Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Heute die Aufnahme von SQ 5 mit Quatuor Parisii. Die scheint mir technisch etwas souveräner zu sein als die vom Fanny Mendelssohn Quartett. Um den Stellenwert dieses Werkes im Oeuvres von Milhaud beurteilen zu können, müsste man wohl einige Quartette mehr kennen. Das ist dann wohl eine Aufgabe für die kommenden Tage und Wochen.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Ich habe gestern einige wieder gehört. Überdies gibt es für das bequeme Anspiel diese fünfstündige Datei der Parisii auf youtube:

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    Ich weiß, dass Du das nicht brauchst, doch es ist besonders praktisch eben zum Anspielen. Das habe ich gestern gemacht, um mich an alle wieder erinnern zu können - was mir natürlich nicht vollständig gelungen ist.

    Wenn Du Lust hast, könntest Du ja mit 6, 7, 8 oder mit 12 weitermachen. Die sind - meine ich - leichter zu hören. Das dreizehnte gefällt mir auch ganz besonders, es ist sehr schwungvoll, melodiös und hat reivzolle Binnen-Harmonien. Die ersten beiden, meine ich, sind noch nicht so typisch, wenn auch recht leicht zu verarbeiten. Das fünfte ist vielleicht wirklich das herbste - ein Stinker, habe ich ja jetzt gelernt. Grins1

    Aber als alter und im Gegensatz zu mir auch erfolgreicher Wissenschaftler - ich bin ja dann doch in der Schule gelandet - weißt Du sowieso, was zu tun ist. :P :)

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Heute die Aufnahme von SQ 5 mit Quatuor Parisii. Die scheint mir technisch etwas souveräner zu sein als die vom Fanny Mendelssohn Quartett. Um den Stellenwert dieses Werkes im Oeuvres von Milhaud beurteilen zu können, müsste man wohl einige Quartette mehr kennen. Das ist dann wohl eine Aufgabe für die kommenden Tage und Wochen.

    Das glaube ich auch, habe die Mendelssohn-Adepten aber noch nicht wieder gehört. Ich würde mich melden, wenn ich wirklich anderer Meinung sein sollte als Du oder wenn mir etwas Besonderes auffällt.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Lieber Kollege: Was gibt das Booklet der großen Gesamteinspielung her?

    Das - lieber Kollege - kann ich erst berichten, wenn ich Ende der Woche wieder in HH bin.

    Ich greife einfach mal vor, in Übersetzung aus dem Französischen:

    Zitat

    Das fünfte Quartett in vier Sätzen ist eine von Milhauds anspruchvollsten Partituren. Das Prinzip der Polytonalität mit der der Komponist 1915 in 'Les Choéphores' zu experimentieren begann, wird hier systematisch umgesetzt. Insbesondere der erste Satz zeigt beispielhaft, wie die Ausdrucksmöglichkeiten des polytonalen Kontrapunkt genutzt werden. Jedes der vier Instrumente entfaltet in völliger Unabhängigkeit eine bestimmte, klar diatonische Melodieline in einer Perspektive seinen eigenen Klang (die Grundkombination, die in den letzten Takten des Satzes offengelegt wird, ist diese: A-Dur, Des-Dur, C-Dur und B-Dur). Das Ergebnis ist ein durchgängiges melodisches Gerüst, das sich keinem vorgefertigten Formschema anpasst. Die Musik atmet zwar in verschiedenen ganz bestimmten Momenten, enthält aber keine Zäsur. Der meist sehr sanfte Ausdruck wird in den beiden Momenten klanglicher Fülle (Forte, dann Fortissimo), die den Höhepunkt der Komposition markiert, intensiv, ja ergreifend.

    Gruß

    Josquin

  • Danke schön, Josquin! Das ist aufschlussreich und widerspricht meiner Hörerfahrung auch gar nicht.

    Mittlerweile will ich mich zum Fanny-Mendelssohn-Quartett noch einmal äußern.

