Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Moin allerseits! Da ja nun eigentlich klar ist, worum es in der folgenden Woche gehen soll, hier ganz offiziell:

    Ludwig van Beethoven: Streichquartett cis-Moll op. 131

    Wie schon erwähnt: Es gibt zahlreiche Aufnahmen, einige Jahrzehnte alte und aktuelle. Bei mir finden sich - fast alle im Rahmen von Gesamtaufnahmen - insgesamt sieben Aufnahmen (Busch, Ungar. SQ, Juilliard, Auryn, Emerson, Artemis, Belcea), darüber demnächst gern etwas mehr.

    Das Werk selbst ist bekanntlich recht eigentümlich aufgebaut: sieben Sätze, alle ineinander übergehend, sehr unterschiedlich lang:

    1. Adagio, ma non troppo e molto espressivo

    2. Allegro molto vivace

    3. Allegro moderato

    4. Andante, ma non troppo e molto cantabile

    5. Presto

    6. Adagio quasi un poco andante

    7. Allegro

    Sind es überhaupt "Sätze"? Gerd Indorf, dessen Buch über Beethovens Streichquartette in Capriccio bereits mehrfach erwähnt wurde, schreibt: "Beethoven bevorzugte für seine letzten Quartette gewöhnlich den Begriff "Stücke", unter denen" - Indorf zitiert die Neue Gesamtausgabe, hrsg. vom Beethoven-Archiv Bonn - "im musikalischen Umfeld Beethovens auch Abschnitte verstanden wurden, die zwar eine gewisse Selbständigkeit der motivischen Substanz, aber keine formale Abrundung aufweisen".

    Indorf verweist auf unterschiedliche Versuche, die Form des Werks zu bestimmen: So wurde z.B. behauptet, "daß sich die Gestaltung der letzten Quartette vom klassischen viersätzigen Sonatenzyklus zu einer lockeren suitenartigen Anordnung der Sätze zurückentwickelt" (Fettung von mir). Auch wurde vom "Eindruck einer Improvisation" gesprochen. Andererseits gab es Versuche, die sieben "Stücke" "unbedingt auf die klassischen vier Sätze [zu] reduzieren", was problematisch sei.

    Wie auch immer: Wenn man auf bedeutende Quartettkomponisten in der Nachfolge Beethovens blickt (Mendelssohn, Schumann, Brahms, Reger), bemerkt man, daß diese Konzeption nicht übernommen wurde. Vielleicht ist es erst Schönberg, der in seinem Streichquartett d-moll op. 7 in ähnlicher Weise konzipiert?

    Aus einer, wie ich finde, lesenswerten Werkerläuterung, die auch die Befremdung aufgreift, die Beethovens späte Streichquartette im 19. Jahrhundert auslösten (https://www.kammermusikfuehrer.de/werke/155) :

    Zitat

    Der englische Dichter und Musikkritiker George Bernard Shaw dürfte einer der wenigen Hörer gewesen sein, die nicht vor dem Riesenbau dieses Werkes in Ehrfurcht erstarrten: Nach einer Aufführung des cis-Moll-Quartetts 1894 in London stellte er fest, dass Beethovens späte Quartette im Konzert normalerweise weit besser klängen als seine mittleren, und er fügte in typischer Überspitzung hinzu: „Warum sollte man mich dazu zwingen, die absichtsvollen Intellektualismen, theatralischen Finten und seltsamen Capricen des selbstbewussten Genies anzuhören, wie sie für den mittleren Beethoven so typisch sind und von denen wir mit größtem Ernst zu reden haben, während ich doch diese schönen, simplen, geradlinigen, unprätentiösen, vollkommen verständlichen späten Quartette bevorzuge? Schreckt man vor ihnen nur deshalb zurück, weil sie die Professoren einst für dunkel und unmöglich erklärt haben?“

    Der Spötter Shaw will hier sicher provozieren, aber vielleicht ist etwas dran an dem, was er schreibt?

