich den Eingang.

    Ganz große Kunst.

    Unbedingt!

    Habe vorhin die Aufnahme des Emerson String Quartet gehört. Auch wenn dieses Quartett nicht in der ersten Reihe meiner persönlichen Präferenz steht: Hier fand ich den energischen Zugriff, das durchgehend Spannungsgeladene (das ich bei den Emersons nicht immer so mag) sehr ansprechend - außer vielleicht im 3. Satz, den ich mir inniger, sehnsuchtsvoller gespielt wünsche.

    Als nächstes will ich mir die Artemis-Leute vornehmen; die habe ich in bester Erinnerung.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Habe vorhin die Aufnahme des Emerson String Quartet gehört. Auch wenn dieses Quartett nicht in der ersten Reihe meiner persönlichen Präferenz steht: Hier fand ich den energischen Zugriff, das durchgehend Spannungsgeladene (das ich bei den Emersons nicht immer so mag) sehr ansprechend - außer vielleicht im 3. Satz, den ich mir inniger, sehnsuchtsvoller gespielt wünsche.

    :jaja1: :jaja1: :jaja1:

    kommt echt geil rüber.. op. 59 1.0 rauch ich auch mit Emerson ... das "Spannungsgeladene" der Emerson-Saitenquäler ist gerade das, was meine Lauscherchen anmacht .. auch + vor allem beim Adagio (3. Satz) (bei Schosti-Mucke vermissen es z.Tl. mit den Emersons) .... und Russen-Mucke des Allegros (4. Satz) begannen meine Löffel erst via Emerson zu checken ...

    Als nächstes will ich mir die Artemis-Leute vornehmen; die habe ich in bester Erinnerung.

    Artemis-Saitenquäler vor Jahrhunderten mal eingeschmissen, gleichfalls in guter Erinnerung; sollten meine Löffel in bälde auffrischen ...

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Meine erste Begegnung mit dem SQdW, Beethoven Op. 59/1, mit den Cremonesen.

    Zumindestens die erste Hälfte fand ich recht ansprechend.


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga

    Ich lieb‘ den Schlaf, doch mehr noch: Stein zu sein.
    Wenn ringsum nur Schande herrscht und nur Zerstören,
    so heißt mein Glück: nicht sehen und nicht hören.
    Drum leise, Freund, lass mich im Schlaf allein.
                       --- Michelangelo Buonarroti (dt. Nachdicht. J. Morgener)

  • Bei mir geht es mit den Katalanen los.

    Ludwig van Beethoven: Streichquartett F-Dur op. 59 Nr. 1

    Cuarteto Casals

    Eine aus der Perspektive meiner Ohren sehr übersichtliche Darstellung. Erfreulich gut anzuhören. Und im Finale fliegen fast die Fetzen.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Nun Beethoven Op. 59/1 mit dem Artemis.

    Gefällt mir zunächst deutlich besser als mit dem Cremona. Aber das muss erst mit weiterem Hören abgesichert werden. Finde ich insgesamt jedenfalls schön.

    maticus

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                       --- Michelangelo Buonarroti (dt. Nachdicht. J. Morgener)

  • Aber heute Abend gefällt mir auch die Aufnahme mit dem Cremona besser als heute Nachmittag. Naja, war ja auch das erste mal.

    Schönes Quartett!

    maticus

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                       --- Michelangelo Buonarroti (dt. Nachdicht. J. Morgener)

  • Allein schon diese so schlichte wie nach vorne drängende Melodie als Hauptthema im Kopfsatz hat mich schon lange gepackt!

    ... diese "nach vorne drängende Melodie" hat ausweislich des Berichts von Gerd Indorf das Schuppanzigh-Quartett wohl höchstlich irritiert ... von einem "ersten Thema" erwartete man anderes ... und dann diese lapidare Begleitung in 2. Violine und Bratsche ... klingt auch fast falsch, wie Satzfehler eines Anfängers ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Allein schon diese so schlichte wie nach vorne drängende Melodie als Hauptthema im Kopfsatz hat mich schon lange gepackt!

