Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • Apropos Bartók übrigens: Im fünften Satz gibt es ab T. 470 eine Sul-ponticello-Passage. Wüsste nicht, dass das vorher schon einmal in einem Streichquartett vorgegeben worden wäre, kenne aber zu wenige Haydn-Quartette. Die Pizzicati in diesem Satz spielen einige Ensembles auch Bartók-like.

  • Belcea und Busch favorisiere ich momentan, nach Vergleichshören in den letzten Tagen.

    Wunderbare Mischung, meiner allerbescheidensten Meinung nach ... der Stoff für Höhenflüge der Hörenden ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Hier nun die Wiener.

    Vor gut zehn Jahren notierte ich bei einem op. 131-walkthrough (mit deutlich weniger Aufnahmen), dass dies eine wunderbare zweitbeste Aufnahme sei. Bsuch und Takács zog ich damals vor.

    Daran hat sich nicht viel geändert. Es klingt für mich wie aus einem Guss, doch bei Belcea und Ébène kam noch ein Begeisterungsfaktor dazu, den ich mit Worten nicht so recht wiedergeben kann.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Auf jeden Fall erwähnt muss aber auch diese fantastische Einspielung des Artemis Quartetts, die ich soeben gehört habe:

    Das war von der ersten bis zur letzten Sekunde packend! Sehr differenziertes, mitreißendes Spiel, aber ohne die Mätzchen, die sie sich bei anderen Komponisten erlauben. Der Variationensatz ist wirklich ein unfassbares Stück Musik, wie eigentlich dieses gesamte Wunderwerk, das seinen Nimbus mMn absolut verdient hat.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Der Variationensatz ist natürlich problemlos als solcher erkennbar, auch die Variationen durch die Kontraste deutlich voneinander abgesetzt. Variationen durch starke Kontraste zuzuspitzen, ist ja auch nicht neu, aber es ist schon ein Extremfall hier, zumal man im Rahmen eines längeren Werks evtl. eher einen "Ruhepol" erwarten könnte. Mich hat das früher auch weniger gestört (stören wäre heute auch übertrieben, natürlich ist das ein grandioser Satz), aber schon etwas "kaleidoskopisch". Mit dem seltsamsten Var. meinte ich übrigens Allegretto 2/4 nach dem Adagio 6/8 und vor dem Adagio ma non troppo e molto semplice 9/4-Abschnitt. In dem letzteren wird dann nahezu Erstarrung erreicht, und zum Abschluss folgt die völlig übertrieben verzierte "Reprise".

    Mir scheint hier auch eine Art Bogenform vorzuliegen. Das Thema wird zunehmend aufgelöst und nimmt nach einem Höhepunkt der Abstraktion wieder Gestalt an. Freilich nicht so plump, wie von mir jetzt ausgeführt, aber für mich irgendwie nachempfindbar.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Auf jeden Fall erwähnt muss aber auch diese fantastische Einspielung des Artemis Quartetts

    Die fand ich gestern beim Wiederhören auch toll, vor allem den sehr fließend gespielten Variationensatz. Nur das Finale erschien mir im Vergleich mit Beleca und Ébène etwas - wie soll ich schreiben - "hüftsteif".

  • Ludwig van Beethoven - Yale Quartet - The Late Quartets Opp. 127, 130, 131, 132, 135 & Grosse Fuge In B Flat, Op. 133
    View credits, reviews, tracks and shop for the 2006 CD release of "The Late Quartets Opp. 127, 130, 131, 132, 135 & Grosse Fuge In B Flat, Op. 133" on Discogs.
    www.discogs.com

    Yale Quartet (1970)

    Eine im guten Sinne altmodische Aufnahme. Durchaus zügige Tempi, dunkles, fülliges Timbre ohne Scheu vor Vibrato. Die Skurrilitäten und die harmonischen Schärfen werden nicht herauspräpariert - wobei mir im Variationensatz eine Stelle aufgefallen ist, die mich ein wenig überrascht hat -, aber auch nicht unterdrückt. Sicher ein Gegenmodell zu manch moderneren Einspielungen auf einer mehr oder weniger mild hippen Basis. Ausschließlich so möchte ich die Beethoven-Quartette nicht hören, aber schlecht ist das gewiss nicht.

