Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • https://www.discogs.com/de/release/128…chquartett-Nr-4 (1)

    Zwei Einspielungen per CD haben mir soeben einen intensiveren Zugang zu Schönbergs viertem Streichquartett eröffnet - von den Leipzigern [1998] wusste ich nicht mehr, wobei ich die Aufnahme vor einiger Zeit gekauft hatte, um noch eine weitere Einspielung des zweiten Quartetts zum Vergleich zu besitzen. Vom zweiten Quartett kenne ich mindestens vier Versionen und es ist mir längst vertrauter.

    Aber die nähere Befassung mit diesem letzten Quartett und auch einem der letzten Zwölftonwerke des mittleren, in der Anwendung der Methode radikal konsequenten und dennoch - oder gerade deshalb - eigenständigen Schönberg hat sich sehr gelohnt! (Wenn ich das richtig sehe, hat Schönberg sein gefestigtes Können später in quasi-romantisch freieren Formen weiterentwickelt, etwa im Streichtrio.)

    Schönberg selbst - so entnehme ich dem Booklet zu den Leipzigern - sah sich auch von Mozart angeregt. Diese klassizistische Seite scheinen mir die Leipziger auf die Fahnen geschrieben zu haben. Sie spielen etwas straffer, betonen den horizontalen Zug der Musik, betonen die Homogenität der Komposition mit Blick auf die Anfangstakte, betonen das melodische Material. Die Wiener [1969] legen größeren Wert auf die expressiv-expressionistischen, wenn man also so will, auf die rormantisch-pathetischen Details. Das Spiel ist schärfer im Vertikalen, wobei die Musik keineswegs zerfällt. Weniger konventionelle Spieltechniken erfahren einen Nachdruck, der bei den Leipzigern stärker impressionistisch besänftigt erscheint.

    Ich habe den Kopfsatz bei den Leipzigern als sich unmittelbarer erschließend empfunden, während der Finalsatz bei den Wienern - freilich dann schon in meinem zweiten aktuellen Hörgang - seiner Vielfalt mir stärker gerecht werdend erschien.

    Den langsamen Satz halte ich in jedem Fall (subjektiv) für den Höhepunkt, dazu trägt wesensgemäß das kraftvoll sonore Unisono bei. Alexander mag ja solche Vergleiche - vielleicht kann er, vielleicht kann man sie nachempfinden, vielleicht betreffen sie nur mich als Hörsubjekt und erweisen sich als kurzlebig ... Jedenfalls würde ich bei der Deutung dieses Satzes durch die Leipziger eine karge, aber weite Landschaft assoziieren, bei den Wienern wäre es eher eine Theaterszene - vielleicht analog zu meinem Empfinden der Musik als eher expressionistisch im einen Fall, als eher klassizistisch im anderen. Beides setzt natürlich voraus, dass Schönbergs Umgang mit der Dodekaphonie sich hier auf einem Höhepunkt, vielleicht an einem Endpunkt befindet.

    All diese Gedanken und Verbildlichungen könnten sich bei weiterem, wiederholten Hören auch wieder ein wenig ändern - andere Eindrücke, Schwerpunkte kämen vielleicht hinzu oder zur Geltung.

    :) Wolfgang

    (1) Das Neue Wiener Streichquartett hat auf meiner Doppel-CD alle vier Quartette Schönbergs eingespielt. Bei den Partnern konnte ich nichts finden, bei discogs nur obige LP - mag sein, dass ich nicht intelligent genug gesucht habe.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Jedenfalls würde ich bei der Deutung dieses Satzes durch die Leipziger eine karge, aber weite Landschaft assoziieren, bei den Wienern wäre es eher eine Theaterszene - vielleicht analog zu meinem Empfinden der Musik als eher expressionistisch im einen Fall, als eher klassizistisch im anderen. Beides setzt natürlich voraus, dass Schönbergs Umgang mit der Dodekaphonie sich hier auf einem Höhepunkt, vielleicht an einem Endpunkt befindet.

    All diese Gedanken und Verbildlichungen könnten sich bei weiterem, wiederholten Hören auch wieder ein wenig ändern - andere Eindrücke, Schwerpunkte kämen vielleicht hinzu oder zur Geltung.

    :top:Geht mir mit den bisher gehörten Aufnahmen ähnlich!

    Bin aber jetzt, was mich betrifft, "angekommen", wieder mal....

    Das Aron Quartett! Bin da erneut ganz zu Hause, die spielen mir aus der Seele. Für mich die ideale Balance zwischen Schalk und Zerrissensein.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Hier lief heute Diotima. Gefiel mir ausgezeichnet. Kann aber auch sein, dass ich mich langsam einhöre. Ich habe das Quartett diesmal auch deshalb eingestellt, weil ich es selbst noch nicht kannte und die Erfahrung gemacht habe, durch diesen Faden deutlich besser zum Hören animiert zu werden. Lohnt sich für mich auch im vorliegenden Fall.