    Ich habe bis soeben die Quartette 4 mit 8 aus zwei CDs gehört. Beim Quartett der Woche fällt mir auf, dass der Klangeindruck etwas unruhiger, zum Teil auch dicklicher wirkt. Der Finalsatz erscheint mir dadurch variabler, weniger maschinenhaft. Ob das positiv zu sehen ist? Vermutlich kann man sich streiten. (Noch) angemessen umzugehen mit der Nummer fünf scheinen mir die Dame - mittlerweile wohl mit dem Cellisten verheiratet - und die drei Herren schon. Aber gut: Ich würde das Quatuor Parisii vorziehen. Es scheint mir idiomatischer zu Werke zu gehen.

    Die anderen Quartette bestätigen vor allem den Eindruck dieser klanglichen, farblichen, wohl auch aufnahmetechnischen Unruhe. Das kann zwischen den Sätzen wechseln oder sogar innerhalb eines Satzes. Mal klingt es weicher, mal härter, mal dunkler, mal heller. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Abtönungen primär durch die Musik bedingt sind - kann es aber auch nicht ausschließen bei dieser Polytonalität und meinem nicht genügend geschulten Gehör.

    Dies gilt um so mehr für die Intonation. Ich glaube auch, dass das Mendelssohn-Quartett hier etwas unsauberer ist im Vergleich mit den Parisii, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher.

    Khampan-Expertise wäre gefragt - wieder einmal. :)

    Ansonsten: Je besser ich jetzt weitere Streichquartette von Milhaud kennenlerne, desto mehr eröffnet sich mir die Vielfalt, die eben doch in ihnen steckt. Vielleicht muss ich mich allgemach auch für die letzten fünf Nummern (oder so) von dem Vorurteil der Selbstkopie verabschieden. Grins2

    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Hab's gestern mit den Parisiis gehört und heute wieder ...ich brauche SOFORT vier Wochen Urlaub, um mich mit den rund 20 Quartetten des ingeniösen Galliers in würdiger Forn auseinander zu setzen!

    Zitat

    Das fünfte Quartett in vier Sätzen ist eine von Milhauds anspruchvollsten Partituren. Das Prinzip der Polytonalität mit der der Komponist 1915 in 'Les Choéphores' zu experimentieren begann, wird hier systematisch umgesetzt.

    Danke für den Hinweis. Insbesondere dieses:

    Zitat

    Jedes der vier Instrumente entfaltet in völliger Unabhängigkeit eine bestimmte, klar diatonische Melodieline in einer Perspektive seinen eigenen Klang (die Grundkombination, die in den letzten Takten des Satzes offengelegt wird, ist diese: A-Dur, Des-Dur, C-Dur und B-Dur).

    Das ist doch der Hammer! Hat das irgendein Analogon bei irgendeinem anderen Komponisten?

    Habe ich das überhaupt richtig verstanden: In den letzten Takten spielt ein Instrument in A-Dur, eines in Des-Dur, eines in C-Dur und eines in B-Dur?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Mir war diese Mehrfach-Diatonik vorher auch nicht ganz klar. Aber es ist wohl das Prinzip seiner radikalen Polytonalität. Die bekannten und auf bunter Melodik beruhenden Tanznummern sind im Allgemeinen bitonal gefärbt, was weniger auffällt. Das heißt, dass nur gewisse Begleitlinien abweichen, aber in sich stimmig sind. Und natürlich dürften auch viele seiner Streichquartette so radikal nicht komponiert sein wie das fünfte. Das hört man schon.

    Was man recht schnell erfasst, meine ich: Dass Milhauds Musik nichts mit nachromantischem Chromatizismus zu tun hat. Von daher, so glaube ich, rührt ihre vielfach helle Farbe, von daher rührt wohl auch das Phänomen, dass man immer wieder kurze oder auch längere melodisch geprägte Phasen erfasst, die aber in den weniger gefälligen Kompositionen kaum nachwirken. Am auffälligsten scheint mir das im Spätwerk der Fünfziger und Sechziger gegeben zu sein.

    Mittlerweile kenne ich allerdings auch einige wenige Nummern, die deutlicher in der Tendenz atonal sind, eben in den bei so vielen Komponisten einschlägigen roaring twenties und auch unter seinen letzten Kompositionen. Sehr herb soll die späte Chorsymphonie Pacem in Terris zu sein. Ich kenne sie noch nicht. Aber es zeigt sich keineswegs ein einheitlicher Altersstil wie - was weiß ich - bei Strawinsky.

