Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • [...] Atemberaubend, wie S-S mit [...] einer typischen Orgelmixtur auf dem Klavier unerhörte Klänge zaubert (die später Ravel im Bolero aufgegriffen hat. Ob ihm das ohne S-S eingefallen wäre?).

    Genau! Du meinst diese leeren Doppel-(oder Mehrfach-?)Oktaven. Das hat was!

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Zitat von Abendroth

    Aber ganz ohne Vorurteile können wir uns ohnehin nicht entscheiden, womit wir uns beschäftigen möchten. Wenn wir gut begründen müssten, warum wir ein Buch nicht lesen oder ein Musikstück nicht hören wollen, dann müssten wir uns ja eingehend damit beschäftigen.

    Natürlich - und irgendwo leider! Ich habe ja die Notwendigkeit des Begründens durch die Begleitpartikel ein wenig relativiert. Alles andere wäre in der Tat eine Zumutung an die Lebenszeit.

    Jedenfalls hilft es mir nicht, sondern ärgert mich, wenn Musik, die mir gefällt oder mich sogar begeistert, mit billigen Epiteta oder Plump-Generalisierungen bezüglich des reinen Privatgeschmacks totgeschlagen wird. Beispiele spare ich mir. Aber das kommt leider auch in unserem Forum vor. Das Gegenteil, das mir jemand ohne den Ansatz einer Bgründung etwas vorschwärmt, das ich kaum kenne oder mir bislang fern lag, ist mir hundertmal lieber, selbst wenn es mich nicht wirklich weiterbringt.

    So weit wieder mal zur Lockerheit des Austausches in einem eigentlich präzise abgegrenzten Faden! Grins1

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Im 1. Streichquartett finde ich zahlreiche harmonische Wendungen, die nicht mit der orthodoxen Harmonielehre zu vereinbaren sind. Ich glaube der Mann war wesentlich weniger konservativ als sein Ruf.

    Auf jeden Fall! Saint-Saëns war "janusgesichtig" und zu jeder Zeit auch progressiv. Seinen schlechten Ruf hat er sich v.a. durch seinen Krieg mit Debussy und ein paar anderen eingehandelt, denn charakterlich war er ein sehr schwieriger Mensch.

    Toll finde ich dieses Album, das auch das Moderne zeigt (und auch das schöne op. 103 enthält):

    Man höre mal in die Etüde aus op. 111 ("Les Cloches de Las Palmas") hinein.

    Und ja, Ravel hat später den Einfluss Saint-Saëns offen eingestanden. Debussy natürlich nicht, aber der war auch wie Saint-Saëns ein sehr schwieriger Mensch.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • [...] Atemberaubend, wie S-S mit [...] einer typischen Orgelmixtur auf dem Klavier unerhörte Klänge zaubert (die später Ravel im Bolero aufgegriffen hat. Ob ihm das ohne S-S eingefallen wäre?).

    Genau! Du meinst diese leeren Doppel-(oder Mehrfach-?)Oktaven. Das hat was!

    Der ganze 2. Satz des 5. Klavierkonzerts ist gespickt mit fremdartigen Skalen und Klängen. Unbedingt anhören, falls jemand das Werk noch nicht kennt!

    Ich meinte speziell die Mixturklänge ab ca 1:50. Zur Melodie in Normallage kommen Quinte und Terz genau im Abstand der entsprechenden Obertöne hinzu. Das heißt, die Melodie wird gleichzeitig in F-Dur, C-Dur und A-Dur gespielt, die letzten beiden verstärken aber nur die Obertöne der F-Dur-Melodie und werden daher als reine Klangfarbe wahrgenommen. Jeder Organist kennt das Prinzip, aber auf dem Klavier gab es das meines Wissens sonst nicht.

  • Stimmt - leicht peinlicher Fehler. Wären es Oktaven, wäre der Effekt viel banaler respektive kaum wahrnehmbar. Da habe ich jetzt nicht mitgedacht.

    Aber um wenigstens ein bisschen auf den Putz zu klopfen: In der vierten Sinfonie von Robert Simpson gibt es ein ähnliches Phänomen: Bitonalität in größerem Abstand, akkordisch, strukturrelevant zumindest für den Satz und dann vergleichbar von Simpson auch in anderen Sinfonien eingesetzt, wo es mir weniger aufgefallen ist, vielleicht weil ich sie nur selten gehört habe. Die vierte mag ich aber besonders. Ansonsten wird dort noch Haydn, Sinfonie Nr. 76, kurz zitiert.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Hier knallt weiter die Sonne vom strahlend blauen Himmel, abgesehen von leicht tieferen Nachttemperaturen und dem Angebot an Federweißem ("Bitzler", "Rauscher") ist vom Herbst nicht viel zu spüren. - Morgen, am Sonntag, wird Braccio seine Wahl für die nächste Woche bekannt geben. Immer dieses Warten ...