    ... diese "nach vorne drängende Melodie" hat ausweislich des Berichts von Gerd Indorf das Schuppanzigh-Quartett wohl höchstlich irritiert ... von einem "ersten Thema" erwartete man anderes ... und dann diese lapidare Begleitung in 2. Violine und Bratsche ... klingt auch fast falsch, wie Satzfehler eines Anfängers ...

    Interessant zu erfahren! Es ist für mich als Hörer schlicht ein rein ästhetischer Genuss - vielleicht unterbewusst auch gegen die Ablehnung des damaligen Modegeschmacks gerichtet. ;) :)

    Wenn Beethoven in seinem Spätwerk oder wie hier auch schon in einem späteren Werk solche "Satzfehler" macht, dann gehört dies halt zu den kleineren Frechheiten seines Revoluzzertums.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • dann gehört dies halt zu den kleineren Frechheiten seines Revoluzzertums.

    ... die ihn unbedingt sympathisch machen. Grins1

    Hier das fragliche Werk von vier Franzosen in Wien:

    Quatuor Ébène

    Für meine Ohren ebenfalls sehr anhörlich. Tolle Aufnahme.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ja, insbesondere diese Stelle ... eher dann das "a" im Cello gegen das "b" der Bratsche ... "Satzfehler" ist auch zuviel gesagt, das a ist ja als Vorhalt erklärbar. Gred Indorf spricht von "harmonischen Härten", das trifft es wohl viel besser. Analog freilich in Takt 5, g im Cello gegen a der Bratsche.

    "Im F-Dur Quartett entsteht hingegen [Vergleichsobjekt ist der Kopfsatz aus op. 18 Nr. 4] bereits in den ersten Takten ein Gegensatz zwischen dem harmonischen, kantabel-lyrischen Charakter des Themas und den disharmonischen Härten des Quartettsatzes." (Gerd Indorf).

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Mal schauen, wann ich die Woche Zeit und Laune finde, ein paar meiner Einspielungen von op. 59/ 1 anzuhören. So gut wie alle von mir kurz besprochenen Interpreten bei op. 95 spielen hier auch mit, denn es sind im Wesentlichen Integralen. Nur mit den drei Rasumowski-Quartetten besitze ich auf Tonträger hingegen das Kuijken-Quartett, ein Originalklangensemble, bestehend aus Mitgliedern der recht berühmten flämischen Spezialisten-Familie.

    Die Einspielung entstand im März 2009. Es wirken mit Veronica und Sigiswald (Violine), Sara (Viola) und Wieland (Violoncello).

    Das Vorwort stellt hingegen klar, dass auf "sogenannten 'modernen'" Instrumenten gespielt wurde. Die Spielweise der Kujkens ist bei allem zupackenden Engagement gewiss schon historisch informiert, die Tongebung vibratoarm. Gut denkbar indes, dass auf diese Weise der Interpretation manch gelehrter Akademismus verloren geht. Den hätte ich nämlich stärker erwartet und der hätte mich vielleicht auch gar nicht gestört. So zeigt die Sicht der Musikerfamilie aus zwei Generationen das Zukunftsweisende der Komposition frisch und zwanglos auf, einen eigenwilligen Romantizismus, eine unaufdringliche Modernität. Aber keine allzu deklamatorischen Gesten, Härten und Zuspitzungen. Da nichts verschleppt wird und nichts im Tempo oder in der Dynamik überzogen, da die Darbietung aber vor allem in keinem Augenblick langweilig wird, kann ich sie nur empfehlen.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Wieder Artemis.

    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga

    Ich lieb‘ den Schlaf, doch mehr noch: Stein zu sein.
    Wenn ringsum nur Schande herrscht und nur Zerstören,
    so heißt mein Glück: nicht sehen und nicht hören.
    Drum leise, Freund, lass mich im Schlaf allein.
                       --- Michelangelo Buonarroti (dt. Nachdicht. J. Morgener)

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