Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Kurz vor Ablauf der Woche habe ich es noch geschafft, meine Aufnahme vom Danish SQ anzuhören. Der erste Satz hat mir diesmal so richtig gefallen - kommt so frech rüber wie Prokofjews erste Symphonie! Bei den anderen Sätzen hatte ich wieder dieselben Empfindungen wie immer bei Nielsens Musik. Ich krieg da keinen Griff darauf, das gleitet an mir ab. Ich bin eher der melodiegepolte Hörer (wobei mit Bartók komme ich auch sehr gut ohne Melodie klar, aber die Themen sind trotzdem markant), und Nielsens Themen empfinde ich als völlig konturlos.:/

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • (wobei mit Bartók komme ich auch sehr gut ohne Melodie klar, aber die Themen sind trotzdem markant), und Nielsens Themen empfinde ich als völlig konturlos.

    Bei mir ist es umgekehrt, in jedem der Aspekte.

    Ich finde das sehr interessant, diese unterschiedliche Rezeption. Gibt es ein Sub, wo ein Thread zu dem Thema angebracht wäre?

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Ich bin eher der melodiegepolte Hörer (wobei mit Bartók komme ich auch sehr gut ohne Melodie klar, aber die Themen sind trotzdem markant), und Nielsens Themen empfinde ich als völlig konturlos.

    an diesem Eindruck könnte schon was dran sein, wobei für mich gerade ein besonderer Reiz in dem engen Ineinandergreifen von thematischer / harmonischer / rhythmischer Finesse liegt.

    Auf traditionelle Weise präsentierte Melodien findet man vor allem in der (unverwüstlichen) 4. Sinfonie und noch mehr in der nicht so bekannten 3. Sinfonie. Letztere wäre mein Tip zum Einstieg, hier wieder mit Hinweis auf die m.E. unübertreffliche Aufnahme mit Sakari Oramo und Ehefrau Anu Komsi im Sopransolo des 2. Satzes.
    :wink: Khampan

  • So, die Auswahl des Streichquartetts der Woche ist mir – als Quartettmuffel – gar nicht so leicht gefallen. Drei Kriterien sollten erfüllt sein:
    a) Algabal selbst sollte das Quartett kennen (was die Auswahl schonmal deutlich limitiert)
    b) Das Quartett der Woche sollte bisher keinen eigenen Thread haben
    c) Es sollte mehr als eine Einspielung des Quartetts geben, denn sonst wird’s im Thread auch schnell etwas langweilig, wenn man nix zu vergleichen hat

    Herausgekommen ist dann nicht dieses:

    Webern, Quartettsatz?

    Sondern dieses:

    Hanns Eisler: Streichquartett, op. 75 (1938)

    Das Streichquartett nimmt sich als „absolute Musik“ etwas eigentümlich im Kontext der Eislerschen Werke aus den 1930er Jahren aus, die zumeist einen politisch-agitatorischen Charakter haben. Entstanden im amerikanischen Exil findet hier vielleicht soetwas wie eine Rückbesinnung auf Materialreflexion und einen eher konstruktivistischen, musikimmanenten Charakter des kompositorischen Tuns statt. Das Werk entstand 1938, wurde aber erst Ende der 1940er Jahre in New York uraufgeführt.

    Das knappe Stück (ca. 13 Minuten) ist zweisätzig (1. Variationen; 2. Finale. Allegretto con spirito) und streng zwölftönig, in meinen Ohren dabei sehr fasslich und durchaus wohlklingend.

    Der Musikwissenschaftler Johannes Gall, der an der Neuedition der Eislerschen Werke beteiligt ist, schreibt über das Stück:

    „Die Grundgestalt der zugrundeliegenden Reihe wird sogleich im viertaktigen Thema des ersten Satzes vom Violoncello allein intoniert, worauf sich ebenfalls noch im Violoncello solo die Krebsform in nahezu identischer Rhythmisierung als erste Variation anschließt. In der Folge entwickeln 40 weitere eng mit einander verzahnte Variationen und eine Coda das solchermaßen exponierte Grundmaterial. Dem zweiten Satz und Finale liegt die Form des Sonatensatzes zugrunde, wobei allerdings das verarbeitende Moment der Durchführung bis in die Reprise weitergetrieben ist, die so in stark variierter Form in Erscheinung tritt.“

    Ja, das kann man hörend ganz gut nachvollziehen, finde ich.