    Von allen Quartetten Beethovens ist Op. 131 eines derjenigen, die ich schon ganz früh kennengelernt habe: Ich finde es emotional zugänglich und keineswegs schwierig. Immerhin gibt es so etwas wie eine große dramatische Erzählung, die sich in den verschiedenen Abschnitten und Übergängen mitteilt; mir jedenfalls erleichtert die Verabschiedung des klassischen viersätzigen Aufbaus den Zugang.

    Soviel zum Einstieg. Ich wünsche uns allen eine spannende Auseinandersetzung mit diesem eindrucksvollen "Riesenbau"!

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

    Einmal editiert, zuletzt von Gurnemanz (20. April 2024 um 16:24)

  • Vielen Dank! Ich stimme Felix Meritis zu: Ein weiterer Achttausender der Literatur. Wird wieder eine tolle Woche! :clap:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Besten Dank, Meister Gurnemanz!

    So was um die acht Aufnahmen besitze ich als CDs wohl auch, vorwiegend im Rahmen von Integralen. Alle werde ich sie mir nicht anhören die nächsten Tage, aber ich freue mich auf Wiederbegegnungen. Beethoven-Quartett-Phasen gab es schon ein paar Mal in der letzten Zeit und das liegt natürlich auch an diesem Forum.

    Vielleicht habe ich das hier schon geäußert (und es interessiert ohnehin niemanden :P:( Meine Deutschlehrerin hat mir in der zwölften Klasse nach einem Referat über Beethovens Klaviersonaten das Opus 131 per Schallplatte geliehen und ich habe es mir auf Band überspielt von meinem Billig-Plattenspieler. Das war eine faszinierende Erstbegegnung - ich glaube weder, dass ich bis alsdann schon mal ein Streichquartett bewusst gehört hatte, noch - und da bin ich mir jetzt sicher - hätte ich solche Klänge bei Beethoven erwartet.

    Nach wie vor halte ich dieses Quartett für Beethovens stärkstes - aber das ist reine Geschmackssache, denn von der Bedeutung her geben sich viele Beethoven-Quartette, namentlich die späten, ohnehin kaum etwas. Die faszinierende Große Fuge lernte ich erst später kennen.

    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

    Einmal editiert, zuletzt von andréjo (21. April 2024 um 02:18)

  • Bei dem Quartett No. 13 op. 131 ist trotz einiger Auswahl - unter anderen eine frühe und eine späte Aufnahme des Busch Quartetts - das Yale Quartet mit seiner 1970er Einspielung mein Favorit .

    Good taste is timeless "Ach, ewig währt so lang " "But I am good. What the hell has gone wrong?" A thing of beauty is a joy forever.

  • Wer sich für die Handschrift interessiert:

    Aus mir nicht bekannten Gründen ist das Manuskript nach Beethovens Tod zerlegt und in zwei Teilen weitergereicht worden.

    Die Stücke 1, 2, 3 (nur Takt 1-4) und 5-7 wurden auf der Nachlassversteigerung 1827 von Domenico Artaria erworben. Sie gelangten 1901 in die Preußische Staatsbibliothek. Da das Manuskript nicht vollständig war, wurden dem Konvolut Skizzen der fehlenden Stücke beigebunden (Mus.ms.autogr. Beethoven Artaria 211). Durch die Kriegswirren mit der Auslagerung und Sicherung vieler Manuskripte vor Bombenschäden in einem Versteck in Ostpreußen befindet sich dieser Teil heute in der Biblioteka Jagiellonska Kraków (PL-Kj).

    Die Stücke 3 (ab Takt 5) und 4 wurden - ebenfalls auf der Nachlassversteigerung 1827 - von Karl Holz erworben und gelangten über Felix Mendelsson-Bartholdy und dessen Nachfahren erst 1908 in die Preußische Staatsbibliothek. Sie verblieben auch während des Kriegs in Berlin und sind unter der Signatur Mus.ms.autogr. Beethoven Mend.Stift. 19 katalogisiert.