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  • Hat das irgendein Analogon bei irgendeinem anderen Komponisten?

    ;) Überraschenderweise habe ich keine Antwort - es war ja auch keine richtige Frage - vielleicht. Was ich guten Gewissens sagen kann: Milhaud hat sehr viel Musik per se geschrieben, aber den Personalstil würde man auch erkennen, wenn es nur ein Bruchteil wäre.

    Vielleicht noch eine kleine Nivellierung aus meiner Sicht: Die Sinfonien habe ich etwa zweimal durchgehört in der nun nicht überragenden, doch sicher ordentlichen einzigen Integrale, die es gibt, nur einzelne öfter oder in anderen Einspielungen. Sie stehen nicht im Zentrum seines Schaffens, das mit Sicherheit. Und noch bin ich der Meinung, dass er sich da in der zweiten Hälfte spürbar repetiert. Aber wer weiß ...

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  • Oh - super! Ganz herzlichen Dank! Ja, am Schluss des ersten Satzes sind es tatsächlich die genannten Tonarten:

    1. Violine: D-Dur

    2. Violine: Des-Dur

    Viola: C-Dur

    Cello: B-Dur.

    Schlussakkord von unten nach oben nach Partitursystemen: b - c" - des''' - a"

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Habe zuerst die Aufnahme des Fanny-Mendelssohn-Quartetts gehört, dann das Quatuor Parisii. Nach dem zweiten Hören finde ich das Stück nicht mehr ganz so befremdlich. Vielleicht gebe ich ihm noch eine dritte Chance, aber begeistert bin ich nicht. Ich finde es vor allem über die gesamte Strecke ziemlich langweilig.

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • Ich finde es vor allem über die gesamte Strecke ziemlich langweilig.

    Ich will nicht leugnen, dass ich mich bei den späteren Sinfonien von diesem Gefühl nicht ganz freimachen kann. An meinem guten Willen kann es eigentlich nicht liegen. Doch der Mensch ist fehlbar ... Aber es sind doch hier nicht einmal zwanzig Minuten ...

    Lobenswert, die vielen Chancen, die Du gibst! Bei den Sinfonien wäre zum Teil ein dritter Durchgang meinerseits fällig - habe ich oben ja angedeutet ...

    Helfen die Tipps zum Fünfvierteltakt und so auch nicht weiter? Grins1

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  • Zitat

    Jedes der vier Instrumente entfaltet in völliger Unabhängigkeit eine bestimmte, klar diatonische Melodieline in einer Perspektive seinen eigenen Klang (die Grundkombination, die in den letzten Takten des Satzes offengelegt wird, ist diese: A-Dur, Des-Dur, C-Dur und B-Dur).

    Das ist doch der Hammer! Hat das irgendein Analogon bei irgendeinem anderen Komponisten?

    Szymanowski, 1. Streichquartett, 3. Satz "Scherzando alla burlesca":

    1. Violine A-Dur

    2. Violine Fis-Dur

    Viola Es-Dur

    Cello C-Dur

    durchgehend so vorgezeichnet und durch den fugierten Einsatz eines simplen Themas auch für den Zuhörer erkennbar polytonal. Krasses Stück überhaupt, und das 2. Streichquartett noch besser...

    Noten bei IMSLP

  • Helfen die Tipps zum Fünfvierteltakt und so auch nicht weiter? Grins1

    Könnte durchaus sein, dass mein Problem mit dem Stück mit dem gefühlten Fehlen von Takt und Rhythmus, nicht erst im Schlusssatz, zu tun hat. Ich empfinde das rhythmisch, aber auch melodisch und harmonisch, als irgendwie ziel-, aber auch ursprungslos.

