Streichquartett der Woche - ein lockerer Austausch

  • PS: Was haltet Ihr von den heftigen Sforzati des Belcea-Cellos und auch mal der Bratsche im Variationen-Satz? Da fällt mir jetzt keine Demut ein ... ;)

    Die finde ich ziemlich auffällig im Vergleich zu anderen. Ich mag es! Diese Interruptionen passen m.E. auch gut zu dem, was hier in Bezug auf "Destruktion" schon angeführt wurde.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Eine Besonderheit von op. 131 liegt sicher darin, dass die üblichen Satzmodelle "im Großen" (Viersätzigkeit als Standard) ebenso wie "im Kleinen" (wie ist der Satz gebaut) durch etwas weitgehend Neues ersetzt werden.

    Dabei ist auch egal, ob wir vier, fünf oder sieben Sätze zählen. Beginn mit einer langsamen Fuge wie manchmal in der Kirchensonate - wo gab es das zuletzt? Fast am konventionellsten sind dabei noch die Variationen, und ja, da hat der Kater vollkommen recht, die haben einen Vorläufer bspw. im ersten Satz von op. 26 - auch völlig verschiedene Variationen, etwa im Vergleich zu KV 331, eben Charaktervariationen.

    Der Vergleich mit älteren Modellen ist sicher hilfreich, um die Besonderheit von op. 131 zu erkennen, doch um die Eigenartigkeit, die Stimmigkeit des Werks zu erkennen, hat das eventuell nur begrenzten Wert.

    Spannender wäre es dann eventuell, die Funktion und das Gewicht der Abschnitte neu zu beschreiben. Die Variationen sind einfach der längste Satz, egal. wie viele Sätze wir zählen. Vielleicht führt die Bezeichung "Satz" bei op. 131 ja auch in die Irre - Sonatensätze sind normalerweise zur Not auch alleinstehend aufführbar (bei Bruckners SInfonien initial wohl auch so geschehen), bei op. 131 geht das nicht.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Der Vergleich mit älteren Modellen ist sicher hilfreich, um die Besonderheit von op. 131 zu erkennen, doch um die Eigenartigkeit, die Stimmigkeit des Werks zu erkennen, hat das eventuell nur begrenzten Wert.

    Finde ich plausibel. Deshalb könnte womöglich der Vergleich mit späteren Modellen weiterführen. Erwähnt habe ich schon Schönbergs d-Moll-Quartett op. 7; außerdem fällt mir noch Liszts Klaviersonate h-Moll ein.

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Mit der Intonation hatte ich keine Probleme, wobei es wieder so eine Stelle gibt, wo ich den Eindruck hatte, da könnte etwas falsch sein.

    Variationen im 4. Satz - aber damit kann ich auch leben , weil der Rest der Aufnahme eben für mich besonders ist . Und altmodisch finde ich sie gar nicht , sondern Beethoven und nicht der PR verpflichtet .

    Good taste is timeless "Ach, ewig währt so lang " "But I am good. What the hell has gone wrong?" A thing of beauty is a joy forever.

  • Mit der Intonation hatte ich keine Probleme, wobei es wieder so eine Stelle gibt, wo ich den Eindruck hatte, da könnte etwas falsch sein.

    Variationen im 4. Satz - aber damit kann ich auch leben , weil der Rest der Aufnahme eben hür mich besonders besonders ist . Und altmodisch finde ich sie gar nicht , sondern Beethoven und nicht der PR verpflichtet .

    Vermutlich meinen wir die gleiche Stelle.

    :) Und "altmodisch" sehe ich auch gar nicht negativ - ich habe ja oben das simple Adjektiv "gut" mit hinzugenommen. Die Aufnahme empfinde ich zwar in gewisser Weise als ein Gegenmodell, aber wenn es nur ein Modell gäbe, das besser ist als die anderen, dann würde dieses Modell komplett ausreichen. Wozu dann verschiedene Einspielungen sich zulegen - was ich zumeist auch gar nicht sonderlich extensiv betreibe.

    Nein - ich freue mich über Deinen Tipp von neulich oder eher schon wieder damals ...