    Interessant finde ich Alexanders Schostakowitsch-Assoziationen, die mir zum Teil auch kamen, sowohl im langsamen wie auch in manchen Passagen der anderen Sätze. Wobei Schoenberg schon erheblich polyphoner unterwegs ist, meine ich, subjektiv auch spröder.

    Mahler, allerdings nicht den tragischen, sondern den "burlesken", höre ich persönlich ein klein bisschen auch im zweiten Satz, der mir im heutigen Hördurchgang auch ausnehmend gut gefiel. Am meisten Probleme bereitet mir derzeit noch der letzte Satz. Langatmig finde ich das Stück nicht (mehr).

  • Hier lief nun auch das Quatuor Diotima und auch mir gefällt diese Aufnahme auch sehr. Ein ganz anderer Ansatz, als bei Gringolts, meine ich. Wenn ich nur ein Wort wählen dürfte, käme mir hier klassisch in den Sinn, bei Gringolts romantisch.

    Zu lang finde ich die einzelnen Sätze allerdings immer noch, obwohl ich einräumen möchte, dass Diotima mir das Zuhören durch ihre fein variierten Texturen und Momentaufnahmen um einiges erleichtern.

  • 8) ... ich hab noch etwas übersehen ... anno dunnemals bei der Diskussion des Pfitzner-Quartetts war - und somit ist mir bis heute Nacht - gar nicht klar gewesen, ob nun die dritte oder die vierte Schönberg-Nummer, welche noch auf die CD gebannt ...

    [bei jpc und discogs habe ich auf die Schnelle nichts gefunden]

    Das Wihan-Quartett [2000] überzeugt mich allenthalben. Insgesamt wird eher die horizontale denn die vertikale Sicht praktiziert. Indes: ein straffer und energischer Zugriff, sehr differenziert nicht nur im Dynamischen, sondern auch in der Gestaltung der unterschiedlichen charakterlichen Phasen, insofern durchaus auch mit markanten Übergängen.

    Das Unisono im dritten Satz gefällt mir besonders gut, da blitzsauber - also präziser bezüglich meiner Vergleichsaufnahmen von gestern, dabei drängend und gar nicht so sehr statisch konzipiert. Ist der dritte Satz wirklich langsam, als Ganzes betrachtet?

    Der Finalsatz erscheint mir nach wie vor eher ohne wirklich markante Linie - aber da bin ich hier wohl nicht der Einzige.

    :) Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Heute Schönberg #4 gehört mit dem Arditti String Quartet (Disques Montaigne, 1993).

    Bei Kolisch und LaSalle habe ich ganz schön mit der Musik gefremdelt. Wobei mir die Aufnahme der Kolischs noch besser gefiel.

    Heute war es nochmal weniger irritierend. Ob das an der Interpretation liegt oder an meiner Gewöhnung, weiß ich nicht.

    Ich bleibe dran - die arons, die Leipziger, die Diotimas und die Schönbergs sind noch im Angebot ....

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Moin!

    Uiuiui ... also, dieses Mal bräuchte ich noch zwei oder drei Wochen, um mich mit dem Quartett ein wenig anzufreunden ... ok, wird parallel mitlaufen.

    Nun ist es an AlexanderK , ein Streichquartett auszuwählen und als Quartett der Woche festzulegen. Was das wohl sein mag ... ich sage nur: Mozart, Schubert, Crumb und Kishino. Da mag jede und jeder der Fantasie freien Lauf lassen!

    Die fünfte Runde geht dann nach heutigem Stand in dieser Reihenfolge weiter:

    • Scherzo,
    • Gurnemanz,
    • MB,
    • Pizzicato,
    • Quasimodo,
    • putto,
    • Alberich und
    • Algabal,

    wonach

    • Wieland,
    • Abendroth,
    • andréjo.
    • Felix Meritis,
    • Braccio und
    • AlexanderK

    die sechste Runde beginnen würden.

    So hat sich die Reihenfolge bisher fortschreibend und im Einzelfall tauschend ergeben. - Ich hoffe sehr, niemanden versehentlich ausgelassen zu haben ... ansonsten bitte einfach Bescheid sagen!

    Hier nochmal die herzliche Einladung an alle Forianer*innen, in diesem Thread mitzuschreiben, auch wenn sie nicht auf der obigen Liste stehen! Auch sind weitere Quartettaussuchende in dieser Runde sehr gerne gesehen.

    Gutes Hören, gutes Diskutieren!

    Viele Grüße

    MB

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Uiuiui ... also, dieses Mal bräuchte ich noch zwei oder drei Wochen, um mich mit dem Quartett ein wenig anzufreunden ... ok, wird parallel mitlaufen.

    Bin da ganz flexibel, falls noch eine weitere Woche Schoenbergs Streichquartett Nr. 4 gewünscht ist - richte mich gerne nach den Wünschen aller. Mein Angebot bedeutet dann jedenfalls wieder einen starken Zeitsprung zurück, zu einem Komponisten, der hier im Thread von Kennern bisher nur in Postings genannt wurde.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Bin da ganz flexibel, falls noch eine weitere Woche Schoenbergs Streichquartett Nr. 4 gewünscht ist - richte mich gerne nach den Wünschen aller.