    In dieser dritten Runde geht es dann weiter mit

    • AlexanderK
    • Gurnemanz
    • Scherzo
    • putto
    • maticus
    • MB
    • Pizzicato
    • Quasimodo,

    danach beginnt die vierte Runde mit

    • Wieland
    • Knulp
    • Abendroth,
    • andréjo,
    • Felix Meritis und
    • Braccio.

    Ich hoffe sehr, niemanden versehentlich ausgelassen zu haben ...

    Hier nochmal die herzliche Einladung an alle Forianer*innen, in diesem Thread mitzuschreiben, auch wenn sie nicht auf der "Liste" stehen! Auch sind weitere "Quartettaussuchende" (um das Wort "Mitglieder*innen" zu vermeiden) in dieser Runde sehr gerne gesehen.

    Gutes Hören, gutes Diskutieren!

    Viele Grüße

    MB

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

    Einmal editiert, zuletzt von Mauerblümchen (16. September 2023 um 15:05)

  • Für das Streichquartett der kommenden Woche machen wir einen kleinen zeitlichen, aber einen etwas größeren stilistischen Sprung. Es geht nach Wien ins Jahr 1909. Nach Abschluss der gemeinsamen Studien mit Arnold Schönberg schlägt Anton Webern nach mehreren einsätzigen tonalen Kompositionen für Streichquartett von 1905 nun mit den Fünf Sätzen für Streichquartett Op. 5 neue Wege ein. Fünf atonale Sätze, Gesamtdauer um die elf Minuten:

    I. Heftig bewegt

    II. Sehr langsam

    III. Sehr bewegt

    IV. Sehr langsam

    V. In zarter Bewegung

    In den letzten Tagen haben mich die fünf Sätze immer wieder sehr angesprochen, ich finde diese Klangwelt unheimlich faszinierend.

    In guter Tradition ein Link zu einem Video mit Partitur:

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    Es gibt viele hochkarätige Aufnahmen von Juilliard über Italiano, ABQ, Hagen, Belcea bis hin zur spannenden Scheibe des Richter Ensembles auf Darmsaiten und mit tiefem Kammerton. Die Auswahl ist groß.

    Nun bin ich auf die Diskussion gespannt.

  • Oh, über diese Wahl freue ich mich sehr! Selber habe ich auch schon erwogen, Weberns Op. 5 vorzuschlagen, das Quartett stand in meiner engeren Wahl. So kurz, so gehaltvoll, das ist Webern. Demnächst vielleicht mehr.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Vielen Dank für diese Wahl! Als die Aufnahme der Hagens erschien (mit den Bagatellen op. 9 sowie KV 428 und op. 59 Nr. 2) habe ich mich seltsamerweise vor allem den Bagatellen gewidmet. Ein schöner Anlass, dies auszugleichen!

    Ich könnte mein Recht auf Dummheit in Anspruch nehmen und behaupten, dass von Webern zweifellos der bessere Berg war, doch will ich keine weiteren Grenzerfahrungen herbeiführen ... Grins1

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Nun denn. Zunächst zwei Aufnahmen älteren Datums.

    LaSalle Quartet

    (März 1969)

    Quartetto Italiano

    (Juni 1970)

     

    Die Webern-CD kam für mich völlig unerwartet in der Box des QI ... bei deren süffigem Spiel hätte ich nie gedacht, dass die für die Zweite Wiener Schule affin wären. Tatsächlich war das dann eine Knaller-CD, die ich sehr schätze. - Also ehrlich, die LaSalles sind gegenüber dem QI Kindergeburtstag.

    Überhaupt kann ich die Box mit dem QI sehr empfehlen. Die Mozart-, Schubert- und Brahms-Aufnahmen sind ja sowieso Pflicht Grins1 , Debussy/Ravel ist ein Klassiker mit dem QI, Borodin 2 fand ich ebenfalls hinreißend, dazu dann der ganze Webern für 16 Saiten. Da gibt es nichts zu überlegen ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Vielen Dank an Braccio auch von mir! Ich finde das Quartett in der über die Opus-Nummern hinausgehenden Integrale der Musik von Webern. Sie ist ziemlich vollständig ... ;) [Achtung: Smiley mehrdeutig ;) ] ...

    Ansonsten müsste ich es auch noch anderweitig besitzen. Gehört habe ich es wohl nur selten - insofern freue ich mich auf diesen Edelstein, den man freilich nicht nachsingen und dann laienhaft memorieren kann ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Zitat von Braccio

    [...] bis hin zur spannenden Scheibe des Richter Ensembles auf Darmsaiten und mit tiefem Kammerton.

    Das ist allerdings wirklich originell für meine Begriffe. :thumbup:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ein paar Worte zum aufgefrischten Höreindruck mit Blick in die obige Partitur.

    Braccio spricht vom "unheimlich faszinierend[en]" Eindruck. Ich würde quasi beide Adjektive getrennt in Anspruch nehmen. Denn die "unheimliche" Dynamik bewegt sich ganz überwiegend zwischen ppp und p. Die Stücke sind alle kurz - geschenkt - und doch entsteht das Gefühl bemerkenswert unterschiedlicher Charaktere auch durch die Spannbreite von unter einer bis zu über vier Minuten Spieldauer.