    Beide Handschriften sind als Digitalisate einsehbar und können auch heruntergeladen werden:

    Mus.ms.autogr. Beethoven Artaria 211

    Mus.ms.autogr. Beethoven Mend.Stift. 19

    Bei der Handschrift in Krakau ist interessanterweise auch die Benutzerliste digitalisiert worden, wo sich jeder eintragen musste, der das Manuskript zu Forschungszwecken in Händen hatte. Man kann da noch etwas den wissenschaftichen Flair der Zeit vor der Digital-Ära spüren, wenn man dort so bekannte Namen wie Alan Tyson, Sieghard Brandenburg, Martin Staehelin, Lewis Lockwood oder auch Jonathan del Mar findet...

    -----------------------------------------------------------------------------------------------
    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • unter anderen eine frühe und eine späte Aufnahme des Busch Quartetts

    Oh, danke für den Hinweis! Hier läuft gerade diese vom 2. März 1936, die meinen Hörprotokollen zufolge im allerinnersten Kreis meiner Favoriten für op. 131 steht:

    Was wäre denn die andere?

    Diesen Gedanken von G. B. Shaw, den Gurni dankenswerterweise mit uns teilte, fand ich sehr bedenkenswert:

    Zitat

    Nach einer Aufführung des cis-Moll-Quartetts 1894 in London stellte er fest, dass Beethovens späte Quartette im Konzert normalerweise weit besser klängen als seine mittleren, und er fügte in typischer Überspitzung hinzu: „Warum sollte man mich dazu zwingen, die absichtsvollen Intellektualismen, theatralischen Finten und seltsamen Capricen des selbstbewussten Genies anzuhören, wie sie für den mittleren Beethoven so typisch sind und von denen wir mit größtem Ernst zu reden haben, während ich doch diese schönen, simplen, geradlinigen, unprätentiösen, vollkommen verständlichen späten Quartette bevorzuge? Schreckt man vor ihnen nur deshalb zurück, weil sie die Professoren einst für dunkel und unmöglich erklärt haben?“

    Ja, in der Tat - eigentlich ist das Nachverfolgen von op. 131 vergleichsweise einfach, mal im Gegensatz zur Durchführung des Kopfsatzes von op. 59 Nr. 1.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Was wäre denn die andere?

    Hessischer Rundfunk ,25. Januar 1951 . A.B .- 1.Violine ; Bruno Straumann - 2.Violine ; Hugo Gottesmannn - Viola ; H.B. - Cello .Erschienen auf dem verdienstvollen Meloclassic Label .

    Busch Quartet, Brahms / Beethoven - String Quartet No.1 / String Quartet No.14 (Frankfurt • 25 January 1951)
    View credits, reviews, tracks and shop for the 2014 CD release of "String Quartet No.1 / String Quartet No.14 (Frankfurt • 25 January 1951)" on Discogs.
    www.discogs.com

    Good taste is timeless "Ach, ewig währt so lang " "But I am good. What the hell has gone wrong?" A thing of beauty is a joy forever.

  • Hessischer Rundfunk ,25. Januar 1951 . A.B .- 1.Violine ; Bruno Straumann - 2.Violine ; Hugo Gottesmannn - Viola ; H.B. - Cello .Erschienen auf dem verdienstvollen Meloclassic Label .

    Vielen Dank! :verbeugung2:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Oh jee, wieder ein Stück, das ich kaum kenne. Sicher ein paar mal gehört, aber nie intensiv zugehört. Naja, das kann sich jetzt ändern. Phyisch habe ich die Leipziger, die Miros und die Mosaiques. Mit letzteren beginne ich mal:

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Hier ging's mit den Ébènes weiter.