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • PS: Was haltet Ihr von den heftigen Sforzati des Belcea-Cellos und auch mal der Bratsche im Variationen-Satz? Da fällt mir jetzt keine Demut ein ... ;)

    Die finde ich ziemlich auffällig im Vergleich zu anderen. Ich mag es! Diese Interruptionen passen m.E. auch gut zu dem, was hier in Bezug auf "Destruktion" schon angeführt wurde.

    :wink:

    Ich mag sie auch - zumindest als (vermutlich) fast ein Alleinstellungsmerkmal (im Rahmen meiner Interpretationsauswahl).

    Und weil ich gerade schreibe, kann ich hier zur "Demut" noch etwas ergänzen: Es ist wirklich so, dass ich diese Idee von Mauerblümchen sofort beim neuen Höreinstieg mit Belcea nachvollziehen konnte. Aber etwa ab diesem Variationensatz hat sie sich plötzlich in Luft aufgelöst für mich - ich empfand Belcea jetzt als sprühend, effektvoll eigenwillig, fast provokativ. Missverständnis von mir? Das glaube ich nun nicht. Absicht des Ensembles? - Gut, diese Frage lässt sich schlecht beantworten. ;):)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Aber irgendwie bedauere ich es, dass dieses Quartett keinen richtigen langsamen Satz wie die anderen späten Quartette hat

    Der erste Satz ist doch gleich ein Adagio, und zwar was für eines! Am ehesten fehlt vielleicht ein Sonatenallegro, aber auch nur vielleicht, denn mir fehlt bei dem Werk eigentlich nichts.

    Vielleicht empfindet Abendroth diesen Einstieg eher als klassische langsame Einleitung. Das könnte ich nachvollziehen. Es würde ja auch gar nichts ändern an Deinem "und zwar was für eines". Grins1;)

    Ansonsten sind ja bereits Quasi-Gegenvorschläge zur These gemacht worden.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • [...] Vielleicht führt die Bezeichung "Satz" bei op. 131 ja auch in die Irre [...]

    In der Tat hatte ich so ein Gefühl beim Kennenlernen des Werks schon als Achtzehnjähriger, der vom Rundfunk gerne aufgenommen hat und sich schnell die Satzansagen - so was gab es mal :P - notiert hat, um sie nicht mitschneiden zu müssen. (Ich musste im Fall von op. 131 freilich nicht mitschreiben, da ich die LP ausgeliehen bekommen hatte.)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Auch hier nun die Artemisianer.

    Auch großes Quartett-Kino Wow1 (es lebe die schräge Metapher), vielleicht wird das Werk ein wenig unterspielt? Wäre mir aber nicht völlig unsympathisch ... doch an Belcea und Ébène kommt das für mich nicht ganz ran ...

    Wenn wir nur die Artemis-Aufnahme hätten, würden wir uns allerdings reich beschenkt fühlen.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Auch großes Quartett-Kino Wow1 (es lebe die schräge Metapher), vielleicht wird das Werk ein wenig unterspielt? Wäre mir aber nicht völlig unsympathisch ... doch an Belcea und Ébène kommt das für mich nicht ganz ran ...

    Wenn wir nur die Artemis-Aufnahme hätten, würden wir uns allerdings reich beschenkt fühlen.

    Ja, diese Einschätzung paßt auch zu meinen Eindrücken (allerdings kenne ich Ébène nicht).

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Dass der erste Satz ein Adagio ist (wenn auch ma non troppo) hab ich irgendwie verdrängt. Ich mag ihn ehrlich gestanden nicht besonders und bin immer froh, wenn er vorbei ist. Dass ich ihn nicht besonders mag, heisst natürlich nicht, dass ich ihn schlecht finde oder dass ich ihn uninteressant oder unbedeutend finde.

    Ich habe übrigens gerade gesehen, dass ich ein Buch habe in dem alle vier Mitglieder des Guarneri Quartetts auf mehr als sechzig Seiten ausschliesslich über ihre Interpretation des op. 131 und seine spieltechnische Probleme sprechen. Zum Tempo des Kopfsatzes sagt der Bratschist Michael Tree:

    "Das ideale Tempo zu finden, ist ziemlich schwierig. Angesichts der Adagio - Vorschrift mit dem Zusatz ma non troppo und dem alla breve scheint Beethoven trotz des tiefen Ernst der Musik ein fliessendes Tempo zu erwarten".* Das könnte mein Bedauern ein wenig erklären.