    Auf der einen Seite zeigt sich eine doch noch rückwärts gewandte Atonalität, die seltsam wienerisch im Fin de Siécle wurzelt - vielleicht übertreibe ich? -, weil es weniger um Sekundreibungen geht, sondern der Schwerpunkt bei größeren Intervallen liegt. Gewiss ist es mit einer Terzenseligkeit nicht mehr weit her und gewiss haben wir auch nicht die gebrochene, aber über weite Strecken doch systematische Dodekaphonie wie im Berg'schen Violinkonzert etwa.

    Auf der anderen Seite ist aber auch wahrnehmbar, dass Webern der Ahnherr nicht nur von zahlreichen anderen Modernisten ist, sondern eben auch von den Streichquartetten eines Ferneyhough, vielleicht sogar eines Lachenmann. Stärker, als ich das in Erinnerung hatte, wird am Steg gespielt. Die Spielanweisungen sind differenziert und anschaulich. Aber sie sind übersichtlich und grenzen nicht ans arg Theoretische, von daher ist der Weg zur Avantgarde etliche Jahrzehnte später gebahnt, aber noch nicht eingeschlagen.

    Ich denke, dass es sich schon lohnen kann, verschiedene Aufführungen detailliert zu vergleichen. Den Notentext benötigt man wohl jedesmal von Neuem und auch eine differenzierte Merk- und Aufnahme- fähigkeit. Die zeitlichen Begrenzungen sollten nicht im Wege stehen.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

    4 Mal editiert, zuletzt von andréjo (17. September 2023 um 19:37)

  • Webern op. 5 gehört bei mir zu den meistgehörten Werken der 2. Wiener Schule.

    Heute in der wohl neusten Einspielung in meiner Sammlung, die aber auch schon wieder vergriffen ist.

    GRAMOPHONE EDITOR S CHOICE 'Listening to their articulate reading of Webern s transitionary Five Movements, Op 5, filled me with renewed wonder ...

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Auf der einen Seite zeigt sich eine doch noch rückwärts gewandte Atonalität, die seltsam wienerisch im Fin de Siécle wurzelt

    "Rückwärts gewandte Atonalität" finde ich klasse. Wobei ich in Anbetracht des Entstehungsjahres rückwärts gewandt andererseits auch nicht ohne weiteres unterschreiben würde.

    Abgesehen von - in meinen Ohren - der Fortschrittlichkeit der Stücke fand ich beim nun etwas konzentrierten Wiederhören am erstaunlichsten, wie expressiv die Stücke sind, wie unmittelbar emotional sie mich ansprechen - was freilich ganz subjektiv ist.

    Streichquartett im wesentlichen Sinn...?

    Hm, da hatte ich nun gar keine Zweifel. Besetzung, äußere Struktur durch die Bogenform, dem Kopfsatz wird eine Sonatensatzform nachgesagt, Mittelsatz mit Scherzo-Charakter. Und ich glaube schon auch, dass sich Webern auf die etablierte Form Streichquartett bezieht, sich mit ihr auseinander- und von ihr absetzt.

  • Zählen diese "fünf Sätze" eigentlich für diejenigen, die Telemann TWV 40:203 beanstandet haben, als ein Streichquartett im wesentlichen Sinn...? ;) :wink:

    Wurde Telemann TWV 40/203 beanstandet?

    Und was ist ein "Streichquartett im wesentlichen Sinn"? ;) :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • @ Telemann: Naja, das war halt noch vor dem Streichquartett als kanonischer Ausdrucksform. Beanstandungen gibt es ja oft und es ändert sich trotzdem nichts ... ;) ;) ...

    @ rückwärts: [ ;) :) ] Auch wenn Braccio meinen Einwand nicht ohne Weiteres unterschreiben kann, so ich doch seinen ... Wahrscheinlich habe ich das auch anders gemeint, als von Dir verstanden. Rückwärts richtet sich die Atonalität nur dahingehend, dass meines Erachtens trotz der radikal minimalistischen Abkehr der Geist einer Wiener Spätromantik noch mitschwingt. Ich hab's ja so ähnlich geschrieben und ich weiß ja keineswegs, ob ich übertreibe ... :)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Das expressive Element in den Stücken, das scheint mir ganz wesentlich, sobald man als Durchschnittshörer willens ist, sich der neuartigen Radikalität anzuvertrauen. Vielleicht ist das auch nur mein Problem, aber wenn ich ein Quartett von Ferneyhough höre -, dann fällt es mir schwer, die - vielleicht sehr wohl vorhandene - Expressivität anzuerkennen. Was ich höre, das ist Experiment, und wenn ich dann noch die Partitur dazu sehe, dann kommen mir mild moralische Kriterien in den Sinn - von wegen Hochstapelei und so.

    Gerne Widerspruch - in solchen Dingen geht es mir ums Dazulernen.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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