    Morgen dritter Versuch! ;)

    Bernd

    Fluctuat nec mergitur

  • :thumbup: Das muss ich mir mal wieder anhören - ich kann mich nicht erinnern an die Musik, die ich vielleicht zweimal gehört habe. Szymanowski schreibt schon eher chromatisch im Sinne einer erweiterten Tonalität, aber das eine schließt das andere ja nicht aus beim einzelnen Werk. Recht oft gehört habe ich nur das zweite Violinkonzert - oder war's das erste? :pfeif:

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  • Könnte durchaus sein, dass mein Problem mit dem Stück mit dem gefühlten Fehlen von Takt und Rhythmus, nicht erst im Schlusssatz, zu tun hat. Ich empfinde das rhythmisch, aber auch melodisch und harmonisch, als irgendwie ziel-, aber auch ursprungslos.

    Ich glaube, dass Du das völlig richtig siehst, Bernd, weil es schlicht so ist. Mich stört's nicht - das ist halt stilistisch interessant für mich. Gut, wenn fünf Quartette des Meisters genau diesen Duktus hätten, dann würde es mich wiederum langweilen, aber dem scheint so nicht zu sein.

    Im zweiten Satz finden sich diese auffälligen atonalen Akkorde, die aber wohl auch keine Zäsuren setzen, sondern wie Fremdkörper wirken. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass das Milhaud zweiter Ordnung ist, den man nicht erwartet und auch nicht erwarten sollte ... mir gefällt das aber auch.

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  • Das Szymanowski-Quartett höre ich gerade mit der Partitur im Netz. Die Musik scheint mir zum einen schon stiltypisch für den polnischen Meister, verbindlich noch der Spätromantik verpflichtet (1). Mein Eindruck ist über das klare Beispiel Khampans hinaus, dass Polytonalität und Chromatizismus bei gepflegter thematischer Bindung nebeneinander bestehen können. Das geht bis hin zu dezenten Anleihen an Alte Musik gleich am Anfang. Strukturell kann man die beiden Streichquartette ohnehin nicht vergleichen, da sehe ich keinerlei Berührung - aber das hat ja auch niemand behauptet oder angedeutet.

    Vom Hören bekannt erscheint mir das Quartett. Irgendwie.

    Die Tatsache - Khampan hat ja darauf hingewiesen -, dass im Finalsatz die Stimmen explizit unterschiedliche Tonart-Vorzeichen haben, dürfte auch nicht jeden Tag vorkommen. Mir fällt gerade kein weiteres Beispiel ein, was natürlich nichts heißt. Mir gefällt dieses Streichquartett allenthalben - aber man könnte natürlich behaupten, dass es uneinheitlicher erscheint als der Milhaud, dass es in Teile zerfällt - zerrissen nicht, das will ich gar nicht sagen.

    "Krass"! - Gerne! :thumbup:

    (1) Zunächst!! Grins2

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  • Zitat: "Jedes der vier Instrumente entfaltet in völliger Unabhängigkeit eine bestimmte ....":

    Ich sag dazu mal was ganz gehässiges: Kein Wunder - wenn die eine Stimme nichts mit den anderen zu tun hat - dass der Mann so viele Werke komponieren konnte.

    Ich habe vor Jahrzehnten einmal ein Milhaud Quartett im Konzert gehört (mit dem belgischen Arriaga Quartett, das vermutlich nicht mehr besteht.) Es wird nicht das Fünfte gewesen sein, denn ich habe in Erinnerung, dass es mir gefallen hatte. Die CD mit den beiden ersten Quartetten und denselben Interpreten habe ich wahrscheinlich damals gekauft.

  • Zitat von Abendroth

    Ich sag dazu mal was ganz gehässiges: Kein Wunder - wenn die eine Stimme nichts mit den anderen zu tun hat - dass der Mann so viele Werke komponieren konnte.

    Hübsches Bonmot - bisschen dialektisch aufgepeppt. ;)

    Ja, und das Arriaga-Quartett mit den beiden ersten Quartetten ist mir irgendwo untergekommen neulich, vielleicht bei discogs. Die ersten beiden Milhaud-Quartette habe ich als noch nicht so typisch in Erinnerung und jetzt die Tage nicht mehr gehört. Da ich letzte Woche aber überrascht war, dass die Nummer fünf bereits 1920 entstanden ist, könnten auch hier Vorurteile meinerseits in Angriff genommen werden ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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