    * Die Kunst des Quartettspiels - Das Guarneri-Quartett im Gespräch mit David Blum, S. 191 (Kassel, 1988)

  • Das ideale Tempo zu finden, ist ziemlich schwierig. Angesichts der Adagio - Vorschrift mit dem Zusatz ma non troppo und dem alla breve scheint Beethoven trotz des tiefen Ernst der Musik ein fliessendes Tempo zu erwarten".* Das könnte mein Bedauern ein wenig erklären.

    Interessanterweise weichen die Spielzeiten des ersten Satzes aber nicht sehr stark ab zwischen den Ensembles. Man scheint also im Allgemeinen ähnliche Schlüsse zu ziehen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Dass der erste Satz ein Adagio ist (wenn auch ma non troppo) hab ich irgendwie verdrängt. Ich mag ihn ehrlich gestanden nicht besonders und bin immer froh, wenn er vorbei ist.

    Ich finde den klasse ... alleine der Mut, ein Streichquartett mit einer langsamen Fuge zu eröffnen ... und dann noch in cis-Moll ... und dieser vierte Ton, der immer neu harmonisiert wird ... und diese zauberhaften Überbindungen von "4" auf "1" (als 4/4-Takt gezählt) mit ihren völlig unkonventionellen harmonischen Fortschreitungen ... dann die Motivabspaltungen ... und das alles so handwerklich perfekt, als wäre es überhaupt kein Problem, einen solchen Satz nicht nur als Idee zu ersinnen, sondern auch zu realisieren ...

    ... also, wenn nur dieser Satz von Beethoven bekannt wäre, wäre er sofort als Originalgenie erkennbar ... meine ich.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich finde den klasse ... alleine der Mut, ein Streichquartett mit einer langsamen Fuge zu eröffnen ... und dann noch in cis-Moll ... und dieser vierte Ton, der immer neu harmonisiert wird ... und diese zauberhaften Überbindungen von "4" auf "1" (als 4/4-Takt gezählt) mit ihren völlig unkonventionellen harmonischen Fortschreitungen ... dann die Motivabspaltungen ... und das alles so handwerklich perfekt, als wäre es überhaupt kein Problem, einen solchen Satz nicht nur als Idee zu ersinnen, sondern auch zu realisieren ...

    ... also, wenn nur dieser Satz von Beethoven bekannt wäre, wäre er sofort als Originalgenie erkennbar ... meine ich.

    das finde ich wunderbar beschrieben.
    Mir fällt auch keine andere Fuge von Beethoven ein, die irgendwie vergleichbar wäre. Am ehesten noch, was den Charakter des Themas und die Verrücktheiten der Verarbeitung betrifft, fällt mir die Fuge E-Dur aus dem WTK 2 ein.

    Ansonsten habe ich bei dem einsamen Beginn immer eine Assoziation zu Mahler X. Vielleicht seltsam, aber irgendwie scheinen mir die beiden Werke wesensverwandt.

  • Mir fällt auch keine andere Fuge von Beethoven ein, die irgendwie vergleichbar wäre. Am ehesten noch, was den Charakter des Themas und die Verrücktheiten der Verarbeitung betrifft, fällt mir die Fuge E-Dur aus dem WTK 2 ein.

    Brahms hat lange darum gerungen, wie er nach Beethoven eine Sinfonie schreiben könne, die nicht nur epigonal ist.

    Beethoven zeigt in op. 131, wie er nach Bach eine Fuge schreiben konnte, die nicht nur epigonal ist.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Hier lief op. 131 mit den Italianos.

    Ganz wunderbar, herrlich. Oder nein: Eigentlich völlig naiv. Oder wie oder was?

    Eine sonnenbeschienene, friedliche Wiedergabe. Keine Konflikte, keine Einsamkeit des Beethovenschen Spätwerks, keine Weltflucht nach innen, keine verschrobenen Monologe eines Ertaubten. Musik wie aus einer anderen Welt, rein, klar, keine Note zu viel.

    Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

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