    Einspielungen gibt es nicht gar so viele, aber doch ein paar:



    Leipziger Streichquartett


    Vogler Quartett Berlin

    Quatour Johannes

    Weiters wurde das Streichquartett auch vom Erben-Quartett und Ulbrich-Quartett eingespielt – da habe ich aber keine Bildchen zu gefunden.

    In der Tube kann man zumindest diese drei Einspielungen hören:

    Leipziger Streichquartett:

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    Vogler Quartett (live, 11.04.2016):

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    Ulbrich Quartet:

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    Viel Spaß!

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Eisler ... spannend! Terra incognita für mich, das Streichquartett zu 100 %, ansonsten habe ich vielleicht ein- oder zweimal etwas von Eisler gehört.

    Ein Atheist mit jüdisch geborenem, doch atheistischem Vater, Kommunist aus Überzeugung, Schüler von Schönberg, eng verbunden mit Brecht, der als Schüler seine beste Note im Fach "Turnen" erzielte ... da bietet die Diskussion etliche Fallstricke der political correctness. Und dann gibt es noch eine Aufnahme mit dem Leipziger Streichquartett! Grins1

    Also: Vielen Dank für die Wahl!

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • die Sonne über Deutschland scheinen!

    ... und ein frei Geschlecht emporsteigen. Hüstel. Ist das noch politisch korrekt?

    Egal. Hier lief die Aufnahme mit den Leipzigern. Musik, die erforscht sein will. Zweite Wiener Schule ist in der Tat eine gute Grundlage. Für ein streng zwölftöniges Werk ist das Quartett erstaunlich wohlklingend, um gleich mal meine Vorurteile abzuräumen.

    Das wird eine spannende Woche!

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Oh, vielen Dank, Meister Algabal! Ich hätte jetzt anmaßenderweise behauptet, dass ich schon einige Quartette kenne und da nicht gar so furchtbar "limitiert" bin. Eislers dürfte nicht dazugehören. Ich bin gespannt!

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Hier lief die Aufnahme mit den Leipzigern.

    Hier läuft sie gerade aus, also endet. Die machen das recht gut, finde ich, im Gestus, hm, distanziert? Eine dezidiert kalte Darstellung, oder? Dazu mag auch das hier ziemlich scharfe (in meinen Ohren etwas unangenehme) Klangbild der Leipziger beitragen. Das habe ich letztens mit den Ulbrichs anders und “freundlicher” erlebt.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Herzlichen Dank auch von mir, lieber Algabal! Ohne Deinen Hinweis auf die Aufnahme mit den Leipzigern wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, sie bei mir vorzufinden. Meine CD ist nämlich unter "Adorno" eingeordnet.

    Von Eisler kenne (und schätze) ich ansonsten nur die "14 Arten den Regen zu beschreiben". Doch nun freue ich mich aufs Quartett.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Interessante Wahl! Ich kann mich nur vage an Teile Eislers Musik erinnern, wurde im Musik Leistungskurs besprochen, aber definitiv nicht sein Streichquartett, was ich demnach also nicht kenne.

    Hier lief nun eine Aufnahme, welche ich aus dem Netz gefischt habe, aber auch auf Spotify zu hören ist.

    Pellegrini Quartett - versteckt in einer Sammlung.

    Auf YT habe ich nur den ersten Satz gefunden:

    Externer Inhalt youtu.be
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    https://www.prestomusic.com/classical/products/7966799--eisler-hans-works-for-piano-chamber-music-4cd

  • Hier lief nun eine Aufnahme, welche ich aus dem Netz gefischt habe, aber auch auf Spotify zu hören ist.

    Pellegrini Quartett - versteckt in einer Sammlung.

    wie hast du die bei Spotify gefunden? Bei mir klappt das nicht.
    Spielt auch wirklich das Pellegrini Quartett? Auf der Rückseite ist nur das Kammerensemble de Zurich genannt. Das wäre dann ja eine ziemliche Unverschämtheit.

  • Das Quartett zählt zu den von mir öfter gehörten und ich habe auch schon überlegt, es hier zu nennen.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

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