Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Wirkt die Musik schlicht primär live? Vielleicht.

    Ich denke auch, dass sie wahrscheinlich live eine größere Faszination bietet als von der Konserve. Irgendwo hatte ich etwas von einer bestimmten Positionierung der 4 Streicher und auch des zusätzlichen Tantams und der Gläser auf der Bühne gelesen. Der optische Eindruck bei einer Aufführung hat also sicher einen gewichtigen Anteil an der Gesamtwirkung des Stückes.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Hab‘s jetzt gefunden. In der Kronos-Box „25 years“ gibt es ein umfangreiches Booklet, das ich bei meinem IDAGIO-Streaming-Abo zum Glück einsehen kann. Dort steht, dass das Quartett 1990 eine „Bühnenfassung“ inkl. spezieller Beleuchtung erarbeitet hatte und dann damit um die Welt gereist war. Black Angels war offensichtlich auch die Initialzündung, dass sich das Kronos-Quartett 1973 unter David Harrington gründete.

    Noch etwas nachgetragen:

    Bei Wikipedia gibt es auch eine ausführliche Beschreibung, wie Crumb vermittels einer Skizze in der Partitur sich die Anordnung der Spieler und der zusätzlichen Instrumente vorstellte bzw. wünschte.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Dank an leverkuehn!

    Die optischen Aspekte sind auf jeden Fall interessant. Mir war übrigens vor dem Kennenlernen der Partitur gar nicht klar, dass die Musik konsequent für elektrische Instrumente geschrieben ist. Vom bloßen Hören ist das nicht so leicht auszumachen, meine ich, bin aber natürlich nicht geschult in solchen Dingen.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Mir war übrigens vor dem Kennenlernen der Partitur gar nicht klar, dass die Musik konsequent für elektrische Instrumente geschrieben ist. Vom bloßen Hören ist das nicht so leicht auszumachen, meine ich, bin aber natürlich nicht geschult in solchen Dingen.

    Ich habe das Kronos-Quartett einmal bei der Gustav-Mahler-Woche in Toblach erlebt. Da hatten die an ihren Geigen Kabel angestöpselt. Das waren aber normale Geigen, die elektrische Verstärkung erfolgte vermutlich mittels Beschleunigungsaufnehmer am Resonanzkörper.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Vielen Dank für alle bisherigen und weiteren Beiträge zu Crumbs "Black Angels"!

    Ich habe Mitte der 80er in einem Konzert der Wiener Philharmoniker "Ancient Voices of Children" (dirigiert von Zubin Mehta) gehört, seither bin ich etwas angecrumbt. ("Ancient Voices" gibt s ja auch in diesem Quartett.)

    Kronos und Hanson sind (auch) meine beiden CDs.

    immer noch ein akustischer Psycho-Thriller

    Und was für einer, ja!

    Kronos betont für mein Gefühl im Sekundentakt synkopisch auf den höheren Noten, Hanson umgekehrt auf den tieferen.

    Für mich ist die Kronos Aufnahme stählerner, die Hanson Aufnahme bildhafter, körperlicher. Bei dieser Aufnahme gehört für mich der nicht ausgeblendete Applaus danach dazu. Ich habe nicht damit gerechnet, aber er führt nach all diesen Schocks und dem Schrecken zurück, er erdet. "Man ist dann nicht mehr so allein." Die Hanson Aufnahme finde ich akustisch, in der Raumaufteilung, extrem spannend.

    die reale Kriegserfahrung in naturalistischer Bildhaftigkeit

    Ich sehe das Werk als Statement in diese Richtung. Keine absolute Musik, die man loslösen kann vom Kontext. Man kann wahrscheinlich schon. (Leonard Bernstein hat in einem Young People´s Concert Richard Strauss´ Don Quixote als Supermangeschichte erzählt.) Aber eben - wohl nicht mehr, wenn man sich einmal mit dem Werkhintergrund befasst hat. Dem Komponisten war sicher eine Schreckenswirkung wichtig - insofern stimme ich jenen zu, die sagen das ist ein unbedingtes Livewerk. Muss beim ersten Mal wirklich erschütternd sein.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Für mich ist die Kronos Aufnahme stählerner, die Hanson Aufnahme bildhafter, körperlicher.