    Oh - da habe ich ja etwas angerichtet mit meiner flapsigen Bemerkung ... ernst war es eigentlich nicht gemeint.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • OK ich hab´s Euch viel zu leicht gemacht, beim nächsten Musikstück muss ich mir was Unkonventionelleres zum Erraten aussuchen. Da ich die nächsten Tage beruflich unterwegs bin, erlaube ich mir die Bekanntgabe nun bereits jetzt, was aber bitte niemand daran hindern soll, auch noch weiter zum bis morgen "gültigen" Quartett der Woche zu schreiben.

    Hier ist das neue Streichquartett der Woche:

    Luigi Boccherini:
    Streichquartett Es-Dur op. 2/4 (G 162)

    Mit Noten:

    Luigi Boccherini – String Quartet Op.1/2 No.4, in E flat major
    PATREON ➡️ https://patreon.com/spscorevideosKO-FI ➡️ https://ko-fi.com/spscorevideosPAYPAL ➡️ https://paypal.me/stepaparozziLuigi Boccherini (1743-1805)Strin...
    www.youtube.com

    Hoffe, mit diesem Vorschlag nicht alle in Richtung streichquartettfreie Woche zu vertreiben, danke bereits jetzt für jeden Beitrag dazu und melde mich ausführlicher - siehe oben - gegen Donnerstag wieder, bitte um Verständnis.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Danke für den Boccherini, der hier auch physisch steht! (Sonate Quartet/cpo)

    Hier nochmal Schönberg SQ 4 op. 37, heute mit den Leipzigern:

    So langsam freunde ich mich mit dem Werk an.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich habe Nr. 4 dieser Tage mehrfach gehört, mit Arditti und mit Aron, jeweils zweimal. Schwer, etwas dazu zu sagen. Beide Interpretationen finde ich beeindruckend, die Ardittis gehen strenger zur Sache, die Arons feinfühliger, so meine grobe und sicher dürftige Charakterisierung.

    Auch Nr. 3 kam dran: Auffällig finde ich, daß dort - Schönbergs erstes zwölftöniges Quartett - der Komponist noch ganz optimistisch und frohgemut seine neugefundene Technik auszuprobieren meint, eher klassiszistisch als romantisch. In Nr. 4 scheint er wieder an seine romantischen bzw. expressionistischen Erfahrungen anzuknüpfen, es hört sich für mich tiefgründiger, ernsthafter, ausdrucksbetonter als das spielerische Nr. 3 an.

    So jedenfalls mein Eindruck, sicher bin ich mir nicht.

    So oder so: Schönberg ist mir jetzt wieder näher gerückt, das empfinde ich als bereichernd.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Ein Dankeschön für seine interessante Wahl an Alexander! Ob das Quartett bei mir physisch zu finden ist, weiß ich noch nicht. Ich habe Streichquartett-Musik von Boccherini auf jeden Fall schon gehört, selbst wenn man bei ihm (und wohl nur bei ihm) eher mit Streichquintetten oder analogen Besetzungen mit der Gitarre in Kontakt kommt.

    EDIT: Ein Blick auf die Wikipedia zeigt mir, dass er auch für das Streichquartett jede Menge geschrieben hat. Vielleicht sind die Quintette auch nur deshalb bekannter geworden, weil sie von Haus aus seltener sind. Aber dat weeß ick nich ... :P

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Versuche, jeden Tag mindestens einmal kurz reinzuschauen.

    Ja, auch für mich war die intensivere Befassung mit Schönbergs Quartetten sehr bereichernd. Danke noch einmal für diese Impulse hier!

    Boccherini hat ja hier wirklich noch gefehlt. Und von Boccherinis op. 2 Quartetten hat mich beim ersten Durchhören eben das Gewählte am meisten angesprochen. Deswegen die Wahl.

    Und gerne öffentlicher Dank wahrscheinlich an Lionel für die Einbettung in die Listen. Ich schwächle aktuell technisch, muss mir erst wieder die Zeit nehmen, mich neu einzuarbeiten. Danke also!

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Des großen Vergnügen wegens gleich zweimal gehört:

    Na, das ist doch anspringend, frisch, spritzig, anregend, ... sehr fein! Wer sagt denn, dass der (aus unserer Sicht) zweitprominenteste Komponist von Streichquartetten nichts Gutes geliefert haben sollte?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Des großen Vergnügen wegens gleich zweimal gehört:

    Na, das ist doch anspringend, frisch, spritzig, anregend, ... sehr fein! Wer sagt denn, dass der (aus unserer Sicht) zweitprominenteste Komponist von Streichquartetten nichts Gutes geliefert haben sollte?

    Ich dachte, diese physisch zu haben - aber nein, ich habe nur die 4 CPO-Alben mit den Revolutionary Drawing Rooms. Also: Stream. Und ja, ein feines, sehr nettes Stück. Das abschließende Menuett etwas beliebig in meinen Ohren. Aber wirklich schön im Ganzen.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

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