    Mit der Intonation hatte ich keine Probleme, wobei es wieder so eine Stelle gibt, wo ich den Eindruck hatte, da könnte etwas falsch sein. Aber ich habe nicht die Ohren diesbezüglich genialischer Zeitgenossen - ich habe sie nicht annähernd - und die Stelle habe ich erst mal wieder vergessen . es könnte ebenfalls im Variationensatz gewesen sein. ;):)

    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Dieses op. 131 war eines der ersten Quartette, die ich im Konzertsaal gehört habe, mit dem Juilliard Quartett Ende der 60-er Jahre. Ob ich damals schon reif für das Stück war? (Bin ich es heute?). Später habe ich es auch mit Auryn "live" erlebt, in einem miserabel schlecht besuchten Konzert. Auch das sehr eindrucksvoll. Aufnahmen habe ich wohl mehr als ein Dutzend, aber ich höre es relativ selten, obwohl ich eher häufig zu den Boxen mit den Beethovenquartetten greife. Gestern habe ich es mit den späteren DDD Konzertmitschnitten der Juilliards gehört und mit Belcea (das vielleicht heute mein Favorit in den Quartetten Beethovens ist). Manches im op. 131 überrascht mich immer wieder. Aber irgendwie bedauere ich es, dass dieses Quartett keinen richtigen langsamen Satz wie die anderen späten Quartette hat.

  • Das war von der ersten bis zur letzten Sekunde packend!

    In der Tat: Op. 131 mit Artemis habe ich vorhin auch gehört, das gehört auch zu meinen Favoriten. Dann wieder Belcea, die mich noch etwas mehr begeistern. Schwer zu sagen warum: vielleicht, weil sie Kontraste noch schärfer ausspielen? Und das ohne maniriert zu wirken. Für mich gerade allererste Sahne, aber das kann sich wieder öändern. Wie sonst auch: Die Idealaufnahme kann es nicht geben.

    Den Variationensatz finde auch ich genial!

    Wurde vielleicht schon längst analysiert, aber mir scheint - beim mehrfachen Hören immer deutlicher - , daß die kleine Sekund aufwärts und dann abwärts, wie ganz am Anfang nach dem Auftakt (his - cis - a - gis), so etwas wie eine motivische Keimzelle ist, aus der sich das ganze Werk entwickelt. Paßt das?

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Aber irgendwie bedauere ich es, dass dieses Quartett keinen richtigen langsamen Satz wie die anderen späten Quartette hat.

    Tja. Irgendwann sollten wir uns dann mal mit Op. 132 beschäftigen, da gibt es bekanntlich einen recht zentralen langsamen Satz...

    ;)

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Tja. Irgendwann sollten wir uns dann mal mit Op. 132 beschäftigen, da gibt es bekanntlich einen recht zentralen langsamen Satz...

    Oder dieses "Fragmente - Stille. An Diotima" Ding. Oder Feldman ... da geht noch was.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Aber irgendwie bedauere ich es, dass dieses Quartett keinen richtigen langsamen Satz wie die anderen späten Quartette hat

    Der erste Satz ist doch gleich ein Adagio, und zwar was für eines! Am ehesten fehlt vielleicht ein Sonatenallegro, aber auch nur vielleicht, denn mir fehlt bei dem Werk eigentlich nichts.


    In der Tat: Op. 131 mit Artemis habe ich vorhin auch gehört, das gehört auch zu meinen Favoriten. Dann wieder Belcea, die mich noch etwas mehr begeistern. Schwer zu sagen warum: vielleicht, weil sie Kontraste noch schärfer ausspielen? Und das ohne maniriert zu wirken. Für mich gerade allererste Sahne, aber das kann sich wieder öändern

    Belcea ist natürlich mindestens genauso gut wie Artemis. Beide sind bei Beethoven eine absolute Bank und das Bedürfnis, andere Aufnahmen jetzt noch zu hören, ist bei mir eher gering. Lieber höre ich mir noch andere späte Quartette in beiden Einspielungen an. Opus 135 habe ich mir heute schon reingezogen!:)

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Beide sind bei Beethoven eine absolute Bank und das Bedürfnis, andere Aufnahmen jetzt noch zu hören, ist bei mir jetzt eher gering. Lieber höre ich mir noch andere späte Quartette in beiden Einspielungen an.