    Es liegt wohl daran, dass die Hansons die elektrische Verstärkung anders eingestellt haben als die Kronos-Leute, wenn ich das in dem Interview im Booklet richtig verstanden habe.

    Die Hanson Aufnahme finde ich akustisch, in der Raumaufteilung, extrem spannend.

    Was meinst Du denn zu meiner "Kritik" der zu extremen leisen Stellen?? Wie gesagt, bei mir ging vieles total unter und vom Tod und das Mädchen habe ich keine Spur gehört (bei normaler Lautstärkeneinstellung).

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Was meinst Du denn zu meiner "Kritik" der zu extremen leisen Stellen?? Wie gesagt, bei mir ging vieles total unter und vom Tod und das Mädchen habe ich keine Spur gehört (bei normaler Lautstärkeneinstellung).

    Bin zwar nicht gefragt, trotzdem: Auch mir liegen die beiden Aufnahmen mit Hanson und Kronos vor. In beiden Fällen habe ich das Schubert-Zitat deutlich gehört, mit Kopfhörer, so eingestellt, daß die lauten Stellen auch wirklich laut klingen und die leisen teilweise gerade über der Hörschwelle, dabei, wie gesagt, beim Schubert-Zitat ohne Probleme.

    Ich vermute, daß Du, lieber leverkuehn, und auch andere ihre Lautsprecher bei weitem nicht so stark klingen lassen, wie es im Konzertsaal wäre.

    Die starken dynamischen Kontraste von Black Angels sind m.E. wichtig und gehören zum extremen Ausdruck des Werks. Auch wenn ich es noch nicht selber erlebt habe: Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß die erschütternde und überwältigende Wirkung des Werks erst in einer Liveaufführung möglich ist. Aber das gilt wohl auch für viele andere Musikstücke.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Ich vermute, daß Du, lieber leverkuehn, und auch andere ihre Lautsprecher bei weitem nicht so stark klingen lassen, wie es im Konzertsaal wäre.

    Das stimmt und ich halte es für richtig so. Denn mein Wohnzimmer ist eben kein Konzertsaal und eine überdrehte Lautstärke wirkt m.E. dann grässlich. Und ich habe keinen separaten Hörraum mit allen möglichen akustischen Finessen wie mancher HighEnd-Freak.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Das stimmt und ich halte es für richtig so. Denn mein Wohnzimmer ist eben kein Konzertsaal und eine überdrehte Lautstärke wirkt m.E. dann grässlich. Und ich habe keinen separaten Hörraum mit allen möglichen akustischen Finessen wie mancher HighEnd-Freak.

    Ein HighEnd-Freak bin auch ich nicht, aber ich möchte Musik schon so hören, daß sie den akustischen Bedingungen im Konzertsaal nahekommt. Das geht nach meiner Erfahrung mit guten Kopfhörern eher (bei Black Angels halte ich das für essentiell). Die kosten nicht mehr als 1-2mal Viersterneessengehen (worauf ich wiederum gut verzichten kann, aber das nur nebenbei).

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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  • Ein HighEnd-Freak bin auch ich nicht, aber ich möchte Musik schon so hören, daß sie den akustischen Bedingungen im Konzertsaal nahekommt. Das geht nach meiner Erfahrung mit guten Kopfhörern eher (bei Black Angels halte ich das für essentiell).

    Kopfhörern stehe ich sehr kritisch gegenüber. Einmal, weil die Aufnahmetechnik meistens nicht darauf ausgerichtet ist (zumindest bei älteren Aufnahmen) und die Räumlichkeit nicht stimmt, aber vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Denn hohe Lautstärke mit Kopfhörern ist wesentlich schädlicher als gleiche Lautstärke über Boxen. Just my two cents...