    Ja. Eulen nach Athen oder sonstwohin oder wie oder was?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Die Ebenhölzer spielen zwar exzellent, aber mich stört sehr, wie sie im letzten Satz kurz vor Schluss die “poco adagio” Takte mMn schon zu früh ansetzen und dann auch zu sehr - fast bis zum Stillstand -auswalzen. Da zerbröselt der Satz etwas. Das haben sie im Konzert in Hamburg vor vier Jahren genauso gemacht. Schlecht1

    -----------------------------------------------------------------------------------------------
    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • Die Ebenhölzer spielen zwar exzellent, aber mich stört sehr, wie sie im letzten Satz kurz vor Schluss die “poco adagio” Takte mMn schon zu früh ansetzen und dann auch zu sehr - fast bis zum Stillstand -auswalzen.

    Habe nochmal reingehört ... also, mich stört es nicht, ich nehme denen diese Wiedergabe ab.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Hmhmhm. Hirnlego fürs Harmoniemilieu? Ich hörte - wie schon geschroben - Mosaiques (sehr harmoniemilieutauglich) und dann Miros (eher asketisch-neutral, so dass es nicht weh tut). Was ist nur los mit mir? Diese Art Musik zieht derzeit sooooooo weit an mir vorbei…. Es ist doch immerhin Beethoven. Immerhin. :(

    Morgen vll Leipzig. Vielleicht.

    Adieu
    Algabal

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • Ich liebe dieses Quartett, und ich finde es nicht unzugänglich.

    Im Gegenteil: Ich bin vor einigen Jahren regelmäßig von einem Ohrworm verfolgt worden, der ausgerechnet aus dieser beiläufig schlendernden, fast floskelhaften Melodie bestand, nit der der zweite Satz beginnt. Ich habe damals ewig gebraucht, herauszufinden, woher dieser Ohrwurm stammt. Auf ein spätes Beethoven-Quartett kommt man nicht unbedingt sofort.

    Aufnahmen habe ich nicht viele, bevorzuge von diesen aber die mit dem Gewandhaus-Quartett, die eine große Natürlichkeit bietet, keine Bedeutungshuberei usw.

    Danke für die schöne Wahl!

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Oh jee, wieder ein Stück, das ich kaum kenne. Sicher ein paar mal gehört, aber nie intensiv zugehört. Naja, das kann sich jetzt ändern. Phyisch habe ich die Leipziger, die Miros und die Mosaiques. Mit letzteren beginne ich mal:

    Adieu
    Algabal

    Ich hätte jetzt in den nächsten Tagen auf diese Einspielung eher verzichtet. Denn insgesamt bin ich nicht begeistert von deren späten Quartetten, da mir irgendwie zu unengagiert gespielt. Da war ich unangenehm überrascht, da ich mir gerade von dieser HIP-Formation mehr versprochen hatte. Wie siehst Du das, Meister Algabal? Wenn andere eine Aufnahme gut finden, lasse ich mich viel lieber breitschlagen, dem zuzustimmen, als umgekehrt. ;)Grins1

    Miro kenne ich überhaupt nicht vom Hören (... nur als Joan mit abstrakter Malerei ...), die Leipziger schon mit manchem, aber nicht mit Beethoven.

    :cincinbier: Wolfgang

    EDIT: Ich sehe gerade, dass Du Dich oben bereits geäußert hast. Freilich ein wenig neutral sozusagen ... ;)

    EDIT2: Wobei: ... "sehr harmoniemilieutauglich" muss dieser Beethoven nun wirklich nicht klingen. Ich fürchte, wir kommen zusammen. ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Bei dem Quartett No. 13 op. 131 ist trotz einiger Auswahl - unter anderen eine frühe und eine späte Aufnahme des Busch Quartetts - das Yale Quartet mit seiner 1970er Einspielung mein Favorit .

    Die späten Quartette mit Yale habe ich mir auf Deine Empfehlung hin beim letzten Beethoven-Quartett der Woche hinterher zugelegt und auch später mehrmals hineingehört. Aber da melde ich mich gerne noch einmal zu op. 131! :thumbup:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!