    Das kann ich gut verstehen.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Aber irgendwie bedauere ich es, dass dieses Quartett keinen richtigen langsamen Satz wie die anderen späten Quartette hat.

    Kann ich nachvollziehen, doch jeder Antwortversuch würde wohl so ähnlich verlaufen wie die Beantwortung der Frage, warum op. 111 kein Finale hat, in "Doktor Faustus".

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Kurz (doch) zu Belcea - wobei ich die Demut von oben schon verstehen kann ....

    Mir imponiert die Trennschärfe der Stimmen, die sich auch im Grad der Helligkeit niederschlägt. Vielleicht ist bisweilen eine möglichst große Homogenität im Klang wichtiger - falls man das so trennen will und kann - aber bei diesem dezidiert polyphonen (oder pseudopolyphonen) Streichquartett ist das für mich ein klares Plus.

    Auf alle Fälle will ich mir noch Cremona anhören die Tage, weil mich deren Klang jetzt im Vergleich interessiert. Sie sind mir bislang als besonders lichtfreundlich aufgefallen. Da hätte man dann vielleicht eine deutliche Abstufung über Belcea hin zu Yale. (Notfalls finde ich ja vier oder fünf weitere Einspielungen - Tokyo, LaSalle, Berg, nur - wie gesagt - Mosaiques muss, glaube ich, nicht sein, da mich überdies niemand von Euch dazu motiviert hat.)

    PS: Was haltet Ihr von den heftigen Sforzati des Belcea-Cellos und auch mal der Bratsche im Variationen-Satz? Da fällt mir jetzt keine Demut ein ... ;)

    PPS: Es sind schon mindestens acht Aufnahmen im Schrank. Ich habe Alexander aus der Sony-Box vergessen.

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  • Es ist eine der älteren Artemis-Aufnahmen (2002, anscheinend ihre zweite Beethovenaufnahme (+ 18/2), die erste von 1998 war opp. 59/3 + 132))

    Das Quartett hat doch sogar 2 langsame Sätze! Und das Finale ist ein ziemlich reguläres Sonatenallegro

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Das Quartett hat doch sogar 2 langsame Sätze! Und das Finale ist ein ziemlich reguläres Sonatenallegro

    Oder gar derer drei?

    Die einleitende Fuge, dann der Variationenssatz (trotz der intermittierenden "Più mosso", "Allegretto" usw.) und dann das "Adagio quasi un poco Andante"?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Und das Finale ist ein ziemlich reguläres Sonatenallegro

    Stimmt natürlich (obwohl "regulär" wohl Diskussionssache wäre...) - ich dachte an ein einleitendes Sonatenallegro, wie es ja zuvor meistens bei Beethoven zu finden ist (wenn auch bereits der frühe Beethoven in op. 18/4 etwas anderes macht).

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Das Quartett hat doch sogar 2 langsame Sätze! Und das Finale ist ein ziemlich reguläres Sonatenallegro

    Oder gar derer drei?

    Die einleitende Fuge, dann der Variationenssatz (trotz der intermittierenden "Più mosso", "Allegretto" usw.) und dann das "Adagio quasi un poco Andante"?

    Ja. Wobei man den 6. schon als Einleitung, also nicht als "richtigen" langsamen Satz, werten könnte. Jedenfalls liegt nicht vor, was es von Beethoven ja auch gibt, nämlich ein Werk ohne langsamen Satz wie op.18/4 oder die 8. Sinfonie, oder nur mit relativ ausgedehnter Einleitung anstelle eines solchen (wie die Waldsteinsonate und etliche Cellosonaten).

    Bei aller außerordentlicher Originalität findet man für fast alle Besonderheiten des späten Beethoven Vorläufer, nur wird alles zugespitzt und ins Extreme getrieben. Es gibt ja schon ein Werk mit einem langsamen ersten Satz in cis-moll ;), der sogar an Bach erinnert (wenn auch Präludium statt Fuge).

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    (B. Pascal)

  • PS: Was haltet Ihr von den heftigen Sforzati des Belcea-Cellos und auch mal der Bratsche im Variationen-Satz? Da fällt mir jetzt keine Demut ein ... ;)

    Die finde ich ziemlich auffällig im Vergleich zu anderen. Ich mag es! Diese Interruptionen passen m.E. auch gut zu dem, was hier in Bezug auf "Destruktion" schon angeführt wurde.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

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