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  • Denn hohe Lautstärke mit Kopfhörern ist wesentlich schädlicher als gleiche Lautstärke über Boxen.

    Möglich, daß Du recht hast. Wäre evt. eine eigene Diskussion wert.

    :wink:

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  • Kopfhörern stehe ich sehr kritisch gegenüber. Einmal, weil die Aufnahmetechnik meistens nicht darauf ausgerichtet ist (zumindest bei älteren Aufnahmen) und die Räumlichkeit nicht stimmt,

    nun ja, die Aufnahmetechnik ist auch nicht darauf ausgerichtet, dass mit zu niedriger Lautstärke abgespielt wird. Dieses Problem lässt sich zumindest mit Kopfhörern besser lösen.

    Leider wird die Frage der Dynamik (komprimieren oder nicht, wie stark und an welcher Stelle) völlig widersinnig angegangen. Sinnvoll wäre es die Kompression allein dem Kunden zu überlassen (an die jeweiligen Bedürfnisse und Vorlieben angepasst). Das ist leider von Anfang an schief gelaufen und wohl auch nicht mehr zurecht zu rücken.

    aber vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Denn hohe Lautstärke mit Kopfhörern ist wesentlich schädlicher als gleiche Lautstärke über Boxen.

    ein bisschen was mag dran sein, aber für Klassik doch irrelevant, da die Lautstärkespitzen (= höhere elektrische Feldstärke am Kopf) im Gegensatz zur plattkomprimierten Popmusik nicht ständig präsent sind und im Vergleich zur Handynutzung ohnehin völlig marginal sein dürften. Falls jemand genauere Untersuchungen kennt, wäre ich neugierig, und wir sollten dafür auch einen extra Thread aufmachen.

    Sorry für OT

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    Das war nun wirklich eindrucksvoll. Die optische Komponente gehört hier eindeutig dazu.

    Was ich nicht ganz erkennen bzw. heraushören konnte, ist die Frage, ob hier abgesehen von den Aufnahmemikrofonen noch andere elektrische Komponenten im Einsatz waren. Kabel konnte ich an den Instrumenten keine sehen, mir schien der Streicherklang sehr „natürlich“ zu sein, also nicht elektrisch verändert.

    Die akustisch für mich überzeugendste Wiedergabe dieses faszinierenden Stücks !! :clap:

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  • Ich meinte nicht elektrische Feldeinflüsse, sondern schlicht und einfach die dB am Ohr… aber wir sollten das hier nicht weiter vertiefen.

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    Vielen Dank für den Hinweis auf diese Aufnahme! In der Tat sehr eindrucksvoll.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich hatte schon mal ein andere Aufführung der Black Angels auf YT "gesehen", aber damals ist mir völlig diese Spielweise entgangen, die im "Absence"-Teil angewendet wird. Für das "Tod und das Mädchen"-Zitat streichen die Spieler die Seiten auf der "falschen" Seite. D.h. statt zwischen Finger und Steg zu streichen, soll zwischen Sattel und Finger gestrichen werden. Dazu muss natürlich auch der Fingersatz angepasst werden. Die Spieler müssen quasi spielgelverkehrt greifen, um die geforderten Töne zu erzeugen. Crumb schreibt dazu in der Partitur "... but a little practise will ensure accuracy in the pitch...." ;) .
    Die gleiche Spielweise wird auch im Sarabanda-Teil gefordert. Die Primaria hat da hörbar Probleme mit der ungewohnten Griffweise. Das fällt halt umso mehr auf, weil sie eine tonale Melodie spielt.

    Frage: kennt jemand andere Stücke, wo dieses "Streichen auf der 'falschen' Seite" angewendet wird.

    :wink:

  • Interessant - als absoluter Laie, was das Violinspiel anbelangt, frage ich (mich) (allerdings): Ändert diese Spielweise den klanglichen Eindruck hörbar? Denn ansonsten wäre es ja quasi nur optische Ideologie? [Pardon, falls die Frage naiv sein sollte.]

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